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    Über das Ringen um Trostworte

    Aachen/Lahore (DT) Der grausame Anschlag islamistischer Terroristen im pakistanischen Lahore am Ostersonntag mit über 70 Toten und 300 Verletzten lenkt den Blick auf die Lage bedrängter und verfolgter Christen in Asien – denn nicht allein im Nahen Osten stehen sie unter Druck. Und es ist nicht nur islamistischer Terror, der ihnen zusetzt. In Indien leiden Christen, Muslime und Angehörige anderer Minderheiten gleichermaßen unter einem erstarkten Hindu-Nationalismus. In China, Nordkorea oder Vietnam sind es kommunistische und sozialistische Regime, die ihnen das universale Menschenrecht auf Religionsfreiheit vorenthalten.

    Erzbischof Sebastian Francis Shaw OFM von Lahore besuchte in den vergangenen Tagen verletzte Opfer der Terroranschläge. Foto: missio

    Aachen/Lahore (DT) Der grausame Anschlag islamistischer Terroristen im pakistanischen Lahore am Ostersonntag mit über 70 Toten und 300 Verletzten lenkt den Blick auf die Lage bedrängter und verfolgter Christen in Asien – denn nicht allein im Nahen Osten stehen sie unter Druck. Und es ist nicht nur islamistischer Terror, der ihnen zusetzt. In Indien leiden Christen, Muslime und Angehörige anderer Minderheiten gleichermaßen unter einem erstarkten Hindu-Nationalismus. In China, Nordkorea oder Vietnam sind es kommunistische und sozialistische Regime, die ihnen das universale Menschenrecht auf Religionsfreiheit vorenthalten.

    Doch zurück nach Pakistan und Lahore. Der katholische Erzbischof der Millionenmetropole, Sebastian Francis Shaw OFM, steht so gut er kann den betroffenen Familien des jüngsten Anschlags bei. „Am Sonntag habe ich in drei Hospitälern Verwundete besucht. Da liegen verletzte kleine Kinder und Mütter, ihre Brüder, Schwestern, Väter oder Verwandten sind gestorben. Angesichts dieser Eindrücke fällt es schwer, die Menschen zu trösten oder auch nur Worte des Trostes zu finden“, berichtet er am Dienstag in einer E-Mail an das Internationale Katholische Missionswerk missio in Aachen. Am Ostermontag hätten 18 Beerdigungen in drei verschiedenen Pfarreien seines Erzbistums stattgefunden, berichtet er weiter. Am gestrigen Dienstag feierte Erzbischof Shaw eine heilige Messe als Totengedenken für alle Opfer.

    Der Anschlag von Lahore fällt in eine Zeit, in der der pakistanische Staat und seine Armee stärker wahrnehmbar als in den vergangenen Jahren gegen islamistische Terroristen vorgehen. Zuletzt wurde das am 29. Februar mit der Hinrichtung von Mumtaz Quadri deutlich. Der Elitepolizist hatte 2011 mit Salman Taseer den damaligen Gouverneur der Provinz Punjab erschossen, nachdem dieser sich für eine Reform der sogenannten Blasphemiegesetze und für die Freilassung der nach diesen Gesetzen verurteilten Christin Asia Bibi ausgesprochen hatte. Mumtaz Quadri galt seither in islamistischen Kreisen als eine Art Volksheld. Dass er jetzt hingerichtet wurde, führte in Pakistan zu zahlreichen wütenden Protesten dieser Gruppen gegen die Regierung. Diese teilweise gewalttätigen Unruhen vergifteten schon vor Ostern die gesellschaftliche Atmosphäre in dem Land und der Provinz Punjab, in der Lahore liegt. Gleichwohl – die Regierung ließ sich dieses Mal nicht wie vor wenigen Jahren noch von extremistischen Kräften beeindrucken. So ist der Anschlag von Lahore nach der Hinrichtung von Mumtaz Quadri auch eine Kampfansage an die pakistanische Regierung unter Ministerpräsident Nawaz Sharif.

    Mit dem Anschlag in Lahore wollten die islamistischen Terroristen zudem eine katholische Ortskirche treffen, die sich mit Erzbischof Shaw, einem Franziskaner, über alle Religionsgrenzen hinweg sozial-pastoral und interreligiös stark engagiert. missio Aachen hat die Erzdiözese Lahore in den vergangenen fünf Jahren dabei mit gut einer halben Million Euro unterstützt. Die Erzdiözese Lahore betreibt zum Beispiel Schulen und Gesundheitseinrichtungen, die für Angehörige aller Religionen offenstehen. Diese katholischen Schulen sind bei muslimischen Eltern beliebt, weil sie eine sehr gute Allgemeinbildung vermitteln und für hohe pädagogische Qualität bürgen. Ziel dieser Schulpolitik ist es auch, durch das gemeinsame Unterrichten von christlichen und muslimischen Kindern anti-christliche Ressentiments, die es in weiten Teilen der Bevölkerung gibt, allmählich abzuschwächen.

    Gleichzeitig fördert das Erzbistum Lahore den interreligiösen Dialog. Es bestehen beispielsweise gute Kontakte zur sunnitischen Badshahi-Moschee in der Stadt, der zweitgrößten des Landes. Diese Kontakte werden auch genutzt, um religiös motivierte Unruhen schon im Keim zu ersticken. Die Vertreter beider Institutionen informieren sich oft gegenseitig, wenn sie von Konflikten in ihren Gemeinschaften erfahren und reden darüber, wie sie damit am besten umgehen können. In Lahore unterhalten zudem die Dominikaner ein Friedenszentrum, das Pater James Channan OP leitet. Für ihn gehört der interreligiöse Dialog zum Apostolat der katholischen Kirche in Pakistan. Dieser Dialog ist für ihn „keine Schönwetter-Veranstaltung, er ist gerade dann notwendig, wenn das Zusammenleben der Religionen kompliziert ist“, erklärt er sein Selbstverständnis.

    Mit ihrer sozial-pastoralen und interreligiösen Arbeit verfolgt das Erzbistum Lahore die Strategie, die christliche Minderheit in die muslimische Mehrheitsgesellschaft einzubetten. Langfristig sollen die zweifellos vorhandenen Vorurteile und der damit verbundene Hass gegenüber Christen abgebaut werden. Auf diese Weise untergräbt die Kirche die Ideologie der Islamisten, wonach Christen als eine Minderheit eben nicht zu Pakistan gehörten und von denen sich Muslime strengstens abschotten sollten. „Wir sind aber keine Fremden in Pakistan, wir gehören zu dieser Gesellschaft wie allen anderen auch, wir lassen uns nicht in ein Getto drängen oder so einfach von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen“, sagt Erzbischof Shaw.

    Die Islamisten und mit ihnen verbundene einflussreiche Politiker und Wirtschaftsleute wissen aber ganz genau: Wenn sie ihre Ideologie der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Christen und anderen Minderheiten nicht mehr durchsetzen können, wenn sie nicht mehr die einfachen, eher ungebildeten Muslime manipulieren können, dann bröckelt letztlich ihre politische – und wirtschaftliche – Macht. Also lautet ihr Kalkül: Sie müssen alles dafür tun, dass es keinen gesellschaftlichen Frieden, keinen „Dialog des Lebens“, keine Annäherung der Religionen im Alltag gibt. Insofern zielte der Selbstmord-Attentäter von Lahore am Ostersonntag auch auf die sozial-pastorale und interreligiöse Arbeit der Kirche im Punjab, die den Extremisten zusehends gefährlicher wird. Oder in religiösen Worten gefasst: Die Macht des christlichen Gebotes der Nächsten- und Feindesliebe wird den Islamisten unheimlich.

    Die Hinrichtung von Mumtaz Quadri 2016, die Aussetzung des Todesurteils und Zulassung der Berufung für Asia Bibi 105, einzelne militärische Erfolge der pakistanischen Armee gegen die Taliban in jüngster Zeit, informelle politische Gespräche im Hintergrund, mit deren Hilfe in Pakistan eine Reform der sogenannten Blasphemiegesetze vorbereitet werden sollen, öffentliche Initiativen, die sich dafür einsetzen, aus staatlichen Schulbüchern Inhalte zu entfernen, die Minderheiten diskriminieren: Das alles sind Entwicklungen und Signale, die islamische Extremisten in Pakistan zunehmend nervös werden lassen. Nicht zuletzt diese Angst vor Macht- und Einflussverlust ist eines der Motive des jüngsten Anschlages in Lahore.

    Die katholische Kirche in Pakistan aber, das Erzbistum Lahore lassen sich von diesem Terror nicht beirren. Im Gegenteil. Die Ansprüche an die pakistanische Regierung und deren Anstrengungen zur Anti-Terrorarbeit werden präzisiert. So fordert die Nationale Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (NCJP), eine Einrichtung der pakistanischen Bischofskonferenz, unmittelbar nach dem Anschlag die juristische Verfolgung der Hintermänner des Attentats, einen verstärkten, effektiven Schutz aller Minderheiten im Land und vor allem einen langfristigen Aktionsplan der Regierung gegen gesellschaftliche Intoleranz. Pfarrer Khalid Rshid Asi, Mit-Organisator einer Trauerandacht in Faisalabad für die Opfer des Anschlags, erklärte am Dienstagabend: „Die Regierung muss eine Strategie gegen den Terrorismus entwickeln, der das Bewusstsein derjenigen ändert, die Hass und Gewalt säen.“ Schließlich mahnte die christliche Frauenrechtlerin und Aktivistin Shazia George auf der gleichen Veranstaltung die Regierung, endlich das Netzwerk der Terroristen sowie ihre wirtschaftlichen und logistischen Unterstützer zu enttarnen. Die Christen in Pakistan lassen sich nicht einschüchtern – diese Botschaft geht von solchen Forderungen aus.

    Dass Pakistan gerade im Fokus der Weltöffentlichkeit steht, ist verständlich. Auch die Lage der bedrängten und verfolgten Christen in Syrien, Irak und Nordafrika ist prekär. Dabei darf aber auch nicht die Lage der Christen in weiteren Teilen Asiens vergessen werden. Dass die Religionsfreiheit in China stark eingeschränkt ist, ist bekannt. Aber auch in Vietnam versucht die Regierung aktuell, den Einfluss der Behörden über das kirchliche Leben durch neue Gesetze zu stärken. In Vietnam – das ist im Westen wenig bekannt – leiden Christen aber auch, weil sie in der sozialistischen Republik überrepräsentativ stark in demokratischen Bewegungen für Meinungs- und Religionsfreiheit engagiert sind. Darauf macht missio Aachen derzeit gemeinsam mit „Reporter ohne Grenzen“ in einer Kampagne für den inhaftierten katholischen Priester und Internetaktivisten Nguyen Van Ly aufmerksam. In jüngster Zeit verschärft hat sich aber insbesondere die Lage für die Christen in Indien, dem Nachbarstaat Pakistans. Hier wächst der Druck auf Minderheiten seit dem Amtsantritt des indischen Premierministers Narendra Modi im Mai 2014 durch hindu-nationalistische Kräfte erheblich.

    Seit der Wahl Modis sind diese religiös-nationalistischen Gruppen in der Öffentlichkeit wesentlich präsenter als zuvor. Sie propagieren die sogenannte Hindutva-Ideologie, die Indien als Heimatland der Hindus definiert. Demzufolge bezeichnen Hindu-Nationalisten alle Nicht-Hindus – also Christen, Muslime und Angehöriger anderer Minderheiten – als nicht-indisch. Eine multi-religiöse Gesellschaft gilt für sie deshalb als von anderen Kulturen Indien gleichsam übergestülpt. Hindu-nationalistische Parteien und Organisationen nehmen Christen, Muslime und Angehörige anderer Minderheiten also nicht allein als religiöse Konkurrenz, sondern vor allem als politische und kulturelle Gefahr für Indien wahr.

    Die Dachorganisaton dieser religiös-nationalistischen Gruppen heißt Sangh Parivar, zu der auch die Gruppe RSS (Rashtriya Swayamsewak Sangh) zählt. Sie propagieren eine Konversionskampagne, die Ghar Wapsi genannt wird. Das heißt wörtlich übersetzt „Wiedereingliederung“ oder „Heimkehr“. Für diese Ideologie sind alle Nicht-Hindus in Indien „genetisch und kulturell“ gleichwohl Hindus – und müssen deshalb nach dieser Logik zu diesem Glauben „heimkehren“, was denn für Hindu-Nationalisten die Zwangskonversion von Christen, Muslimen und Angehörigen anderer Minderheiten legitimiert. Gleichzeitig versuchen diese hindu-nationalistischen Kräfte und die Regierungspartei BJP verstärkt, in Indien flächendeckend sogenannte Anti-Konversionsgesetze zu installieren. In einigen Bundesstaaten sind solche Gesetze schon seit den sechziger Jahren in Kraft. Sie verbieten unter Androhung von Geld- und Gefängnisstrafen eine Konversion vom Hinduismus zu anderen Religionen.

    Für Christen, Muslime und Angehörige anderer Minderheiten hat dieser aggressive Hindu-Nationalismus schwerwiegende Folgen. Hass-Kampagnen und Gewaltattacken werden alltäglich. Nach einem Bericht des indischen christlichen Menschenrechtlers John Dayal kamen allein im ersten Jahr der Regierung Modi knapp 50 Muslime und Christen durch religiös motivierte Gewalttaten ums Leben, wobei insgesamt 600 Fälle schwerer Gewalt durch Hindu-Nationalisten dokumentiert wurden.

    Dabei ist der Hindu-Nationalismus nicht allein religiös-ethnisch motiviert, sondern auch sozial: Treibende Kräfte unter den Hindus, die gegen Minderheiten agitieren und vorgehen, sind Angehörige höherer Kasten. Sie wollen die gesellschaftliche Anerkennung und den ökonomischen Erfolg der sogenannten Dalits und Adivasis verhindern. Das sind Angehörige der indigenen Bevölkerung und der ehemals unteren Kasten in Indien, für die im Christentum ein sozialer Aufstieg möglich geworden ist. Dalits und Adivasis stellen einen hohen Anteil an den indischen Christen.

    Die Gründe für die Verfolgung und Bedrängnis von Christen in Asien sind vielfältig. Letzten Endes aber brauchen sie eines: Die Solidarität der Christen in Europa, die sich für die Geltung des universalen Menschenrechts auf Religionsfreiheit für die Angehörigen aller Religionen persönlich, mit kirchlichen Initiativen und politisch einsetzen. Auch das ist eine Lehre aus dem Anschlag von Lahore.