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    Treu zum Evangelium stehen

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Johannes der Täufer erinnert nach Papst Benedikt XVI. an das Primat Gottes im Leben des Menschen. Mosaik aus der Hagia S... Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Auf diesen letzten Mittwoch des Monats August fällt der liturgische Gedenktag des Martyriums des heiligen Johannes des Täufers, des Vorläufers Jesu. Im Römischen Kalender ist er der einzige Heilige, von dem sowohl die Geburt, der 24. Juni, als auch der durch das Martyrium erfolgte Tod gefeiert werden. Der heutige Gedenktag geht zurück auf die Weihe einer Krypta in Sebaste in Samaria, wo bereits Mitte des vierten Jahrhunderts sein Haupt verehrt wurde. Der Kult weitete sich dann unter der Bezeichnung „Enthauptung des heiligen Johannes des Täufers“ nach Jerusalem, in die Ostkirchen und nach Rom aus. Im Römischen Martyrologium wird auf eine zweite Auffindung der kostbaren Reliquie verwiesen, die aus diesem Anlass in die Kirche San Silvestro in Capite in Rom gebracht wurde.

    Johannes fordert Menschen auf, Jesus den Weg zu ebnen

    Diese kurzen historischen Verweise helfen uns zu verstehen, wie alt und tief die Verehrung des heiligen Johannes des Täufers ist. In den Evangelien tritt deutlich seine Rolle im Bezug auf Jesus hervor. Vor allem der heilige Lukas berichtet über seine Geburt, das Leben in der Wüste, die Verkündigung, und der heilige Markus spricht im heutigen Evangelium über seinen dramatischen Tod. Johannes der Täufer beginnt seine Verkündigung unter Kaiser Tiberius, im Jahr 27/28 nach Christus, und an die Menschen, die herbeieilen, um ihn zu hören, richtet er die klare Aufforderung, den Weg zu bereiten, um den Herrn zu empfangen, und die gewundenen Straßen des eigenen Lebens durch eine radikale Umkehr des Herzens zu ebnen (vgl. Lk 3,4). Doch der Täufer beschränkt sich nicht darauf, Buße und Umkehr zu predigen. Da er Jesus als das „Lamm Gottes“ erkennt, das gekommen ist, um die Sünde der Welt hinwegzunehmen (vgl. Joh 1,29), besitzt er vielmehr die tiefe Demut, auf Jesus als den wahren Gesandten Gottes hinzuweisen und zur Seite zu treten, damit Christus wachsen kann, damit auf Ihn gehört werde und man Ihm folge. Als letzte Handlung bezeugt der Täufer – ohne nachzugeben oder zurückzuscheuen – mit seinem Blut seine Treue gegenüber den Geboten Gottes und erfüllt so seinen Auftrag bis zum äußersten. Der heilige Beda, ein Mönch aus dem neunten Jahrhundert, sagt in seinen Predigten, der heilige Johannes habe für Christus sein Leben hingegeben, obgleich er nicht aufgefordert wurde, Jesus Christus zu verleugnen, sondern nur aufgefordert wurde, die Wahrheit zu verschweigen (vgl. Hom. 23: CCL 122, 354). Er hat die Wahrheit nicht verschwiegen, und so starb er für Christus, der die Wahrheit ist. Gerade aus Liebe zur Wahrheit ließ er sich weder auf Kompromisse ein, noch fürchtete er sich davor, eindringliche Worte an diejenigen zu richten, die vom Weg Gottes abgekommen waren.

    Wir sehen diese große Gestalt, diese Kraft zur Leidenschaft, zum Widerstand gegen die Mächtigen. Fragen wir uns: woraus entspringt diese so starke, so rechtschaffene, so konsequente Innerlichkeit, dieses Leben, das sich so vollständig für Gott verausgabt, dafür, Jesus den Weg zu bereiten? Die Antwort ist einfach: aus der Beziehung zu Gott, aus dem Gebet, das der Leitfaden seines ganzen Lebens ist. Johannes ist das Gottesgeschenk, um das seine Eltern, Zacharias und Elisabeth, Gott so lange gebeten hatten (vgl. Lk 1,13); ein großes Geschenk, menschlich unverhofft, da beide in vorgerücktem Alter waren und Elisabeth unfruchtbar war (vgl. Lk 1,7); doch „für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,36). Die Ankündigung dieser Geburt erfolgt gerade am Ort des Gebets, im Tempel von Jerusalem, ja, sie erfolgt, als Zacharias das große Privileg zufällt, in den heiligsten Raum des Tempels einzutreten, um dem Herrn das Rauchopfer darzubringen (vgl. Lk 1,8–20). Auch die Geburt des Täufers ist vom Gebet gekennzeichnet: der Gesang der Freude, des Lobes und des Dankes, den Zacharias zum Herrn erhebt und den wir jeden Morgen in der Laudes beten, das „Benedictus“, preist das Wirken Gottes in der Geschichte und weist prophetisch auf die Sendung des Sohnes Johannes hin: dem menschgewordenen Gottessohn vorangehen, um ihm den Weg zu bereiten (vgl. Lk 1,67–79). Das ganze Dasein des Vorläufers Jesu ist von der Beziehung zu Gott erfüllt, vor allem die Zeit, die er in der Wüste verbringt (vgl. Lk 1,80); die Wüste, die ein Ort der Versuchung ist, aber auch ein Ort, an dem der Mensch seine Armut empfindet, weil er ohne Hilfe und materielle Sicherheiten ist, und versteht, dass der einzige feste Bezugspunkt Gott selbst bleibt. Doch Johannes der Täufer ist nicht nur ein Mann des Gebets, des steten Umgangs mit Gott, sondern auch jemand, der zu dieser Beziehung hinführt. Als der Evangelist Lukas über das Gebet berichtet, das Jesus seine Jünger lehrt, das Vaterunser, merkt er an, dass die Bitte von den Jüngern mit den Worten vorgebracht wird: „Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat“ (Lk 11,1).

    Bei der Wahrheit gibt es keine Kompromisse

    Liebe Brüder und Schwestern, das Martyrium des heiligen Johannes des Täufers zu feiern, ruft auch uns, den Christen dieser unserer Zeit, in Erinnerung, dass man sich bei der Liebe zu Christus, zu Seinem Wort, zur Wahrheit nicht auf Kompromisse einlassen kann. Die Wahrheit ist die Wahrheit, da gibt es keine Kompromisse. Das christliche Leben erfordert sozusagen das „Martyrium“ der täglichen Treue zum Evangelium, also den Mut, zuzulassen, dass Christus in uns wächst und dass Christus unser Denken und unser Handeln lenkt. Doch das kann nur dann in unserem Leben geschehen, wenn die Beziehung zu Gott fest ist. Beten ist keine verlorene Zeit, es bedeutet nicht, dass man dadurch dem Handeln, auch dem apostolischen, nicht genug Platz einräumt, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: Nur wenn wir fähig sind, ein treues, konstantes, vertrauensvolles Gebetsleben zu haben, wird Gott selbst uns das Vermögen und die Kraft geben, glücklich und gelassen zu leben, Schwierigkeiten zu überwinden und Ihn mutig zu bezeugen. Möge der heilige Johannes der Täufer Fürsprache für uns einlegen, damit wir immer den Primat Gottes in unserem Leben zu bewahren vermögen. Danke.

    Die Gäste aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit den Worten:

    Ein herzliches Grüß Gott sage ich allen Pilgern und Besuchern deutscher Sprache. Die Kirche feiert heute das Gedächtnis des Martyriums von Johannes dem Täufer. (...) Er ist für die Wahrheit gestorben, und so ist er für Christus gestorben. In der Zurückgezogenheit und Stille der Wüste ist er in der inneren Freundschaft zu Gott gewachsen und gereift. In dieser Zeit ist Gott selbst zu seiner Kraft, zur Mitte seines Lebens geworden. So zeigt uns Johannes der Täufer, dass die Beziehung zu Gott, die innere Beziehung zu ihm wesentlich ist und dass Beten nie verlorene Zeit ist. Im Gegenteil. Durch das Gebet befähigt uns Gott, Schwierigkeiten zu überwinden und ihn mit Mut zu bezeugen, auch in unserer Zeit. Gott segne euch alle!

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller.