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    Traditionen als Glaubenszeugnis

    Essen-Werden (DT) Glaubenszeugnisse werden seltener in einer Zeit, in der Gott und die Kirche für viele Menschen nicht mehr die Rolle spielen, wie es früher einmal der Fall war. Volkskirchliche Strukturen und Traditionen gehen vielerorts verloren, dabei haben sie den Menschen über viele Jahrhunderte immer Halt und Stabilität gegeben. Im Bistum Essen wird ausführlich über die Entwicklung neuer Formen kirchlichen Lebens diskutiert. Dabei wird Bewährtes vielfach in Frage gestellt. Dennoch versammeln sich auch hier die Gläubigen am ersten Sonntag im September, um sich einen ganzen Vormittag Zeit zu nehmen, eine gute Tradition zu pflegen.

    Die Luidgeritracht geht auf das zwölfte Jahrhundert zurück. Foto: Heinrich Wullhorst

    Essen-Werden (DT) Glaubenszeugnisse werden seltener in einer Zeit, in der Gott und die Kirche für viele Menschen nicht mehr die Rolle spielen, wie es früher einmal der Fall war. Volkskirchliche Strukturen und Traditionen gehen vielerorts verloren, dabei haben sie den Menschen über viele Jahrhunderte immer Halt und Stabilität gegeben. Im Bistum Essen wird ausführlich über die Entwicklung neuer Formen kirchlichen Lebens diskutiert. Dabei wird Bewährtes vielfach in Frage gestellt. Dennoch versammeln sich auch hier die Gläubigen am ersten Sonntag im September, um sich einen ganzen Vormittag Zeit zu nehmen, eine gute Tradition zu pflegen.

    Die Erfüllung eines Gelübdes aus dem zwölften Jahrhundert bringt die Menschen in Essen-Werden einmal im Jahr in großer Anzahl auf die Straßen ihres Stadtteils. Die Abwendung einer Hungersnot hat sie im Jahre 1128 erstmalig zu diesem besonderen Glaubenszeugnis veranlasst. Deshalb ziehen auch in diesem Jahr zwischen achthundert und tausend von ihnen mit den Gebeinen des heiligen Luidger durch den Ort, der von einer altehrwürdigen Abtei überragt wird. Der Gründer des Werdener Klosters, der im Jahre 805 Bischof von Münster wird, erfreut sich bereits wenige Jahre nach seinem Tod einer besonderen Verehrung in Werden. Bereits 847 wird er als Mitpatron der Abteikirche geführt. Den prachtvollen Schrein, in dem der Heilige durch den Ort getragen wird, hat ein Essener Silberschmied bereits im Jahre 1787 angefertigt.

    Den Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker hat Essens Oberhirte Franz-Josef Overbeck zum Ludgerus-Fest an die Ruhr eingeladen. Er wünscht sich in seiner Predigt in der heiligen Messe, die vor der großen Prozession gefeiert wird, mehr Freude in den Gesichtern der Katholiken. „Das würde unserer Glaubwürdigkeit oft guttun“, beschreibt der Bischof. Er sieht die Sorgen der Menschen um die Zukunft der Kirche. Es gebe weniger engagierte Christen und vor allem auch weniger Priester als in früheren Zeiten. Das ängstige viele Gläubige. Oftmals mache sich auch beim hauptamtlichen Personal Frustration bereit.

    Als eines der prägenden Beispiele benennt der Erzbischof die Firmung: „Hier bereiten wir junge Menschen auf den Empfang des Sakraments des Heiligen Geistes vor und mit der Firmung nehmen sie oftmals gleichzeitig Abschied von der Kirche.“ Durch solche negativen Erlebnisse gerate viel Positives und Ermutigendes aus dem Blick. „Wir müssen die Situation wahrnehmen und ernst nehmen, aber wir dürfen uns durch sie nicht die Motivation nehmen lassen“, appelliert der Paderborner Oberhirte. „Lassen wir uns nicht die Freude am Christsein rauben“, ergänzt Becker. Es sei wichtig, sich immer wieder im Gebet regelmäßige Auszeiten der Besinnung und Konzentration auf die christliche Botschaft zu nehmen, um danach selbst mehr Lebendigkeit im Glauben auszustrahlen. „So können wir, auch in der Feier der heiligen Eucharistie, zum Schatz des Glaubens vordringen.“

    Das Hochhalten von Traditionen wie der Luidgeritracht sei wichtiges Zeugnis des Glaubens in die Gesellschaft hinein, weiß der Erzbischof. Der Zug durch den Ort symbolisiere die Zuversicht der Menschen: „Der Herr geht mit uns. Und in diesem Wissen machen wir uns auf den Weg.“ Die Frage sei nicht: Müssen wir glauben? Die Botschaft lautete vielmehr: „Wir dürfen glauben.“ Das vorbehaltlose „Ja“ Gottes sei eine Chance für jeden Einzelnen und für die gesamte Kirche. „In seinem Licht gewinnen wir Klarheit über unser Leben. Wir finden den Mut, auch gegen die Forderungen des Mainstreams zu uns selbst zu finden“, beschreibt Becker. Gott sei für die Menschen der Rückhalt, durch den sie auch zu ihren Schwächen stehen können. „Strecken wir deshalb unsere oft mutlos-schlaffen Hände nach dem Licht Gottes aus“, fordert der Paderborner Erzbischof. „So können wir begeisterte und begeisternde Zeugen Christi werden.“

    Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der als „Adveniat-Bischof“ auch für die Lateinamerika-Hilfen der deutschen Katholiken zuständig ist, betont am Ende der Messe in der Basilika die Bedeutung weltkirchlichen Engagements in heutiger Zeit. Dazu bezieht er sich auf ein aktuelles Beispiel. In Kolumbien, das sich gerade auf den Besuch von Papst Franziskus vorbereite, geschehe gerade „ein Wunder“, nämlich die Beendigung eines sechzig Jahre dauernden Bürgerkrieges. An diesem Friedensschluss, so Overbeck, sei die Kirche maßgeblich beteiligt gewesen.

    „Christen können die Dinge verändern, wenn in ihnen das Feuer von Glauben, Hoffnung und Liebe brennt.“ Daran erinnert der evangelische Pfarrer Oliver Ruoß. Vor seiner Kirche legt die Prozession traditionell eine Statio ein. Dabei nimmt offenbar selbst im Jahr des Reformationsjubiläums niemand Anstoß daran, dass die sterblichen Überreste eines Heiligen hier verehrt werden. Hatte doch Martin Luther selbst die damalige Praxis der Kirche im Umgang mit Reliquien scharf kritisiert und gegen den „Reliquienkram“ angepredigt. Ruoß erinnert die Prozessionsteilnehmer mit einem Augenzwinkern an ein Ereignis aus dem letzten Jahr in der Werdener Basilika. Dort hätten die Gläubigen bei dem Gottesdienst vor der Prozession gesungen: „Zünde das Feuer deiner Liebe an“. Genau in diesem Moment sei die Feueralarm-Sirene in der Kirche angesprungen. Der Pfarrer ermuntert dazu, die Flamme der Tradition immer neu zu entfachen, und nicht die Asche des Vergangenen weiterzureichen.

    Mit dem sakramentalen Schlusssegen in der Basilika endet ein überzeugendes Glaubenszeugnis, das man sich in dieser Kraft und Wirkung vielerorts wünschen würde. Vielleicht muss man sich dazu unter den besonderen Schutz der Heiligen stellen, wie es im Ludgeruslied zum Abschluss der Feier heißt: „Hilf uns auch in dieser Zeit! Führe uns, wir sind bereit. Dass wir fest im Glauben stehn und nicht wankend irre gehen! Sankt Ludgerus!“