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    Theologie ist zuerst Schriftauslegung

    Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat als Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. in Regensburg schon vor seiner Ernennung intensiv an der Herausgabe des Gesamtwerks Joseph Ratzingers/Papst Benedikts XVI. mitgearbeitet. Als Theologe und Papst setzte der Heilige Vater vor allem in der Liturgie und in der Ökumene Maßstäbe. Darüber sprach Regina Einig mit Bischof Voderholzer.

    Die Regensburger Rede Benedikts XVI. ist aus der Sicht Bischof Rudolf Voderholzers nicht hoch genug zu werten. Foto: KNA

    Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat als Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. in Regensburg schon vor seiner Ernennung intensiv an der Herausgabe des Gesamtwerks Joseph Ratzingers/Papst Benedikts XVI. mitgearbeitet. Als Theologe und Papst setzte der Heilige Vater vor allem in der Liturgie und in der Ökumene Maßstäbe. Darüber sprach Regina Einig mit Bischof Voderholzer.

    Exzellenz, Papst Benedikt XVI. hat zu Beginn seines Pontifikats unterstrichen, wie wichtig ihm die Ökumene ist. Welche Bedeutung hat die Gottesfrage nach seiner Amtszeit im ökumenischen Diskurs?

    Die Ökumene begleitete nicht erst das Wirken von Papst Benedikt XVI., sondern bereits das Wirken des jungen Professors Joseph Ratzinger in Freising. Viele Leute wissen nicht, dass er schon 1958, als das noch keineswegs Usus war, im Rahmen der Fundamentaltheologie und im Rahmen der Systematischen Theologie ein Seminar angeboten hat, in dem es um die katholische Rezeptionsmöglichkeit der Confessio Augustana ging. Einer der damaligen Studenten – Vinzenz Pfnür – der spätere Bibliograph des Heiligen Vaters, hat dort die Anregung für seine Dissertation bekommen. Das hat sich dann später ausgewirkt bis hinein in die ökumenischen Begegnungen im Vorfeld der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung. Joseph Ratzinger darf als ein Pionier der ökumenischen Bewegung schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Ökumene für ihn umfassender ist. Es geht nicht nur um das Ringen um die Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit in Bezug auf die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften, sondern eben auch um die Ostkirche. Das ist ihm ein sehr großes Anliegen. Mehrere seine Schüler sind hohe Würdenträger in der Ostkirche geworden. Die Kontakte haben ihm auch sehr genützt.

    Welches Bild von der Ökumene hat Papst Benedikt?

    Für Papst Benedikt ist das Thema Kirche und damit die Ökumene nicht eine Sache der Politik, sondern ein geistliches, theologisches Geschehen. Ökumene kann ja nicht nach dem Paradigma von Koalitionsverhandlungen ablaufen, bei denen man sich auf einen Kompromiss verständigen muss. Sie muss im Gebet errungen werden, die Einheit im Glauben. Hier müssen auch irrige Vorstellungen hin und wieder korrigiert werden. Das hat der Papst in Erfurt gemacht, wo das Thema „Gastgeschenk“ plötzlich so hochgespielt wurde. Beim gemeinsamen Ringen um die Einheit im Glauben geht es ja nicht um „Gastgeschenke“ oder um Höflichkeiten. Hier hat er alles in seiner theologischen Kompetenz Stehende getan, um die überwindbaren Hindernisse abzubauen. Jetzt sind wir an einem Punkt, wo verstärkt im Gebet gerungen werden muss, um angesichts der vielen Gemeinsamkeiten, die die Kirchen ja verbinden, aufzuarbeiten, was einer endgültigen Darstellung der Einheit in der gemeinsamen Eucharistie im Wege steht.

    Woran lässt sich zeigen, dass das Pontifikat Benedikts XVI. dazu beigetragen hat, überwindbare Hindernisse aus dem Weg zu räumen?

    Durch die Art und Weise zum Beispiel, wie er das Papstamt ausgeübt hat. Er hat es als eine seiner entscheidenden Aufgaben angesehen, ein Buch über Jesus zu schreiben. Das Bekenntnis des Petrus, des Urbildes des Papstes, mit allen ihm zur Verfügung stehenden sprachlichen, theologischen, geistigen Kräfte in die Zeit hinein zu übersetzen, können die Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, und sich allein auf die Heilige Schrift zu stützen versuchen, doch honorieren. In diesem gemeinsamen Bemühen um die Mitte unseres Glaubens können wir eigentlich nur Einvernehmen haben.

    Kardinal Kasper hat das Pontifikat Benedikts XVI. als ein „evangelisches Pontifikat“ bezeichnet, denn Schrift und Katechese hätten im Mittelpunkt gestanden. Sehen Sie dafür Beispiele?

    Das ist ein paradoxes, aber auch sehr schönes Wort: „ein evangelischer Papst“, weil die Bezeichnung evangelisch ja nicht von einer Konfession exklusiv gepachtet werden kann. Evangelisch heißt: evangeliumsgemäß, sich auf das Evangelium verpflichten und vom Evangelium verpflichtet sein. Der Beispiele gäbe es viele. Ich habe immer sehr bewundert, mit welcher tiefen Bibelkenntnis und auch Kenntnis der exegetischen Literatur Joseph Ratzinger alle theologischen Fragen und Predigten anlegt. Er gehört zu den systematischen Theologen, die ganz gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil Theologie zuerst als Schriftauslegung verstehen. Die Heilige Schrift ist freilich nicht ein vom Himmel gefallenes Buch, sondern sie ist erster und normativer Ausdruck der Überlieferung des Glaubens der Kirche. Deswegen kann eine offenbarungsgemäße Schriftauslegung nur im Licht des kirchlichen Glaubens auch sachgemäß sein.

    Mit der Errichtung eines Personalordinariats hat der Heilige Vater übertrittswilligen Anglikanern eine Brücke gebaut. Könnte so ein Brückenschlag auch in andere Gemeinschaften hinein funktionieren, etwa zu den hochkirchlichen Lutheranern oder zu evangelikalen Gruppen?

    Das will ich nicht ausschließen. Der Schritt den Anglikanern gegenüber war von einer großen Hochachtung einer gewachsenen Ortstradition gegenüber geprägt. Den Anglikanern hat man zugute gehalten, dass es sich auch um eine eigene liturgische Tradition handelt, die man schützen und in einer eigenen rechtlichen Form außerhalb der römisch-katholischen Hierarchie gelten lassen kann. Ob das ein Modellfall auch für andere Bereiche ist, wird man abwarten müssen.

    Den Begriff „Rückkehr-Ökumene“ hat der Heilige Vater bewusst vermieden. Warum?

    Ökumene muss immer Umkehr-Ökumene sein: Umkehr von einem halbherzigen Glauben, und Hinkehr-Ökumene hin zum gemeinsamen Herrn Christus. Das ist der Schlüssel zum Ganzen. Deswegen gibt es hier eigentlich keine Rückkehr, sondern immer nur den Weg nach vorne.

    Als Direktor des Institut-Papst-Benedikt XVI. sind Sie mit den Schriften des Heiligen Vaters vertraut. Welche würden Sie als seine ökumenischen Klassiker betrachten?

    Die Schriften zur Ökumene des Professors und Kardinals sind alle in Band 8 der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers (erschienen 2010) versammelt. Die Aussage aus dem Jahr 1976, man könne von den Kirchen des Ostens nicht mehr an Anerkennung des päpstlichen Primats verlangen, als im ersten Jahrtausend gegeben war, ist nachweislich das am meisten zitierte westliche Theologoumenon (nicht zur eigentlichen Glaubenslehre gehörender theologischer Lehrsatz, A.d.R.) bei orthodoxen Theologen. Dazu kommt die Rede beim Besuch in Erfurt 2011, wo allein schon die Tatsache nicht hoch genug veranschlagt werden kann, dass sie im Augustinerkloster in Erfurt, also einer der Wirkungsstätten Martin Luthers, gehalten wurde. Neben der Ökumene, die sich auf das Ringen um die Einheit der Kirche bezieht, kommt der Dialog mit den Religionen. Hier ist die Regensburger Rede nicht hoch genug zu werten, denn sie hat bei besonnenen Kräften im Islam ein Nachdenken und eine Selbstvergewisserung über den Glauben an Gott, besonders im Hinblick auf den Zusammenhang Glaube und Gewalt, Glaube und Vernunft, angestoßen. Viele Überlegungen in diesem Bereich wären nicht in Gang gekommen ohne den Anstoß der Regensburger Rede. Im Religionsdialog mit dem Islam und auch mit dem Judentum darf es ein Anliegen sein, den Glauben an Gott zu bezeugen in einer Welt, die sich immer mehr der Vorstellung hingibt, das Leben ohne Gott sei viel einfacher. Wir haben ein gemeinsames Zeugnis zu geben. Alle wirklich gläubigen Muslime und auch gläubigen Juden können sich in dieser Hinsicht auch mit einem solchen Papst zumindest partiell identifizieren und tun es übrigens auch. Wir wissen von großer Hochachtung. Einem frommen Muslim ist ein frommer Christ tausendmal lieber als ein säkularisierter Atheist, dem nichts mehr heilig ist. Die Koalition derer, denen Gott noch heilig ist, muss durch die Religionen hindurchgehen. Natürlich heißt das nicht, die Unterschiede innerhalb des einen großen monotheistischen Traditionsstroms von Judentum, Christentum und Islam zu übersehen oder gar zu leugnen. Dialog wird dann heißen müssen, sich gerade auch darüber zu verständigen und miteinander zu ringen.

    In der Koalition derer, denen Gott noch heilig ist, hoffen viele auf eine Koalition derer, denen die menschliche Würde noch heilig ist. Hier gab es gerade im deutschsprachigen Raum ökumenische Rückschläge.

    Das Thema bedrückt uns alle. Das Reservoir an gemeinsamen Überzeugungen in ethischen Fragen und auch bioethischen Fragen ist im Schrumpfen begriffen. Wir können nur versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten und uns auch in den entsprechenden Gremien und Kommissionen zu verständigen. Ich hoffe, dass wir hier wieder zu einer breiteren gemeinsamen Basis kommen. Es sind ja keine dogmatischen Fragen. Im Bereich des Lebensschutzes könnte man eigentlich mit einer Stimme sprechen.

    Das russisch-orthodoxe Patriarchat hat nach der Rücktrittsankündigung des Papstes geäußert, man wünsche sich einen Nachfolger, der die Linie Benedikts XVI. fortführt. Was hat das Band zwischen Rom und Moskau in den letzten Jahren so stark gemacht?

    Das hat sicher auch persönliche Gründe. Für die Russen war ein slawischer Papst wie Johannes Paul II. als Gesprächspartner etwas schwieriger. Der neue Patriarch in Moskau hat viel persönliche Zuneigung zum Westen. Aber er kann natürlich keine nur private Linie fahren und muss Rücksicht nehmen auf die gewachsenen Vorbehalte in Russland dem Westen gegenüber. Aber auch die orthodoxen Kirchen müssen sich mit der Säkularisierung auseinandersetzen. Hier zeigt sich meines Erachtens, dass ein Schulterschluss angemessen ist. Man kann aus den Erfahrungen der westlichen Kirchen viel lernen im Umgang mit der Säkularisierung. Nicht alles, was Säkularisierung mit sich bringt, ist ja schon theologie- oder glaubensfeindlich. Manche Säkularisierungs-Phänomene sind ja theologisch sogar angestoßen und gewollt, man denke etwa an das Staat-Kirche-Verhältnis.

    Teilen Sie die Auffassung mancher Christen, Benedikt XVI. sei ein Mystagoge?

    Das ist zweifellos so. Seine Predigttätigkeit, seine ganze Theologie ist mystagogisch, also hinführend zum Mysterium.

    Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger immer wieder vor Fehldeutungen der Liturgiereform gewarnt. Ist sein Pontifikat eine liturgische Zäsur gewesen, etwa mit Blick auf das Motu proprio Summorum pontificum?

    Das war sicher ein sehr starkes Signal – getragen von der Gewissheit, dass Liturgie organisch wächst und nicht gemacht wird, getragen auch von der Sorge, das Messbuch Papst Pauls VI. könne zur Banalisierung der Liturgie missbraucht werden. Das wäre eine Banalisierung in der Herzmitte des Glaubensvollzuges. In dieser Hinsicht scheint er zunehmend auch sensibel geworden zu sein. Wir haben erste Andeutungen schon im Jahr 1966. Wenn es so ist, dass die Gottesfrage der entscheidende Punkt ist und die Überlebensfrage für die Kirche und die Gesellschaft, dann muss sich das auch auf die Liturgie auswirken. Die Liturgie darf in keiner Weise zu einer bloßen Darstellung der Gemeinschaft oder zu einem Event verkümmern. Sie muss Ausdruck der Gottesverehrung, der Anbetung und der Ausrichtung der ganzen Kirche auf den lebendigen Gott hin sein. Hier geht es Benedikt auch nicht darum, ständig etwas Neues zu machen, zu erfinden und besonders kreativ zu sein, sondern hier gilt es, einzutreten in den großen Traditionsstrom und sich von der Liturgie auch formen zu lassen. Die Liturgie muss sich unterscheiden vom bloßen Alltag.

    Spielt es für die Rezeption von Summorum pontificum eine Rolle, dass der Heilige Vater nach seiner Wahl zum Nachfolger Petri die alte Messe in der außerordentlichen Form nicht öffentlich gefeiert hat?

    Das ist ein ganz wichtiger Gesichtspunkt. Er zeigt, dass ihm an einer Einheit der Liturgie gelegen ist. Es sind ja auch nicht zwei Riten. Es ist der eine römische Ritus. Es muss in der Aus- und Fortbildung der Priester viel Wert gelegt werden auf die ars celebrandi, damit das gültige Messbuch auch in einer Weise verwendet wird, in der deutlich wird, dass gerade auch das neue Messbuch einen würdigen, der Tradition entsprechenden Gottesdienst ermöglicht.

    Sie sind seit Jahren in der Theologenausbildung tätig. Ist Joseph Ratzinger von jungen Theologen als liturgischer Reformer wahrgenommen worden?

    Die Liturgie wird sicher in besonderer Weise wahrgenommen, aber durchaus nicht ausschließlich. Bei den Themenwünschen für Diplomarbeiten oder andere Zulassungsarbeiten stößt eigentlich die ganze Palette auf großes Interesse. Ich denke etwa an die kaum ansatzhaft aufgearbeitete Rolle und Bedeutung Joseph Ratzingers für das Zweite Vatikanische Konzil. Nun wussten natürlich die Studierenden, dass ich in der Hinsicht eine große Neigung habe und auch solche Arbeiten gerne begleite. Zurzeit ist eine Arbeit über die Mariologie Ratzingers im Entstehen, mehrere Doktorarbeitsthemen sind noch am Ausreifen, darunter ein liturgisches Thema (im größeren Zusammenhang der eucharistischen Ekklesiologie).

    In Frankreich fasste ein Kommentator nach der Ankündigung des Papstrücktritts die Theologie Benedikts XVI. in dem Satz zusammen: „Der Glaube der Kirche ist im Wesentlichen eucharistischer Glaube.“ Wie bewerten Sie diesen Versuch?

    Das Glaubensbekenntnis ist trinitarisch aufgebaut. Der Glaube ist Glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Geist. Auf den Glauben an den dreifaltigen Gott werden wir getauft. Das Credo ist die Basis. Eucharistie heißt Vertiefung und Aktualisierung. Eucharistie ist ja auch nur vor dem Hintergrund des Wirkens des dreifaltigen Gottes zu verstehen. Der Sohn gibt sich ganz dem Willen des Vaters hin für das Leben der Welt. Natürlich ist die Eucharistie der Höhepunkt des kirchlichen Selbstvollzuges. Es ist nicht nur die Vergegenwärtigung der Lebenshingabe Jesu Christi, sondern setzt alle anderen Glaubensinhalte voraus, vom Schöpfungsglauben bis hin zur Eschatologie. Insofern ist der Satz ein wenig überspitzt formuliert, aber wenn man ihn einbettet in den trinitarischen Kontext, ist er nachvollziehbar.