• aktualisiert:

    Symphonie der Kulturen

    Auf seiner Reise nach Lateinamerika im Juli dieses Jahres besuchte Papst Franziskus neben den Andenstaaten Ecuador und Bolivien auch das kleine Land Paraguay, das eine große Geschichte mit den Jesuiten hatte. Darauf spielte der Papst an, als er das berühmte Missionsprojekt der Jesuiten in der spanischen Kolonialzeit erwähnte und betonte, dass es in den Reduktionen weder Unterdrückung noch Hunger und Arbeitslosigkeit gegeben habe. Dieses Faktum scheint umso erstaunlicher, als mit der spanischen Eroberung (conquista) und Landnahme Amerikas Gewalt und Unterdrückung im Spiel waren, auch wenn dieses Vorgehen von den Missionaren kritisiert wurde. Franziskaner wie Jesuiten nannten die Mission „Geistliche Eroberung“, doch sind damit keinerlei militärische oder gewaltsame Methoden gemeint, sondern ausschließlich spirituelle und friedliche Mittel, wie die Bibel martialische Bilder für die Friedensbotschaft gebraucht, wenn dort von der Rüstung Gottes, dem Panzer der Gerechtigkeit, dem Schild des Glaubens und dem Schwert des Geistes (Eph 6, 13–17) die Rede ist.

    Ruinen der Kirche in der Jesuitenreduktion Jesús de Tavarangüe (1685) in Paraguay. Die Anlage gehört zum Weltkulturerbe. Foto: KNA

    Auf seiner Reise nach Lateinamerika im Juli dieses Jahres besuchte Papst Franziskus neben den Andenstaaten Ecuador und Bolivien auch das kleine Land Paraguay, das eine große Geschichte mit den Jesuiten hatte. Darauf spielte der Papst an, als er das berühmte Missionsprojekt der Jesuiten in der spanischen Kolonialzeit erwähnte und betonte, dass es in den Reduktionen weder Unterdrückung noch Hunger und Arbeitslosigkeit gegeben habe. Dieses Faktum scheint umso erstaunlicher, als mit der spanischen Eroberung (conquista) und Landnahme Amerikas Gewalt und Unterdrückung im Spiel waren, auch wenn dieses Vorgehen von den Missionaren kritisiert wurde. Franziskaner wie Jesuiten nannten die Mission „Geistliche Eroberung“, doch sind damit keinerlei militärische oder gewaltsame Methoden gemeint, sondern ausschließlich spirituelle und friedliche Mittel, wie die Bibel martialische Bilder für die Friedensbotschaft gebraucht, wenn dort von der Rüstung Gottes, dem Panzer der Gerechtigkeit, dem Schild des Glaubens und dem Schwert des Geistes (Eph 6, 13–17) die Rede ist.

    Dieses einzigartige Missionsunternehmen der Jesuiten unter den Guaraní-Indianern ist aus verschiedenen Gründen berühmt geworden und wird bis heute kontrovers diskutiert. Die Methode, durch Evangelisierung und Humanisierung eine kulturelle und religiöse Begegnung zu bewerkstelligen und ein christlich-indianisches Gemeinwesen zu schaffen, war neuartig und wurde zu einem missionarischen Erfolgsmodell, das indigene Mentalität und Kultur achtete. Dieses Modell fand in Europa Bewunderung und starke Resonanz, da es als „glückliches Christentum“ erschien und selbst bei religionskritischen Aufklärern als „Triumph der Humanität“ galt. Da es sich um ein riesiges Missionsgebiet handelte, das hermetisch gegenüber den spanischen Siedlern abgeschlossen war, wirtschaftlich autark agierte und über Vorrechte verfügte, erregte es nicht nur Verdacht, sondern führte auch zu haltlosen Gerüchten über sagenhafte Goldvorkommen. Diese Gerüchte halten sich bis heute, denn ein Geologiestudent fragte mich vor einigen Jahren über Literatur zu den Goldminen im Jesuitenstaat... Durch solche Faktoren bildete sich allmählich der Mythos vom „Jesuitenstaat“ heraus, in dem man aufgrund der eigentümlichen Sozialstruktur eine jesuitische Staatsidee am Werke sah oder eine Umsetzung der „Utopie“ des Thomas Morus. Zu keiner Zeit jedoch waren die Reduktionen ein „Staat im Staate“, sondern erhielten zwar eine gewisse Verwaltungsautonomie, doch blieben sie Teil des spanischen Vizekönigreiches Peru und unterstanden dem Provinzgouverneur in Asunción. Bekannt wurden die Reduktionen nicht zuletzt durch ihre strategische Lage als Puffer zwischen den rivalisierenden Mächten Spanien und Portugal und den zahlreichen kriegerischen Ereignissen. Das Ende der Reduktionen kam abrupt, als Spanien 1767 alle Jesuitenmissionare aus den amerikanischen Besitzungen vertrieb und in Europa unter unwürdigen Zuständen gefangen hielt.

    Schließlich wurden die Reduktionen einerseits durch zahlreiche Beschreibungen bekannt, wie die frühe von Antonio Ruiz de Montoya (Conquista espiritual, 1639) oder die späte von Florian Paucke (Hin und her, hin süße und vergnügt, her bitter und betrübt), nach ihrem Aufbewahrungsort im österreichischen Stift Zwettl „Zwettler Codex“ genannt. Überdies wurden die Reduktionen durch künstlerische Verarbeitungen des historischen Stoffs berühmt, so im Roman „Der blaue Tiger“ (1938) von Alfred Döblin, im Theaterstück „Das heilige Experiment“ (1947) von Fritz Hochwälder, im Spielfilm „Mission“ (1986) von Roland Joffé.

    Wo waren die Reduktionen angesiedelt? Wie waren sie organisiert und worin bestand ihre Besonderheit? Unter den Jesuiten-Reduktionen, welche die Jesuiten an verschiedenen Orten Südamerikas gründeten, sind die Siedlungen unter den Guaraní am bekanntesten. Zahlreiche Ruinen und Kunstwerke, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören, sind heute noch an Ort und Stelle zu besichtigen und ziehen viele Touristen an. Sie liegen im oberen Stromgebiet des Río Paraná und Río Uruguay, dort wo die heutigen Länder Paraguay, Argentinien (Provinz Misiones), Brasilien und Uruguay aneinandergrenzen. In diesem Gebiet unternahmen die Jesuiten den Versuch, die halbnomadisch lebende indigene Bevölkerung zu einem sesshaften Leben in eigenen Siedlungen (Reduktionen) anzuleiten und sie dort mit dem Evangelium bekannt zu machen. Zugleich sollte dieses Projekt die Indianer vor Versklavung und kolonialer Ausbeutung schützen.

    Die Christianisierung Lateinamerikas in der Kolonialzeit vom 16. bis 18. Jahrhundert lag von Anfang an in den Händen der Ordensleute, vor allem der Franziskaner, der Dominikaner und der Augustiner, zu denen später Mitglieder des erst 1540 gegründeten Jesuitenordens hinzukamen. Schon Ignatius von Loyola hatte die ersten Jesuitenmissionare nach Brasilien (1549) geschickt, das unter portugiesischer Herrschaft stand. Erst 1566 erhielten die Jesuiten von der spanischen Krone die Erlaubnis auch im spanischen Herrschaftsbereich zu wirken. Die Organisation und Finanzierung der Kirche und aller Missionsunternehmungen unterstand dem Patronat der iberischen Kronen. In Südamerika gründeten die Jesuiten von Lima aus 1606 die weitläufige Ordensprovinz Paraquaria (Paraguay), um dort ihre stabilen Reduktionen zu errichteten. Die Idee der Reduktion, das heißt der Zusammenführung (spanisch: reducir) der nomadisierenden Indianer in Missionsdörfern, übernahmen sie von den Franziskanern, entwickelten sie aber in ihren Siedlungen weiter. Sie genossen königliche Protektion und erhielten eine gewisse Autonomie und Privilegien wie die temporäre Befreiung von Tributzahlungen an die Krone. Die Indianer sollten frei wie die Spanier sein und sich freiwillig in den Reduktionen ansiedeln. Spanische Kolonisten durften die Reduktionen in der Regel nicht betreten, um die indigene Bevölkerung vor Übergriffen zu schützen. Die ab 1610 entstehenden Reduktionen nahmen im Lauf der Zeit an Zahl und Einwohnern zu, so dass man in der Blütezeit um 1 700 etwa 140 000 dort lebende Indianer in dreißig „Reduktionen” zählte.

    Allerdings erfuhren die Reduktionen nicht nur eine friedliche Entwicklung, weil spanische und portugiesische Siedler an der Arbeitskraft der indigenen Völker interessiert waren. Mit letzteren kam es zu gewaltsamen und kriegerischen Auseinandersetzungen, als die „Paulistaner“ aus dem brasilianischen Sao Paulo die nördlichen Reduktionen in Guairá angriffen und zerstörten, um indianische Menschen zu fangen und als Sklaven zu verkaufen. Portugiesische „Bandeirantes“ konnten mit Hilfe der verbündeten Tupí-Völker, die ihrerseits mit den Guaraní verfeindet waren, von 1628–1631 viele tausende zu Gefangenen machen. Daher entschlossen sich die Jesuiten, die Missionen in Guairá aufzugeben und auf einem legendären Zug entlang des Río Uruguay nach Süden zu ziehen und dort neue Reduktionen errichten. Diese dramatische Geschichte erzählt der oben erwähnte Film „Mission“.

    Die Reduktionen hatten wie die spanischen kolonialen Stadtgründungen eine planmäßige Anlage im Schachbrettgrundriss. In der Mitte befand sich die quadratische Plaza mit den wichtigsten Gebäuden an einer Seite des Vierecks. Dazu gehörten an erster Stelle die gut ausgestattete Kirche mit dem Wohnhaus der Patres, den Werkstätten und Magazinen auf der einen und mit dem Friedhof sowie den Kranken- und Witwenhäusern auf der anderen Seite der Kirche. Die steinernen Wohnhäuser der Indios waren symmetrisch um die Plaza angeordnet und nicht selten durch überdachte Gänge verbunden. Eine Reduktion hatte also ein doppeltes Zentrum, ein religiöses (Kirche) und ein weltliches (Plaza), das auch die innere Ordnung widerspiegelt. Was die innere Ordnung angeht, so lag die Leitung in weltlichen und geistlichen Dingen bei einem oder mehreren Jesuiten, doch behielten auch die Kaziken (Häuptlinge) eine bevorzugte Stellung im Gemeinwesen, aus der sich bestimmte Amtsfunktionen und eine gewisse Selbstverwaltung in den Stadträten ergaben. Zwar hatten die Jesuiten als Kronbeamte das letzte Wort in politischen und rechtlichen Angelegenheiten, doch wirkten dabei die Kaziken mit. Im Rahmen des indianischen Rechts, also der spanischen Amerikagesetzgebung, wurden bei Vergehen Strafen bis zum Gefängnis verhängt, nie jedoch die Todesstrafe. In der guaranitischen Religion fanden die Jesuiten zahlreiche mit dem Christentum vergleichbare Elemente wie den Glauben an einen allmächtigen Gott oder das Leben nach dem Tod. Daran knüpften sie an, nicht jedoch an der Funktion des konkurrierenden Schamanen, die im christlichen Gemeinwesen verschwand.

    Der rötliche Boden und das Klima waren günstig für reiche Ernten und die Möglichkeiten der Viehwirtschaft und der Vorratshaltung. Diese Produktionsweise und die arbeitsteilige Wirtschaftsweise waren den Guaranies allerdings unbekannt, so dass sie erst langsam erlernt werden mussten. Dabei kam es nicht selten zu Überraschungen. Schickten die Patres zum Beispiel die Indianer zum Arbeiten mit Ochs und Pflug aufs Feld, zogen die es bisweilen vor, ihrer eigenen Tradition zu folgen statt zu arbeiten; so machten sie den Pflug zu Brennholz, um den Ochsen am Spieß zu braten...

    Beim Wirtschaftssystem knüpfte man auch an einheimische Traditionen wie Gemeinschaftsarbeit, Gemeinbesitz und großzügige Gastfreundschaft an. Erträge für Vorratshaltung und soziale Fürsorge, für die Tribute an die Krone und die Ausstattung der Reduktionen wurden auf dem „Gemeindeland“ (tupa mbaé = Gottesland) erwirtschaftet; dort wurde Fleisch, Häute, Wolle, Baumwolle und Yerba Mate erzeugt, wofür zwei Tage in der Woche vorgesehen waren. Einige der Erzeugnisse wie der Mate wurden mit kleinem Gewinn exportiert und für die Gemeinaufgaben wie Bauarbeiten, Versorgung der Kranken und Witwen, Pflege der Kunst und Musik verwendet. Die Bewirtschaftung des „Familienlands“ (Aba mbaé), das lebenslang zugewiesen wurde, nahm vier Tage in Anspruch. Der primitive Ackerbau wurde durch Axt und Pflug technologisch verbessert, so dass die Effizienz erheblich gesteigert wurde.

    Außer der Landwirtschaft verbesserten die Jesuiten, die wie der bekannte Tiroler Pater Anton Sepp auch aus deutschsprachigen Landen kamen, handwerkliche und künstlerische Fertigkeiten. Dazu gehörten Architektur, Skulptur und Steinmetzarbeiten, aber auch der Bau von Musikinstrumenten bis hin zum Orgelbau, die Pflege der Musik bis hin zu mehrstimmigen Messen. Eine besondere Rolle spielte die indigene Sprache, die auf Anweisung der kirchlichen Synoden (von Lima) nicht dem Spanischen weichen sollten, sondern zu lernen waren; denn die Evangelisierung hatte in der einheimischen Sprache zu erfolgen, weshalb die Missionare sich zunächst die fremde Sprache und die damit gegebene Kultur aneignen mussten. Daher wurde die schriftlose Sprache der Guaraní verschriftet, und auf der missionseigenen Druckerei entstanden die Hilfsmittel wie Grammatik und Wörterbuch, aber auch Katechismen und liturgische Bücher wurden gedruckt. Aufgrund dieser Sprachpolitik ist Paraguay bis heute ein zweisprachiges Land, das Spanisch und Guaraní spricht.

    Die Reduktionen in ihrer Vielgestalt, es gab sie in anderer Form auch in Brasilien (aldeia), ähnelten einander in vielem, vor allem was die Wertschätzung der indigenen Bevölkerung angeht. Die theologische Grundlage dafür war die Einschätzung der Indianer als unbedingt zu achtende Geschöpfe Gottes, als diejenigen, denen Christus die Erlösung zudachte und als Mitmenschen, die entwicklungsfähig sind wie Europäer. Sie anerkannten die Indianer als Personen, sahen sie als lernfähige „Kinder“, denen sie die europäischen Kulturtechniken bringen und beibringen konnten. Dazu diente eine rudimentäre schulische Erziehung, die Alphabetisierung, das Kennenlernen neuer Techniken des Landbaus und der Handwerke. Dabei herrschte die Imitation vor, auch beim Bilderverständnis, so dass die Patres etwa ein Bild der sieben Schmerzen Mariens abhängen mussten, weil die Frauen sich imitierend verletzten.

    Im Kern aber ging es um Christianisierung und Humanisierung im Zeichen der christlichen Religion. Die Jesuiten wollten wie alle Missionare das Evangelium Jesu Christi bringen und durch ihre Lebenspraxis und die Verkündigung bezeugen. Wichtige Mittel der Missionsmethode waren die Glaubensunterweisung durch Predigt und Katechismus in der einheimischen Sprache, was die Verschriftung der Sprache voraussetzte. Doch über diese kognitive Ebene hinaus spielte auch die emotionale und die ästhetische Dimension eine bedeutsame Rolle. Vor allem kamen die Musik mit Orchester und Chören zum Einsatz, der religiöse Tanz, Prozessionen und religiöse Theaterstücke. Religiöse Höhepunkte waren die feierlichen Gottesdienste, die in den reich ausgestatteten Kirchen mit aller barocken Pracht gefeiert wurden.

    Heutige Kritiker stoßen sich am Paternalismus der damaligen Patres, der sich freilich im zeitüblichen Rahmen hielt. Modern jedoch erscheint die Akzeptanz der indigenen Kultur, und die Emanzipation durch die Kulturbegegnung. So gelang den Jesuiten in den Reduktionen eine „symphonische“ Begegnung der Kulturen, weil sie sich von den Praktiken der Kolonialwelt abschotteten, die Schutzgesetze für die Indianer strikt einhielten, an der indigener Kultur anknüpften und an die Kraft der christlichen Botschaft glaubten. So entstand ein antikoloniales Projekt, dessen Grundidee die Einheit von Evangelisierung und integraler menschlicher Entwicklung sowie die interkulturelle Begegnung war. Heute nennt man solche Prozesse in der Missionswissenschaft „Inkulturation“ und „Interkulturalität“.

    Man kann sich ausmalen, wie dieses Missionsmodell sich stetig hätte weiterentwickeln können, wenn die Reduktionen nicht 1767 mit der politischen Vertreibung der Jesuiten zu einem tragischen Ende verurteilt worden wären. Dieses Geschick traf auf Druck der katholischen Mächte die gesamte Gesellschaft Jesu, als Papst Clemens XIV. sie 1773 aufhob. Doch die nichtkatholischen Mächte wie Russland unter Zarin Katharina und der preußische König Friedrich II. scherten sich nicht um das Aufhebungsdekret. Daher konnte der Orden, welche Ironie der Geschichte, in Russland (heutiges Weißrussland) überleben und 1814 wiederbegründet werden. Die Reduktionen waren unwiederbringlich verloren, nicht aber die Erinnerung und Inspirationskraft sowie die Herausforderung, auch in Zeiten der Globalisierung wagemutig und kreativ das Evangelium zu bezeugen.