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    „Symbol für Europa“

    Kurienkardinal Robert Sarah deutet den Brand von Notre-Dame als Bild der Glaubensabfalls und warnt davor, eine neue Kirche zu erfinden. Von Katrin Krips-Schmidt

    Nach dem verheerenden Brand der Kathedrale Notre-Dame
    Ehe eine Kathedrale zusammenbricht, muss etwas geschehen sein. Kurienkardinal Sarah sieht den Verlust der priesterlichen... Foto: dpa

    Bei der Vorstellung seines neuen Buches „Le soir s'approche et déja le jour baisse“ hat Kardinal Robert Sarah kürzlich in Paris eine scharfsinnige Analyse „der tiefgreifenden Krise“ des Abendlandes vorgelegt: der „Glaubenskrise, Kirchenkrise, Priesterkrise, Identitätskrise und der Sinnkrise des Menschen und des menschlichen Lebens sowie des spirituellen Zusammenbruchs und seiner Folgen“. Die Verwüstung der Kathedrale Notre-Dame und ihrer eingestürzten Gewölbe durch einen Brand im April sind für ihn ein „Symbol für die Situation der abendländischen Zivilisation und der Kirche in Europa“. Dieses Feuer, „das die Kirche ganz besonders in Europa verwüstet, das ist die intellektuelle, doktrinäre und moralische Verwirrung, es ist die Feigheit, die Wahrheit über Gott und den Menschen zu verkünden und die moralischen und ethischen Werte der christlichen Tradition zu verteidigen, es ist der Verlust des Glaubens, der Bedeutungsverlust der Objektivität des Glaubens und damit der Verlust des Sinnes für Gott“.

    Den eingestürzten Spitzturm von Notre-Dame verglich er mit „einem in Richtung des Himmels zeigenden Finger“. Sein Zusammenbruch „sei kein Zufall“. Denn „eine Kirche, die sich nicht auf Gott hin ausrichtet, ist eine Kirche, die stirbt“. Wie zur Zeit des Untergangs Roms kümmerten sich die Eliten heute „nur um die Mehrung ihres Luxus, und die Völker sind betäubt von immer vulgärer werdenden Vergnügungen“. Wenn ein Land „sich das Recht über Leben und Tod der Kleinsten und Schwächsten anmaßt, wenn ein Land die ungeborenen Kinder im Schoß ihrer Mütter tötet – geht es auf die Barbarei zu“.

    Die „moderne Absage an Gott sperrt uns in einem neuen Totalitarismus ein – in jenem des Relativismus“, der nur das Gesetz des Profits anerkenne. Und so irre der moderne Mensch wie in der zerstörten Notre-Dame auf einem Trümmerfeld herum. Die weltweite spirituelle Krise habe ihren Ursprung in Europa. Charakteristisch dafür sei vor allem „die Ablehnung der Väterlichkeit. Man hat unseren Zeitgenossen eingeredet, dass man, um frei zu sein, von niemandem abhängig sein dürfe. Darin liegt ein tragischer Irrtum. Die Abendländler sind davon überzeugt, dass etwas zu empfangen unvereinbar mit der Menschenwürde sei. Doch der zivilisierte Mensch ist, im Gegensatz zum Barbaren, im Wesentlichen ein Erbe, er empfängt eine Geschichte, eine Kultur, einen Namen, eine Familie, eine Sprache, eine Religion, einen Glauben, eine Tradition und ein Vaterland.“

    Die Erbauer von Notre-Dame waren von diesem Sinn für die Abhängigkeit und Weitergabe tief geprägt. Sie arbeiteten Jahrzehnte und Jahrhunderte lang für ihre Nachkommen, oft ohne jemals selbst die Vollendung ihres Werkes zu sehen: „Sie verstanden sich als Erben und wollten das Erbe weitergeben.“

    Sarah will mit seinem Buch daran erinnern, dass der wahre Grund der Ablehnung des Erbes „die Ablehnung Gottes ist“. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau. Doch dies sei „für den modernen Geist unerträglich. Die Genderideologie ist die Weigerung, von Gott ein geschlechtsspezifisches Wesen zu empfangen. Manche Menschen im Abendland widersetzen sich ihrem Schöpfer und Vater ganz direkt. Dann verstümmeln sie sich unnötigerweise ganz fürchterlich, um ihr Geschlecht zu verändern. Doch an ihrem Gefüge als Mann oder als Frau ändern sie prinzipiell nichts.“ Die großen Kathedralen des Abendlandes konnten nur „von Männern großen Glaubens und großer Demut gebaut werden, die zutiefst glücklich waren, sich als Söhne Gottes zu verstehen“. Heute sagen die Menschen: „Bauen wir etwas Neues, etwas Moderneres. Bauen wir etwas nach unserem Bild! Ein Bauwerk, um den Menschen und die Macht der Wissenschaft zu preisen.“ Die Morallehre des Evangeliums sei zu anspruchsvoll? „Schwächen wir sie ab. Die katholische Lehre komme in den Medien schlecht an? Ändern wir sie. Passen wir sie dem Denken und den moralischen Perversitäten unserer Zeit an. Passen wir sie der von der UN geförderten neuen Weltethik und der Genderideologie an. Man will aus der Kirche eine menschliche und horizontale Gesellschaft machen. Doch eine solche Kirche interessiert niemanden!“

    Der Kardinal mahnt deshalb, die Kathedrale exakt genauso wie vorher aufzubauen: „Wir müssen keine neue Kirche erfinden.“ Not tue, „den Sinn der Anbetung wieder neu zu entdecken! Die Kirche stirbt, weil es an Betern mangelt“. Wir müssen die Transzendenz Gottes wiedererkennen: „Der Mensch ist nur dann groß, wenn er vor Gott kniet.“ Wenn „gottlose Priester ihre Autorität missbrauchen und Sie brutal behandeln und Ihnen untersagen, die heilige Kommunion kniend zu empfangen – verlieren Sie nicht die Ruhe vor Jesus in der Eucharistie“, rät Sarah. Eine Kathedrale habe keinen Sinn mehr, „wenn sich hier niemand vor Gott hinkniet.“ Im Zentrum der Kirchenkrise, konstatiert Sarah, stehe die Priesterkrise: „Wenn die Kathedrale zusammenbricht, dann deshalb, weil zuerst die priesterliche Identität zusammengebrochen ist. Man hat den Priestern ihre Identität genommen“. Man habe ihnen suggeriert, dass sie aktive Geschäftsmänner sein müssten, die „immer und überall präsent sind“. Doch ein Priester setzt „Christi Gegenwart Christi unter uns“ fort. Er ist vor allem „ein Anbeter“. Wie Benedikt XVI. betont habe, seien die Wurzeln der Missbrauchskrise spiritueller Art: „Im Letzten liegt der Grund der Missbräuche oder eines mit dem priesterlichen Zölibat nicht zu vereinbarenden Morallebens definitiv in der konkreten Abwesenheit Gottes im Leben der Priester.“ Der Bischof solle ein Leitbild für das Priestertum sein: „Doch ich fürchte, dass wir uns in weltlichen und zweitrangigen Verantwortungen verirren.“ Der Zölibat sei „eines der konkreten Mittel, das uns ermöglicht, das Mysterium des Kreuzes zu leben“. Der Zölibat sei für die moderne Welt unerträglich und ein Skandal, „weil das Kreuz ein Skandal ist“. Die Gläubigen sollten ihre Priester lieben: „Dankt ihnen nicht für das, was sie tun, sondern für das, was sie sind!“ Priester, Bischöfe und Kardinäle ohne Moral „werden in keiner Weise das strahlende Zeugnis der mehr als 400 000 Priester auf der ganzen Welt trüben, die dem Herrn täglich demütig dienen“.

    Um die Wege zum geistlichen Kampf wieder zu entdecken, empfiehlt Sarah „Gebet, Buße und Fasten“. Der Zölibat sei keine „Frage der Disziplin“ denn er „offenbart überhaupt erst das Wesen des christlichen Priestertums – die totale Identifikation des Priesters mit Christus“. Darüber hinaus brauche unsere Kathedrale „solide Pfeiler, um ihre Gewölbe zu tragen“. Diese seien „die von den Aposteln empfangene katholische Lehre“: „Ich bin tief verletzt, wenn ich so viele Hirten sehe, die die katholische Lehre verramschen und Spaltung unter den Gläubigen erzeugen. Wir schulden dem christlichen Volk eine klare, verbindliche und gleichbleibende Lehre. Die Einheit des Glaubens setzt die Einheit des Lehramts in Raum und Zeit voraus.“ Bei den Medien auf Kosten der Wahrheit beliebt werden zu wollen, hieße, „das Werk des Judas zu tun!“ Zudem sei es nötig, Erwachsenen und Kindern Katechismusunterricht zu geben, denn „das Versagen der Katechese“ habe viele Christen dazu geführt, „eine Form des Unbestimmten im Glauben zu pflegen“.

    Sarah ruft die Christen auf, „die Dogmen, die Glaubensartikel zu lieben und zu beherzigen“. Denken wir „an all die Christen Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens, die sich für den Namen Jesu die Kehle durchschneiden lassen“. Zum Abschluss richtet Sarah eindringliche Appelle an die Geistlichkeit: „Die Gläubigen werden uns eines Tages vor Gott anklagen, sie den Wölfen ausgeliefert zu haben. Wer steht auf, um den Städten des Abendlandes den Glauben zu verkünden, den sie erwarten? Wer steht auf, um den Muslimen den wahren Glauben zu verkünden? Sie suchen ihn, ohne es zu wissen. Sie wenden sich dem Islamismus zu, weil das Abendland ihnen als einzige Religion die Konsumgesellschaft anbietet. Wagen wir zu verkünden, Zeugnis abzulegen und den Katechismus zu lehren! Der Glaube hat seinen Platz in der öffentlichen Debatte.“ Die Gläubigen ruft Sarah zur Bekehrung auf: „Wenn man nicht die Welt verändern kann, so kann man doch sich selbst verändern.“

    Von Katrin Krips-Schmidt

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