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    „Staatskirchentümer sind zukunftsunfähig“

    Münster (DT) Keine langen Menschenschlangen, die um Plätze anstehen, kein Andrang vor Hörsaaltüren und keine Übertragungen in andere Vorlesungssäle: Beim abendlichen Gastvortrag von Hermann Lübbe herrschten in der vorigen Woche in Münster – wohl nicht nur wegen des Karnevals – ganz andere äußere Umstände als seinerzeit beim Besuch von Jürgen Habermas. Lübbe mag so wenig Aufhebens um seine Person sogar recht sein. Jedenfalls gab das ihm, der einst in Münster studiert und doziert hatte, genug Platz und Raum, um im Rahmen der Fachtagung „Sakralisierte Politik und politische Religion“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster in aller Ruhe seine stringenten Gedanken zu entfalten – wie bei ihm üblich, in bewundernswerter Weise auswendig vorgetragen.

    Münster (DT) Keine langen Menschenschlangen, die um Plätze anstehen, kein Andrang vor Hörsaaltüren und keine Übertragungen in andere Vorlesungssäle: Beim abendlichen Gastvortrag von Hermann Lübbe herrschten in der vorigen Woche in Münster – wohl nicht nur wegen des Karnevals – ganz andere äußere Umstände als seinerzeit beim Besuch von Jürgen Habermas. Lübbe mag so wenig Aufhebens um seine Person sogar recht sein. Jedenfalls gab das ihm, der einst in Münster studiert und doziert hatte, genug Platz und Raum, um im Rahmen der Fachtagung „Sakralisierte Politik und politische Religion“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster in aller Ruhe seine stringenten Gedanken zu entfalten – wie bei ihm üblich, in bewundernswerter Weise auswendig vorgetragen.

    Es ist eine überraschende Position, die der Philosoph vertritt: Nach und trotz Französischer Revolution und Aufklärung gehört Religion nicht zu den Verlierern, sondern zu den Gewinnern der Moderne. Lübbe führte breit aus, dass das aus seiner Sicht vor allem damit zusammenhängt, dass die Kirche drei Feinde verloren hat, die ihr einmal sehr zu schaffen gemacht haben. Da ist zum ersten die moderne Wissenschaft, die sich vor allem in der Evolutionstheorie Darwins äußerte. Sie hatte soviel Einfluss, dass das preußische Abgeordnetenhaus in einer Sitzung des Jahres 1883 beschloss, in den Kirchen, die bald überflüssig sein würden, naturgeschichtliche Museen – Aquarien, Herbarien und Skelettsammlungen – einzurichten. Die kulturpolitischen Fronten zwischen wissenschaftlicher Aufklärung und Religion aber seien heute „tiefe Vergangenheit“ und spielten in Europa keine Rolle mehr, bilanzierte Lübbe. Von kirchlicher Seite hätten die beiden Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – seinerzeit noch als Professor Joseph Ratzinger – klar gestellt, dass die Kirche mit Darwin keine Probleme und mit der Wissenschaft Frieden geschlossen habe.

    Zum zweiten sei aber auch die große totalitäre und antireligiöse Ideologie des Marxismus weggefallen, erläuterte Lübbe. Im Zuge von Massentötungen seien in der ehemaligen Sowjetunion schon zu Lenins Zeiten Zehntausende und unter Stalin gar eine halbe Million gläubiger Menschen liquidiert worden.

    Nicht zuletzt habe auch die andere große totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus, die „Gleichheitsideologie“ und „Dekadenz“ der jüdischen Religion bekämpft und verfolgt, „und die Widerstand leistenden Kirchenväter wären später an die Reihe gekommen“, ergänzte der Philosoph. Alle drei untergegangenen Weltanschauungen hätten gezeigt, dass das Zurückdrängen des Religiösen letztlich zu einer Sakralisierung des Säkularen führe. Nach deren Verschwinden aber sei ein Wiedereintritt der Religion in die Rolle eines Faktors der Weltpolitik zu beobachten. „Diese Revitalisierung wird auch dem kommunistischen China noch zu schaffen machen“, sagte Lübbe voraus.

    Das beste Beispiel für das Wiedererstarken der Religion liefern nach Auffassung des Philosophen die Vereinigten Staaten. Dort sei gerade die strikte Trennung von Kirche und Staat überaus heilsam für die Entwicklung der Kirchen und komme der Dauerhaftigkeit der religiösen Kultur zugute – aus europäischer Perspektive eine paradoxe Feststellung. Zwar zweifele dort einerseits kein einziger Bürger an der Richtigkeit der totalen Trennung von Staat und Kirche, andererseits aber sei es für Politiker und Präsidenten undenkbar, ihre religiöse Gesinnung zu verbergen. Deswegen sei auch bisher jeder neue Präsident der Vereinigten Staaten bei seiner Amtseinführung auf die Bibel vereidigt worden. „Die USA sind das beste Beispiel dafür, dass die Säkularisierung die stärkste bekannte Form der Erhaltung der religiösen Kultur ist“, hob Lübbe hervor. Von einer Sakralisierung des Politischen könne trotzdem dabei keine Rede sein.

    Aus dieser Erkenntnis leitete der Philosoph Erkenntnisse ab: Zwar sei die Religion der große Gewinner der Modernisierung, aber das komme den Kirchen nicht zugute, ja die staatliche Absicherung schade ihnen sogar. „Staatskirchentümer sind zukunftsunfähig“, warnte Lübbe wörtlich. „Die Pfarrer wären gut beraten, wenn sie sich nicht nur als Seelentröster bei Verkehrsunfällen betrachten, denn da überschätzen sie ihre Rolle.“ Eine der größten Lasten, die heutzutage auf der Religion lägen, sei das Bekenntnis vieler Politiker zu den Kirchen als Hütern der Werte. „Das ist ein besonders großes Missverständnis und Hindernis für ihre Bedeutung, denn die zentralen Feste – Weihnachten, Ostern, Pfingsten – und Aussagen des Christentums – wie etwa die ersten drei der zehn Gebote – haben mit Moral nichts zu tun“, so Lübbe. Das Wesen der Religion bestehe im Klagen, Danken, Bitten und Lobpreisen, also in einem „vernünftigen Verhalten zum Unverfügbaren“. Der Denker sagte voraus, dass sich auch in Europa eine „unaufhaltsame Pluralisierung des Religiösen“ abzeichne, die die Kirchen vor große Probleme stellen werde. Schon entwickelten sich neue Formen des religiösen Lebens – wie die Kreuze am Straßenrand für Verkehrsopfer oder die Gottesdienste bei Biker-Treffen –, die auf die Kirchen nicht mehr angewiesen seien. Für diese neuen Phänomene jedoch müssten sie sich irgendwann öffnen.

    Von Gerd Felder