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    „Spiritualität der Lebensfreude“

    Geschiedene, wiederverheiratete Geschiedene und getrennt Lebende brauchen Zeit, Zuwendung und Hilfe. Wie der „Einzelfall“ im Einklang mit der kirchlichen Lehre aufgefangen wird, beweist die Initiative „Frauen nach Trennung oder Scheidung“ der Schönstattbewegung. Schwester M. Anne-Meike Brück vom Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern und Luise Wolking, eine geschiedene Mutter, engagieren sich seit Jahren für diesen Weg.

    Eine Kopie des Schönstätter Gnadenbilds. Foto: KNA

    Geschiedene, wiederverheiratete Geschiedene und getrennt Lebende brauchen Zeit, Zuwendung und Hilfe. Wie der „Einzelfall“ im Einklang mit der kirchlichen Lehre aufgefangen wird, beweist die Initiative „Frauen nach Trennung oder Scheidung“ der Schönstattbewegung. Schwester M. Anne-Meike Brück vom Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern und Luise Wolking, eine geschiedene Mutter, engagieren sich seit Jahren für diesen Weg.

    Immer mehr Ehen gehen in die Brüche. Was gab den Ausschlag für Ihre Initiative „Frauen nach Trennung oder Scheidung“?

    Schwester Anne-Meike: Vom 20. bis 22. April 2002 wurde die erste Tagung für Frauen nach Trennung oder Scheidung in Schönstatt gehalten. Mit dabei waren 21 Frauen aus ganz Deutschland. Dieses Seminar kam zustande auf Wunsch von Frauen, die zur Schönstattbewegung Frauen und Mütter gehörten und selbst geschieden waren. Sie stellten fest, dass ihre Lebensfragen andere waren als die der in Beziehung lebenden Frauen. Ich selbst erklärte mich bereit, mit ihnen zusammen solche Seminare durchzuführen. Mir war klar: Solche Treffen gehen nur, wenn es Frauen gibt, die diese Situation aus eigenem Erleben her kennen. Jahre zuvor hatte ich einmal ein Wochenende für Alleinerziehende mit Kindern geleitet. Danach habe ich mir gesagt: In diese Problematik gehe ich nur dann wieder hinein, wenn es kompetente Unterstützung gibt. Und wer kann kompetenter sein als Frauen, die das alles selbst durchgestanden haben. Eine der Frauen aus unserem vorbereitenden Team sagte nach diesem Seminar: „Ich habe noch selten so viel Leid auf einmal in einem Raum erlebt, aber es hat auch so viele unbeschreiblich schöne Momente gegeben! Wir haben oft auch ganz herzlich gelacht!“ Schon während der Tagung wurde klar: Es gibt eine Wiederholung und eine Fortsetzung noch in diesem Jahr.

    Wie ging es Ihnen beim ersten Treffen?

    Luise Wolking: Ich kam im März 2002 auf Drängen einer Bekannten zu der ersten Tagung für Frauen nach Trennung oder Scheidung. Ich hatte damals das Gefühl, meinen Platz bereits gefunden zu haben. Ich war zwar getrennt von meinem Mann, aber ich hatte einen festen Platz in der Pfarrgemeinde, in meiner Familie und im Freundeskreis. Da die Bekannte keine Ruhe gab, bin ich mitgefahren. In Schönstatt machte ich dann eine Erfahrung, die ich noch nie so gemacht hatte. Ich hatte das Gefühl, richtig zu sein, angenommen und geliebt. Das, was ich glaubte, was ich dachte und lebte, fand hier ein wirkliches Zuhause. Die unterschiedlichsten Erfahrungen wurden ausgetauscht. Die Einstiegsmeditation und die Erfahrung im Urheiligtum, der Gnadenkapelle in Schönstatt, waren das, was mich faszinierte. Wir bekamen Hilfestellung, um das Vergangene zu verarbeiten und unseren Glauben zu vertiefen. Wie ein Schwamm habe ich alles aufgesogen. Meine jetzige Lebenssituation aus der Perspektive des Glaubens zu sehen, hat mir sehr geholfen. Zuhause habe ich vor allem den Rat, auf die ersten und letzten Augenblicke des Tages zu achten, umgesetzt. Dazu gehörte, drei Dinge aufzuschreiben, die am Tag schön waren und Gott dafür zu danken. Jeweils am anderen Morgen habe ich mir diese drei positiven Dinge vom Vortag noch einmal bewusst gemacht. Das half mir den Tag gut zu beginnen. Außerdem betete ich von da an täglich das Liebesbündnis-Gebet. Das hat mein ganzes Leben verändert. Nach diesem ersten Treffen ging ich mit ins Vorbereitungsteam für solche Veranstaltungen. Die Erfahrung des Wochenendes hat in mir eine Freude am Leben wachgerufen, die ich nicht mehr kannte und die ich weitergeben wollte.

    Was hat Sie ermutigt, weiterzumachen? Ziehen sich Menschen in Krisensituationen nicht gegenseitig herunter?

    Schwester Anne-Meike: Die ersten Seminare waren tatsächlich sehr belastend. Oft weinten die Frauen miteinander. Das ging auch an mir nicht spurlos vorüber. Noch größer als das Leid aber war die Erfahrung: Gottes Liebe erreicht die verwundeten Frauen. Sie gingen befreiter, froher, gelassener weg, als sie gekommen waren. Manche kamen zwei-, dreimal. Andere immer wieder. Auf unterschiedliche Weise gab es Rückmeldungen: „Ich kann mein Leben jetzt wieder alleine bewältigen.“ – „Die Seminare haben mir geholfen, neue Perspektiven für mein Leben zu finden.“ Mir selbst ist dadurch vertieft aufgegangen, was Gottes Liebe bewirken kann. Die Spiritualität Schönstatts, aus der heraus wir die Seminare gestalten, lernte ich als eine Spiritualität der Lebensfreude und des gesunden Selbstwertgefühles neu schätzen. Mit der Zeit habe ich gerade diesen Kreis sehr schätzen gelernt. Wir sind wie eine kleine Familie zusammengewachsen.

    Luise Wolking: Auch wenn bei solchen Treffen viel Leid ausgesprochen wird, ist es eine frohe und gute Atmosphäre, in der jede Frau und jedes Kind sich angenommen und darum wohlfühlen kann. Bei den Veranstaltungen und Treffen wird geweint und gelacht. Jede Frau darf ihre Erfahrungen und Ängste einbringen. Gleiche Leiderfahrungen verbinden. Vieles, was ich erlebt habe, kann anderen helfen. Die guten Erfahrungen im Glauben tragen nicht nur mich, sondern sie tragen viele, wenn ich sie teile. Diese Rückmeldungen bekamen wir von den Frauen. Das bestärkte uns natürlich darin, weiterzumachen.

    Was kann den Betroffenen helfen?

    Luise Wolking: Das Selbstwertgefühl ist in der Situation nach Trennung am Boden. Wir verwöhnen die Frauen an diesen Tagen mit dem, was uns möglich ist. Die Frauen und Kinder fühlen sich angenommen und ihr Wertgefühl kann wieder wachsen. Wenn wir die Frauen, die am Freitag kommen, am Sonntag verabschieden, ist es oft nicht zu glauben, so haben sie sich verändert. Wir sprechen alles an, was Frauen bewegt, schauen mit ihnen auch in die Abgründe ihres Lebens. Dabei gibt es kein Tabuthema. Wir nehmen sie ganz in den Blick und gehen in den Impulsen, Gesprächen und Gebeten auf die Probleme der Einzelnen ein, so dass alle davon profitieren können. Und wir leiten dazu an, ein Tagebuch der Dankbarkeit anzulegen, um die Krisensituationen zu überstehen.

    Schwester Anne-Meike: Für die Seminare wählen wir jeweils eine Thematik, die das Leben, die Fragen und die Problematik nach Trennung oder Scheidung aufgreift. Mit der Zeit haben wir einen großen Erfahrungsschatz gesammelt, was Frauen in der Situation umtreibt. Kein Thema ist tabu. Es befreit zu hören, dass auch andere Frauen wie gelähmt sind oder voller Wut und Hass. Dass Gedanken nach Rache aufkommen können oder dass sich die Wut auch gegen einen selbst richten kann. Wir holen die Erfahrungen ein, die die Frauen machen, schauen gemeinsam nach Lösungswegen. Wichtige Schritte sind dabei, auf sich selbst zu achten, sich einen Blick für das Schöne zu bewahren, sich Unterstützung zu holen, den Mut nicht zu verlieren, jeden Tag neu anzufangen. Es gibt keine Patentlösungen in der vielfältigen Problematik. Daher ist es von Bedeutung, auf jede einzelne Frau und deren Leben zu schauen. Einzelgespräche sind ebenso wichtig wie der Austausch in der Gruppe. Die Frauen erfahren sich wichtig und angenommen. Das ist eine gute Ausgangsbasis, um neue Freude am Leben gewinnen zu können.

    Wie ist der Weg aus dem Tal der Tränen heraus zu schaffen?

    Luise Wolking: Die Belastung einer Trennung ist im Leben einer Frau wohl die größte, die es gibt. Wenn der Partner stirbt, hat man ein Grab zum Trauern und Menschen, die diese Trauer verstehen. Bei einer Trennung ist das anders. Das Grab gibt es nicht und meist gehen andere davon aus, dass es nach einigen Wochen oder Monaten wieder gut sein muss. Dem ist aber oft nicht so. Die Wunden aus der gemeinsamen Zeit müssen heilen, der Schmerz muss verarbeitet werden. Jede muss lernen, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen. Dazu kommen oft die finanziellen Schwierigkeiten. Diese sind durch die Gesetzgebung vorprogrammiert. Frauen mit Kindern geraten häufig extrem unter Druck. Wir versuchen durch Rat und Tat zu helfen, wo es möglich ist. Wir gehen mit auf Ämter, organisieren Möbel oder andere benötigte Dinge, gehen in die Familien. Wir machen auf die kleinen Glücksmomente im Alltag aufmerksam. Wir bestärken die Frauen, sich Hilfe zu holen.

    Schwester Anne-Meike: Die Frauen bilden untereinander so etwas wie eine Solidargemeinschaft. Persönliche Freundschaften werden aufgebaut. Eine unterstützt die andere. Manche rufen sich gegenseitig an, wenn es ihnen nicht so gut geht. Sie treffen sich zu Freizeitaktivitäten. Wir unterstützen auch in der ganz konkreten Not und vermitteln, wo nötig und möglich auch finanzielle Hilfe. Wer in akuter Not ist, kann an den Seminaren kostengünstig teilnehmen. Das setzt natürlich voraus, dass wir Personen finden, die unsere Arbeit finanziell unterstützen. Gott sei Dank gibt es Menschen mit großer Sensibilität für die Not der anderen.

    Worin sehen Sie den Mehrwert Ihres Ansatzes gegenüber Methoden wie „positiv denken“, die Betroffene in der säkularen Ratgeberliteratur finden?

    Luise Wolking: Ich kann schwere Situationen nicht schönreden. Das hilft auf Dauer nicht. Mich festmachen im Glauben, gute Erfahrungen sammeln und Menschen erleben, denen es gut damit geht, ist ein Weg der beständigen Stärkung. Jeden Tag die guten Momente suchen und dankbar dafür werden, hilft, eine neue Perspektive zu finden. Im Gebet gibt es das DU, welchem ich alles anvertrauen kann. Die Gottesmutter hatte viele Leiderfahrungen. Sie kann meine Sorgen und Nöte verstehen. Zu ihr kann ich immer kommen. Das ist eine Lebenserfahrung, die trägt, wenn sie gedeckt ist von der ganz menschlichen Erfahrung: Da gibt es jemand, der mit mir diesen Weg geht.

    Wo liegt die Stellschraube, die den Perspektivwechsel ermöglicht?

    Luise Wolking: In Gesprächen bestärken wir die Frauen, ihr Leben und das Leben ihrer Kinder als Familienleben zu gestalten. Wir stehen den Frauen und Kindern zur Seite. So machen wir spürbar, dass es einen guten Gott gibt, der sie liebt und der für sie sorgt. Eine Muslimin, nach eigener Aussage nicht gläubig, sagte nach unserer tatkräftigen Hilfe und nach einigen Gesprächen: „In den vergangenen Tagen wurde mir immer mehr bewusst, dass es doch einen Gott geben muss, der es auch mit mir gut meint.“

    Eine kleine Familie stand vor Weihnachten ohne einen Cent da. Die Frau hatte ihre Arbeit verloren. Sie hatte schon zwei Monate kein Geld mehr bekommen. Da das Arbeitsgericht noch kein Urteil gesprochen hatte, stand sie vor dem Nichts. Wir bekamen eine Geldspende für die Familie und ein großes Kleidungspaket für die Kinder. Beim Auspacken fehlten allen die Worte. Die Kinder hatten so etwas noch nicht erlebt. Sie bestätigten: So kann nur der liebe Gott sorgen. In der Not jemanden haben, auf den Verlass ist, spüren, dass ich jemandem wichtig bin, das sind Erfahrungen, die helfen, den eigenen Wert wieder zu entdecken.

    Warum ist die Lehre der Kirche für getrennt Lebende und Geschiedene eine Hilfe?

    Luise Wolking: Die Unauflöslichkeit des Ehesakramentes ist eine Hilfe für die getrennt lebenden Partner, nicht mit den entstandenen Verletzungen in die nächste Beziehung zu springen. Die Brüche der Kinder werden vielfach zu wenig gesehen. Wenn ein Elternteil aus der gemeinsamen Wohnung geht, ist die Belastung sehr groß. Wenn ein neuer Partner kommt, hat das schwerwiegende Konsequenzen. Die Belange der Kinder stehen oft hintenan. Probleme sind vorprogrammiert. Ein Kind hat den berechtigten Wunsch, angesehen zu sein und gewertet. Die alleinerziehende Mutter oder der alleinerziehende Vater hat da eine große Verantwortung, die ein neuer Partner meist nicht gerne teilt.

    Das Ehesakrament ist auch ein Schutz für die Eheleute. Es ist wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. Wenn das Leben mit dem Partner nicht gelungen ist, Gott, der den Bund im Sakrament mit uns schließt, bleibt treu. Allerdings muss es Trennungen geben dürfen, besonders in Ehen, die gewaltbesetzt und lebensbedrohlich sind. Dann ist eine Trennung heilsam für alle.

    Schwester Anne-Meike: Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir bei einem unserer Teamtreffen der Frage nachgegangen sind, ob Gott auch durch das Scheitern einer Ehe zu uns sprechen kann. Durch diese Krisensituation kann ganz neu die Frage aufkommen: Welchen Sinn hat mein Leben? Und es gibt Frauen, die erstmals für sich eine tiefgehende Antwort auf diese Frage suchen und finden. Ich kenne Frauen, die bewusst keine neue Beziehung eingehen, weil sie Gottes Ruf in dieser Lebenssituation folgen und für ihn und für andere da sein wollen. Sie haben die Erfahrung gemacht: Gott tritt persönlich ein in mein Leben. Für sie ist seine Liebe wichtig geworden.

    Wie verändert sich die Sicht der Betroffenen auf die Kirche durch Ihren Kreis?

    Luise Wolking: Frauen, die zu uns kommen, stehen oftmals der Kirche fern. Durch die Seminare und Tagungen bekommen sie einen neuen Zugang zum Glauben. Wir helfen ihnen, die Spuren Gottes in ihrem Leben zu entdecken. Wir gehen gemeinsam mit ihnen in das Schönstattheiligtum. Die Frauen finden Kontakt zur Gottesmutter und spüren, dass sie ihnen gut tut. Sie finden sich im Gebet selber wieder. Oft kommen die Frauen zwischendurch – einfach um im Heiligtum zu sein und ihre Sorgen dort zu lassen. So wächst langsam ein Bezug.

    Schwester Anne-Meike: Das Gnadenbild Schönstatts ist wie ein Kristallisationspunkt dieser Erfahrung: Gott schaut mich in Liebe an. Viele der Frauen, die zu uns kommen, bauen über dieses Bild und die Erfahrungen, die sie im Schönstattheiligtum machen, einen Bezug zu Gott auf. Maria hat dabei eine Brückenfunktion. Diese Brücke bleibt. Wer durch Maria zu Gott gelangt ist, reißt diese Brücke nicht wieder ein. So meine Erfahrung. In den Familien und Häusern hat das Gnadenbild Schönstatts oft einen besonderen Platz. Dort reflektieren die Frauen am Abend die Ereignisse des Tages und beginnen am Morgen mit einem Gebet. Das gibt dem ganzen Tag einen guten Rahmen und hilft, tagsüber bei Gott zu bleiben.

    Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

    Luise Wolking: Wir sind Werkzeuge Gottes. Wir dürfen den Frauen einen Weg zeigen, dürfen ihnen helfen und beistehen und so den Himmel spürbar machen. Weihbischof Peters sagte einmal in einer Predigt: Der liebe Gott kommt immer auf zwei Beinen. Es ist eine sehr schöne und verantwortungsvolle Aufgabe, für ihn zu arbeiten. Wir sind sozusagen die Zweibeiner Gottes.