• aktualisiert:

    Spannende Selbstläuterung

    Katholische Identität in glaubensarmer Umgebung: Die Missionare Identes in Berlin. Von Josef Bordat

    _

    Nachdem die Sanierung der Staatsoper abgeschlossen und das Gerüst abgebaut ist, kann man sie wieder gut erkennen: Die St. Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz. Dahinter liegt das Bernhard-Lichtenberg Haus mit dem Kathedralforum, Veranstaltungsräumen und einem Buchladen. Zugleich ist in diesem repräsentativen Gebäude eine Gemeinschaft ansässig, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an der Neuevangelisierung in der deutschen Hauptstadt auf ihre Art mitzuwirken: die Missionare Identes.

    Die Missionare Identes wurden von Fernando Rielo gegründet, einem Spanier. Geboren 1923 in Madrid war seine Jugend geprägt vom Spanischen Bürgerkrieg (1936–39). 1943 tritt Rielo den Redemptoristen bei und widmet sich philosophischen und theologischen Studien. Während dieser Zeit gründet er Motus Christi, mit dem Ziel, die Heiligkeit in Gemeinschaft nach dem Evangelium und das Apostolat zu fördern. Dies ist der Ursprung dessen, was später das Institut Missionare Identes werden sollte, die Rielo 1959 zwei Jahre nach seinem Austritt aus dem Redemptoristenorden gründet. 1994 wird die Institution von der Diözese Madrid als „Öffentliche Vereinigung von Gläubigen“ anerkannt und 2009 erhält sie vom Heiligen Stuhl den Status einer „neuen Form des geweihten Lebens“. Das Institut ist weltweit in 60 verschiedenen Diözesen vertreten.

    So auch im Erzbistum Berlin. In Frankfurt an der Oder leben zwei Idente Patres, die mehrere Gemeinden betreuen; zwei Schwestern der Identes helfen in der pastoralen Arbeit. Im Bernhard-Lichtenberg Haus leben fünf der insgesamt sieben Schwestern der Gemeinschaft.

    Eine von ihnen ist Schwester Cornelia Helfrich, promovierte Romanistin und Lehrerin an der Franziskusschule, eine der immer noch zahlreichen und weit über Kirchenkreise hinaus anerkannten und beliebten katholischen Bildungseinrichtungen, die es in Berlin gibt. Als Studentin kommt sie mit den Missionaren Identes in Berührung, absolviert ihr Noviziat in Paris, legt in Köln ihre Profess ab, geht für die Gemeinschaft nach Indien und Frankreich, ehe sie in Berlin landet, einer Stadt, die sich von allem prägen lässt, solange es nichts mit dem Christentum zu tun hat, einer Stadt, in der drei von vier Menschen keine Christen mehr sind. „Das ist ja gerade das Spannende!“, meint Schwester Cornelia Helfrich. Den Glauben denen näherzubringen, die eine „Allergie gegen Kirche“ haben. Doch wie geht das? An erster Stelle steht die Offenheit für den Anderen in seiner Andersartigkeit. „Da ergeben sich interessante Gespräche.“ Wichtig sei es, wie Christus selbst, ohne Ansehen der Person auf die Menschen zuzugehen. „Ich muss mich selbst einbringen, als Person. Immer und überall“, erklärt sie. Der Schlüssel seien die persönlichen Kontakte. „Mit den Menschen, in den Begegnungen wird evangelisiert. Das geht überall, auch im Bus oder Zug.“ Schwester Cornelia Helfrich spricht mit den Menschen, die sie im Alltag trifft. In Berlin wird das gut angenommen. Der Gesprächsbedarf ist da und die meisten Menschen sind offen für den Austausch, „zumindest rund 70 Prozent“, schätzt die Idente Missionarin.

    Das Wichtigste jedoch sei, so Schwester Cornelia, bei sich selbst anzufangen. „Um die Heiligkeit Gottes zu vermitteln, muss ich mich zunächst selbst bekehren lassen, um ein Werkzeug zu werden für die Mission Anderer.“ Denn die Kraft zur Mission komme nicht aus dem Menschen, sondern aus seiner Beziehung mit Christus. „Neuevangelisierung ist auch ein Läuterungsprozess. Gleichzeitig schenkt Christus eine große Freude, die man miteinander teilt, wenn man das zu überwinden sucht, was einen abhält, mit fremden Menschen über Gott und den Glauben zu sprechen.

    In der Spiritualität der Missionare Identes ist es von großer Bedeutung, zu lernen sich begleiten zu lassen. Dazu treffen sie sich einmal in der Woche zu einer asketisch-mystischen Prüfung, eine geführte Betrachtung unter der Leitfrage „Hat sich mein Leben dem Evangelium angepasst?“ Es gehe darum zu erkennen, wann und wo man nicht in der Liebe war, nicht in Selbstverleugnung gelebt hat, nicht bei Gott war. Das war ein Leitgedanke des Gründers der Missionare: „Die Erde vom Himmel aus zu betrachten“. „Daraus entstehen auch neue Ideen für die Neuevangelisierung“, meint Schwester Cornelia.

    Und ganz konkret – was machen die Missionare Identes? „Wir begleiten Menschen“, fasst sie den Missionsansatz der Gemeinschaft zusammen. Dazu gehört, die Menschen anzunehmen, wie sie sind, und dabei den Mut zu haben, auch Neues zu wagen. „Da ist zum Beispiel eine Schwester, Studentin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen. Sie hat sich eines Tages angeboten, zusammen mit ihren Kommilitonen die dort übliche Andacht zu gestalten. Dazu kamen auch einige: Christen, Hinduisten, Atheisten. Gemeinsam wurde nach Formen einer würdigen Andacht gesucht.“ Die Struktur der Stadt spiegelt sich auch in den Veranstaltungen der Missionare. Neben niedrigschwelligen sozialen und spirituellen Angeboten ist es vor allem auch die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Gegenwart, die Schwester Cornelia und ihren Mitstreiterinnen am Herzen liegt. Am ersten Sonntag im Monat gibt es philosophische Gespräche, regelmäßig Vorträge zur Mystik, nicht nur christlicher Provenienz. Von der islamischen Mystik etwa könne man „viel lernen“. Es gehe dabei um die Stärkung der jeweiligen Religion durch die Mystik, des Christentums, aber auch anderer Glaubensrichtungen. „Wie gelange ich als Katholik zu den Ursprüngen des christlichen Glaubens zurück, zum Evangelium? Aber auch: Wie kann ich als Nichtchrist den Glauben besser und tiefer leben?“, so Helfrich, die ein positives Bild der in Berlin – neben dem Christentum – anderen zahlenmäßig relevanten Religionsgemeinschaft hat. „Der Islam hat einen großen Reichtum – literarisch und hinsichtlich der Werte. In meiner Schule sind viele nicht-christliche Kinder, die sich durch besonderes soziales Engagement hervortun.“ Eine gute Organisation ist auch für die zielgerichtete Verbreitung des Evangeliums eine Voraussetzung. Der Kontakt mit anderen Gemeinschaften sei von großer Bedeutung. Neuevangelisierung gelingt eben am besten miteinander.

    Der Identes-Gründer Fernando Rielo selbst ist Autor zahlreicher metaphysischer und poetischer Texte. Er ist Ehrendoktor der Universität Loja (Ecuador), Ehrenprofessor der katholischen Pontifikaluniversität in Santo Domingo (ebenfalls Ecuador) und Mitglied der North American Academy of the Spanish Language. Noch heute pflegen die Missionare Identes sein Erbe, veröffentlichen und übersetzen sein umfangreiches Werk. Alle drei Jahre richtet die Gemeinschaft den Weltkongress der Metaphysik aus, in diesem Jahr findet er voraussichtlich wieder in Salamanca statt. Dafür gibt es die Fernando-Rielo-Stiftung. Zudem sorgt die Idente-Jugend mit interessanten Projekten für Aufmerksamkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das Projekt Weltjugendparlament, wo es um Werte in der Gesellschaft geht, führte die „Idente-Jugend“ bereits in die USA und 2017 nach China. Die internationalen Kontakte zeigen den jungen Menschen: Du bist nicht allein.

    Bearbeitet von Dr. Josef Bordat

    Weitere Artikel