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    Spaniens Heiliger der Superlative

    Pamplona (DT) Noch ist es nicht offiziell verkündet, doch bereits jetzt klar: Das ausklingende Pilgerjahr auf dem Jakobsweg hat alle Rekorde gesprengt.

    Einmal nach Santiago zu pilgern und das Grab des Apostels zu sehen ist ein Traum vieler Zeitgenossen: Das Ziel in Sicht ... Foto: dpa

    Pamplona (DT) Noch ist es nicht offiziell verkündet, doch bereits jetzt klar: Das ausklingende Pilgerjahr auf dem Jakobsweg hat alle Rekorde gesprengt.

    Wer geglaubt hatte, die Zugkraft des Jakobsweges wäre längst ausgereizt oder die wiederaufgeblühte Pilgerroute in den Nordwesten Spaniens zerbräche an ihrem Erfolg der jüngeren Zeiten, sieht sich getäuscht. Im ausklingenden Jahr sind so viele Pilger wie niemals zuvor am Sehnsuchtsziel Santiago de Compostela angekommen: rund 280 000. Das Pilgerjahr 2016 geht bis auf Weiteres als Rekordjahr in die Geschichtsbücher ein. Dabei wurde laut vorläufiger Pilgerstatistik bereits Ende November (275 049) nicht nur die Zahl aus dem Vorjahr (262 459) übertroffen, sondern auch die bisherige Spitzenmarke aus dem Heiligen Jakobusjahr 2010 (272 412). Somit ist ein neues Kapitel bei der Jakobswegs-Renaissance geschrieben, deren Anfänge in den 1980er Jahren zu suchen sind, als Idealisten die alte Pilgerroute neu markierten, Wiederentdecker aufbrachen, Jakobsgesellschaften gegründet wurden und Papst Johannes Paul II. explizit Anstöße zur Pilgerschaft gab. Seinerzeit war ein derartiger Hype, zu dem sich das Pilgern auf dem Jakobsweg heute entwickelt hat, nicht ansatzweise vorauszusehen. In ganzen Jahren trafen damals soviele Pilger ein wie heute in wenigen Stunden im zulaufstärksten Pilgermonat August – 1980 waren es beispielsweise 209, drei Jahre später lediglich 146, und 1985 folgten 690.

    Zum richtigen Boom der Pilgerentwicklung kam es ab den neunziger Jahren, wobei die Entwicklung wellenförmig verlief. Höchstwerte bescherten ein ums andere Mal die Heiligen Jakobusjahre, Jahre also, in denen der Jakobustag 25. Juli auf einen Sonntag fiel. Das war 1993 (99 436 Pilgerankünfte), 1999 (154 613) und 2004 (179 944) der Fall, doch zu Jahrtausendbeginn gab es gleichermaßen Jahre mit deutlich weniger Zustrom, so 2001 (61 418), 2002 (69 952) und 2003 (74 614). Dass sich solche Zahlen in eineinhalb Jahrzehnten nunmehr vervier- bis verfünffacht haben, hat vielschichtige Gründe, die generell weniger mit Glaubenseifer als mit der persönlichen Auszeit des „Ich bin dann mal weg“-Effekts und dem Erlebnis des Pilgerns an sich zu tun haben. Auch der sportliche Antrieb, seine Leistungsgrenzen ausloten zu wollen, spielt vereinzelt mit. Die Infrastruktur des Jakobsweges mit der Vielzahl an Pilgerherbergen und der exzellenten Kennzeichnung der Wegstrecken gibt den idealen Rahmen. Hinzu kommen die so wertvollen Begegnungen der Pilger untereinander und die Wechselspiele der Eindrücke aus Natur und Kultur, wenn man sich allein die meistfrequentierte Pilgerroute, den „Französischen Weg“, vor Augen hält: von den Pyrenäen bis zum hügeldurchwellten Grün Galiciens, zwischendurch die Weingärten der Rioja, die Hochebene Meseta, prachtvolle Kathedralstädte wie Burgos und León, romanische Schmuckstücke wie die Flussbrücke in Puente la Reina und die Martinskirche in Frómista, pittoreske Steindörfer wie Rabanal del Camino und Foncebadón.

    Weiterer Grund für den Aufschwung ist eine mediale Unterfütterung des Themas Jakobsweg, das unvermindert in diversen Fernsehkanälen präsent war. Die Spanne reichte von seriösen Dokumentationen (wie auf Bibel TV) bis hin zu Doku Soaps wie „Old Guys on tour“ (letzten Herbst auf Tele 5), für die man sich fremdschämen musste: abgehalfterte Promis der C-Kategorie als „authentische Pilger“ unterwegs. Sieht man davon ab, dürfte Einzelne auch das von Papst Franziskus ausgerufene „Jahr der Barmherzigkeit“ nach Santiago de Compostela gelockt haben. Bis in den November hinein konnte man durch die „Heilige Pforte“ in die Kathedrale gelangen, ein Zugang, der ansonsten nur in Heiligen Jakobusjahren vorbehalten bleibt. Darauf muss man nun bis 2021 warten. Wermutstropfen in diesem Jahr ist die teilweise Einrüstung der Kathedrale gewesen, die in näherer Zukunft anhalten wird.

    Für die Bediensteten im Pilgerbüro in Santiago de Compostela bedeutete das jetzige Pilgerjahr eine besondere Herausforderung, um die Anstürme zu bewältigen und „Compostela“-Urkunden wie am Fließband auszustellen. Ein Diplom steht traditionsgemäß jenen Ankömmlingen zu, die anhand der Stempelfolgen im Pilgerausweis nachweisen können, mindestens die letzten hundert Kilometer bis zur Apostelstadt zu Fuß oder zu Pferd oder die letzten 200 Kilometer per Fahrrad bewältigt zu haben. Mitunter herrschte im Pilgerbüro ein solcher Andrang, dass Ankömmlinge zwei Stunden und mehr auf die Ausstellung ihrer Urkunde warten mussten. Allerdings: Nicht immer wird der Ausweis von den Bürokräften im Detail geprüft. Dem Verfasser dieses Beitrags sind persönlich Fälle bekannt, bei denen sich Buspilger unterwegs in Kirchen und Klöstern Stempel geholt hatten, um sich später in Santiago de Compostela die Urkunde als „Souvenir“ zu erschleichen – mit Erfolg. Dies allerdings ist die Ausnahme.

    Der Blick in die Monatsstatistiken dieses Jahres zeigt, dass alleine im Hochsommer eine enorme Menge von fast 100 000 Pilgern in Santiago de Compostela eintraf. Im Juli waren es 45 483, im August 53 714 Ankömmlinge. Das musste man sich Tag für Tag – umgerechnet auf den Schnitt – so vorstellen, als wäre ein komplettes 1 600-Einwohner-Dorf unterwegs gewesen. Dann wurde es drangvoll eng bei den Pilgermessen in der Kathedrale, dann reichten die Kapazitäten in den Pilgerherbergen nicht aus. Nicht verschwiegen sei, dass gleichlaufend zur Massenbewegung die zunehmende Kommerzialisierung nicht aufzuhalten ist. Die Preise in manchen Herbergen und Kneipen am Wege steigen, der organisierte Rucksacktransport nimmt zu. Da niemand mehr in Santiagos Kathedrale mit Rucksack hineindarf, ist dort ein Geschäft mit der gebührenpflichtigen Gepäckaufbewahrung entstanden. Und abseits offizieller Stellungnahmen blüht in der Kathedrale das Geschäft mit dem Weihrauchwerfer Botafumeiro, der zu festgelegten „Spendensätzen“ beim Klerus von Santiago bestellt werden kann. „Siegt Mammon letztlich über Jakob?“, gibt in diesem Zusammenhang der erfahrene deutsche Pilger Bernhard Steghöfer zu bedenken. Zwar bezeichnet er sich als „nach wie vor überzeugten Jakobswegler“, hat aber die Pilgermesse als „absolut stimmungslose Zeremonie“ empfunden und sich ebenfalls daran gestoßen, dass bei der traditionellen Umarmung der Jakobusfigur im Hochaltar eine Aufsicht mit Argusaugen darüber wacht, dass man für diese Berührung unbedingt etwas spendet.

    Klassiker unter den Wegstrecken nach Santiago ist einmal mehr der „Französische Weg“ gewesen, doch angesichts des Zulaufs sind historische Alternativrouten auf dem Vormarsch, darunter der „Küstenweg“ und der „Portugiesische Weg“. Nicht nur geografisch, auch zeitlich kommt es zunehmend zu einer Entzerrung, was die Pilgerstatistik belegt. Denn immer mehr Pilger brechen genau dann auf den Jakobsweg auf, wenn es von der Jahreszeit und Witterung her eigentlich nicht empfehlenswert wäre. Das betrifft die Monate November bis Februar. Dann ist mit Schnee in den Pyrenäen zu rechnen, eisigen Winden auf der Meseta, kräftigen Niederschlägen in Galicien und manch geschlossenen Pilgerherbergen. Derlei Unbilden zum Trotz spricht dafür, im Winter ohne Massenandrang und allein auf weiter Flur unterwegs zu sein.