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    Spagat zwischen Einheit und Vielfalt

    Herr Prälat, Amoris laetitia bringt de jure keine Veränderung zum Katechismus, zu Familaris consortio und zum Kirchlichen Gesetzbuch.

    Prälat Markus Graulich
    Prälat Markus Graulich SDB arbeitet im Päpstlichen Rat für die Interpretation der Gesetzestexte in Rom. Foto: Archiv

    Herr Prälat, Amoris laetitia bringt de jure keine Veränderung zum Katechismus, zu Familaris consortio und zum Kirchlichen Gesetzbuch. Sind damit die Kriterien für Kontinuität zum Lehramt erfüllt?

    Amoris laetitia enthält viele sehr schöne Passagen, in denen die kirchliche Lehre über Ehe, Familie und Sexualität in einer echten Verankerung in der Tradition weiterentwickelt und vertieft werden. Neu und wertvoll ist die Tatsache, dass nicht nur von der Ehevorbereitung die Rede ist, sondern auch von der Begleitung der Eheleute in den verschiedenen Phasen des Ehe- und Familienlebens. Der Begriff der Familie wird über die Kernfamilie hinaus erweitert auf die Kontinuität der Generationen, in der auch die alten Menschen einen selbstverständlichen Platz haben. Ebenso werden die Schattenseiten von Ehe und Familie nicht verschwiegen und es wird auch auf die Herausforderungen durch die Gender-Ideologie und die Methoden der Reproduktionsmedizin eingegangen.

    Zugleich enthält das Schreiben einige Passagen im Hinblick auf unvollkommene und irreguläre Situationen, welche einer Interpretation Vorschub leisten können, die sich von der Lehre der Kirche entfernt. Die „mildernden Umstände in der pastoralen Unterscheidung“ (Nr. 301–303), deren unterschiedlichste Anwendung in der Praxis nun möglich ist, wobei eine weitergehende Konkretisierung fehlt, können genauso falsch verstanden und angewandt werden, wie die Mahnung von Papst Franziskus, sich nicht mit der Anwendung moralischer Gesetze zufriedenzugeben, „als seien sie Felsblöcke, die man auf das Leben der Menschen wirft“ (Nr. 305). Solche Aussagen können – auch wenn dies wahrscheinlich nicht vom Papst beabsichtigt worden wäre – zur Aufweichung jeder moralischen Norm genutzt werden, zumal der Papst selber davon spricht, dass die Kirche manchmal „ein allzu abstraktes theologisches Ideal der Ehe vorgestellt [hat], das fast künstlich konstruiert und weit von der konkreten Situation und den tatsächlichen Möglichkeiten der realen Familien entfernt ist. Diese übertriebene Idealisierung, vor allem, wenn wir nicht das Vertrauen auf die Gnade wachgerufen haben, hat die Ehe nicht erstrebenswerter und attraktiver gemacht, sondern das völlige Gegenteil bewirkt“ (Nr. 36). Im Zusammenhang des ganzen Schreibens gelesen, können diese Passagen richtig verstanden und im Kontext der Tradition der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie fruchtbar gemacht werden. Die Art und Weise ihrer Formulierung schließt aber den Missbrauch nicht aus.

    Laut CIC, can 342 sollen Bischofssynoden dem Papst bei Bewahrung und Wachstum von Glaube und Sitte, bei Wahrung und Festigung der kirchlichen Disziplin, mit ihrem Rat hilfreich beistehen, doch in den Kommentaren werden die Interpretationslinien bereits in entgegengesetzte Richtungen ausgezogen. Manche warnen auch vor der Gefahr des Missbrauchs der Aussagen. Hat die Synode angesichts von so viel Verunsicherung ihren Zweck verfehlt?

    Die Bischofssynode ist eine der Formen, durch welche die Bischöfe dem Papst bei der Ausübung seines Amtes zur Seite stehen (can. 334 CIC). Die beiden Generalversammlungen der Synode zum Themenbereich Ehe und Familie und die sie begleitende theologische und kirchenrechtliche Diskussion haben deutlich gemacht, dass es im Hinblick auf das Verständnis und die Umsetzung der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie in der Weltkirche unterschiedliche Ansätze, Problemstellungen und pastorale Sensibilitäten gibt.

    Insofern hat die Bischofssynode einen Blick auf die Realitäten in der weltweiten Kirche geworfen. Die Diskussion der Synodenväter war – wie die beiden Relationen von 2014 und 2015 zeigen – nicht nur kontrovers, sondern auch sehr vielfältig, und es hat zwischen den beiden Synoden sicher auch eine Entwicklung hin auf mehr Einheit und Eindeutigkeit gegeben. Leider haben die Medien vor allem die Kontroversen wahrgenommen und versucht, die Synodenväter in Gruppen aufzuteilen, die bestimmten Lagern zugerechnet wurden. Das war sicherlich nicht nützlich und hätte dadurch verhindert werden können, dass man – wie bei vorhergehenden Synoden auch – Zusammenfassungen der Beiträge der Synodenväter veröffentlicht. Ähnlich wie während des Zweiten Vatikanischen Konzils, hat es eine „Synode der Medien“ und eine tatsächliche Synode gegeben; in der allgemeinen Wahrnehmung wird aber die „Synode der Medien“ mit ihrer Engführung der Thematiken in Erinnerung bleiben.

    Angesichts neuer Herausforderungen nicht nur im Bereich der Reproduktionsmedizin ist es erforderlich, die Lehre der Kirche über Ehe und Familie neu durchzubuchstabieren, denn die Herausforderungen sind andere als zur Zeit des Zweiten Vatikanums oder der Abfassung von Familiaris consortio. In dieser Hinsicht haben die beiden letzten Synodenversammlungen eine gute Arbeit geleistet, die nun in Amoris laetitia Eingang gefunden hat. Allerdings wird sie verkürzt wahrgenommen, weil nur nach Reizwörtern gesucht und nicht die Bemühung unternommen wird, die einzelnen Aussagen im Gesamt der kirchlichen Lehrverkündigung zu verstehen.

    Kann die Handreichung einer Bischofskonferenz oder einer Diözese als vollwertiger Ersatz für eine eindeutige päpstliche Vorgabe gelten?

    Hier gilt es, zwei Prämissen zu formulieren, die in Amoris laetitia selbst enthalten sind: Auf der einen Seite sagt Papst Franziskus, dass „nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“, um auf der anderen Seite seine Überzeugung auszudrücken, dass „in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden [können], welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen“ (Nr. 3). Das ist ein schwieriger Spagat zwischen Einheit und Vielfalt, zwischen Eindeutigkeit in der Lehre und Pluralismus der Vermittlungsformen.

    Während die pastoralen Situationen in den unterschiedlichen Regionen der Erde tatsächlich sehr verschieden sind und es daher schwierig ist, eindeutige und allgemein gültige Entscheidungen zu treffen, wie die Lehre der Kirche in den einzelnen Kontexten gelebt werden kann, bedarf es im Hinblick auf die Lehre und die Moral doch der Einheitlichkeit. Vinzenz von Lérins hat als Kriterium für den Glauben festlegt, dass das wahr und eigentlich katholisch ist, was überall, immer und von allen geglaubt wurde. Und da der Glaube Auswirkungen im Leben hat, gilt das auch für die Moral. Hier hat Inkulturation ihre Grenzen.

    Wenn nun Bischofskonferenzen in Handreichungen oder in anderen Dokumenten anfangen würden, die Lehre oder die Moral (neu) zu definieren, kann das nur negative Folgen für die Einheit des Glaubens und der Kirche haben, die gerade in Zeiten der Verfolgung immer die Stärke der katholischen Kirche gewesen ist. Was möglich und notwendig ist, sind Handreichungen im Hinblick auf die Umsetzung, auf die Ausgestaltung. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen: Amoris laetitia legt, wie übrigens auch schon Familiaris consortio, großen Wert auf eine gute Vorbereitung der Ehe. Wie eine solche Vorbereitung unter Berücksichtigung der Situationen vor Ort aussehen kann und wie dabei die Traditionen der Völker rund um die Ehe im Einzelnen einbezogen werden können, das ist Sache der Bischofskonferenzen. Sie können aber nicht für ihren Zuständigkeitsbereich festlegen, was Ehe ist.

    Kardinal Burke stuft Amoris laetita als persönliche Meinungsäußerung des Papstes ein. Stimmen Sie zu? Wie verbindlich ist das Dokument?

    Ich bin mir nicht sicher, ob das Interview von Kardinal Burke hier richtig verstanden worden ist. Er bezieht sich auf die Aussage von Papst Franziskus, die ich vorhin zitiert habe, dass nicht alles in der Kirche durch ein Wort des Lehramtes entschieden werden kann, sondern auch vor Ort geregelt werden muss. Der Kardinal wollte vermutlich den Charakter eines Apostolischen Schreibens nicht in Frage stellen, sondern die Selbstbeschränkung des Papstes zusammen mit der Notwendigkeit unterstreichen, ein Apostolisches Schreiben im Zusammenhang mit der Lehrtradition der Kirche zu lesen, deren Teil es ist.

    Wie alle anderen Apostolischen Schreiben gehört Amoris laetitia zum ordentlichen päpstlichen Lehramt, das verschiedene Ausdrucksformen und Verbindlichkeiten kennt. Wie andere Dokumente dieser Art auch, wird Amoris laetitia als nachsynodales Apostolisches Schreiben bezeichnet, das heißt, in dieses Dokument sind auch die Überlegungen der beiden Versammlungen der Bischofssynode zu Ehe und Familie eingegangen. Es handelt sich also weder von der Form noch von der Entstehensweise her um eine persönliche Meinungsäußerung des Papstes.

    Bei der Feier des 50. Jahrestages der Errichtung der Bischofssynode hat Papst Franziskus feststellt, dass der synodale Weg, zu dem er eingeladen hat, „im Hören auf den Bischof von Rom [gipfelt], der berufen ist, als Hirte und Lehrer aller Christen zu sprechen: nicht von seinen persönlichen Überzeugungen ausgehend, sondern als oberster Zeuge der fides totius Ecclesiae [des Glaubens der gesamten Kirche], als Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und mit der Überlieferung der Kirche“ (15. Oktober 2015). In dieser Passage beruft sich der Papst übrigens auf das Erste Vatikanische Konzil.

    Einem Apostolischen Schreiben kommt zwar nicht die Verbindlichkeit einer Apostolischen Konstitution oder einer Enzyklika zu. Es ist dennoch Ausdruck des päpstlichen Lehramtes und kann nicht auf eine Stufe mit mehr oder weniger zufälligen Äußerungen des Papstes zum Beispiel in einem Interview oder bei der morgendlichen Messe in Santa Marta gestellt werden.

    Lässt sich Amoris laetita so weit auslegen, dass – um ein deutsches Beispiel zu zitieren – die Türen zum „Freiburger Weg“ damit offen stehen?

    Diese Möglichkeit sehe ich nicht, denn der so genannte Freiburger Weg (das heißt die Vorschläge der Handreichung von 2013) geht bis hin zur Segensfeier für Paare, die nach Scheidung in einer zweiten Verbindung leben. Dafür sehe ich in Amoris laetitia keine Anhaltspunkte. Sicherlich gibt es im Dokument Stellen, die einem „weiten Umgang“ mit irregulären Situationen Vorschub leisten können. So weit wie die Freiburger Handreichung geht Amoris laetitia jedoch nicht.

    Rechnen Sie damit, dass Can. 915 in deutschsprachigen Diözesen nun faktisch Makulatur wird?

    Can. 915 schließt Gläubige, „die hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren“ vom Empfang der Kommunion aus. Zu dieser Gruppe wurden bisher auch die Gläubigen gezählt, die nach Scheidung in einer zweiten zivilen Ehe leben (vgl. Erklärung des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte vom 24. Juni 2000). Dieser Canon wird vom Apostolischen Schreiben nicht außer Kraft gesetzt; es wird zur Unterscheidung aufgerufen und es werden Kriterien genannt, in denen so genannte mildernde Umstände bei der Bewertung einer Sünde geltend gemacht werden können. Es bleibt fraglich, ob diese Kriterien auch gelten können, wenn jemand in der schweren Sünde verharrt, also nicht zur Umkehr bereit ist.

    Was die Beachtung der in diesem Canon enthaltenen Vorschrift angeht, stehen wir meines Erachtens schon länger vor der Schwierigkeit, dass ein Begriff dessen fehlt, was Sünde, beziehungsweise was schwere Sünde ist. Verkündigung und Katechese waren zu anderen Zeiten vielleicht zu sehr darauf konzentriert, hier genaue Unterscheidungen vorzunehmen und Kataloge aufzustellen. Heute ist das Gegenteil der Fall: der Begriff „Sünde“ kommt in der Verkündigung kaum noch vor. Alles scheint erlaubt und die klare Botschaft Jesu, dass zum Christsein auch eine bestimmte Verhaltensweise gehört, dass zur Annahme des Glaubens die Umkehr und die Bereitschaft gehören, Gottes Gebot zu leben, wird zum großen Teil unter den Tisch fallen gelassen oder nur sehr bedingt wahrgenommen. Hier ist – über das Thema Ehe und Familie hinaus – mehr Klarheit und mehr Mut in der Verkündigung erforderlich, damit den Gläubigen wieder bewusst wird, dass der Empfang der Kommunion nicht nur Stärkung auf dem Glaubensweg ist, sondern auch Ausdruck einer Gemeinschaft, welche durch die Sünde gestört sein kann, vor allem dann, wenn die Sünde zu einer Lebenshaltung wird.

    Der unwürdige Kommunionempfang wird in AL nur einmal erwähnt: „Wenn diejenigen, die zur Kommunion gehen, sich dagegen sträuben, sich zu einem Einsatz für die Armen und Leidenden anregen zu lassen, oder verschiedene Formen der Trennung, der Verachtung und der Ungerechtigkeit gutheißen, werden sie die Eucharistie unwürdig empfangen.“ (186). Wie ist diese Aussage aus kirchenrechtlicher Sicht zu bewerten?

    Diese Aussage steht im Kontext der Überlegungen des Papstes im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen der Gliedschaft am Leib Christi (der Kirche) und der Teilhabe am Leib Christi in der Heiligen Kommunion. Mit Recht weist der Papst darauf hin, dass sich Familien, die zur Gemeinschaft der Kirche gehören, nicht auf sich selbst zurückziehen und im trauten Heim einmauern können. Sie sollen „die Wände der eigenen Familie durchlässig werden lassen für eine größere Gemeinschaft mit den Ausgeschlossenen der Gesellschaft und dann wirklich das Sakrament der eucharistischen Liebe empfangen, das uns zu einem Leib macht“ (Nr. 186). Das drückt einen Gedanken aus, der schon den Kirchenvätern wertvoll war: die in der Kommunion ausgedrückte Einheit soll auch im alltäglichen Leben sichtbar werden.

    Wer gegenüber dem Leiden anderer gänzlich unsensibel bleibt, Trennungen gutheißt oder gar fördert, widerspricht einem Gebot Christi und drückt durch den Empfang der Kommunion eine Gemeinschaft aus, der er selber Grenzen gesetzt hat. Es ist wohl der Struktur des Dokumentes geschuldet, dass an dieser Stelle nicht auch andere Situationen erwähnt werden, die zu einem unwürdigen Kommunionempfang führen. Das Kirchenrecht gibt da im Allgemeinen eine gute Vorgabe: „Wer sich einer schweren Sünde bewusst ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte … nicht den Leib des Herrn empfangen, außer es liegt ein schwerwiegender Grund vor und es besteht keine Gelegenheit zur Beichte; in diesem Fall muss er sich der Verpflichtung bewusst sein, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken, der den Vorsatz mit einschließt, sobald wie möglich zu beichten“ (can. 916 CIC). Das gilt für alle Sünden, nicht nur für diejenigen gegenüber dem Nächsten.

    Insofern stellt der Hinweis des Papstes ein Beispiel für die Voraussetzungen zum würdigen Kommunionempfang dar, ausgehend von der erforderlichen Offenheit der Familien gegenüber dem Nächsten, auf die auch bei der Feier der Trauung hingewiesen wird. Ich sehe darin keine Ausschließlichkeit, sondern eine Anregung, sich ernsthafte Gedanken zu machen, welche andere Verhaltensweisen dem würdigen Empfang der Kommunion und der Gemeinschaft, die darin ausgedrückt wird, entgegenstehen.

    In Punkt 244 erwähnt der Papst die Neuordnung der Ehenichtigkeitsverfahren und seinen Willen zur Klarstellung. Welchen Eindruck haben Sie? Fällt Betroffenen der Gang zum Offizialat nun leichter?

    Ich habe bisher noch nicht gehört, dass die kirchlichen Ehegerichte nach der Neuordnung der Ehenichtigkeitsverfahren von Gläubigen überrannt würden. Die von Papst Franziskus vorgenommene Vereinfachung des kirchlichen Eheverfahrens ist ja auch nur ein Teil der Reform. Diese Verfahren sollen eingebettet sein in einen Dienst der Begleitung und Beratung von Ehepaaren in Krisen (das erwähnt der Papst auch in Amoris laetitia). Durch diesen Dienst kann im besten Fall der Gang zum Kirchengericht verhindert und die Ehe aus der Krise geführt werden.

    Solche Einrichtungen der Begleitung und Beratung auf der Ebene der Pfarreien, der Dekanate und der Diözesen können einen wertvollen Dienst für die Ehepaare leisten und im Bedarfsfall eine Erleichterung auf dem Weg zum Offizialat darstellen, um die eigene Situation objektiv klären zu lassen. Viele Gläubige kennen die Möglichkeit des Ehenichtigkeitsverfahrens nicht und leben daher in irregulären Situationen, ohne dass dies erforderlich sein müsste. Da würde ich mir einen Bewusstseinswandel wünschen: dass das Eherecht und der Eheprozess nicht als Kontrapunkte zur Pastoral gesehen werden, sondern als eine andere Form des pastoralen Handelns, die nach objektiven Kriterien vorgeht und den Menschen dadurch wirklich helfen kann, ihre Situation vor Gott und der Kirche zu klären. Das führt, gerade wenn die Betroffenen in ihrem Gewissen von Zweifeln geplagt werden und nicht nur mitleidiges Verständnis, sondern eine deutliche Orientierung wünschen, weiter als private Absprachen mit dem Seelsorger, der bei der notwendigen Unterscheidung in einzelnen Situationen oft zu sehr von subjektiven Kriterien oder falsch verstandener „Pastoral“ geleitet sein könnte.

    In Fußnote 329 heißt es: Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, „wie Geschwister“ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, „nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden [kann].“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 51). Teilen Sie diese Einschätzung? Hat Familiaris consortio in Punkt 84 in diesem Sinne Korrektur- beziehungsweise Ergänzungsbedarf?

    Diese Fußnote gehört inzwischen sicher zu den am häufigsten kommentierten Aussagen des Apostolischen Schreibens. Familiaris consortio hatte einen Weg vorgeschlagen, der kein einfacher, sondern ein anspruchsvoller Weg ist und der Bekehrung Ausdruck verleiht. Ich sehe keinen Korrekturbedarf, sondern vielmehr die Notwendigkeit der Ergänzung im Sinne der Hervorhebung einer erforderlichen Begleitung der Paare, die sich für diesen Weg entscheiden, um sie zu unterstützen. Hier ist die Pastoral gefordert, neue Wege zu suchen und zu gehen. Und darauf sollen die Seelsorger entsprechend vorbereitet werden.