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    Sonntagslesung

    Vom Sabbat zum Sonntag Deuteronomium 5, 12–15; 2 Korinther 4, 6–11; Markus 2, 23–3, 6 Zu den Lesungen zum 9. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Manfred Hauke

    Sonntagslesung: Durch den Glauben sind wir gerettet Christen sind durch Taufe und Firmung zur Mission gesandt Exodus 17, 8-13; 2. Timotheus 3, 14-4, 2; Lukas 18, 1-8  Zu den Lesungen des 29. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)
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    „Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!“ Wahrscheinlich haben Sie schon oft diesen Gruß gehört, wenn Sie am Freitagnachmittag Ihre Arbeitswoche beendet haben. Das Wochenende: damit ist gemeint die arbeitsfreie Zeit am Samstag und Sonntag. Der Gruß („schönes Wochenende“) ist sicher gut gemeint. Aber ist er auch korrekt? Vom Wochenende können wir eigentlich nur sprechen in Bezug auf den Samstag. Denn Samstag meint den jüdischen Sabbat, den siebten und letzten Tag der Woche. Der Sonntag dagegen ist nach christlichem Verständnis der erste Tag der Woche, der Tag der Auferstehung Jesu. Für den gläubigen Christen beginnt die Woche mit dem Sonntag, dem Tag des Herrn. Die Gestaltung des Sonntags, mit der heiligen Messe im Mittelpunkt, ist die zentrale Energiequelle für unser Leben als Christen. Es ist darum schade, wenn unsere Kalender normalerweise (nach einer Maßgabe der UNO) die Woche mit dem Montag beginnen lassen. An die Stelle des befreienden Blickes auf die Heilstat Gottes tritt dann leider das innerweltliche Schema der Arbeit.

    Die erste Lesung und das Evangelium sprechen nicht vom Sonntag, sondern vom Sabbat, vom Samstag. Gleichwohl finden sich einige Elemente der Sabbatheiligung auch beim christlichen Sonntag wieder. Das Wort „Sabbat“ kommt von einem Wortstamm, der soviel wie „aufhören“ und „ruhen“ bedeutet. Der Sabbat ist im siebentägigen Wochenzyklus der Tag, wo die Arbeit eingestellt wird und neue Kraft geschöpft werden kann. Für die Begründung des Sabbats finden wir im Alten Testament zunächst den Hinweis auf die Erschaffung der Welt. Nach dem ersten Schöpfungsbericht im Buche Genesis hat Gott an sechs Tagen die Welt geschaffen, aber am siebten Tage geruht. Dabei geht es nicht um historische Informationen im Sinne eines Handbuches der Weltgeschichte, sondern um die Aussage, dass die ganze Welt von Gott stammt und dass alle Werke Gottes ausgerichtet sind auf die Begegnung mit Gott selbst im Gebet. Denn „Sabbat“ steht für Gebet, für Lobpreis Gottes. Alles ist geschaffen zur größeren Ehre Gottes. Der Mensch kann dabei ins lobpreisende Wort fassen, worin der Sinn der ganzen Schöpfung besteht. Die Arbeitsruhe am Sabbat sollte Raum geben für den Gottesdienst.

    Neben der Verherrlichung Gottes hatte der Sabbat aber auch noch einen anderen Sinn, den uns die erste Lesung andeutet. Die Ruhe, das Nichtarbeitenmüssen am Sabbat ist ein Zeichen der Befreiung. Israel hat viele Jahre unter der Zwangsarbeit in Ägypten gelitten, ist aber von Gott aus dieser Tyrannei befreit worden. Befreit sein, aufatmen können: am Sabbat soll sich Israel dieser Erlösungstat dankbar erinnern und sie sozusagen Woche für Woche erlebbar machen. Der Sabbat zeigt also zweierlei: die Hinordnung des Menschen auf den Lobpreis Gottes und das befreiende Sicherholen von der Last der Arbeit. Gottesdienst und Entspannung sind darum die beiden Kennzeichen des Sabbat.

    Zur Zeit Jesu haben die Pharisäer die Sabbatheiligung so eng gedeutet, dass sie dem Menschen keine Befreiung, sondern eine unsinnige Last auferlegte. So ärgern sich die Gegner Jesu über die Krankenheilungen und um das Ährenabreißen der Jünger am Sabbat. Dagegen betont Jesus: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“. Gleichzeitig, unmittelbar danach, heißt es: „Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat“. „Menschensohn“ ist ein prophetischer Titel, den Jesus auf sich selbst bezieht. Beim Propheten Daniel ist der „Menschensohn“ eine hoheitliche Gestalt, die am Ende der Tage auf den Wolken des Himmels kommt und ein Königreich herbeiführt, das in alle Ewigkeit bestehen wird. Jesus Christus, als Sohn Gottes und Menschensohn (im Sinne von Daniel) hat Vollmacht auch über den Sabbat. Aufgrund dieses göttlichen Anspruches, der den von Mose überragt, wollen die Pharisäer Jesus umbringen. Die frühe Kirche, einmal abgesehen von den Judenchristen, hat den jüdischen Sabbat nicht übernommen. In den ersten Jahrhunderten haben die Christen an allen Tagen gearbeitet, sich aber in der Morgenfrühe des Sonntags vor der Arbeit zur Messfeier getroffen. Manche Kirchenväter (wie Basilius und Johannes von Damaskus) bezeichnen die morgendliche Eucharistiefeier am Sonntag als apostolische Überlieferung. Herausgehoben wurde nicht der Sabbat, sondern der Sonntag als erster Tag der Woche, als Tag der Auferstehung Jesu.

    Am Beginn des vierten Jahrhunderts freilich erklärte Kaiser Konstantin den Sonntag zum Ruhetag und verbot an ihm die knechtliche Arbeit, um auch den Sklaven den Besuch der heiligen Messe und die nötige Erholung zu ermöglichen. Seit dieser Zeit integriert die Kirche die Kernelemente des Sabbats auch in den Sonntag: die gemeinschaftliche Feier des Gottesdienstes braucht den notwendigen Freiraum, der sinnvollerweise verbunden wird mit der Erholung des ganzen Menschen. Der Sonntag ist auch für die menschliche Kultur, selbst für die Nichtgläubigen, eine unschätzbare Wohltat, welche die Politiker nicht für ein Linsengericht preisgeben dürfen. Ein Überhandnehmen von „verkaufsoffenen Sonntagen“ ist nichts anderes als ein Ausverkauf unserer christlichen Kultur und eine schwere Belastung für die Familien, der Väter und Mütter, die arbeiten müssen. Wie der Sabbat an die Befreiung aus Ägypten erinnert, so weist uns der Sonntag auf die Befreiung aus der Sklaverei von Sünde, Tod und Teufel, die vom Opfer Christi erwirkt, des neuen Osterlammes, dessen Hingabe auf unseren Altären auf unblutige Weise vergegenwärtigt wird. Diese tiefgründige Befreiung sollte sich auch auswirken auf die Gestaltung des Sonntags, der die Pflicht der Arbeit mildert.

    Gleichzeitig ist der Sonntag mehr als eine Neuaufnahme des jüdischen Sabbat: Als erster Tag der Woche erinnert er an den ersten Schöpfungstag, denn die Auferstehung Christi begründet eine neue Schöpfung. Im Zentrum steht die Feier des heiligen Messopfers, in der Jesus Christus sein Opfer am Kreuz gegenwärtig setzt und uns seinen österlich verklärten Leib zur Speise reicht. Wenn wir am Sonntag treu die heilige Messe besuchen, stehen unsere Chancen nicht schlecht, dass einmal unser ganzes Leben einmünden wird in die ewige Freude Gottes: „Wie dein Sonntag, so dein Sterbetag.“

    In der heiligen Messe freuen wir uns über die Gegenwart des Auferstandenen, der den Tod überwunden hat und nun mit seinem verklärten Leib und Blut unsere Nahrung ist für unseren Weg zum himmlischen Vaterhaus. Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung, und jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Mit der verklärten Gegenwart Christi ist die neue Schöpfung schon in unserer Mitte anwesend. Der Mensch lebt nicht nur für die Arbeit oder die Freizeit, sondern für die Fülle des Lebens, die mit der Auferstehung Christi begonnen hat. Sonntag ist der erste Tag der Woche, nicht der letzte. Wenn mir jemand ein „schönes Wochenende“ wünscht, antworte ich: „Danke. Auch ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag“.

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