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    Sonntagslesung

    Der freigekaufte Sklave gehört seinem neuen Herrn Ijob 7, 1–7 Korinther 9, 16–23; Markus 1, 29–39 Zu den Lesungen am fünften Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Klaus Berger

    'Die Sonntagslesung' - jede Woche ausgelegt in der 'Tagespost'
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    Im ersten Korintherbrief beschreibt Paulus nicht nur seinen eigenen Beruf, sondern er denkt an das Werben jedes einzelnen Christen für seinen Glauben. Der Kernsatz steht im neunten Kapitel: „Denn ich bin frei von allen Dingen und habe mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst alle zu gewinnen.“ Der Satz in 9, 22 „Allen bin ich alles geworden“ bringt diesen Dienst des Apostels auf einen kurzen Nenner. Im Laufe der Zeit haben sich hier freilich Missverständnisse eingeschlichen, die besonders unter dem Pontifikat eines jesuitischen Papstes geklärt werden müssen. Denn was Paulus beschreibt, war genau das Programm des heiligen Ignatius von Loyola. So traten dann Mitglieder seines Ordens in China als konfuzianische Gelehrte, in Europa als Ärzte unter Ärzten auf. Auch die Arbeiterpriester hielten sich an dieses Vorbild: Um die der Kirche entgleitende Arbeiterschaft wiederzugewinnen, traten sie als gewöhnliche Arbeiter auf.

    Kritik an diesem Ideal gibt es ebenso seit Jahrzehnten. Wenn dann also einer zwei Berufe hat – einen bürgerlichen und einen geistlichen – muss dann nicht einer zu kurz kommen? Ist das nicht jedenfalls eine nervliche und gesundheitliche Überforderung? Muss man nicht zum Beispiel als Arzt in solcher Situation Kompromisse eingehen, wenn man überhaupt je die Approbation erhalten will? Ich denke nicht nur an Abtreibungen, sondern auch an die sich schnell entwickelnde Disziplin der Palliativmedizin. Kritik an dem paulinischen Berufsbild gab es schon in der alten Judenchristenheit der ersten sechs Jahrhunderte. Da gab es Gegner des Paulus, die ihm in die Schuhe schoben, sie hätten ihn in einem Götzentempel agieren sehen. Gerade angesichts der Positionen, die Paulus im ersten Korintherbrief gegenüber dem Götzenopfer vertritt, erscheint das als nicht abwegig. Und wahr ist, das berichtet Paulus selbst bereits, dass er mit seinem freien, selbstbestimmten Handeln gerade fromme Christen geärgert und gereizt hat. Kurzum, es geht um einen besonderen paulinischen und dann angeblich auch jesuitischen Missionsstil.

    Wir fragen: Wo liegen die Grenzen der missionarischen Anpassung? Aktuell gefragt: Darf man sein Brustkreuz verstecken, um keinen Ärger mit Moslems zu bekommen? Ist Ärger-Machen und schroffe Abgrenzung ein Weg der Mission? Schon vor fünfzig Jahren erlebte ich einen solchen Fall in Ungarn: Ein Priester, der sich weigerte, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten, wurde abgesetzt mit Rede- und Beichtverbot und fristete sein Leben als Bibliothekar in einem Krankenhaus. Die Pax-Christi Gruppe dagegen war auf Kooperation und Anpassung erpicht; Karl Rahner SJ gehörte zu den Mitstreitern. Auch hierzulande war jeder Kaplan als Jugendseelsorger nach den Grenzen der Anpassung gefragt, das betraf auch Alkohol, Sex und riskante Begegnungen mit der Polizei. Wie konnte man „beliebt“ sein? In meiner Heimat wollte man den katholischen Pfarrer sogar zum Oberbürgermeister wählen, weil er – „trotz Priester“ – so beliebt war, und eben „einer von uns“.

    Je älter ich wurde, umso mehr wurde mir deutlich, dass die Katechismusgebote, die wir lernen, nicht hauptsächlich für die anderen geschrieben sind, sondern für die Fälle, in denen man entscheiden muss, wie weit Anpassung gehen darf. Besonders die konfessionelle Spaltung macht diese Fragen oft ganz schwierig, denn oft genug hat sie den Christen der jeweils unterlegenen Seite – oft die Minderheit – den Stolz genommen. Familiärer Frieden, Frieden überhaupt und Toleranz stehen dabei stets auf dem Spiel.

    Zum Stolz sagt auch Paulus etwas in 9, 15–16: „Lieber würde ich sterben wollen, als euch zur Last zu fallen. Diesen Stolz kann mir niemand nehmen. ... Denn wenn ich das Evangelium verkündige, dann geht es nicht um meinen Stolz, sondern Gott zwingt mich dazu. Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige“: Ich verstehe das so: Es geht hier nicht um persönliche Gefühle, sondern um ein sehr sachliches Verhältnis: Dienst, Auftrag, Pflicht. Und das ist nun allerdings die positive Seite eines richtig verstandenen ignatianischen Missionsstils. Ignatius von Loyola war Offizier und verstand sich als Christi Soldat.

    Fazit: Paulus lehnt keineswegs „Stolz“ ab. Und er weiß sehr gut, dass dieses der heikle Punkt bei jeder Art von Anpassung ist. Meine Antwort: Jede Art von fragwürdiger Anpassung und Angleichung ist eine Frage des Stolzes. Genau diesen will die jeweilige Gegenseite, die in Wahrheit Konkurrenz ist, den Christen nehmen. Ganz deutlich ist mir, dass Paulus hier vor falscher Demut warnt. Das war bisweilen ein Nachteil kirchlich-christlicher Erziehung zur Demut. Sie wollte den Stolz vernichten, um es den Oberen zu ermöglichen, einfacher herrschen zu können. Das Ergebnis war oft ein Duckmäusertum besonders bei Christen. Da man die eigenen Fehler oft bei anderen leichter sehen will: Die hingebungsvolle evangelisch-lutherische Staatstreue („Krone und Altar“) erscheint mir als ein Beispiel falscher Demut im Sinne von Unterwürfigkeit.

    An diesem missionarischen Grundsatz des Apostels Paulus wird wieder einmal erkennbar, dass er die grundlegende Erlösung der Christen und seinen Dienst nach demselben Muster denkt, ja für ein und dasselbe Handeln Gottes hält. Daher kann man die Aussagen des Apostels über Befreiung und neue Versklavung völlig legitim von zwei Seiten her angehen, vom Beruf des Apostels und seiner Berufspraxis her – und von der Taufe der Christen her. Für beide gilt dasselbe Schema: Zunächst wird der Apostel befreit, aber dann begibt er sich in einen neuen Dienst, den er selbst nur als Sklaverei bezeichnen kann. So ergeht es dem Christen bei der Taufe nach Römer 6. Er lebt unter der Sklaverei der Sünde, stirbt in der Taufe mit Christus und wird so von dieser Sklaverei befreit. Es ist wie auf dem Sklavenmarkt. Denn frei ist der Sklave nur in der Sekunde des Übergangs zu einem neuen Besitzer. Dieser ist im Gegensatz zur Sünde jetzt Gerechtigkeit, was die Auswirkungen betrifft. Aber der ihn freigekauft hat, Jesus Christus, ist jetzt sein neuer Herr. Und beim Aposteldienst ist es ganz dasselbe: Paulus ist „frei von allen Dingen“, nämlich vom Zwang, Geld zu verdienen oder vom Zwang, seitens der Gemeinde etwas annehmen zu müssen oder auch nicht. Aber diese Freiheit ist sehr konkret doch nur die Kehrseite einer neuen Sklaverei. Denn der Apostel hat sich zum Sklaven aller gemacht, um alle zu gewinnen. Sein Stolz ist in dieser Freiheit begründet.

    Paulus meint damit eben nicht die Anpassung der Wahrheit an das jeweilige Publikum. Sondern er selbst, der Apostel ist „allen alles geworden“. Paulus meint damit den pädagogischen Grundsatz der Antike, nach dem ein Lehrer seinen Hörerinnen und Hörern das auch vorleben musste, was er lehrte. Der Lehrer konnte eben nicht neutrales Wissen übermitteln und sich persönlich zurückziehen. Vielmehr war sein Privatleben für seine Lehre höchst wichtig. Es gab daher zur Zeit des Paulus und schon seit Sokrates das Prinzip des „gläsernen Lehrers“. Das alte europäische College-System hielt daran für die universitäre Bildung fest, weil der Lehrer zusammen mit den Schülern in derselben Anlage wohnte. Auch Jesus wendet genau dieses Ideal in seiner Lehre an. Im Blick auf die Schüler nennt man das Nachfolge.

    Von Klaus Berger

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