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    Sonntagslesung: Wo Jesus ist, ist Gott gegenwärtig

    Ex 20, 1–17

    Ex 20, 1–17

    1 Kor 1, 22–25

    Joh 2, 13–25

    Auch an diesem Sonntag folgt die Zusammenstellung der Texte dem Prinzip der Monumentalität. Denn „die Zehn Gebote“ stehen neben dem „Tempel“ (Joh 2). Die Kombination ist überdies auch zur Zeit Jesu geläufig (Apg 6, 13f). „Gesetz und Tempel“ heißen sie da, heilige Institutionen, die auch das Christentum nicht abschafft, höchstens neu deutet. Wenn Jesus sich selbst Tempel nennt, so setzt das a) die Hochschätzung des Tempels voraus und b) dass der Tempel zur Zeit der Abfassung des Evangeliums noch existiert – eines der Argumente für die Frühdatierung des Joh- Ev vor 70 n. Chr.

    Gesetz und Tempel sind zwei fundamentale Institutionen Israels, die einander ergänzen und auch einander ähnlich sind. Das Gesetz stiftet die Ordnung des profanen Handelns, der Tempel regelt das sakrale Handeln. Beide dienen der öffentlichen Ordnung. Die Zehn Gebote hat das Christentum bewahrt, der Ort des Heiligen ist stets da, wo Jesus ist, und zwar in abgestufter Dichte und Intensität. Am intensivsten unter den Gestalten von Brot und Wein in der Eucharistie.

    Es ist sicherlich gut, an einem Fastensonntag einmal ganz klar die zehn Gebote zu hören. In den fünf Büchern des Moses stehen sie zweimal (mit ganz geringen Abweichungen), in Dtn 5 und in Ex 20. Im Neuen Testament steht die Liste der zehn Gebote nirgends auch nur annähernd vollständig, und das gilt auch für das ganze frühchristliche Schrifttum bis etwa 200 n. Chr. Daraus erkennen wir, dass die Lektüre der fünf Bücher des Moses wohl für die älteste Kirche immer noch grundlegend war – aus diesen las man im christlichen Gottesdienst vor (überdies gewiss auch aus dem „Kyrios“ [Evangelien] und dem „Apostolos“ [Paulusbriefe]). Aber das, was Moses aufgeschrieben hat, war wohl immer dabei.

    Zur Zeit Jesu gelten die Zehn Gebote als der Inbegriff von Gottes Geboten überhaupt. Vor allem durch die Katechismen hatten sie schon im Judentum diese Rolle, beispielsweise bei dem jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien im 1.Jh. n. Chr. Philo bringt in den Zehn Geboten alle anderen Gebote unter, so wie es später auch Luther und Petrus Canisius tun. Diese Rolle hat die Liste der zehn Gebote dadurch erlangt, dass schon die griechische Übersetzung des Alten Testaments die Verben im Sinne einer Liste von Kapitaldelikten gebraucht wurde. Das fiel besonders für die 5. – 8. Gebote leicht. Mord, Ehebruch, Diebstahl, Falschaussage vor Gericht waren auch für Heiden schwere Vergehen. Für Juden waren besonders das erste Gebot an der Spitze und das Sabbatgebot wichtig. Für Philo und den Apostel Paulus wurde besonders das 10. Gebot zentral, weil es das ungeordnete Begehren verbot – im Sinne der zeitgenössischen Moralphilosophie die Wurzel aller Laster. Vorteil für die Verwendung im Sinne der katechetischen Grundunterweisung war, dass man die Zehn Gebote an den zehn Fingern abzählen konnte, Nachteil war, dass fast alle Gebote nur als Verbote formuliert waren.

    Doch in der ursprünglichen hebräischen Fassung konnten die Zehn Gebote diese Rolle noch nicht spielen, denn die Verben, die das Verbotene benannten, bezogen sich auf sehr spezielle Delikte. Das 5. Gebot bedeutete: Nicht heimlich ermorden, sodass man Schuld nicht nachweisen kann. Das 6. Gebot meint das Verbot, die ehelichen Besitzrechte des männlichen Nachbarn an seiner Frau zu stören. Das 7. Gebot verbietet, einen freien männlichen Israeliten heimlich verschwinden zu lassen, um ihn in die Sklaverei zu verkaufen. Das 8. Gebot meint die Zeugenaussage, von der der Ausgang des Verfahrens abhing. Das 9. und 10. Gebot beziehen sich auf Machenschaften, die vor dem Bereich des eigentlich Strafbaren liegen.

    Damit haben alle Verbote eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf Fälle, bei denen die Schuld nicht ohne weiteres erweisbar ist, weil kein weiterer Zeuge dabei zu sein pflegt. Denn zum Beispiel Ehebruch mit der Frau des Nächsten war außer durch direkte Zeugen nicht erweisbar, da eine Ehefrau bereits als entjungfert galt. Und die Zeugenaussage vor Gericht war in der Regel nicht überprüfbar, die Richter waren auf die Ehrlichkeit der Aussage auf Gedeih und Verderb angewiesen. Und bei dem, was das 9. und 10. Gebot untersagen, geht es auch um den Bereich, der noch nicht schuldhaft ist. So appellieren die Zehn Gebote insbesondere an das Gewissen des Täters. Denn wo die Schuld in der Regel nicht ohne weiteres nachweisbar ist, muss man im Namen Gottes besonders an die Verantwortung vor Gott appellieren, die der Einzelne zu tragen hat. Erst durch die Übersetzung ins Griechische werden aus diesen speziellen Delikten allgemeinere schwere Vergehen. Es wäre wohl gut, wenn man heute bei der Belehrung über die Zehn Gebote den ursprünglichen Appell an das Gewissen wieder bemerkte, denn viele Vergehen, insbesondere solche in der Familie, werden nicht angezeigt.

    Doch neben der Moral steht der Bereich des Heiligen, also das, was das Evangelium aus Joh 2 sagt, und zwar unter dem Stichwort Tempel.

    Als der Gerechte ist Jesus heilig und rein, wie es sonst der Tempel ist. Daher werden nach Joh 4, 22–24 die Tempel Jerusalems und des Berges Garizim (Samaritaner) gemeinsam ersetzt durch Jesus als den neuen Ort, an dem man Gott anbetet in Geist und Wahrheit – denn diese sind bei ihm zu finden. In diesem Sinne sind bereits die theologischen Ortsangaben in Joh 1, 38f zu verstehen, die sich um das Verb „bleiben“ im Sinne von „wohnen“ gruppieren. („Wo wohnst du“ – „Kommt und seht“ – „Sie kamen nun und sahen, wo er wohnte“ – „Und sie bleiben bei ihm...“). Denn dort, wo Jesus wohnt, ist der heiligste Ort der Gegenwart Gottes, weil Jesus heilig ist. Und dort kann man bleiben, weil dieser Ort von der übrigen Welt abgegrenzt ist durch die Schranke unvergänglichen Lebens. Alle sogenannte „theologische Geographie“ des vierten Evangeliums, auch das Bleiben im Weinstock, auch die himmlischen Wohnungen, die Jesus bereitet, weisen auf eine grundlegende Entsprechung zwischen Jesus und dem Tempel: Wo er ist, dort ist Gott. Und daher gibt es hier dauerhaftes Bleiben – die Alternative wäre weggehen (Joh 6, 67) und vergehen. Das vierte Evangelium betont in diesem Sinne die Stabilität Gottes, die Verheißung ewigen Lebens ist.

    Nach Joh 2, 13–22 gibt Jesus der Tempelreinigung einen besonderen Sinn: Schon nach Sach 14, 21 wird der Tempel der Endzeit dadurch ausgezeichnet sein, dass von ihm gilt: Und es wird im Haus des Herrn der Heerscharen keine Kaufleute mehr geben an jenem Tag.“ Nach Joh 2, 17 erinnern sich die Jünger an Ps 69, 10: „Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.“ Das ist deshalb eine Vor-Andeutung des Todes Jesu, weil dabeistehende Juden sofort nach Jesu Legitimation und Vollmacht fragen. Jesus beantwortet die Frage nicht direkt, sondern mit einem zweiten Tempelwort, wonach er selbst der neue Tempel ist. Die Legitimation wird in seiner Auferstehung liegen. Aber dass Jesus „vom Tempel seines Leibes“ reden kann, nehmen ihm die dabeistehenden jüdischen Hörer ebenfalls nicht ab. Den menschlichen Leib als Tempel zu bezeichnen ist unter Juden in Alexandrien (Philo) und unter Gebildeten in Rom (Seneca) üblich. In Joh 2 dagegen herrscht darüber eher Unverständnis. Das Verzehrtwerden für den alten Tempel und die Errichtung des neuen Tempels weisen auf Tod und Auferstehung Jesu.

    Um das Erbauen eines „nicht von Händen gemachten“ Tempels geht es auch in 1 Kor 3: Schon im Frühjudentum entsteht die Auffassung, dass Menschen, die sich im Namen Gottes versammeln, ein Ort für Gottes Gegenwart und damit ein Tempel sind. Ausgeprägt ist das bereits für die heilige Versammlung von zwölf Männern („Israel“) und drei Priestern, die die Sektenschrift von Qumran im Blick hat. Diese Versammlung heißt das „Allerheiligste“ des Tempels. Dass die Auffassung sich auch in den Hymnen von Qumran findet, könnte darauf weisen, dass sie ihren Ursprung im Hymnen-Singen hat. Wo Menschen sind, die dem Herrn huldigen (und sich mit ihrem Jubel mit den Engeln verbünden), dort ist Tempel Gottes.

    Heilig sein aber heißt anders sein, heißt abgegrenzt sein von der Masse Mensch und Gott gehören, von ihm daher auch beschützt und bewahrt werden. Nun kennt besonders auch das Neue Testament eine grundsätzliche Opposition gegen Tempel und alles, was damit zusammenhängt, und in vielfältiger Variation begegnen diese Argumente auch heute. Ich erinnere an Stephanus und seine große Rede nach Apg 7, 49f. Wo aber ist Gott, wo wohnt er wirklich? Jesus sagt nach Joh 2: Ich bin der wahre Tempel. Der Maßstab für Heiligkeit und Gottes heilige Gegenwart ist mein Geschick, mein Sterben und Auferstehen. Bis in die mittelalterliche Symbolik der Kathedralen wird dieser Anspruch Jesu wirksam. Auch die Kathedrale aus Stein stellt nur ihn dar, hilft, den Weg zu ihm zu finden. Klaus Berger