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    Sonntagslesung: Wie die Bibel Freiheit beschreibt

    Das Geheimnis der christlichen Erlösung. Von Klaus Berger

    1 Könige 19,16–21; Galater 5, 1–18; Lukas 15, 3–7

    In den drei Texten ist das gemeinsame Thema die Freiheit. Wie verführerisch dieses Schlagwort wirken kann, das zeigt nicht zuletzt die Gegenwart, in der populistische Prediger angesichts der schwindenden Mitgliederzahl ihrer Kirchen jeweils ihre Konfession zur „Kirche der Freiheit“ erklären. Und dann kann dieses Reizwort seine sprengende Kraft ungehindert entfalten. Den ob es nun heißt „Abendmahl für alle“ oder „Ehe für alle“ oder „freie Predigt für alle“ – immer wird Freiheit so verstanden, dass ein Christ denken und glauben, tun und lassen kann, was er oder sie will. Die biblischen Texte dieses Sonntags zeigen freilich insgesamt, dass von dieser Ahnung nichts stimmt. Denn 1 Könige 19 wie Lukas 9 besprechen zwar die Freiheit von all dem lästigen Dienst der Pietät gegenüber Toten – aber dieses ist nur die Kehrseite einer strengen Jüngerschaft, in der es keinen Urlaub gibt. Und in Galater 5 prägt Paulus den Christen wiederholt ein, dass sie frei sind vom Gesetz und vom Buchstaben des Gesetzes, doch das ist nur die Kehrseite einer radikalen und lückenlosen Erfüllung des Liebesgebotes. Diese Erfüllung ist jetzt möglich, weil die Christen die Gabe des Heiligen Geistes geschenkt bekommen haben.

    Gerade auf den Heiligen Geist berufen sich die hochmittelalterlichen christlichen „Brüder und Schwestern vom freien Geist“, und die Reformation Luthers inklusive Bauernkriege wäre nicht denkbar ohne die drei „Freiheitsschriften“ Luthers. Die Neigung, die hier verkündete christliche Freiheit als Revolution und Zerstörung der bestehenden Ordnung zu verstehen, war und ist stets unübersehbar.

    Kann und darf ein Prophetenjünger zur Beerdigung seines Vaters beurlaubt werden?

    Als der Prophet Elias seinen Jünger Elisa beruft und ebenso, als Jesus die Zwölf berufen hat, gibt es ein gleichlautendes Problem: Kann und darf ein Prophetenjünger zur Beerdigung seines Vaters beurlaubt werden? Elias gibt die Erlaubnis nicht, Jesus lehnt sie ab. Denn ein (Propheten-)Jünger hat keinen Verwandten außer Gott im Himmel. Das hebt alle anderen Bindungen und Verpflichtungen auf. Für Jesus von Nazareth war Pietät gegenüber der Familie das Allerletzte. Das galt gegenüber den Lebenden wie erst recht gegenüber den Toten. Wer von ihm berufen wurde, musste abschieds- und bedingungslos seine Familie verlassen. Und Jesu Verhältnis zur eigenen Familie als gestört zu bezeichnen, wäre eine Verharmlosung. Nur seine Mutter wartete schweigend ab.

    Zu diesem Wort Jesu gibt es in keiner Religion – außer beim Propheten Elias – eine auch nur entfernte Parallele. Hier stoßen wir daher auf den harten Kern der Botschaft Jesu und seiner Einstellung zum Leben. Philo von Alexandrien beschreibt die zeitgenössische Auslegung bei den Essenern: Es sollte sich der heilige Mensch entfernt halten von jeder Art Familie, Eltern, Kinder und Brüder. Da geht es dann also nicht mehr um die Vermeidung der Berührung von Toten, sondern darum, den Status der Berufung nie und nimmer zu verlassen. Die Einkleidung ist nicht nur äußerlich, sondern ist eben Ausdruck grundsätzlicher Distanz. Und damit stoßen wir auf ein häufiger anzutreffendes Merkmal des Humors Jesu: Während Humor bei uns hauptsächlich Menschen vereint und verbindet, ist er bei Jesus bisweilen Symptom und Werkzeug der Trennung. Pietät also soll nicht sein, noch nicht einmal Teilnahme an der Beerdigung der Eltern (Lukas 9, 62). Denn wer die Hand an den Pflug legt, darf nicht nach hinten schauen.

    Schon Gottes Zumutung an Abraham, seinen lieben Sohn Isaak zu opfern, war genauso familienfeindlich wie Jesu Aufforderung nach Matthäus 8, 22 und Lukas 9, 62. Filz und Aneinander-Kleben in der Familie ist der größte Feind. Denn das Geheimnis der Erlösung heißt Freiheit. Immer wieder die Freiheit von Bindungen des Blutes und gegenüber den Üblichkeiten von vorgestern. An die Stelle aller alten Klüngel setzt Jesus seine Vision der neuen Familie, der Kirche aus Brüdern und Schwestern.

    Verlegung des Gebots in die reine Innerlichkeit?

    Weder hebt Jesus das Gesetz auf, noch tut Paulus das. Nach der Unterbrechung einer religiösen Biographie  durch Berufung oder Taufe geht es auch nicht nur um eine Ermäßigung des jüdischen Gesetzes. Für Heidenchristen ersetzt die Taufe die Beschneidung, für Judenchristen wird die Beschneidung jetzt zum „erfüllten Zeichen“. Doch an keiner Stelle ist die Rede davon, dass eine Liebesreligion rein innerlich und insofern ohne sichtbare Zeichen wie Kreuzzeichen, Liturgie oder Sonntagsmesse bestehen könnte. Zum Beispiel auf das Gebet haben weder Jesus noch Paulus verzichtet. Bei beiden sind zumindest die Psalmen das Gebetbuch schlechthin. Bis zur Aufklärung wurde vor allem das Erste Gebot des Dekalogs als die Verpflichtung zum sichtbaren und missionarischen Gottesdienst verstanden. Erst ab dem 18. Jahrhundert meinte man, sich eine neue Freiheit beschaffen zu können: die Befreiung vom Gottesdienst und die Verlegung des Liebesgebotes in die reine Innerlichkeit humanitärer Gesinnung.

    Mit der Verlegung des Gottesdienstes in das Innere ging man an die Wurzeln der Kirche

    Das genügte jetzt. Bei dieser Beschränkung hatte man sich auch scheinbar überzeugend des Verdachts der Werkgerechtigkeit entledigt. Damit aber, mit der Verlegung des Gottesdienstes in das Innere („Freiheit vom Ritus“) ging man an die Wurzeln der Kirche. Das war etwas Neues. Denn im Neuen Testament bedeutet Freiheit die Befähigung zu einer Radikalität ohne Wenn und Aber, in der Kirchengeschichte die Ersetzung von Einzelgeboten durch eine klare und eindeutige Grundlinie. Die neueste Wendung ist die Ersetzung der Humanität der Innerlichkeit durch Toleranz allein. Das aber bedeutet die Aufhebung von Religion als Bestandteil des menschlichen Lebens. Die Verurteilung der „Werkgerechtigkeit“ durch die Reformation war eigentlich im Sinne der Botschaft der Propheten gewesen. Jetzt aber, da alle Sichtbarkeit des Glaubens als Werk in Verdacht geraten ist, ist an die Stelle einer Religion die unsichtbare Gesinnung getreten. Dass man auch dieses Freiheit nennt, ist ein Verrat an der jesuanischen und paulinischen Radikalität. Und zudem hat man ab den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts jede Stützung des Glaubens durch historische Berichte als andere Form von „Werkerei“ angesehen. Damit war außer der Sichtbarkeit der Kirche auch das Fundament der Schrift zerstört.

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