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    Sonntagslesung: Liebe ist kein Schicksal, sondern Bündnis

    Apg 1, 15–26

    Apg 1, 15–26

    1 Joh 4, 11–16;

    Joh 17, 6a.11b–19

    Zwei dieser Texte erwähnen Judas, Apg 15 berichtet ausführlich über sein Ende und die Nachwahl des Matthias, Joh 17, 12 nennt ihn nur als „Unglücksmenschen“, den Jesus nicht bewahren konnte. Matthias musste nachgewählt werden, damit die heilige Zwölfzahl stimmte. Warum musste sie stimmen? Sie ist die ideale Zahl der zwölf Stämme Israels. In den zeitgenössischen Quellen aus Höhle 11 von Qumran ist immer von den zwölf Stämmen die Rede, denn zwölf ist die kultisch vollkommene Zahl. Diese Ehrfurcht vor der Zwölf beherrscht bis heute ganz streng unseren Kalender, jeden Tag. Entsprechend ist es ganz schlimm, wenn die Zwölfersymbolik zerstört wird, wenn eins dazukommt (13) oder eins fehlt (11); bei der 13 hat sich diese Furcht bis heute erhalten. Die historische Rolle des Judas ist unbestreitbar. Ihre negative Auswirkung betrifft auch die Zwölfersymbolik. Und da ist das frühe Christentum konsequent. Denn elf Jünger können nicht Israel mit seinen heiligen zwölf Stämmen abbilden. Obwohl es zur Zeit Jesu längst nicht mehr zwölf Stämme waren.

    Der Anspruch Jesu, der sich damit verbindet: Eschatologisch erneuertes Israel. So ist die Berufung der Zwölf eine der wichtigsten Zeichenhandlungen Jesu, wichtig nicht zuletzt deshalb, weil es um sein Verständnis von Kirche geht, die das neue Gottesvolk aus Juden und Heiden sein wird. Aber die Zwölf gilt, weil es nur ein Gottesvolk gibt, und dieses folgt der Zwölfersymbolik. In der Offenbarung des Johannes, Kapitel 7 ist dies eindrücklich dargestellt.

    Um den Grundgedanken, nämlich die heilige Vollkommenheit, in die nichts Unheiliges eindringen darf, geht es auch in Joh 17. Denn Jesus betet für die Jüngerschar, dass sie behütet sein möge; insgesamt viermal wird das Verb zwischen V. 12 und V. 15 gebraucht. Das Wort „heiligen“, eigentlich „zu (Gottes) Eigentum machen“ folgt dann im gleichen Sinne in V. 17–19 dreimal. Ausdrücklich heißt es in V. 15: „Behüten vor dem Bösen“. Damit stoßen wir auf ein elementares Thema christlicher Liturgie, Volksfrömmigkeit und Kunstgeschichte. Es geht um das, was man „apotropäisch“ nennt, die Abwendung des Bösen, des Schädlichen, des Bedrohlichen. Diese Vertreibung des Bösen, der ältere Liturgien großen Raum widmen, geschieht nicht zuletzt durch heilige Zeichen, etwa die zwölf Apostelkreuze in den älteren Kirchen, die wie ein Kreis das ganze Kirchenschiff einzingeln oder vor allem durch das Kreuzzeichen und eben durch das Gebet.

    Daher ist die Bitte um Befreiung von dem Bösen der ganz natürliche Schluss des Vaterunsers; die später angefügte unbiblische Doxologie („Denn dein...“) lässt das kaum noch erkennen. St. Georg und St. Michael sind deshalb oft im Portal abgebildet, um dem Bösen den Eingang zu verwehren. Und das Kreuzzeichen beim Tischgebet hindert den Bösen oder das Böse daran, durch den geöffneten Mund in den Menschen zu gelangen.

    Was für heilig erklärt wird, Gottes Besitz also, ist in sich selbst frei vom Bösen. Hier sind Menschen geborgen unter Gottes Segen. Aber es ist für das ältere Verständnis von Symbolik auch klar, dass die Mächte des Bösen dort gerne eindringen möchten, wo es um Gottes Heiligtum geht. Unter diesem Aspekt erscheint die Rolle des Judas als des „einen von den Zwölfen“ noch einmal in ganz neuem Licht. Denn wo die Zwölf sind und Jesus in ihrer Mitte, dort ist das „Heiligtum“, der Tempel des Neuen Bundes. Mit Judas dringt die Gegenmacht in den Kreis ein, daher bringen ihn manche Texte mit dem Teufel in Verbindung. Diese „Theologie des geschlossenen Kreises“ hat drei bemerkenswerte praktische Konsequenzen.

    Erstens wird die Ehe, das Sakrament der Einheit zwischen Mann und Frau, am schönsten symbolisiert durch den Ehering. Wer ihn am Finger trägt, wird daran erinnert: keine böse Macht darf diese Einheit stören. Zweitens in der Musik. Insbesondere die Einstimmigkeit, doch auch die Intaktheit der Melodie wird schon bei den Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts als Bollwerk und Ringwall gegen den Bösen und die bösen Mächte angesehen. Drittens hat diese Konzeption eine ökumenische Bedeutung. Da Gottes Tempel aus anfechtbaren Menschen besteht, ist dieser Tempel in seiner Integrität als Bauwerk durch jeden Einzelnen potenziell gefährdet. Oft genug ist die Kirche so zerfallen, dass man nur noch von einer Bauruine sprechen kann. Praktisch bedeutet das: Im Zweifelsfalle für die Einheit! Sie ist das Kostbarste, weil es sich um Bau und Leib handelt, Gottes Heiligtum auf Erden.

    In 1 Joh 4 wird das geistliche Fundament dieses Baues sichtbar. Vom Datum der Abfassung des 1 Joh her (in der neuesten Forschung spätestens um 55 n. Chr.) handelt es sich um eine der ganz frühen Stellen, die zweifelsfrei einen trinitarischen Gottesglauben bezeugen: 4, 12: Gott, 4, 13 Gottes Geist, 4, 14: Der Vater hat den Sohn als Erlöser der Welt gesandt.

    Dabei wird offensichtlich die „Liebe“ als Frucht des Heiligen Geistes angesehen. Der Sohn Gottes ist die eine Äußerung Gottes nach 4, 15, die Liebe aber die andere (4, 16). So ergibt sich, dass Sohn Gottes und Liebe zwei parallele Äußerungen Gottes sind.

    Denn das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes (4, 15) hat genau dieselbe Wirkung wie die Liebe. Von beiden gilt: Wer das bekennt oder das tut, in dem bleibt Gott und der bleibt in Gott (4,15 und 4,16). Dieses wechselseitige Darinbleiben nennt man „reziproke Immanenz“. In Wahrheit ist es die stärkste Art von Gemeinschaft, die dadurch zustande kommt. So, als wären beide Partner ineinander verankert.

    1 Joh schildert das so ausführlich, weil alles dies noch nie gehört oder gesagt wurde. Traditionell wäre die Beschreibung des Gottesverhältnisses als Erkennen und Gehorsam gewesen. Das, was darüber hinaus hier steht, betrifft das Bleiben beziehungsweise das Darin-Bleiben. Dadurch aber wird klar, dass es sich um eine dauerhafte Beziehung handelt, letztlich um Kirche. Im Verhältnis zum Judentum und zum Islam wird das besonders deutlich; in diesen beiden Religionen gibt es keine Kirche. Eine vergleichbar enge und bleibende Bindung, schon gar eine reziproke Immanenz, ist einfach kein Thema. Aus 1 Joh 4 wird gut erkennbar, dass und wie der Ursprung der Kirche im Gottesbild liegt, näherhin in einem trinitarischen. Denn weil sich dieser Gott immer wieder in Liebe gegenüber den Menschen äußert, also im Wunsch nach verbindlicher Gemeinschaft, geht es nicht um das Verhältnis einer isolierten Einzelseele zur „Transzendenz“, sondern um das Wagnis einer dauerhaften Gemeinschaft.

    Kirche gründet also darin, dass durch die Sendung des Sohnes und die Selbstoffenbarung Gottes als Liebe jeweils eine doppelte Verankerung in Gott und im Menschen geschaffen wird. Trinitarisch ist das deshalb, weil Gott durch den Sohn und als Liebe spricht. Es bestätigt sich bei dieser Gelegenheit auch die These, dass das Bekenntnis zu Jesus nicht auf irgendeinem mühsamen Schlussverfahren beruht (es hat nicht die Gestalt einer Konklusion nach einer Summe von Argumenten oder Indizien), sondern dass es zeitgleich ist mit Gottes Gegenwart im Herzen. Mithin beruht es auf einer Art Inspiration. Es ist hörbare Folge einer Lebensbeziehung. Insofern geht die Wirklichkeit der Kirche dem Bekenntnis voraus. Daher verrät auch die Gestalt des Bekenntnisses, ob jeweils Kirche vorliegt oder nicht. So wie nach St. Benedikt der Gesang Auskunft gibt über den Zustand der Mönchskommunität. Das Sein geht dem Bekennen voraus.

    Die Kirche wird daher in der Sichtweise von 1 Joh nicht durch Rechtsakte, Sakramente, Hierarchie oder Kirchenrecht begründet, sondern ihr tiefster und origineller Grund liegt in der Weise, auf die Gott sich mit den Menschen hier eingelassen hat. Aber die Kirche hat zwei Erkennungsmerkmale: das Bekenntnis zur Gottessohnschaft Jesu und der Zusammenhalt als wechselseitige Liebe; daher das „einander“ in V. 11.12. Wenn der Verfasser von der „Vollendung“ der Liebe spricht, dann hat er eine Art Ping-Pong-Spiel im Auge, ein Nehmen und Geben, das ohne störenden Rest austariert ist (V.16).

    Die Gleichsetzung von Gott und Liebe, etwa in 4, 16 („Gott ist ein anderes Wort für Liebe, und Liebe ist ein anderes Wort für Gott“), dürfte auch den heidnischen Lesern verständlich gewesen sein. Denn auch Amor ist ein Gott. Die wesentlichen Attribute des römischen Gottes Amor sind: Er erfüllt und begeistert die Menschen wie er will; ihm kann man nicht widerstehen, aber er wendet sich zu und wendet sich ab, wie er will. Von diesem den Willen betonenden und launischen Charakter des heidnischen Liebesgottes ist der biblische Gott der Liebe dadurch zu unterscheiden, dass die reziproke Immanenz eine stabile Wechselseitigkeit bedeutet. Die Liebe ist daher biblisch gesehen kein „Schicksal“, sondern geradezu der Musterfall eines wechselseitigen Bündnisses. Gott ist treu. Klaus Berger