• aktualisiert:

    Sonntagslesung Christen haben einen starken Verbündeten Jesaja 55, 1–11; Markus 1, 7–11; 1 Johannes 5, 1–9 Zu den Lesungen zum Fest der Taufe des Herrn (Lesejahr B). Von Klaus Berger

    Diese Worte im kontemplativen johanneischen Stil waren und sind wie ein Streicheln Gottes. Im nächsten Versblock spricht der Verfasser vom Sieg. Dass die Gemeinde mit Gott verbunden ist, bedeutet nämlich nicht nur warmen Regen, sondern Kraft, weltüberwindende Kraft. Das trauten sich damals ganz andere zu: die starken Heere Roms. Die Sätze hier erinnern sicher nicht zufällig an die Sieger-Sprüche in den Gemeinde-Briefen der Apokalypse des Johannes. Dort ist es der Mut der Zeugen und Märtyrer, der die Tyrannen besiegt. Sie können die Christen nicht zum Abfallen vom Glauben bewegen.

    'Die Sonntagslesung' - jede Woche ausgelegt in der 'Tagespost'
    _

    Diese Worte im kontemplativen johanneischen Stil waren und sind wie ein Streicheln Gottes. Im nächsten Versblock spricht der Verfasser vom Sieg. Dass die Gemeinde mit Gott verbunden ist, bedeutet nämlich nicht nur warmen Regen, sondern Kraft, weltüberwindende Kraft. Das trauten sich damals ganz andere zu: die starken Heere Roms. Die Sätze hier erinnern sicher nicht zufällig an die Sieger-Sprüche in den Gemeinde-Briefen der Apokalypse des Johannes. Dort ist es der Mut der Zeugen und Märtyrer, der die Tyrannen besiegt. Sie können die Christen nicht zum Abfallen vom Glauben bewegen.

    Hier ist es die Kraft der Liebe, die die Gemeinde zusammenhalten wird. Die hauptsächliche Anfechtung ist, Jesus nicht für den Messias und Sohn Gottes zu halten und daraufhin die Gemeinde zu spalten. Das Problem kommt uns bekannt vor, denn irgendwie an Gott glauben sehr viele, die Wasserscheide liegt öfter in der Aussage über Jesus, und damit steht dann auch die Einheit der Gemeinde auf dem Spiel. Warum das so ist?

    Immer wieder sagen es die vier Evangelien: Jesus ist das Ärgernis, und zwar nicht als „freundlicher Mensch“, sondern als wahrer Gott. Ärgerlich ist das stets deshalb, weil Gottes reale Gegenwart in ihm ein unzweideutiges Ja oder Nein fordert.

    Die herausragende Besonderheit des Christentums ist die Gotteskindschaft. Dass jeder Einzelne Gottes Kind ist, nicht mehr nur das Volk im Ganzen. Andere Bilder, wie das von Licht und Finsternis, Braut und Bräutigam, König und Volk Gottes finden sich auch im Judentum und im Islam. Bereits in der Verkündigung Jesu spielen aber Kinder eine besondere Rolle, und zwar weil die Beziehung zwischen Kindern und Eltern ein Bild ist für die unüberbietbar intensive Zuwendung Gottes zu den Menschen. Hier wird eine Nähe Gottes zu den Menschen verkündet, die es nie zuvor gab. Der Islam fällt weit hinter dieses Gottes- und Menschenbild zurück und orientiert sich wieder am menschenfernen Himmelsgott.

    Wir haben uns inzwischen an dieses familiäre Gottesbild Jesu gewöhnt. Wie revolutionär dieses aber zur Zeit Jesu war, lässt sich daran erkennen, dass Jesus um der neuen Familie der Kirche willen die eigene Familie verlassen hat. Er fordert Gleiches auch von seinen Jüngern und Jüngerinnen.

    Sein Neuanfang betrifft die elementaren Sozialbeziehungen in der Familie. Denn dieses ist die gelebte Botschaft: Gott ist der Vater, Jesus unser ältester Bruder, die Kirche ist unsere Mutter, die Mitchristen sind unsere Geschwister. Jesu Botschaft tritt zuerst und vor allem als diese soziale Form in die Welt. Jesus will die neue Familie. Alles andere ist Konsequenz daraus.

    In der ganzen griechischen Bibel findet sich der Ausdruck „Kinder Gottes“ exklusiv bei Paulus und Johannes. Daher kann man sagen: Die Rede von der neuen Familie, von Jesu Gottessohnschaft und der Kindschaft der Glaubenden ist der innere Zirkel des Neuen Testaments. Aus dem ersten Johannesbrief 5, 9 geht hervor, dass auch in diesem Kapitel die Gottessohnschaft Jesu zentral ist. In 1 Johannes 5 werden nun die Konsequenzen für die christliche Ethik aus der neuen Familiarität gezogen.

    Theoretisch kann man eine Ethik sehr verschieden begründen. Man kann zum Beispiel von der Vielfalt der einzelnen Gebote ausgehen und vom notwendigen Gehorsam gegenüber diesen Geboten sprechen. Das ist der jüdische und vor allem der pharisäische Weg. Man kann vom Gewissen ausgehen und sagen, das Gewissen lehre einen je und je, was zu tun sei. Viele moderne Menschen halten sich an dieses Prinzip oder behaupten es. Oder man spricht – seit den Stoikern – von der Pflichtethik und meint damit die einzelnen Verpflichtungen gegenüber Gott, Vaterland, Eltern, Kindern und Mitarbeitern und Fremden. Gegenüber allen diesen Möglichkeiten wählt 1 Johannes 5 einen anderen und besonderen Weg. Dieser entspricht wie kein anderer dem neuen Weg Jesu. Denn es ist die Liebe zum Ursprung und zu denen, mit denen man einen gemeinsamen Ursprung teilt.

    Wollte man das mit unseren Begriffen wiedergeben, so wäre dieses: emotionale Bindung an die Autorität der Eltern, Bodenständigkeit, Heimatliebe einerseits und Familiensinn, geschwisterliche Liebe und familiäre Solidarität andererseits. Indem ich das so formuliere, bemerke ich, dass keine dieser Kategorien heute besonders beliebt ist. Das Feld, aus dem wir diese Begriffe nehmen, ist verdorben oder sogar versumpft. Aber Jesus und Johannes meinen nicht diese natürlichen Beziehungen, sondern sie meinen deren vollständige und schöpferische Erneuerung. Die Antike kennt kaum einen schärferen Kritiker der Familie als Jesus es war. Er sagt: Wer nicht seine Familie hasst und sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein (Lukas 14,26). Auch der Verfasser von 1 Johannes 5 spricht nicht die natürliche Familie heilig. Sondern er hat eine ganz neue im Auge. Eine neue Kindschaft und eine neue Geschwisterliebe.

    Trotzdem: In 5, 2 heißt es „Wenn wir Gott lieben…“. Können wir das überhaupt, was hier scheinbar so leicht dahingesagt wird? Auch schon große Heilige sind daran fast verzweifelt, dass sie sagen mussten: Ich kann nicht sagen, dass ich Gott liebe, ich kann nur sagen: Ich möchte gerne Gott lieben (Wilhelm von Saint Thierry, OCist. † 1148).

    Aus meiner Sicht ist es der erste Schritt, wenn wir unseren Glauben lieben. Das fällt mir leicht angesichts von Märtyrern wie Edith Stein und Dietrich Bonhoeffer. Es fällt mir leicht, wenn Kirche verfolgt ist. Ich glaube, dass das schon Gott lieben ist, wenn man Gott etwas sagen möchte, ihm und nur ihm. Aber in dieser neuen Familie geht es noch um mehr. Das Neue ist der erneuerte Zusammenhalt. Die erneuerte Liebe statt bloßer Gewohnheit. Ich meine etwa das, was der große Mönchsvater Antonius sagte, als er nach der Bedeutung von Askese und Enthaltsamkeit gefragt wurde. Nicht Askese, sagte er, ist das Ziel, sondern die Sehnsucht.

    In 1 Johannes 5 besteht der Vorrang Jesu darin, dass er der Christos, der Messias ist (5, 1). Aber auf zweifache Weise haben die Christen daran Anteil: Wir Christen sind gesalbt wie er (1 Joh 2, 27), und wir sind Sieger wie er (1 Joh 5, 4–5). Denn Salbung ist das Attribut der Könige, und der Messias ist als Messias König und Sieger.

    Im Übergang 5, 3/4 steht der Satz: „Seine Gebote sind leicht zu halten, denn alles, was aus Gott geboren ist, besiegt die Welt.“ Die Logik dieses Satzes: Alles, was von Gott her kommt, was aus Gott geboren ist, das ist sehr stark. Deshalb baute man vor tausend Jahren bei uns Kirchen, die dem Erzengel Michael geweiht waren, um unseren Vorfahren, die an Macht und Stärke glaubten wie wir, zu sagen: Wir haben einen engen Verbündeten, der noch viel stärker ist als euer stärkster Held, als euer mächtiger Himmelsgott. Viel zu oft reden wir nur von Betroffenheit und Vorläufigkeit, viel zu selten von der Stärke, an der wir Anteil haben seit der Taufe. Hin und wieder bedarf es der besonderen Stunde, damit wir die Macht unseres Gottes spüren können. Sie wirkt in den Märtyrern und Zeugen. Es kommt nur darauf an, dass wir diese Kraft nicht künstlich klein machen.

    Jeder Sieger über die Welt steht für etwas, von dem auch wir gerne reden: für die Würde des Menschen, die mehr ist als biologisches Leben. Kirche ist der Markt, auf dem biologisches Leben und alle Vorzüge der Karriere und Gesundheit zu erstaunlich niedrigen Preisen gehandelt werden. Hoch im Kurs stehen Werte wie Menschenwürde, Liebe und Glaube an Gott. Er gibt die Kraft dazu. Das lehrt der Text: Es gibt keine Werte, zu denen zu stehen wir die Kraft hätten, käme sie uns nicht zu durch die Taufe. Daher spricht 5, 6 nicht nur von der Wassertaufe, sondern auch von der Bluttaufe, die sich ergänzen wie Anfang und Ende.

    Weitere Artikel