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    Sonntagslesung: Biblische Nachfolge meint keine bürgerliche Existenz

    1 Kge 19,16b.19-21

    1 Kge 19,16b.19-21

    Gal 5,1.13-18

    Lk 9,51-62

    Im Priesterjahr sollte man auf die beiden Texte 1 Könige 19 und Lukas 9 einmal hinweisen. Der Prophet Elischa und Jesus berufen Jünger auf eine Art, an die man sich auch nach 2 800 beziehungsweise 2 000 Jahren nicht gewöhnen kann. Der zu berufende Prophetenjünger wird mitten aus seinem Alltags- und Berufsleben herausgerissen, und ihm bleibt nichts, als sich von seinen Eltern zu verabschieden oder – bei Jesus – noch nicht einmal das. Das Ziel heißt in beiden Fällen Nachfolge.

    Bevor man weiterliest und das Ganze auf Priester und möglichst noch darüberhinaus anwendet und überträgt, sollte man entscheiden, ob man das will. In dieser hermeneutischen Frage liegt mittlerweile die Grundentscheidung. Die Frage heißt also: Will man überhaupt Nachfolge Jesu – oder ist dieses Modell abgeschafft? Wenn die Bibel von Nachfolge spricht, meint sie stets dieses Modell. Spätestens seit Thomas von Kempen hat man die Nachfolge Jesu Christi freilich dann ausgeweitet – eben auch auf Laien und Menschen, die in ihren Familien und Berufen bleiben.

    Aber wenn man der Bibel selber folgt, ist Nachfolge immer streng und radikal verstanden. Eben so, wie das für die Jünger des Elias' und Jesu geschildert wird. Also als nicht-familiärer, nicht-bürgerlicher Lebensstil. Dieser erinnert zeichenhaft daran, dass der Gott Abrahams ein Gott wandernder Hebräer ist, die – wie es das elfte Kapitel des Hebräerbriefes noch sagt – auf Erden kein Vaterland haben, keine bleibende Wohnung, sondern die sich nach dem Himmel sehnen. Zweifellos ist es ein Verzicht auf das, was allen Menschen als das Wichtigste im Leben erscheint: auf Familie und festen Ort. Damit auch weitgehend auf stabiles Einkommen und regelmäßige Pflege der Gesundheit. Vieles von dem haben Sinti und Roma auch nicht, aber umso kräftiger sind dort die Familienbande. Die vor allem entfallen bei den Wander-Charismatikern im Stil des Elischa und Jesu.

    Wer diese Form für veraltet und abgeschafft erklärt (und bestenfalls auf strenge Klöster mit strenger Klausur reduziert), muss wissen, was er tut: Das normale Leben der Verkündiger des Evangeliums hat dann an keiner einzigen Stelle mehr einen aufrüttelnden Zeichencharakter. Wie gesagt: Eine nicht-familiäre Existenz greift schon nach dem Wichtigsten. Der Verzicht auf die Familie ist durchaus Verzicht auf die Liebsten oder die es werden könnten. Daher ist auch der Zeichencharakter unübersehbar. Denn: „Der Zölibat ist absurd. Die freiwillig gewählte Ehelosigkeit ist, wie jeder weiß, dem Menschen unmöglich. Gesunde erwachsene Männer, die sich in ihrer Jugend vornehmen, bis zu ihrem Ende enthaltsam keusch und ehelos zu leben, sind im Programm der Evolution nicht vorgesehen. Nach menschlichem Ermessen kann mit ihnen also etwas nicht stimmen.“ (P. Badde).

    Sichtbare Nachahmung der Sehnsucht Jesu nach Gott

    Die Alternative zur Familie (und zum normalen Beruf) ist daher eine lausige Einsamkeit. Sie ist zeichenhafte Darstellung der Situation des Menschen vor Gott und sichtbare Nachahmung der Sehnsucht Jesu nach der himmlischen Stadt, dem neuen Gottesvolk als der Braut des Messias. Wer die zeichenhaften Züge in der gelebten Existenz der Nachfolge Jesu abschafft, weckt die Illusion, als sei Christentum hauptsächlich auch sowieso und im Ganzen nichts, das auffällt, nichts, das ein Ärgernis darstellen könnte. Denn die allgemeine „Correctness“ besteht doch gerade darin, nicht aufzufallen. Man nennt das Toleranz – und das Gegenteil, eben wenn jemand im Ganzen seines Lebens Zeichen setzt, für wie wichtig er den Himmel hält, dann nennt man das Intoleranz. Wer möchte, dass sich christliche Religion in nichts und gar nichts von dem unterscheidet, was alle leben, der wird darauf drängen, diese besonderen Zeichen zu beseitigen. Wer so auffällt, braucht sich um den Spott nicht zu sorgen.

    Ferner hält man in unseren Zeiten oft eheliche Treue genauso wenig wie das Versprechen zu treuer Keuschheit. Aber noch niemand hat wegen des Nicht-Erreichens des Ehezieles die Ehe abschaffen wollen. Doch sollte man sich im Austausch trüber Argumente zurückhalten.

    Für 1 Könige 19 ist im übrigen umstritten, was das bedeutet, wenn Elias zu Elischa sagt: „Kehre um! Denn ich habe dir doch etwas getan!“ Soll man den zweiten Satz wiedergeben mit: „Denn was soll ich mit dir?“ Aber so wird das Folgende unverständlich, wonach Elischa dann doch nachfolgt. Oder soll der zweite Satz darauf hinweisen, dass Elias doch seinen Mantel auf Elischa geworfen hat und damit eine unaustilgbare Berufung zustandegekommen ist, die als Tat besteht und sozusagen in sich selbst wirkt, auch wenn Elischa zwischendurch nach Hause geht, um sich dann doch zu verabschieden. – Nach Lukas 9 entscheidet Jesus dann strenger und erlaubt keine zeitweilige Rückkehr zu den Eltern zur Verabschiedung. Insofern wird – wie auch sonst – die prophetische Vorlage überboten.

    Eindrücklich ist der Akt der Berufung durch Elias. Der Prophet beruft nicht durch Worte, sondern indem er seinen Mantel über den Schüler wirft. Hier gelten dann alle die anthropologischen Voraussetzungen, die sich auch im Neuen Testament noch zeigen, dass nämlich Kleidungsstücke von Propheten diesen sehr eng verbunden sind und ein Stück von deren Kraft und Identität enthalten. Der Prophet, der seinen Mantel über seinen Schüler wirft, gibt ihm damit Anteil an seiner Kraft und Heiligkeit. Das ist genauso magisch oder nicht-magisch wie wenn die Blutflüssige Jesu Gewand von hinten berührt oder wenn die Apostel ihre Schweißtücher zum Heilen auflegen. (Magie ist stets die Frömmigkeit der anderen). Zweifellos aus diesem Grund hat man auch die Grabtücher Jesu aufgehoben (nicht für Touristenmassen).

    Freiheit meint nicht Autonomie und Bindungslosigkeit

    Die Lesung im fünften Kapitel des Briefes an die Galater verdeutlicht im Kontext mit den rahmenden Propheten-Berufungen, wie die Radikalität der Nachfolge inhaltlich gefüllt sein könnte. Die Freiheit, von der Galater 5,1 spricht, ist übrigens weder mit Autonomie noch mit Bindungslosigkeit noch mit Befreiung von der Erfüllung des Gesetzes wiederzugeben. Sie ist schon gar nicht die Freiheit von verbindlichen kirchlichen Regelungen. Im Kontext des Galaterbriefes ist die Freiheit von der ständigen kritischen Be- und Verurteilung durch das göttliche Gesetz gemeint. Das heißt: Der Christ steht dem Gesetz, das nach wie vor Gottes Willen zum Ausdruck bringt – der sich in Liebe zusammenfassen lässt – nicht mehr gegenüber wie einer Gouvernante, die den Tag über an einem herummäkelt, sondern der Christ kann jetzt das Gesetz erfüllen, weil er selbst den heiligen Geist und damit das Vermögen der Liebe in sich trägt. Soweit zu Paulus.

    In Bezug auf das biblische Prophetenbild, das in 1 Könige 19 und in Lukas 9 zum Ausdruck kommt, darf man allerdings fragen, ob es wirklich stimmt, dass der primäre Sinn der Nachfolge (wörtlich ist damit ein Hinterhergehen hinter dem Propheten gemeint) „die Liebe“ ist. Denn man beachte: Weder in 1 Könige 19 noch in Lukas 9 ist von Liebe oder Gesetzeserfüllung die Rede. Ein Prophet wie Elia – inklusive seiner rabiaten und insoweit auch lieblosen oben erörterten Berufungspraxis – ist auch nicht primär oder überhaupt an dem zu messen, was wir unter Liebsein verstehen. Nein, der Sinn der Nachfolge ist ein anderer. Denn wenn etwas durch das Überwerfen des Mantels (und später durch die Augenzeugenschaft bei der Entrückung) vermittelt wird, dann ist es der Geist des Propheten, also der heilige Geist Gottes, der dem Propheten seinen Feuereifer für Gott gibt und der ihn im Neuen Testament zum Hinauswerfen der Dämonen befähigt. Erst bei Paulus wird der Heilige Geist wesentlich als Geist der Liebe gedeutet (Galater 5,22; Römer 5,5). Selbst noch die Listen der Charismen im zwölften Kapitel des ersten Korintherbriefs sowie in Römer 12 gehen inhaltlich weit über das konkrete Profil von Liebe hinaus. – Da an dieser Stelle heftiger Widerspruch wohlmeinender Menschen zu erwarten ist, sei klar gesagt: Die Zurückführung aller Moral auf Liebe ist bibeltheologisch sehr einseitig und bringt in der Praxis der Beratung nur undefinierten „Liebesbrei“ hervor. Sie ist zudem auch intellektuell langweilig. Denn Liebe wird dann unter der Hand unkontrollierbar vielgestaltig. Es ist gar nicht zu bestreiten, dass die erste Frucht des heiligen Geistes Liebe ist (Paulus), aber niemand wird darauf insistieren, dass Liebe schon alles sei, was vom heiligen Geist zu erwarten ist. Klaus Berger