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    Singend aufs Schafott

    Die ungewöhnliche Geschichte der mutigen und glaubensstarken 16 Unbeschuhten Karmelitinnen von Compiegne hat Dichter und Komponisten wie George Bernanos, Gertrud von le Fort und Francis Poulenc zu Meisterwerken der Kunst inspiriert, die noch heute bewegen – über 200 Jahre nach dem Martyrium der Klosterfrauen am 17. Juli 1794.

    Die ungewöhnliche Geschichte der mutigen und glaubensstarken 16 Unbeschuhten Karmelitinnen von Compiegne hat Dichter und Komponisten wie George Bernanos, Gertrud von le Fort und Francis Poulenc zu Meisterwerken der Kunst inspiriert, die noch heute bewegen – über 200 Jahre nach dem Martyrium der Klosterfrauen am 17. Juli 1794.

    Compiegne ist eine kleine Stadt, die etwa 100 km nordöstlich von Paris liegt. 1641 wurde dort ein Karmel gegründet. Zu Beginn der Französischen Revolution lebten hier 21 Schwestern. Ihre Priorin, Mutter Thérese de Saint Augustin, war damals erst 41 Jahre alt und wird als barmherzig und milde beschrieben. Das jüngste Ordensmitglied war Schwester Constance de Jésus. Sie war 29 Jahre alt und die einzige Novizin. Im September 1789 hatte der Staat Ordensgelübde verboten.

    Im Februar 1790 wurden per Dekret alle religiösen Orden aufgelöst, und am 14. September 1792 – am Fest der Kreuzerhöhung Christi – die Nonnen aus ihrem Kloster vertrieben. Sie mussten Zivilkleidung tragen und kamen in Vierergruppen in getrennten Wohnungen in Compiegne unter. Ihrem Gemeinschaftsleben tat das aber keinen Abbruch. Sie verrichteten weiterhin ihr Stundengebet und trafen sich heimlich auch mit einem Priester, um die Messe zu feiern. Außerdem boten sie unter dem Einfluss der Priorin einen Akt der Hingabe an – zur Rettung Frankreichs und zur Rettung der Kirche. Während der folgenden 18 Monate der Verfolgung erneuerten sie diesen Akt der Aufopferung jeden Tag. Man zeigte sie vor dem „Wohlfahrtsausschuss“ an, und so wurden sie am 22. Juni 1794 verhaftet – mit Ausnahme von Schwester Marie de la Visitation (Maria von der Heimsuchung), die als einzige Überlebende des Konvents die Geschichte des nun folgenden Massakers an ihren Mitschwestern protokollierte. Daher sind auch sämtliche Namen der Hingerichteten überliefert. Am 12. Juli brachte man die Schwestern auf einem Karren von Compiegne in die Conciergerie nach Paris, wo sie am 16. Juli das Hochfest Unserer Lieben Frau vom Karmel mit einer solchen Freude gemeinsam begingen, dass die anderen Inhaftierten vor Verwunderung sprachlos waren. Am darauffolgenden Tag, dem 17. Juli, wurden sie von einem Revolutionsgericht wegen „Fanatismus“ und ihrer „albernen religiösen Praktiken“ zum Tode verurteilt. Als man sie noch am selben Abend zum Schafott auf der Place de la Nation führte, sangen sie das Salve Regina, das Veni Creator und das Te Deum. Die erste, die die Stufen zur Guillotine hinaufstieg, war Schwester Constance. Zuvor kniete sie sich vor ihre Priorin und bat um die Erlaubnis, sterben zu dürfen. Dann stimmte sie Psalm 117 an: „Lobet den Herrn!“ – einen Gesang mit hoher symbolischer Aussagekraft, denn er wurde seit Gründung des Karmels immer dann gesungen, wenn die Schwestern ein neues Kloster in Besitz nahmen. Sie waren also voller Hoffnung, im Himmel eine neue Gemeinschaft zu gründen. Die anderen Schwestern sangen weiter, auch als sie selbst die Hinrichtungsstätte betraten - alle starben singend. Als letzte ließ die Priorin ihr Leben.

    Die sterblichen Überreste der Nonnen wurden in einen Graben auf dem Friedhof Picpus geworfen.

    Eine Woche nach dem Opfer der 16 Karmelitinnen wurde Robespierre, der Anführer des Wohlfahrtsausschusses, selbst verhaftet und am 28. Juli hingerichtet. Das Terrorregime fand damit sein Ende.

    Die Ordensfrauen von Compiegne wurden am 27. Mai 1906 von Papst Pius X. seliggesprochen.