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    „Sehnsucht nach Christus“

    Exzellenz, bevor Sie zum Weltjugendtag in Rio fahren: Haben Sie sich ein paar Selbstverteidigungstricks beigebracht? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie überfallen werden? Ich gehe davon aus, dass solche Tricks nicht nötig sind.

    Mit Hüten und brasilianischer Flagge präsentierte sich Bischof Wiesemann (3. v. l.) kürzlich mit Weltjugendtagsteilnehme... Foto: KNA

    Exzellenz, bevor Sie zum Weltjugendtag in Rio fahren: Haben Sie sich ein paar Selbstverteidigungstricks beigebracht? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie überfallen werden?

    Ich gehe davon aus, dass solche Tricks nicht nötig sind. Die Organisatoren sowie die städtischen und staatlichen Behörden haben alles dafür getan, dass die Sicherheitslage unbedenklich ist. Was die jüngsten Proteste in Brasilien und Rio betrifft, so richtet sich die Kritik der Demonstrationen gegen die Verschwendung öffentlicher Gelder und gegen Korruption und nicht gegen den Weltjugendtag.

    Waren Sie schon öfter in Rio? Oder fahren Sie zum ersten Mal dorthin?

    Es ist meine erste Reise nach Rio de Janeiro und damit zugleich meine erste Reise auf den Heimatkontinent von Papst Franziskus. Mit dem Vorsitzenden der Bischöflichen Kommission Adveniat, Bischof Franz-Josef Overbeck, werde ich bei einer Vor-Reise außerdem Paraguay besuchen und mir dort sowie in Brasilien verschiedene Projekte anschauen, die zumeist einen besonderen jugendpastoralen Schwerpunkt haben.

    Das Motto von 2013 zitiert aus dem Matthäus-Evangelium (28, 19): „Geht hin, und macht zu Jüngern alle Völker der Erde“. In wiefern betrifft Sie dieses Motto persönlich?

    Papst em. Benedikt XVI. hat in seiner Botschaft zum Weltjugendtag geschrieben: „Der auferstandene Christus hat seine Jünger ausgesandt, damit sie seine Heilsgegenwart allen Völkern bezeugen, denn Gott in seiner überreichen Liebe will, dass alle gerettet werden und niemand verloren geht.“ Diese heilende Gegenwart Gottes unter uns Menschen darf der Priester bei jeder heiligen Messe nicht nur verkündigen, sondern sie wird bei jeder Eucharistiefeier auch zur bleibenden Realität. Der Gottesdienst endet ja auch mit dem „ite missa est“: Geht, Ihr seid gesendet! Jeder getaufte Christ, ob alt oder jung, ist in diese Sendung mit hineingenommen und sie gilt jedem Menschen dieser Erde. Diese Universalität der christlichen Botschaft fasziniert mich immer wieder. Auch deshalb, weil sie uns nicht überfordert. Jesu fordert seine Jünger auf, den befreienden und stützenden Glauben hinaus in alle Welt zu tragen. Dies soll aber im Sinne einer Lerngemeinschaft geschehen. Wir könnten übersetzen: „Wie ihr aufgebrochen seid, so macht auch alle Völker zu Lernenden“. Wir dürfen also Lernende bleiben, aber wir sollen andere auch mitnehmen. Er bleibt der Lehrer und Herr der Kirche. Er bleibt der Lehrer – wir müssen nicht die Meister sein.

    In welcher Weise kommt das Motto auf dem Weltjugendtag zum Ausdruck?

    Hunderttausende von jungen Menschen machen sich diesen Aufruf „Geht hin!“ zu Eigen. Sie brechen auf und wollen beim Weltjugendtag nicht nur den Papst treffen, sondern an erster Stelle Christus begegnen. Indem sie so Gott kennenlernen, überwinden sie – das durfte ich bei den bisherigen Weltjugendtagen erfahren – die Grenzen von Nationalität, Sprache oder Hautfarbe.

    Der Weltjugendtag findet im „Jahr des Glaubens“ statt und wurde auch geistlich sorgfältig vorbereitet. Welche Veranstaltungen waren für Sie hierin besonders wertvoll?

    Der Weltjugendtag ist in der Tat ein geistliches Ereignis. Die Bischofskonferenz hat auf www.wjt.de dann auch vieles zusammengetragen, das nicht nur die organisatorische, sondern auch die geistliche Vorbereitung unterstützt. Was das „Jahr des Glaubens“ betrifft, so gab es in unseren Diözesen, Gemeinden und Gemeinschaften sehr viele und unterschiedliche Aktionen und Veranstaltungen, die – im Großen wie im Kleinen – wirklich die Realität und die Bedeutung unseres Glaubens neu in den Blick genommen haben. Welche soll man da herausgreifen? Sicherlich war die 72-Stunden-Aktion als bislang größte Jugendsozialaktion in Deutschland hier besonders bedeutsam. Wenn 175 000 junge Menschen in 72 Stunden an 4 000 Orten die Welt ein bisschen besser machen, dann ist das auch ein großes Zeugnis für den Glauben an die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes.

    Worauf freuen Sie sich denn am meisten?

    Da gibt es selbstverständlich die großen Veranstaltungen wie die Eröffnung mit dem Papst an der Copacabana, den Kreuzweg oder auch die Abschlussmesse. Die Atmosphäre dieses Weltjugendtages wird dabei sicherlich von der Lebensfreude der Jungen und Junggebliebenen am Zuckerhut geprägt sein. Besonders wertvoll und wichtig sind mir aber auch die morgendlichen Katechesen mit den jungen Pilgerinnen und Pilgern und die gemeinsame Feier der Eucharistie. Die tiefe Sehnsucht, durch die der Herr selbst an den jungen Menschen wirkt, ist dort in besonderer Weise spürbar. Es ist eine Sehnsucht nach Christus, nach dem Sinn des Lebens und danach, von dem Grund der christlichen Hoffnung zu erfahren. Ich freue mich also auch und vor allem auf viele persönliche Begegnungen und Gespräche und darauf, zu erleben, dass unsere Kirche jung und lebendig ist.

    Was macht für Sie ausgerechnet die Stadt Rio so spannend?

    Das Logo des Weltjugendtages gibt die Antwort: In seinem Zentrum steht die eindrucksvolle Christusstatue, eingebettet in ein Herz. Mit offenen Armen und einem liebenden Herzen will Jesus jeden Menschen bei sich aufnehmen und ihm Schutz und Heimat bieten. In dieser Weise wird auch die Stadt Rio die vielen Pilgerinnen und Pilger willkommen heißen, für die der Christo auf dem Zuckerhut mehr als eine touristische Attraktion sein wird.

    Die jungen Menschen sollten „Begründer einer neuen Welt“ werden, so die letzte Zeile des offiziellen WJT-Gebets. Wie soll die aussehen, diese neue Welt? Was trägt ein Weltjugendtag dazu bei?

    Vom heiligen Augustinus stammt der Satz „Wir sind die Zeiten.“ Die Zeiten – unsere Welt – wird also immer nur so schlecht oder so gut sein, wie wir es sind. Damit die Zeiten sich ändern, müssen somit wir selbst uns ändern. Die Weltjugendtage bieten die Chance, dass wir uns als Schwestern und Brüder in der einen Welt erfahren. In den Begegnungen wird konkret spürbar, was es heißt, über alle Erdteile miteinander im Gebet und als voneinander Lernende in einer Haltung der Solidarität miteinander verbunden zu sein.

    Zum ersten Mal in seiner Amtszeit wird Papst Franziskus mit all den Jugendlichen auf einem Weltjugendtag sein. Was erwarten Sie sich von dieser Begegnung?

    In den ersten hundert Tagen hat sich gezeigt, wie wichtig es Papst Franziskus ist, nahe bei den Menschen und ihren Sorgen und Freuden zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass der Heilige Vater die richtigen Worte und Gesten finden wird, um den Jugendlichen die befreiende Botschaft des Evangeliums nahezubringen. Die Erfahrung, Teil einer weltweiten Glaubensgemeinschaft zu sein, kann Jugendliche motivieren, auch zuhause in ihrem persönlichen Umfeld immer mehr zu lebendigen Zeugen des Evangeliums zu werden.

    Ein Leitmotiv des Papstes ist die Armut. Und die Jünger, die im WJT-Motto erwähnt werden, haben alles liegen gelassen, um Jesus nachzufolgen...

    … und sie haben alles gewonnen. Wer sich an Gott bindet, der schränkt seine Freiheit nicht ein, sondern wird erst wahrhaft frei und glücklich.

    Nicht alle können es sich leisten, nach Rio zu reisen. Was empfehlen Sie den jungen Menschen, in solchen Fällen zu tun?

    Gerade in unseren deutschen Diözesen gibt es viele interessante Angebote und Aktionen rund um den „WJT-daheim“ (www.wjt.de/wjt-daheim). Dank der modernen Medien ist es kein Problem, den Weltjugendtag in Rio von zuhause aus live mitzuerleben. Die stärkste Verbindung aber ist das Gebet. Es wäre schön, wenn die Pilgerinnen und Pilger in Rio auch für die Daheimgebliebenen beten – und andersherum.

    Viele der ersten Weltjugendtagsteilnehmer unter Johannes Paul II. haben Kinder, die inzwischen selbst auf den Weltjugendtag gehen. Welche Wirkung schreiben Sie dem Weltjugendtag als Kontinuum in der Kirche zu?

    Papst Johannes Paul II. traute den Jugendlichen viel zu, als er am Palmsonntag 1984 die „Jugend der Welt“ nach Rom einlud, ihnen das Weltjugendtagskreuz zum Geschenk machte und ein Jahr später die Weltjugendtage ins Leben rief. Seitdem sind sie ein großes Fest des Glaubens und eine wichtige Ermutigung – in der Tat mittlerweile schon über Generationen hinweg. Wie viele Bekehrungen und Berufungen der Kirche dadurch schon geschenkt worden sind, lässt sich kaum ermessen. Um es mit dem seligen Johannes Paul II. zu sagen: „Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend … der Kirche. ... Dieser gegenseitige Dialog muss offenherzig, klar und mutig sein.“

    Hoch über der Stadt Rio auf dem Corcovado steht der Cristo Redentor und breitet seine Arme aus. Das ist ein gutes Zeichen, oder?

    Ja, das ist in der Tat ein starkes Zeichen: Jesus empfängt jeden von uns mit offenen Armen. Wo wir durch die Sorgen des Alltags oft eine verengte Sichtweise haben, zieht er unseren Blick nach oben und weist uns hin auf das Geschenk der unbedingten Liebe Gottes, die in Jesus offenbar geworden ist.