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    Schweigen, Opfer, Liebe

    Kardinal Giovanni Lajolo ist in Deutschland kein Unbekannter: Acht Jahre lang amtierte er hier als Apostolischer Nuntius. In seinem kürzlich erschienenen Buch begegnet er dem Leser gleichsam als Exerzitienmeister, der dem Grundsatz „contemplata aliis tradere“ folgt. Behutsam gibt er Winke, die seiner Lektüre der Heiligen Schrift erwachsen sind und das geistliche Leben der Leser nähren. Da es Lajolo nicht um exegetische Analyse geht und er erklärtermaßen auch keine hohe Theologie treiben will, zeichnen sich seine Darlegungen durch eine gute Allgemeinverständlichkeit aus. Inhaltlich dreht sich die Schriftbetrachtung des Kardinals um die Gestalt der Gottesmutter Maria. Besonders das Gnadenbild der „Madonna del Sangue“ von Re in der oberitalienischen Diözese Novara steht ihm seit früher Jugend nahe. In Re ist sein Vater einst Gemeindearzt gewesen, der Kardinal selbst hat im dortigen Heiligtum der Gottesmutter 1960 die heilige Priesterweihe empfangen.

    Als Inbegriff intakter Beziehungsfähigkeit zu Gott und den Menschen wird Maria von Kardinal Lajolo beschrieben. Das Bild... Foto: IN

    Kardinal Giovanni Lajolo ist in Deutschland kein Unbekannter: Acht Jahre lang amtierte er hier als Apostolischer Nuntius. In seinem kürzlich erschienenen Buch begegnet er dem Leser gleichsam als Exerzitienmeister, der dem Grundsatz „contemplata aliis tradere“ folgt. Behutsam gibt er Winke, die seiner Lektüre der Heiligen Schrift erwachsen sind und das geistliche Leben der Leser nähren. Da es Lajolo nicht um exegetische Analyse geht und er erklärtermaßen auch keine hohe Theologie treiben will, zeichnen sich seine Darlegungen durch eine gute Allgemeinverständlichkeit aus. Inhaltlich dreht sich die Schriftbetrachtung des Kardinals um die Gestalt der Gottesmutter Maria. Besonders das Gnadenbild der „Madonna del Sangue“ von Re in der oberitalienischen Diözese Novara steht ihm seit früher Jugend nahe. In Re ist sein Vater einst Gemeindearzt gewesen, der Kardinal selbst hat im dortigen Heiligtum der Gottesmutter 1960 die heilige Priesterweihe empfangen.

    Ein „Marienbuch“ eines marianischen Kardinals also! Unter welchem Gesichtspunkt der Autor hier auf die Gottesmutter blickt, offenbart der zweite Untertitel: „Betrachtungen über interpersonale Beziehungen“. Da die Gottesmutter ohne alle Sünde ist und von ihr nichts Berechnendes, Gehässiges, Nachtragendes, kurz: nichts Böses ausgehen kann, deswegen ist sie auch die vorbildlich Beziehungsfähige. Ein Blick auf ihren Umgang mit anderen vermag die Beziehungen desjenigen zu prägen, der sich auf sie einlässt – zu prägen und zu heilen. Wie sehr wird die menschliche Gesellschaft durch misslingende und misslungene Beziehungen der Menschen in Gefahr gebracht! Wer hier in der Nachfolge Mariens etwas zum Guten ändern will, indem er bei sich selber beginnt, der tut einen echten Dienst am Menschen. Hier wird deutlich, wie die recht verstandene contemplatio in die actio umschlägt, wie „Mystik“ zur „Politik“ wird.

    Maria wird von Lajolo in den Blick genommen als die große Schweigende, aber auch als jene, die in markanter Weise nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift das Wort ergreift. Der Verfasser versetzt sich in die Gestalt der Gottesmutter in deren tiefer Heilsbedeutsamkeit hinein und formuliert einprägsam, so etwa wenn er über die Liebe zwischen Maria und ihrem Bräutigam Joseph schreibt: „Die ,göttliche Flamme‘ der jungfräulichen Liebe zwischen Maria und ihrem Bräutigam Joseph nahm die Kraft ihrer bräutlichen Liebe in sich auf und reichte sie makellos Gott dar für eine höhere Fruchtbarkeit: die Fruchtbarkeit des Himmelreiches“ (vgl. Mt 19, 12).

    Hier werden Möglichkeiten tiefer Liebe erahnbar. Jene, die in Beziehungen unserer Tage leben und oft bestimmt sind von Definitionen des Wortes „Liebe“, die einfach zu kurz greifen, könnten hier echte Perspektiven für ihr Miteinander finden, an die sie bis jetzt noch gar nicht gedacht haben; Perspektiven, die ihnen zuerst fremd sein mögen, aber dann dazu angetan sind, eine aufbauende Wirkung zu erzielen. Beeindruckend sind Gedanken wie: „In den Evangelien sind die Episoden des Ehelebens von Maria und Joseph von der Vermählung bis zur Wiederauffindung Jesu im Tempel in Schweigen gehüllt. … Auch das Schweigen, das dem Einklang des Geistes wie auch der Harmonie der Musik Atem und Rhythmus verschafft, war Wort.“ Inmitten einer wortreichen, lauten Welt kann ein liebendes Miteinander in der Stille ein kostbarer Schatz werden, wie manche glücklichen Paare bezeugen. Lajolo schreibt: „Schweigen kann, sogar mehr als das laute Wort, der Liebe Nahrung geben und sich davon ernähren.“

    Großartig ist die Deutung von Mariens „Fiat“ durch den Verfasser: „Maria … opfert den eigenen Willen. Sie vertraut rückhaltlos dem Willen Gottes. Sie benimmt sich nicht gemäß der Mentalität der Welt, sondern nach einer anderen. Nach welcher? Sie kann in einem einzigen Wort zusammengefasst werden: das Opfer. Das Opfer ist Verzicht, Verzicht auf etwas Verfügbares, das so der eigenen Verfügung entzogen wird und für die Transzendenz Gottes, dem es vom Ursprung gehört, bestimmt und geweiht ist. Es kann Lob, Danksagung, Sühne bedeuten: stets versinnbildlicht es die Anerkennung einer letzten, auf Gott bezogenen Ordnung.“ Durch ihr bewusstes Ja zur Ordnung Gottes wird Maria zu Christi Gehilfin bei der Erlösung: „In diesem Fiat verschmelzen der Liebeswille Gottes und der Liebeswille Marias zu einem einzigen neuen Akt – einem in der Geschichte der Menschheit absolut neuen Akt –, einem von Seiten Gottes her schöpferischen und von Seiten Marias her fruchtbaren Akt.“ Mariens Beziehung zu Gott und den Menschen – wie sehr sind sie dazu angetan, der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen! Nur eine Öffnung des Menschen in Richtung Gottes ist notwendig.

    Kardinal Lajolos Buch liest man mit Gewinn. Gerade in seiner Schlichtheit und Glaubenstreue, in der Tiefe seiner Gedanken ist es ein Juwel in der marianischen Literatur unserer Zeit. Besonders der Verzicht auf die Phantastereien der Apokryphen, von denen der heilige Hieronymus spricht (nicht „Girolamo“ (vgl. Seite 15 – hier wurde nicht konsequent übersetzt), wirkt unendlich wohltuend. Wer eine gute Lektüre für den Frauendreißiger sucht, sollte an Lajolos Buch nicht vorbeigehen.

    Giovanni Lajolo: Maria – Ihre Worte, Ihr Schweigen. Betrachtungen über interpersonale Beziehungen. fe-medienverlags GmbH, Kißlegg 2015, 223 Seiten, ISBN 978-3-86357-119-1, EUR 12, 80