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    Schöne Bilder mit fehlender Tiefenschärfe

    Die Verehrung der Gottesmutter ist ein Charakteristikum der katholischen wie der orthodoxen Christenheit. Sie ist aus der Spiritualität dieser Kirchen nicht wegzudenken, die das Wort des Herrn, vom Kreuz aus an Johannes gerichtet und auf Maria weisend, auf alle ihre Glieder beziehen: „Siehe deine Mutter!“ Als Vorbild und Fürsprecherin steht die Mutter Gottes in inniger Beziehung zur Welt. Ihre Wallfahrtsstätten sind zentrale Stätten des christlichen Glaubens auf dem Erdball. Und die marianischen Wahrheiten, die die Kirche bekennt, umschließen, verteidigen und schützen das Bekenntnis zu ihrem Sohn, dem Gottmenschen Jesus Christus, unserem einzigen Erlöser. Kein Wunder, dass die Gottesmutter in der christlichen Ikonografie – wie auch in der Dichtkunst und Musik – eine große Rolle spielt. Gerade in der Malerei und Bildhauerei sind marianische Schätze zu entdecken, die es verdienen, den Menschen von heute erschlossen zu werden.

    Die Verehrung der Gottesmutter ist ein Charakteristikum der katholischen wie der orthodoxen Christenheit. Sie ist aus der Spiritualität dieser Kirchen nicht wegzudenken, die das Wort des Herrn, vom Kreuz aus an Johannes gerichtet und auf Maria weisend, auf alle ihre Glieder beziehen: „Siehe deine Mutter!“ Als Vorbild und Fürsprecherin steht die Mutter Gottes in inniger Beziehung zur Welt. Ihre Wallfahrtsstätten sind zentrale Stätten des christlichen Glaubens auf dem Erdball. Und die marianischen Wahrheiten, die die Kirche bekennt, umschließen, verteidigen und schützen das Bekenntnis zu ihrem Sohn, dem Gottmenschen Jesus Christus, unserem einzigen Erlöser. Kein Wunder, dass die Gottesmutter in der christlichen Ikonografie – wie auch in der Dichtkunst und Musik – eine große Rolle spielt. Gerade in der Malerei und Bildhauerei sind marianische Schätze zu entdecken, die es verdienen, den Menschen von heute erschlossen zu werden.

    In einem Buch mit dem von Novalis entlehnten Titel „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria“ bietet der Seelsorger, Psychologe und Kunstgeschichtler Alois Butzkamm interessante Zugänge zu Mariendarstellungen, Gemälden und Skulpturen, die er beschreibt und deutet. Hierbei geht er zuerst Bildwerke zu den Marienfesten des Kirchenjahres an, dann solche, die der theologischen Tradition entstammen. Noch einmal davon unterschieden sind „Marienbilder nach apokryphen Schriften“. Diese Einteilung erweist sich für den Rezensenten als nicht völlig geglückt, denn die „Pieta“ kann sehr wohl von einer biblischen Gegebenheit (Maria unter dem Kreuz – Joh 19) abgeleitet werden, zu der es unter dem 15. September auch einen eigenen Mariengedenktag im Kirchenjahr (Mariä Schmerzen) gibt.

    Unter der Aufzählung der „Marienfeste im Kirchenjahr“ mit den entsprechenden Bildern bei Butzkamm fehlt dagegen die Schmerzhafte Mutter, die man stattdessen unter den „theologisch begründeten Marienbildern“ der Tradition entdeckt. Ebenso hätte man eine Darstellung „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ nicht gerade unter den den Apokryphen entnommenen Bildern vermutet. Gibt es zwar zur Flucht der Heiligen Familie auch kein liturgisches Fest, so wäre sie im vorliegenden Buch bei den Darstellungen aus dem Weihnachtsfestkreis wohl angemessener eingeordnet, da es zu dieser Begebenheit einen klaren biblischen Bezug gibt (vgl. Mt 2, 13–15).

    Ein Kuriosum ist die Tatsache, dass sich das Fest Maria Schnee, heute Weihetag von Sta. Maria Maggiore in Rom (am 5. August im Kalender der Kirche), mit seiner Gründungslegende in Butzkamms Buch unter den „Marienbildern nach apokryphen Schriften“ findet. Schließlich sind damit ja die Apokryphen zum Neuen Testament gemeint.

    Butzkamm scheint sich der Problematik durchaus bewusst zu sein. Er sagt: „Deshalb steht dieser Beitrag am Schluss, ohne eine Gliederungszahl, weil er als Sonderfall nicht einzuordnen ist“. Trotz solchen Problembewusstseins ist er aber – wie gesagt, eigenartig! – eingeordnet, und zwar sehr wohl mit Ordnungszahl. Ist hier die Letztkorrektur ausgeblieben, oder ließ die Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektorat an dieser Stelle zu wünschen übrig?

    In seinen sehr gut lesbaren Bilddeutungen bietet Butzkamm Wertvolles und Lehrreiches. Ikonographisch unternimmt er mit dem Leser einen instruktiven Weg durch die Jahrhunderte. Von einem Mosaik aus Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna über das Lichtmess-Fresko Giottos in der Arenakapelle von Padua, Werke von Memling, Donatello und van der Goes, bis hin zu Gauguins „Geburt“ und Sylvia Vandermeers atemberaubende und zu lebhafter Diskussion reizende Aktualisierung der „Verkündigung an der Bushaltestelle“ – um nur einige Beispiele zu nennen – reicht die im Buch dargebotene und besprochene Palette. Manches lässt sich für die Katechese fruchtbar machen, weswegen sich das Buch nicht nur als Betrachtungshilfe für Christen jeden Standes, sondern auch als ein Werkzeug des Seelsorgers eignet.

    Eine Schwierigkeit, die sich bei Butzkamms Buch ergibt, ist in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen: Butzkamm will, was an und für sich anerkennenswert ist, die Lehre der Kirche über Maria erklären. Das scheint umso notwendiger, als manches in dieser Hinsicht heute einfach nicht mehr gewusst wird. Gute Erklärungen zur Mariologie entsprechen der quasi-katechumenalen Situation unserer Zeit und sind einem erweiterten Leserkreis – über die kirchlich Sozialisierten hinaus – förderlich. Auch dass Butzkamm die neuere Theologie mit einbezieht, ist a priori nicht zu verwerfen.

    Aber einige seiner Aussagen sind schlichtweg gefährlich. Man wird ihm noch darin zustimmen können, dass die biblische Erzählung vom Sündenfall eine Bildgeschichte ist, die für einen realen Sachverhalt steht. Aber schon Butzkamms in diesem Zusammenhang gefällte Aussage: „Man muss unterscheiden zwischen historisch und wahr“ ist verwirrend. Der Sündenfall, mag er sich auch nicht gerade so vollzogen haben, wie es die Heilige Schrift bildhaft beschreibt, ist ein heilsgeschichtliches Faktum.

    Unter der bedenklichen Überschrift: „Manche biblischen Texte und dogmatischen Formulierungen erledigen sich mit der Zeit“ findet der irritierte Leser den Satz: „In den Zeiten der ersten Konzilien im vierten und fünften Jahrhundert diskutierte man noch in den Straßen und Geschäften von Konstantinopel, ob der Vater größer sei als der Sohn. Heute haben die Menschen andere Probleme. Ob Jesus substanziell mit der konsekrierten Hostie verbunden ist oder ob das Brot nur ein Zeichen für die Gegenwart des auferstandenen Herrn ist oder ob seine Gegenwart über den Gottesdienst hinaus andauert, interessiert die meisten Menschen nicht. Sie warten darauf, wann endlich ein katholischer Christ am Abendmahl in der Schwesterkirche teilnehmen darf und wann gläubigen evangelischen Christen der Empfang der heiligen Kommunion in der katholischen Kirche gestattet wird.“

    Wenn manche Glaubenswahrheiten nicht mehr bekannt sind, nicht mehr „interessieren“, dann ist es nicht Aufgabe der Kirche, sich von ihnen zu lösen oder sie zu verschweigen, sondern sie in einer Weise zu erklären, dass sie wieder ins allgemeine Bewusstsein treten und neues Interesse finden. Denn hier handelt es sich um unaufgebbare Grundlagen, die sich eben nicht mit der Zeit von selbst erledigen. Nur wenn Vermittlung hier gelingt, wird deutlich, mit welch berechtigtem Grund die Kirche nicht einen für alle grundsätzlich schrankenlosen Zugang zum eucharistischen Sakrament gestatten kann.

    Leider verursacht eine mindestens missverständliche Sicht des Autors auch Unklarheiten in seinen Ausführungen über die Gottesmutter. Diese konterkarieren sein Bemühen, auch Argumente für überlieferte Glaubenspositionen beizubringen. Letzteres ist natürlich zu würdigen. Wenn im Kontext der Behandlung der Jungfrauengeburt von Butzkamm, der übrigens Anleihen bei Hans Küng macht, formuliert wird: „Kann man nicht ehrlich zugeben, dass manche Formulierungen früher treffend und hilfreich waren, heute aber aufgrund anderer Erkenntnisse und gesellschaftlicher Entwicklungen so nicht mehr wiederholt werden können?“, so ist diese Sichtweise bezüglich eines Dogmas wie der Parthenogenese als sehr problematisch zu qualifizieren. Jede neue Formulierung läuft Gefahr, hinter der „Glaubensfülle“, die die alte umfasste, zurückzubleiben. Die Menschen haben aber ein Recht auf die ganze Wahrheit, die natürlich so erklärt werden muss, dass sie erfasst werden kann. Es ist klar, dass einer Aufweichung des Marienglaubens eine Aufweichung des Christusglaubens folgen muss, wie sich bei bestimmten Vertretern neuer theologischer Ansätze denn auch überdeutlich zeigt – trotz allem, was Küng zu dieser Frage schreiben mag. Wer das Buch in die Hand nimmt, sollte sich mit aller Klarheit auch der Grenzen von Butzkamms Darstellung bewusst bleiben.

    Aloys Butzkamm: Ich sehe dich in

    tausend Bildern, Maria. Mariendarstellungen zwischen Tradition und

    Moderne. Bonifatius Verlag, Paderborn,

    ISBN 978-3-89710-590-4, 243 Seiten,

    EUR 29,90