• aktualisiert:

    Sauerteig-Dynamik

    "Einander heilige Gaben und miteinander Sauerteig in der Kirche sein" - Einhundert Ordenschristen und Menschen gottgeweihten Lebens trafen sich im Fokolar-Zentrum im bayerischen Ottmaring. Von Benedikt Winkler

    Ottmaringer Tage
    Um die Ikone in der Kapelle der Fokolar-Bewegung versammelt, wurde die Eucharistie gefeiert. Foto: bwi

    Die Überalterung der Orden, der Mangel an neuen Berufungen und die verschiedenen Formen des Missbrauchs fordern geistliche Gemeinschaften heraus. Es gilt, die Asche wegzufegen, welche die Glut der Charismen bedeckt, so manches auf den Prüfstand zu stellen und mutig neue Wege zu gehen, sei es in der Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen, dem Verständnis von Autorität oder der Zeugniskraft von Spiritualität im Bereich von Wirtschaft und Finanzen.

    Das Lebenszentrum der Fokolar-Bewegung in Ottmaring, nur wenige Kilometer südöstlich von Augsburg entfernt, bot in der vergangenen Woche für einhundert Christen aus Orden und geistlichen Gemeinschaften verschiedener Kirchen einen Ort, um der Frage nachzugehen, wie man „miteinander Sauerteig in der Kirche“ und „einander heilige Gaben“ sein könne.

    "Die Eucharistie ist vielleicht noch nicht
    das Zeichen der vollen Einheit, aber doch
    Werkzeug einer Einheit, nach
    der wir uns so sehr sehnen"
    Schwester Katarina Kluitmann

    Sr. Katharina Kluitmann, Vorsitzende der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK), unterstrich das polyederartige Miteinander der Orden in der Kirche. „Die Erfahrungen, die ökumenisch lebende und vernetzte Gemeinschaften machten, bestätigen, was bereits das Zweite Vatikanische Konzil mutig formuliert habe: Die Eucharistie ist vielleicht noch nicht das Zeichen der vollen Einheit, aber doch Werkzeug einer Einheit, nach der wir uns so sehr sehnen.“ Kluitmann hofft auf die subversive Sauerteig-Dynamik der „Ottmaringer Tage“ – sei es in der Frage der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern oder dem gemeinsamen politischen Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Eine neue Zeugniskraft verspricht sie sich von Projekten in gemeinsamer Trägerschaft von verschiedenen Gemeinschaften.

    Als Beispiel nannte sie eine mögliche gemeinsame Hochschule der Orden in Berlin. Die einen könnten Lehrkräfte stellen, die anderen Häuser, die dritten geistliche Begleitung, die vierten Geld. Kluitmann machte auch Mut, sich den „heißen“ Themen zu stellen und in der Diskussion um das Pflichtzölibat die Erfahrungen der Gründungen charismatischen Ursprungs zu hören. „Oft bilden in unseren Gemeinschaften freiwillig ehelos Lebende und Unverheiratete eine geistliche Familie. Gerade die, die freiwillig ehelos leben, können die Schönheit dieser Wahl repräsentieren – und deshalb vielleicht unverdächtiger die Frage stellen, ob sie für Priester zwingend sein sollte.“

    "Die Verschiedenheit nimmt der
    Einheit nichts, sie macht sie stärker!"
    Kardinal Joao Braz de Aviz

    Als prominenten Gast hatten die Veranstalter, die Deutsche Ordensoberenkonferenz und die Vereinigung der „Ordensgemeinschaften Österreich“, den Präfekt der Ordenskongregation in Rom, Kardinal Joao Braz de Aviz, gewinnen können. Mit einem schlichten Pektorale aus Holz um den Hals, versprühte der Kardinal aus Brasilien lateinamerikanisches Temperament. „Diese Begegnung ist für mich ein interessanter Weg des Dialogs unter uns allen, unter den historischen Charismen, und dieser Weg kann Früchte für uns hervorbringen und die Asche von der Glut wegfegen“, sagte Aviz. Dabei hob er die Veranstaltung im Kontext der aktuellen Herausforderungen der Kirche hervor: „Hier sieht man: Die Verschiedenheit nimmt der Einheit nichts, sie macht sie stärker! Wir müssen Beziehungen der gegenseitigen Liebe unter uns aufbauen und gemeinsam bezeugen, dass wir Jünger Jesu sind.“

    Aviz nannte Prinzipien, die auch Papst Franziskus für das Leben der Ordenschristen und der Gottgeweihten aus geistlichen Gemeinschaften empfiehlt: Zunächst sei die Zeit wichtiger als der Raum. Jedes Charisma müsse sich einschwingen in die tieferen Zusammenhänge der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen. Dabei gelte es, in die Zeiträume Gottes einzuwilligen und Geduld zu haben. Georges Lemopoulos, der dreißig Jahre als Stellvertretender Generalsekretär im Dienst verschiedener Kommissionen des Weltkirchenrates stand, stimmte Aviz zu. „Die Zeit Gottes ist eine andere als die unsrige“, sagte Lemopoulos. „Als Pilger auf dem Weg zur Einheit bräuchte es Prozesse und keine Schnellschüsse.“ Der Kardinal aus Brasilien äußerte sich auch zu Europa, welches er als ein „reichhaltiges Mosaik kultureller Unterschiede“ wahrnehme. „Eine hörende, multikulturelle Kompetenz“, ein „Bewusstseins für Interdependenz“ und eine „globale Reifung“ seien dort gefragt, wo das Leben nicht mehr als Gabe Gottes gesehen werde. Anstatt Räume zu besetzen, sollte man die Kultur des Anderen lieben und Prozesse ermöglichen, die aus der Logik des Evangeliums erwüchsen und aus einem selbstbezüglichen Kult des Individuums herausführten.

    "Der Glaube muss nicht groß sein,
    es reicht, dass wir anfangen, ihn einzusetzen“
    Geigenbauer Martin Schleske

    Der Redemptorist und „Urvater der Ottmaringer Tage“ P. Hans Schalk sowie der Pallotinerpater und Wallfahrtsdirektor in „Herrgottsruh“ Sascha-Philipp Geißler beschrieben in einem Co-Referat vier Bilder von Kirche: Die Kirche als wanderndes Gottesvolk, das Bild vom Leib Christi mit vielen Gliedern, das Bild von Braut und Bräutigam und das Bild der Kirche als Mutter. Kirche schenke Leben weiter, so Geißler, sie fördere Gemeinschaft (communio), diene dem Leben in Diakonie und Caritas und mahne für das Leben im Sinne der Prophetie.

    Ganz praktisch und von vier Instrumentalistinnen musikalisch untermalt wurden die „Ottmaringer Tage“ mit der Konzertlesung auf Basis der Geschichte „Die Verhandlung“ des Geigenbauers und Autors Martin Schleske. Mit Beispielen aus seinem persönlichen, geistlichen und beruflichen Leben verdeutlichte Schleske, wie sehr für ihn eine Verbindung zwischen Worten und Werken und der inspirierenden Kraft Gottes Leben und Arbeit durchdringe. „Der Glaube muss nicht groß sein, es reicht, dass wir anfangen, ihn einzusetzen“, machte er den Anwesenden Mut. Er erlebe eine ungeheure Sehnsucht nach Gott in den Menschen, auch wenn sie mit Kirche oft nichts anfangen könnten. Mit Bildern aus seinem Metier, der Musik und des Instrumentenbaus, zeigte er auf, wie Gott wirken könne, wenn der Mensch für seine Stimme sensibel sei: „Die Gnade möchte unseren Glauben spielen wie ein Instrument. Die Gnade ist der Musiker, unser Glaube das Instrument. Wenn der Bogen die Saiten der Geige berührt, das ist der verletzlichste Moment. Jeder Musiker weiß das – es braucht jahrelange Übung, dass es nicht kratzt, nicht quietscht, dass es ein guter Klang wird… Die Schönheit kommt aus der Verletzlichkeit.“ Auch aus Scheitern und Irrtum könne immer wieder Neues entstehen, wichtig sei, sich immer wieder in die Haltung des Hörenden und Lernenden zu begeben: „Es ist nicht schlimm, Anfänger zu sein, denn das bedeutet ja, etwas anzufangen. Nur mit Anfängern kann der Himmel etwas anfangen.“

    Weitere Artikel