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    Rosenkranz, Partylaune und Klartext

    München (DT) Vielleicht ist es das Schönste, dass ausgerechnet hier gelingt, was selbstbezeichnende „liberale“ oder „progressive“ Katholiken so gern für sich in Anspruch nehmen: Trotz Temperaturen von annähernd vierzig Grad auf dem Odeonsplatz ist die Münchner Kundgebung ziemlich „cool“. Als am Ende schon mancher der – gemäß Angaben der Polizei und dem Nachrichtenportal „kath.de“ – zweitausend Teilnehmer gegangen ist, greifen die vielen eher jungen Menschen, die geblieben sind, einfach zu Wasserflaschen und spritzen die Menge nass, wie man das von Rockkonzert und Fanmeile kennt. Denn was die österreichische Band „Cardiac Move“ da gerade auf der Bühne bietet, ist endlich einmal nicht der übliche Sacropop oder jene Art von Weltmusik, die mit ihrer vagen Spiritualität nicht nur die Vernunft, sondern nebenher auch noch jeden halbwegs geschulten Musikgeschmack beleidigt. Sondern schlicht guter Rock. Kathy Kelly, die Gospel- und Soulgröße, braucht da anschließend nur noch einen draufzusetzen. Auch indem sie auf sehr persönliche Wiese ihren Glauben bekennt: „Ich liebe die Kirche. Ein Dankeschön an diese katholische Kirche, die über 2 000 Jahre so viel Kunst, so viel Freude, so viel Gutes getan hat.“

    München (DT) Vielleicht ist es das Schönste, dass ausgerechnet hier gelingt, was selbstbezeichnende „liberale“ oder „progressive“ Katholiken so gern für sich in Anspruch nehmen: Trotz Temperaturen von annähernd vierzig Grad auf dem Odeonsplatz ist die Münchner Kundgebung ziemlich „cool“. Als am Ende schon mancher der – gemäß Angaben der Polizei und dem Nachrichtenportal „kath.de“ – zweitausend Teilnehmer gegangen ist, greifen die vielen eher jungen Menschen, die geblieben sind, einfach zu Wasserflaschen und spritzen die Menge nass, wie man das von Rockkonzert und Fanmeile kennt. Denn was die österreichische Band „Cardiac Move“ da gerade auf der Bühne bietet, ist endlich einmal nicht der übliche Sacropop oder jene Art von Weltmusik, die mit ihrer vagen Spiritualität nicht nur die Vernunft, sondern nebenher auch noch jeden halbwegs geschulten Musikgeschmack beleidigt. Sondern schlicht guter Rock. Kathy Kelly, die Gospel- und Soulgröße, braucht da anschließend nur noch einen draufzusetzen. Auch indem sie auf sehr persönliche Wiese ihren Glauben bekennt: „Ich liebe die Kirche. Ein Dankeschön an diese katholische Kirche, die über 2 000 Jahre so viel Kunst, so viel Freude, so viel Gutes getan hat.“

    Einen dürfte die Partylaune im Kontext von Angelus, Rosenkranzgebet und flammenden Reden pro Papa et pro Ecclesia keinesfalls wundern: Alexander Kissler. Schließlich bezeichnet der Kulturjournalist im Interview den Heiligen Vater als „Vertreter eines spezifisch heiteren Katholizismus“: „Benedikt XVI. ist nicht nur katholisch, er ist auch unverschämt katholisch, nämlich gutgelaunt katholisch.“ Was aber dann für dauerschlechte Stimmung sorge, fragt Moderator Michael Ragg, ausgerechnet im Heimatland von Benedikt, wo die Freude über die Wahl dieses Papstes zunächst so groß gewesen sei. Nun, meint Kissler, das sei eben die alte mentalitätsgeschichtliche Verstockung besonders der Deutschen. Der Autor des Buches „Der deutsche Papst: Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat“ vermutet hier nichts anderes als einen merkwürdig verkappten Nationalismus: Der „katholische Weltbürger“ lasse sich nicht auf Nationalstaatlichkeit und ein Aufgehen in reiner Gegenwärtigkeit festlegen. Als „Grüßaugust für allgemeine zivilreligiöse Verbrüderung“ tauge Benedikt XVI. nun mal nicht. „Man hat ungefähr ein Jahr gebraucht, um festzustellen: Hoppala, der Papst ist katholisch.“

    Das mit der Nationalstaatlichkeit sieht Gabriele Kuby ähnlich: Gerade im Land der Reformation gälten Katholiken nun schon lange als „politisch unzuverlässige Gesellen“. Nein, betont auch sie in ihrer Ansprache, Katholiken seien überhaupt nicht intolerant, schließlich sei gerade ihnen die Feindesliebe aufgegeben; nur seien sie nicht bereit, die Wahrheit dem Relativismus zu opfern. Nein, Katholiken seien nicht im Gestrigen gebunden; sie weigerten sich bloß, die christlichen Wurzeln abzuschneiden, denn dann zeichne sich der Selbstmord einer Kultur und auch einer Nation ab. Katholische Pracht hat Gabriele Kuby noch nie gescheut. Ihre Ansprache ist rhetorisch brillant. Vielleicht packt sie ein bisschen zu viel hinein, aber dafür meidet sie zumindest nicht den apokalyptischen Gestus, den Pfarrer über Jahrhunderte gepflegt haben, um ihren Schäfchen den Weg aus beruhigtem Mittelmaß zu weisen. Von der Welt, erinnert Kuby, unterschieden sich Gläubige schließlich nur durch die Buße. Wo sie nicht mehr bereit seien, sich am ganzen Glauben zu messen, säkularisierten sie die Kirche.

    Wie schon bei den Propheten des Alten Testaments und bei den wortmächtigen Frauen des Mittelalters, die so manchem selbstzufriedenen Würdenträger ziemlich auf die Nerven gingen, richtet sich auch Kubys „Wehe“-Ruf zunächst ans Innere:. „Der Papst flieht nicht vor den Wölfen. Manchmal scheint es, als wäre er von ganzen Rudeln umstellt.“ Aber: „Wir bitten auch unsere Bischöfe, uns vor den Wölfen zu schützen. ... Wir brauchen Hirten, die ... vorbehaltlos hinter dem Papst stehen, damit auch wir vorbehaltlos hinter ihnen stehen können; Hirten, die uns vor Irrlehrern bewahren, welche uns auf den breiten Weg führen und verbergen, dass er ins Verderben führt. Wir brauchen mutige Hirten, die Gott mehr fürchten als die Medien.“

    Vor der Feldherrnhalle trägt ihr das zahlreiche „Jawoll“- und „Bravo“-Rufe ein. „Pro Papa“ ist laut Michael Ragg schließlich „eine echte Graswurzelbewegung“, ein Ausdruck „mündiger Christen“. Auch wenn Alexander Kissler sagt, kirchennahe Katholiken seien eine Minderheit in der Minderheit: Orthodoxe Katholiken beweisen hier, dass sie durchaus sehr basisdemokratisch sind. Es sei denn, man verstünde es als Demokratie, wenn die Mehrheit die Minderheit mundtot macht. Und auch die Amtskirche ist durch Weihbischof emeritus Franz Dietl vertreten, der das Grußwort von Reinhard Marx überbringt. Die Ursache für die derzeitigen Angriffe auf die Kirche, erinnert der Erzbischof von München und Freising ausführlich, kämen aus dem Inneren der Kirche selbst. Berechtigte Kritik sei daher legitim. Nicht aber, Geistliche „unter einen Generalverdacht zu stellen“. Der Kundgebung für den Heiligen Vater sei er mit dem Herzen und im Gebet verbunden. „Einmütig und hoffnungsvoll dürfen wir mit ihm den Weg der Kirche in die Zukunft gehen.“ „Benedetto, Benedetto“, ruft da die Menge, nicht zum ersten Mal.

    Man darf das durchaus doppeldeutig verstehen: Der 11. Juli ist schließlich das Fest des heiligen Benedikts von Nursia, sozusagen der zweite Namenstag von Joseph Ratzinger. „Könnten wir Deutsche uns doch über ihn so freuen über die Fußballweltmeisterschaft“, hatte Gabriele Kuby geklagt. Die Feierlaune jedenfalls ist gut auf dem Odeonsplatz. Und wenn Kathy Kelly das „Ave Maria“ von Beyoncé singt, klingt das auf jeden Fall besser als die Schlachtgesänge auf der angrenzenden Leopoldstraße am Abend zuvor.