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    Römischer Fels im Rütteltest

    Augsburg (DT/KNA) Rütteltests sind bewährte Verfahren in der Materialforschung. Damit prüfen Ingenieure die Haltbarkeit einer technischen Konstruktion. Unter diesem Begriff bieten aber auch Betriebswirte Existenzgründern eine Entscheidungshilfe an, ob eine Geschäftsidee trägt. Unter dem plakativen Titel „Fels der Kirche oder Stein des Anstoßes?“ lud das Akademische Forum der Diözese Augsburg am Wochenende drei katholische, einen lutherischen und einen orthodoxen Theologen ein. Sie unterzogen den päpstlichen Primat einer Art ökumenischem Rütteltest. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Bei allen Schwierigkeiten und Vorbehalten wurden bei der Tagung Konvergenzen sichtbar. Die Zuhörer konnten den Eindruck gewinnen, dass an diesem Felsen – bildlich gesprochen – katholischerseits etwas Steilheit abgetragen und die Basis verbreitert werden müsste, dann könnten auch Christen anderer Konfessionen in ihm eine Stütze ihres kirchlichen Lebens erfahren, ohne die Sorge haben zu müssen, erschlagen zu werden. In der Geschichte des Papsttums und den mit ihm gewachsenen Differenzen zwischen den Konfessionen spiegeln sich auch innerkirchliche Probleme wider.

    Seinen entschiedenen Willen zur Einheit der Christen dokumentierte Johannes Paul II. in der Enzyklika „Ut unum sint“. Foto: KNA

    Augsburg (DT/KNA) Rütteltests sind bewährte Verfahren in der Materialforschung. Damit prüfen Ingenieure die Haltbarkeit einer technischen Konstruktion. Unter diesem Begriff bieten aber auch Betriebswirte Existenzgründern eine Entscheidungshilfe an, ob eine Geschäftsidee trägt. Unter dem plakativen Titel „Fels der Kirche oder Stein des Anstoßes?“ lud das Akademische Forum der Diözese Augsburg am Wochenende drei katholische, einen lutherischen und einen orthodoxen Theologen ein. Sie unterzogen den päpstlichen Primat einer Art ökumenischem Rütteltest. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Bei allen Schwierigkeiten und Vorbehalten wurden bei der Tagung Konvergenzen sichtbar. Die Zuhörer konnten den Eindruck gewinnen, dass an diesem Felsen – bildlich gesprochen – katholischerseits etwas Steilheit abgetragen und die Basis verbreitert werden müsste, dann könnten auch Christen anderer Konfessionen in ihm eine Stütze ihres kirchlichen Lebens erfahren, ohne die Sorge haben zu müssen, erschlagen zu werden. In der Geschichte des Papsttums und den mit ihm gewachsenen Differenzen zwischen den Konfessionen spiegeln sich auch innerkirchliche Probleme wider.

    Der Papst – Förderer oder Hindernis für die Ökumene?

    Mit dem Blick auf beides eröffnet sich ein Spielraum für interessante Entwicklungsmöglichkeiten. Lässt man sich auf diese Perspektive ein, könnte der Papst künftig vielleicht mehr sein als ein bloßer „Sprecher der Christenheit“, bei aller Bedeutung, die bereits diese Rolle angesichts von Globalisierung und Mediengesellschaft hätte. Mit bemerkenswert selbstkritischen Worten haben die Päpste nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Diskussion eröffnet. Paul VI. formulierte 1967: „Wir wissen wohl, dass das größte Hindernis auf dem Weg der Ökumene das Papsttum ist.“

    In seiner Enzyklika „Ut unum sint“ lud Johannes Paul II. 1995 zum geduldigen, brüderlichen Dialog „nach Jahrhunderten erbitterter Polemiken“ ein. Es gelte, eine Form der Primatsausübung zu finden, „die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet“.

    Von einer „breiten Diskussion“ im Anschluss an diese Einladung könne keine Rede sein, bilanzierte der katholische Fundamentaltheologe Wolfgang Klausnitzer nüchtern. Es habe aber „gewisse Reaktionen“ gegeben, erläuterte der in Würzburg lehrende Bamberger Domkapitular. Dabei verwies er vor allem auf das Dokument des offiziellen anglikanisch-katholischen Dialogs „Eine Gabe der Autorität“ von 1999 und auf die katholisch-lutherische Studie „Communio Sanctorum“ von 2000. Wie Klausnitzer bedauerten auch andere Referenten, dass solche Ergebnisse gründlicher Gedankenarbeit leider zu wenig rezipiert würden, nicht nur von den Gläubigen selbst, sondern auch von anderen Theologen. In der Abgeschiedenheit des italienischen Birgittenklosters Farfa Sabina hat in den vergangenen fünf Jahren eine kleine Arbeitsgruppe lutherischer und katholischer Theologen sich des Themas angenommen. Das Resultat stellte sie im Februar in Erfurt vor.

    In Augsburg konnte einer der Mitwirkenden, der evangelische Straßburger Ökumeniker Theodor Dieter, erfreut berichten, dass der Verlag schon eine zweite Auflage des 190 Seiten starken Titels „Gemeinschaft der Kirchen und Petrusamt“ vorbereite. So gering scheint also das öffentliche Interesse dann auch wieder nicht zu sein. Dieter sagte, gerichtet an seine evangelischen Glaubensgeschwister, es sei „höchste Zeit“, nicht mehr so zu tun, als könne man in der reformatorischen Kritik am Papst einfach fortfahren. Man dürfe sich nicht „zu Gefangenen des 16. Jahrhunderts“ machen. Zugleich machte er deutlich, dass es auch innerprotestantische Probleme mit der Verbindlichkeit der Lehre gebe. „Was beim päpstlichen Lehramt oft ein Zuviel ist, ist bei uns zuwenig.“ Klausnitzer beschrieb die nach wie vor ungelösten katholischen Probleme mit dem Petrusamt, nicht nur theologisch, sondern auch praktisch. So gebe es keine kirchenrechtliche Instanz, die etwa einen häretischen oder geisteskranken Papst absetzen könnte. Dass dies nicht nur eine hypothetische Möglichkeit sei, habe die Kirchengeschichte längst bewiesen.

    Der katholische Bochumer Neutestamentler Thomas Söding referierte die biblische „Petrusgeschichte“ und meinte, die Ambivalenz dieser Figur – der Verräter und der Bekenner, der Zauderer und der Märtyrer – könne auch ein Papst heute nicht hinter sich lassen. Dies müsse sich etwa darin zeigen, wie er mit eigenen Fehlern und Schwächen umgehe. Man könnte aber auch danach fragen, wie dieser biblische Befund durch den Zuschnitt des Amtes berücksichtigt werde. Die Petrus anvertrauten „Schlüssel des Himmels“ seien zum Öffnen, nicht zum Schließen von Türen da, die Binde- und Lösegewalt nicht sein Privileg, sondern ausweislich des Matthäusevangeliums allen Jüngern Jesu anvertraut. Gegen die vom Ersten Vatikanischen Konzil definierten Dogmen der päpstlichen Unfehlbarkeit und seines Jurisdiktionsprimats richten sich die stärksten Vorbehalte.

    Neue Modelle für das Petrusamt

    Eine maximalistische Interpretation, das wurde in Augsburg deutlich, hat im ökumenischen Gespräch keine Zukunft. Rückkehr oder Unterwerfung sind keine tauglichen Modelle der Kircheneinheit, ein unverbindliches Nebeneinander „bekenntnisverschiedener Kirchen“ allerdings auch nicht. Für den orthodoxen Theologen Grigorios Larentzakis ist die katholische Lösung einer Fortschreibung der umstrittenen Dogmen allerdings nicht ausreichend. Er konstatiert in der Papstgeschichte zu Beginn des zweiten Jahrtausends einen „revolutionären Bruch“.

    In den ersten tausend Jahren, als die Christenheit noch ungeteilt war, habe kein Papst über einem ökumenischen Konzil gestanden, vielmehr hätten letztere Päpste „be- und auch verurteilt“. Die Definitionen von 1870 seien schon deshalb nicht haltbar, weil sie Vätertexte der Alten Kirche selektiv und damit verfälschend auslegten. Hier müssten auf der Grundlage seriöser Forschungsergebnisse „einige Dinge klargestellt werden“. Larentzakis, der an der katholisch-theologischen Fakultät im österreichischen Graz lehrt, sagte, es sei „heute denkunmöglich“, dass ein Bischof in seiner Heimat Kreta vom Bischof von Rom ernannt würde. Die Wahl der Bischöfe durch den Mehrheitsentscheid einer regionalen Synode zähle zu den Grundanliegen der ältesten Konzilien. „Ich glaube, da hören auch manche Katholiken gerne zu“, sagte er. Dennoch kann sich der griechische Theologe den Papst in einer Rolle vorstellen, die über einen Ehrenprimat hinausgeht. So sei denkbar, dass dieser im Einvernehmen mit den anderen Patriarchen ein ökumenisches Konzil nicht nur einberuft, sondern es sogar leitet. Allerdings müsste er dann auch die Beschlüsse dieser Kirchenversammlung akzeptieren. „In dieser Verfassung könnte die Kirche heute effektiver wirken, und sie wäre auch glaubwürdiger“, ist sich Larentzakis sicher. Sich einander nicht mit Maximalforderungen konfrontieren, Unterschiede als nicht ausschließend, sondern als komplementär wahrnehmen, zwischen der biblischen Petrusfigur, dem Dienst an der Einheit und seiner geschichtlichen Entfaltung unterscheiden, eigene Defizite und Einseitigkeiten wahrnehmen – so könnte der weitere Dialog erfolgversprechend sein. Als in der Schlussrunde der Ökumeniker Dieter nach seinem Wunsch für die Zukunft gefragt wurde, antwortete er knapp: „Dass der Papst katholischer wird“. Damit meinte er ein Bewusstsein dafür, „dass zu seiner Kirche auch die orthodoxen und evangelischen Christen gehören“.