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    Radikal umkrempeln? Das wäre falsch!

    Auch im Bistum Fulda ist Anfang November die Aktion „Dreißig Tage – Gebet um Berufungen“ zu Ende gegangen. Auf das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Priesterjahr geht die Diözese auch im Rahmen anderer Initiativen ein. Sebastian Pilz sprach mit dem Regens des Fuldaer Priesterseminars, Cornelius Roth, über das Internationale Priesterjahr und die Veränderungen des Priesterbildes.

    Was beeindruckt Sie am meisten, wenn Sie die Vita des heiligen Pfarrers von Ars betrachten?

    Mich fasziniert seine Einfachheit, Bescheidenheit und Treue, mit der er 41 Jahre lang an einem Ort wirkte. Sein priesterliches Lebenszeugnis halte ich für aktuell, weil er uns auf die Kernkompetenzen des Priesters hinweist: die Feier der heiligen Messe, die Beichte und eine gute, verständliche Verkündigung. Im Vergleich zu heutigen Aufgaben eines Pfarrers hat er eigentlich wenig „gemacht“, und damit doch sehr viel bewirkt und großartigen „Erfolg“ gehabt.

    Meinen Sie mit den heutigen Aufgaben die zunehmende Verwaltungsarbeit eines Pfarrers angesichts größer werdender pastoraler Räume?

    Ja, zum Beispiel. Die Kirche muss sich für die Zukunft gut überlegen, ob ein Priester alle Verwaltungsaufgaben selbst übernehmen muss oder nicht einige Aufgaben an Laien abgegeben werden können. Wenn ein Pfarrer fünf Gemeinden mit fünf Pfarrgemeinde- und Verwaltungsräten zu leiten hat, ist es eindeutig zu viel. Das Vorbild des heiligen Pfarrers von Ars mahnt uns Priester, solche Aufgaben so gering wie möglich zu halten, um mehr Zeit für die Seelsorge an den Menschen und die würdige Spendung der Sakramente zu haben. Sein Beispiel macht deutlich, dass die schlichte Feier der Eucharistie und eine einfache, gute Predigt, verbunden mit der Liebe zu den Menschen, im Alltag auch ein pastorales Konzept sein kann.

    Wie kann der Verwaltungsaufwand reduziert werden?

    Das gegenwärtige Problem in vielen deutschen Bistümern ist, dass durch die Umstrukturierung zusätzlich neue Sitzungen hinzugekommen sind. Das ist fast überall so. Anstatt weniger Verwaltung, ist jetzt plötzlich mehr nötig. Das kann auf Dauer keine Lösung sein. Es braucht den Mut der Bistümer, größere Pfarreien zu installieren und so die Zahl der Sitzungen und Räte zu reduzieren.

    Ist diese Vision für Deutschland realistisch?

    Es braucht natürlich ein Umdenken aller, sowohl der Pfarrer als auch der Gläubigen. Jeder muss Bereitschaft zur Flexibilität und Mobilität zeigen. Man staune nur, aus welchen Entfernungen die Gläubigen zum heiligen Pfarrer von Ars gepilgert sind, um bei ihm zu beichten. Ich denke, es ist unvermeidlich, dass später einmal aus pastoralen Räumen neue Pfarreien im Sinne von „Zentren des Glaubens“ werden.

    Viele deutsche Bistümer versuchen nicht nur durch strukturelle Veränderungen eine angemessene Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel zu geben, sondern auch durch neue pastorale Konzepte. Das Bistum Fulda befindet sich mit dem Projekt der Lebensraumorientierten Seelsorge in einem solchen Prozess. Welche Veränderungen ergeben sich für das zukünftige Priesterbild?

    Das Priesterbild und die Priesterausbildung radikal umzukrempeln, halte ich für falsch. Natürlich bedarf es angesichts der neuen Herausforderungen einer besseren Fähigkeit zu leiten und zu delegieren. Insofern rücken Zeitmanagement und die Bedeutung professionellen Führens und Leitens stärker in den Fokus der Ausbildung. Aber das ist eigentlich nichts Neues. Man musste schon immer lernen, ökonomisch zu arbeiten. Der jetzige Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, hat uns als Professor mal gesagt, dass jedes Papierstück nur einmal über unseren Schreibtisch gehen sollte. Viel wichtiger sind und bleiben für den Priester – neben der pastoralen und theologischen Kompetenz – die menschliche und geistliche Reife. Und da ist der heilige Pfarrer von Ars wieder aktuell: Das geistliche Fundament ist das Entscheidende, das erhalten bleiben muss. Gebet und Eucharistie sowie die Seelsorge an den Menschen sind weiterhin Dreh- und Angelpunkt priesterlicher Spiritualität. Nur so kann auch den neuen Herausforderungen begegnet werden, frei nach Paulus (vgl. Röm 8, 35): Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi, weder Bedrängnis noch Not oder Verfolgung, weder Gefahr oder Schwert – noch Pastoralverbünde.

    Wie bedeutend ist das vorbildliche Wirken des Ortspfarrers für neue Berufungen?

    Nach meinen Erfahrungen ist nicht bei allen Seminaristen und Priestern das Vorbild des Ortspfarrers entscheidend für den Weg zum Priestertum gewesen. Es gibt auch viele, die auf andere, das heißt nicht herkömmliche Weise ihre Berufung gefunden haben. Für wichtig erachte ich, dass es regelmäßige Treffen junger Erwachsener gibt, die über Fragen des Glaubens und der Berufung im Gespräch bleiben. Außerdem ist es ganz entscheidend, dass Jugendliche glückliche Priester erleben und authentische Gotteserfahrungen machen können. Solche Erfahrungen kann es auf Wallfahrten oder Weltjugendtagen geben. Das muss nicht unbedingt in der Ortsgemeinde sein.

    Was sagen Sie, ist die Talsohle bei der Zahl der Priesterberufungen schon erreicht?

    Deutschlandweit dachten wir Regenten eigentlich, dass es sich auf einem niedrigen Niveau bei etwa 100–120 Neupriestern pro Jahr stabilisiert hat. Da aber im vergangenen Jahr auch diese Talsohle durchbrochen wurde (93 Priesterweihen), müssen wir wohl oder übel erkennen: Es geht doch noch tiefer. Im Bistum Fulda lag in den letzten zehn Jahren die Zahl der jährlichen Priesterweihen relativ stabil bei zwei bis drei, was für unser kleines Bistum gar nicht so schlecht ist.

    Welche Impulse nehmen Sie aus dem Schreiben des Papstes anlässlich des Priesterjahres?

    Erstens finde ich es schön und ermutigend, dass der Papst sich einmal offiziell für die Treue so vieler Priester bedankt und ihnen seine Anerkennung ausspricht. Das ist angesichts der Skandale, von denen man sonst hört, ein wichtiger Punkt. Zweitens will der Papst durch die Darstellung des Lebenszeugnisses des heiligen Pfarrers von Ars die Erneuerung der priesterlichen Spiritualität anstoßen und das Verständnis über die Bedeutung des Priestertums vertiefen. Drittens können seine Ausführung zu den evangelischen Räten für jeden Geistlichen eine Gewissenserforschung sein, die eigenen Lebensverhältnisse zu überprüfen.

    Wie stehen Sie zum Rat der Armut angesichts wirtschaftlich schwacher Zeiten?

    Wie radikal ein Priester die Armut leben kann, ist bei Johannes Maria Vianney deutlich sichtbar. Für uns heute gilt: Jeder Priester sollte bereit sein zum Verzicht. Wenn andere Menschen in diesen schweren Zeiten weniger verdienen, sollte der Priester allein schon aus Solidarität heraus bereit sein, ebenfalls weniger zu erhalten. Gäbe es keine Kirchensteuer mehr, müsste man ohnehin völlig umdenken lernen.

    Papst Benedikt XVI. bezeichnet die Priester nicht nur als Geschenk für die Kirche, sondern für die Menschheit überhaupt. Hat ein Priester angesichts der Vielzahl an Aufgaben noch Zeit, auf Außenstehende zuzugehen?

    Ich denke nicht, dass es eine Frage der Zeit, sondern der Einstellung ist. Den Seminaristen sage ich häufig, dass sie auch ihre Freundschaften außerhalb des kirchlichen Binnenraumes pflegen sollen. Nur so erweitert man seinen Horizont und hat Verständnis für die Sorgen und Nöte anderer Menschen. Das ist wichtig für den priesterlichen Dienst.

    Welche besonderen Akzente setzt das Bistum Fulda anlässlich des Priesterjahres?

    Generalvikar Gerhard Stanke hat am vergangenen Priestertag alle Priester angehalten, das Gebet um Berufungen zu verstärken. Konkret wird die Feier der Priesterdonnerstage in der Fuldaer Michaelskirche unter dem großen Thema des Priesterjahres stehen. In den eucharistischen Andachten predigen verschiedene Zelebranten zu Aspekten des Priestertums. Außerdem bietet die Theologische Fakultät Fulda im Mai 2010 ein Kontaktstudium an, in dem das Priestertum aus neutestamentlicher, dogmatischer, liturgischer und pastoraler Perspektive beleuchtet wird.

    Was plant das Priesterseminar?

    Wir im Priesterseminar widmen uns in vielfältiger Weise dem Priesterjahr. Spiritual Wolfgang Hartmann hat zusammen mit einem jungen Kaplan eine Novene zum Priesterjahr entwickelt, die nun deutschlandweit gebetet wird. Wir selbst beten jeden Donnerstag nach dem Mittagessen um geistliche Berufe und rufen dabei die Fürsprache des heiligen Pfarrers von Ars an. Auch in Predigten, Andachten und der eucharistischen Anbetung beschäftigen wir uns mit dem Beispiel des Hl. Pfarrers von Ars. Schließlich ist als Höhepunkt im April 2010 eine Wallfahrt nach Ars geplant.