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    Qualitätssprung statt Reconquista

    Berlin (DT) Vor gut 25 Jahren wurde Reinhard Kardinal Marx an der Ruhr-Universität Bochum zum Doktor der Theologie promoviert. In seiner Doktorarbeit mit den Titel „Ist Kirche anders? – Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise“ versuchte er einen Brückenschlag von der Theologie zu den Sozialwissenschaften und betrat damals noch relativ unberührtes Neuland. An der Katholischen Akademie in Berlin konfrontierte jetzt der Freiburger Soziologe Hans Joas den – wie er sagte – „reifen Marx“ mit den Thesen des „jungen Marx“ und forderte ihn auf zu einer Stellungnahme auf dem Hintergrund der heutigen Bedingungen in Kirche und Welt.

    Berlin (DT) Vor gut 25 Jahren wurde Reinhard Kardinal Marx an der Ruhr-Universität Bochum zum Doktor der Theologie promoviert. In seiner Doktorarbeit mit den Titel „Ist Kirche anders? – Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise“ versuchte er einen Brückenschlag von der Theologie zu den Sozialwissenschaften und betrat damals noch relativ unberührtes Neuland. An der Katholischen Akademie in Berlin konfrontierte jetzt der Freiburger Soziologe Hans Joas den – wie er sagte – „reifen Marx“ mit den Thesen des „jungen Marx“ und forderte ihn auf zu einer Stellungnahme auf dem Hintergrund der heutigen Bedingungen in Kirche und Welt.

    In seinem einleitenden Vortrag verwies Hans Joas vor allem auf zwei große Vordenker im Bereich von Soziologie und Kirche, Max Weber und Ernst Troeltsch. Weber betrachtete die Kirche als einen autoritären Herrschaftsverband, vergleichbar mit dem Staat, während bei Troeltsch zu Staat und Kirche noch eine dritte Sozialform hinzukomme, die er als „individuelle Spiritualität“ oder „Mystik“ bezeichne. Troeltsch zufolge habe Christentum nur dann eine Zukunft, wenn es ihm gelänge, diese drei Sozialformen unter einem Dach zusammenzufügen. Joas fragte Marx, wie sich diese These zu dem von ihm postulierten „Netzwerk des Glaubens“ verhalte, und wie das von der Soziallehre der Kirche vertretene Prinzip der Subsidiarität auf die heutige Kirche anzuwenden sei. Was bedeute in diesem Zusammenhang der Satz des „jungen Marx“: „Die Kirche baut sich von unten auf“? Und was hieße dies im Hinblick auf eine Reform der Organisationsstrukturen der Kirche?

    „Vor der Beschäftigung mit Soziologie stand damals ein Warnzeichen“, so Marx. Sie sei jedoch für die Kirche notwendig, da sie – anders als die Ekklesiologie oder die Dogmatik – nicht betrachte, was die Kirche sein will, sondern „überprüft, wie es denn wirklich in der Kirche zugeht“. Er habe sich stets gegen die Behauptung verwehrt, als göttliche Stiftung könne die Kirche einer soziologischen Überprüfung nicht geöffnet werden. „Damit würde man sich abschließen von jedem Dialog und würde eine Kritik am eigenen Leben nicht zulassen.“ Als Schlüsseltext habe er Lumen gentium 8 entdeckt: Der Geist Gottes benutzt die menschliche Organisation der Kirche, um in der Welt wirksam zu sein. Es gebe also einerseits etwas, das „wirklich nicht nur soziologisch erklärbar“ sei, andererseits aber sei die Kirche „eine wirkliche menschliche Gesellschaft, eine menschliche Organisation, so wie Jesus Christus Mensch war und kein Geist, sondern wirklich Mensch“. Wenn die Kirche daher bestimmte Grundsätze aufstelle für eine gute Gesellschaft – Stichwort Subsidiarität –, dann müsse sie diese auch auf ihre eigene Gesellschaft anwenden.

    Die Sozialform der Kirche, so Marx, habe sich immer verändert und in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Formen angenommen. „Kirche baut sich von unten auf“ bedeute nicht, dass sie von Menschen organisiert ist, sondern dass sie erst dann lebendig und greifbar wird, „wenn Menschen im Glauben ,Ja‘ sagen zu dem, was sie erfahren, und sich versammeln“.

    Man müsse versuchen, auch das Verhältnis von Ortskirchen und Universalkirche „soziologisch in den Griff zu bekommen“. Die Kirche sei weder von oben nach unten noch von unten nach oben organisiert, sondern es gebe eine „Verschränkung von unten und oben und ein Miteinander“.

    Marx betonte, er könne sich „durchaus vorstellen, dass da neue Wege gegangen werden, die in der Tradition der Kirche ihren Ort haben“. Der Papst wolle etwa die Synode stärken. Erste Schritte seien sichtbar in der Entscheidung, die kommende Familiensynode zweistufig zu gestalten und auch das Sekretariat anders aufzustellen. Natürlich sei die Kirche keine Demokratie. Aber im synodalen Weg der Entscheidungsfindung in der Frühen Kirche sei eine Art „Palaverdemokratie“ zu erkennen. Das bedeute „die Beteiligung aller im Versuch, zu einer Einmütigkeit zu kommen“. Die Pfarrgemeinderäte zum Beispiel, so der Kardinal, sollten mitentscheiden, aber sie müssen auch die dogmatischen Beschlüsse berücksichtigen, die vorgegeben sind. Marx zog einen Vergleich mit dem Bundesverfassungsgericht: Es stehe als höhere, an das Grundgesetz gebundene Instanz über jeder demokratischen Entscheidung. Hier sei eine Grenze erreicht, an der man erkennen müsse, dass man zwar gut diskutiert habe, das Besprochene sind jedoch nicht umsetzen ließe. Es sei durchaus möglich, auch demokratische Elemente in die Entscheidungsfindung mit hineinzunehmen. Diese dürften jedoch nicht die Form von Grabenkämpfen annehmen, sondern es müsse ein geistliches Ringen sein, bei dem deutlich werde: Es geht uns gemeinsam um den Weg der Kirche – und „wir reden als Katholiken im Respekt vor dem, der entscheiden kann, sei es ein Konzil, sei es eine Synode, sei es der Papst“.

    Als aktuelles Beispiel nannte Kardinal Marx das Konsistorium im vergangenen Februar. Der Papst machte den Kardinälen Vorschläge in Bezug auf die kommende Familiensynode. „Kardinal Kasper hat das Referat gehalten, und es gab durchaus als Reaktion darauf eine Kontroverse.“ Marx fügte hinzu, dass ihm schon klar war, dass es brisant sei, „ich habe das auch Kardinal Kasper vorher gesagt“. Die Kardinäle hätten dann, berichtete Marx, „vor dem Papst miteinander diskutiert und unterschiedliche Positionen bezogen. Nicht in grundsätzlichen Teilen, sondern in den pastoralen Auswirkungen, sodass deutlich wurde: Ja, es gibt unterschiedliche Konsequenzen.“ Es sei „schon eine Weiterentwicklung, wenn man bestimmte Dinge diskutiert. Das ist neu in dieser Intensität.“

    Wichtig sei, so Marx, dass Diskussionen innerhalb der Kirche im Vertrauen darauf stattfinden, dass der Geist Gottes „uns in die Wahrheit hineinführt“, wie es im Evangelium heißt. „Und dass ich das nicht alleine tue, sondern dafür auch die anderen brauche, die anderen Meinungen brauche, die anderen Zeugnisse brauche.“

    Hans Joas warnte davor, die europäische Situation auf die Weltkirche zu übertragen. Weltweit befände sich das Christentum in einer Expansionsphase, nicht in einer Untergangszeit. Spannend sei die Entwicklung des Christentums in Ländern wie China oder Südkorea, wo die typischen europäischen Voraussetzungen völlig fehlten. Es gebe „unerhörte neue Zukunftsperspektiven bei der Vorstellung, dass die chinesische Philosophie mit zur Artikulation der Botschaft des Evangeliums antritt“.

    Andere Kulturen, hielt Marx dagegen, könnten uns zwar inspirieren, sie ließen sich jedoch nicht auf unsere eigene Situation übertragen. In Europa mache man sich Sorgen um den Niedergang der Kirche, ohne die es kein Christentum geben kann. Auch im Bundestag stelle man sich die Frage, wodurch der Zusammenhalt der Gesellschaft, die immer mehr auf Pluralität und Individualität ausgerichtet ist, gewährleistet werden kann. Das sei eine große Herausforderung für die Kirche. Auch in anderen Ländern werde Pluralismus und Demokratie eine Variante sein, der sie entgegengehen. „Und da wird man uns auch fragen: Wir habt ihr als Christen in einer solchen Situation eine kraftvolle, überzeugende Kirche gelebt?“ Es gehe nicht um Neuevangelisierung im Stile einer Reconquista, sondern darum, in einer vielfältigen Gesellschaft Menschen bewegen zu können, aus dem Glauben heraus zu leben und das Evangelium als Licht zu erkennen, das Orientierung gibt.

    Die Grundfrage, so Marx, lautet: Kann es Werte in einer Gesellschaft geben, ohne dass diese Gesellschaft religiös ist? Rein empirisch sei es nicht möglich zu sagen: Ein Mensch, der keine Religion hat, ist ein unmoralischer Mensch. Deshalb sei die Überlegung, eine moderne Gesellschaft brauche Religion für die Moral, etwas problematisch. Vielmehr ginge es darum, uns „neu, kraftvoll aufzustellen, um deutlich zu machen, dass jemand, der das Evangelium entdeckt, der Christus findet, der die Gemeinschaft des Volkes Gottes entdeckt und sich ihr anschließt, einen Qualitätssprung macht“. Es ginge nicht nur um „die Garantie, in den Himmel zu kommen“, sondern darum, jetzt schon eine Kraft zu entfalteten, um eine Integrationsleistung: „die Integration des Todes, des Leibes, des Scheiterns, so dass man sagt: Nein, davon will ich nicht mehr lassen. Das gibt meinem Leben eine solche Horizonterweiterung. Und das ist es, was, glaube ich, uns als Kirche neu herausfordert. Den Weg müssen wir gemeinsam gehen.“