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    Würzburg

    Porträt mit Tiefe

    Erzbischof Rino Fisichella erzählt, wie Papst Paul VI. wirklich war

    Papst Paul VI.
    Verkannter Pontifex: Paul VI. wurde, auch aufgrund seines zurückhaltenden Wesens, oft falsch eingeschätzt. Foto: KNA

    Es ist kein Zufall, dass die beiden Wunder, die Papst Paul VI. (1897–1978) zur Ehre der Altäre verhalfen – die Heilung noch ungeborener Kinder im Mutterleib – jenes Feld in den Vordergrund rückten, auf dem der Montini-Papst scheinbar eine Niederlage erlitten hatte. „Humanae vitae“, die siebte und letzte Enzyklika des Papstes von 1968, bis heute allenfalls in Abschnitten zur Kenntnis genommen und daher nach wie vor ein weitgehend unbekanntes Dokument, stand und steht mit der Botschaft, dass jeder eheliche Akt von sich aus auf die Weitergabe menschlichen Lebens ausgerichtet sein müsse, quer zum Zeitgeist. Über seinen Autor wurde das Anathema verhängt, die Kirche als hoffnungslos rückständig und frauenfeindlich geächtet. Offenbar aber hat der Himmel das damals schon umstrittene Bekenntnis des Papstes zur traditionellen Ehelehre anders beurteilt.

    Erzbischof Rino Fisichella, der Gründungs-Präsident des Päpstliches Rates zur Förderung der Neuevangelisierung und vormalige römische Spitzen-Theologe, berichtet in seinem schmalen, aber äußerst gehaltvollen Band zu Papst Paul VI. recht genau über die Umstände dieser beiden wundersamen Heilungen zweier eigentlich schon aufgegebener Babys im Mutterleib, die tatsächlich nur noch in der Kategorie des Wunders zu fassen sind. Seiner Schlussfolgerung – „die Verpflichtung, dem Leben der Person immer mehr Würde zu verleihen, nimmt jeden von uns in die Pflicht“ – würde Giovanni Battista Montini, der zwischen 1963 und 1978 als 262. Nachfolger Petri das höchste Kirchenamt innehatte, sicher zustimmen. Wir glauben Paul VI., dessen zurückhaltende Art und fragile Gestalt den Intellektuellen verriet, zu kennen. Fisichella, der ihn den ersten modernen Papst nennt und eine leitende Rolle bei dessen Kanonisations-Verfahren innehatte, kann jedoch durch seine eingehende Beschäftigung mit dem schriftlichen Nachlass des Pontifex wichtige neue Informationen beisteuern. Sie beleuchten den mit viel gutem Willen und sensibler Aufnahmebereitschaft verbundenen Kommunikationswillen sowie die echte Demut Montinis, die ihn immer wieder zu erstaunlichen Gesten befähigten: Zwei mal bot er sich als Geisel an, um im Austausch Menschen zu befreien, 1978, als sein Freund Aldo Moro von den terroristischen Roten Brigaden entführt worden war, und ein Jahr zuvor bei der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut. Dem Abgesandten des Ökumenischen Patriarchen, dem Metropoliten Meliton, küsste er die Füße, um so Buße zu tun für jahrhundertelange geringschätzige Behandlung der Orthodoxie durch die Katholiken. Jene dramatischen Begebnisse scheinen so gar nicht zu passen zum Bild des zögerlichen Schöngeistes, des „Hamlets auf dem Papstthron“, wie man ihn genannt hatte. Es nimmt nicht Wunder, dass Fisichella, der den umfangreichen Nachlass Montinis, den er von seinen ersten römischen Jahren her kannte, genau studiert hat, gegen die Einschätzung Pauls VI. als Zauderer energisch Stellung nimmt. Wiewohl von eigentlich stiller Zurückhaltung im Auftreten, die seine großbürgerliche Herkunft erahnen ließ, sei Montini entschieden ein Mann der Moderne gewesen, bereit, die Dienste der Kirche anzubieten, sie aber nicht aufzudrängen. Er war davon überzeugt, dass diese Behutsamkeit der einzig gangbare Weg für die Mission der Kirche im 20. Jahrhundert war. Es entsprach auch dem Wesen des Papstes. Fisichella: „Das feine Taktgefühl, das in seinem Verhalten so oft zum Ausdruck kam – vor allem jenen gegenüber, die ihm Leid bescherten –, war mehr als eine natürliche Gabe. Es war gewollt. Und das führte manchmal dazu, dass erbarmungslose Urteile über ihn gefällt wurden – obwohl es doch im Grunde nur seine wahre edle Gesinnung, seine universelle Liebe zeigte.“

    Im biographischen Teil des Buches zeigt Rino Fisichella, wie der junge Priester und Angehörige des Staatssekretariats sich die nicht unbeträchtliche Nebenarbeit als Geistlicher Assistent der katholischen Studentenarbeit Italiens aufbürdete, wie seine Arbeit hier verkannt wurde und er sie nach einem schmerzvollen Konflikt niederlegen musste. Es war nicht das letzte Mal in seinem Leben, dass Montinis Motive missverstanden wurden. Immer hatte er freilich die Wertschätzung seiner Vorgesetzten in der vatikanischen Regierungszentrale. Bei der Frage, ob die Ernennung Montinis zum Mailänder Erzbischof 1954 – jemand, der nie zuvor pastorale Verantwortung getragen hatte, musste das damals größte Bistum der Welt übernehmen – so etwas wie eine „Abschiebung“ aus Rom war, scheint der Autor der Meinung zuzuneigen, dass der Papst einem seiner engsten persönlichen Mitarbeiter nicht nur bischöfliche Leitungsverantwortung übertragen wollte. Es gab in der Tat vorangegangene Divergenzen.

    Papa Roncalli 1963 nachzufolgen, bedeutete zunächst die Zügel bei der Führung des Konzils zu übernehmen. Ein neuer Stil des Papsttums brach sich Bahn: Er ließ sich zwar mit der Tiara krönen, legte sie dann aber für immer ab. Die vatikanische Hofhaltung wurde zum päpstlichen „Haus“ reformiert, die Ehrenbezeugungen und -stellen für Priester und Laien reduziert, aber nicht aufgehoben; moderne Kunst – nicht in jedem Fall ein Gewinn – hielt ihren Einzug in den Vatikan und dann auch überall in die Kirchen. Rino Fisichella geht einer Reihe von Kritikpunkten an Paul VI. in der stürmischen Nach-Konzilszeit – die jedem Papst das Äußerste abgefordert hätte – nach. Auf dem Feld der Liturgie war der Papst offenbar mit der ursprünglichen Lösung, nach der der Kanon weiter auf Latein, der Rest der Messe in der Volkssprache zu beten sei, zufrieden, habe aber dem Drang der niederländischen und deutschen Bischofskonferenzen auf Übersetzung auch des Kernstücks der Messe nachgegeben.

    Fisichella möchte deutlich machen, dass der Papst in diesen und anderen Konflikten zwar immer vorsichtig die verschiedenen Positionen abgewogen, dann aber „gestanden“ habe. Noch einmal auf die Liturgie bezogen zitiert er Montinis Rede zum Abschluss der zweiten Konzilsperiode: „Wir wünschen nicht, dass jemand gegen die Regeln der öffentlichen Gebete der Kirche verstößt, indem er private Änderungen oder persönliche Riten einführt.“ Wie wir wissen, geschah aber genau dies, wenn auch wohl jeder andere Papst mit diesem Phänomen konfrontiert gewesen wäre. Die Ernsthaftigkeit Pauls VI., die Ordnung der Kirche und in der Kirche zu wahren, ist allerdings nicht anzuzweifeln. Das vielleicht schönste Zeugnis dafür ist das „Credo des Gottesvolkes“ von 1968, mit dem der Papst den sensus fidei zugleich zusammenfassen und wieder aufrichten wollte.

    Erzbischof Fisichella macht in seinem sehr wertvollen Buch, das zahlreiche bisher nicht zugängliche Texte Montinis aus den Akten des Kanonisations-Verfahrens zitiert, darauf aufmerksam, dass ein Papst sich nicht aussuchen kann, in welche Epoche sein Wirken fällt. Paul VI. hat ein Recht darauf, richtig eingeschätzt zu werden, und Rino Fisichella ist sein Herold.

    Rino Fisichella: Der erste moderne Papst, Paul VI. – Wie er wirklich war. Herder, Freiburg 2018, 157 Seiten, ISBN 978-3-451-34773-3, EUR 16,–

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