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    Philosophie mit Blick nach oben

    Er ist unerreicht, jedenfalls wenn es sich um leicht dargebotene Sinnvermittlung handelt, um die Kunst, das Hohe, Hehre dem gelangweilten oder auch nur verwirrten Menschen unserer Tage schmackhaft zu machen. Er hatte Freude am Diskurs, am Austausch von Argumenten, in der Tradition seiner Heimat gerne auch am Tresen und mit einem Glas Bier in der Hand. Gilbert Keith Chesterton wusste: „Philosophie sind Gedanken, die zu Ende gedacht sind. Das ist oft langweilig.“ Ermüden wollte er sicherlich niemanden, am wenigsten sich selber. Und so brachte er tiefe Erkenntnisse über das Mensch-Sein auch in der Form von Kriminalromanen unter die Leute. Den Meister der kurzen Form lernen wir kennen in der Auswahl einiger seiner Essays zu religiösen und weniger religiösen Themen, die jetzt, mit einem formidablen Vorwort von Matthias Matussek versehen, erschienen ist. Allzuviel auf Deutsch von diesen tausenden, meist für Zeitungen verfassten Texten gibt es noch nicht.

    Scharfsichtiger Blick durchs Monokel: Gilbert K. Chesterton. Foto: IN

    Er ist unerreicht, jedenfalls wenn es sich um leicht dargebotene Sinnvermittlung handelt, um die Kunst, das Hohe, Hehre dem gelangweilten oder auch nur verwirrten Menschen unserer Tage schmackhaft zu machen. Er hatte Freude am Diskurs, am Austausch von Argumenten, in der Tradition seiner Heimat gerne auch am Tresen und mit einem Glas Bier in der Hand. Gilbert Keith Chesterton wusste: „Philosophie sind Gedanken, die zu Ende gedacht sind. Das ist oft langweilig.“ Ermüden wollte er sicherlich niemanden, am wenigsten sich selber. Und so brachte er tiefe Erkenntnisse über das Mensch-Sein auch in der Form von Kriminalromanen unter die Leute. Den Meister der kurzen Form lernen wir kennen in der Auswahl einiger seiner Essays zu religiösen und weniger religiösen Themen, die jetzt, mit einem formidablen Vorwort von Matthias Matussek versehen, erschienen ist. Allzuviel auf Deutsch von diesen tausenden, meist für Zeitungen verfassten Texten gibt es noch nicht.

    Man sollte die Lektüre vielleicht mit einem Gläschen Sherry beginnen, wenn einem ein Pint schaumlosen britischen Bieres nicht zur Verfügung steht. Das erste Stück handelt vom „gewöhnlichen Sterblichen“, womit zugleich treffend Chestertons Zielrichtung und Methode beschrieben ist. Denn immer ging der gebürtige Londoner und gelernte Journalist vom Gewöhnlichen aus, in diesem Fall vom einfachen Mann, traute ihm zu, dass er mit gesundem Menschenverstand die großen Fragen des Daseins zu lösen vermag. Seine bekannte Detektiv-Figur Pater Brown tut am Ende auch nichts anderes, wie Matussek im Vorwort festhält: „Er denkt mit dem Herzen. Er kennt den gewöhnlichen Sterblichen, weil er selber einer ist.“ Chesterton vertraute darauf, dass Common Sense Wunder zu wirken vermag. Zugleich ahnte er, dass die Intellektuellen, die Theoretiker, die Spezialisten, die meist mit Verachtung auf den Durchschnitts-Menschen schauen, nur zu gerne bereit sind, diesen ins Unglück oder gar ins Lager zu führen – wobei dem 1936 gestorbenen Autor die schlimmsten Beobachtungen dieser Art erspart blieben.

    Chesterton war hellsichtig, was seine ideologiegesättigte Zeit anging: „Die Freiheit, die am lautesten gefordert wird, deren man sich am meisten rühmt und an der man wie an einem Dogma festhält, ist die Pressefreiheit. Damit ist aber nicht die Freiheit, irgendetwas drucken zu lassen gemeint, sondern die Freiheit der Zeitungen. Besser gesagt, es handelt sich gar nicht um eine Freiheit, sondern um ein Monopol“. Klare Worte, auch in Zeiten von Google! Auch vor einem anderen großen Begriff der Zeit, dem „Fortschritt“, hatte der scharfzüngige Schriftsteller wenig Respekt: „Der Fortschritt hat seine Heiligen und seine Märtyrer, seine eigenen Legenden und Wundergeschichten wie jede andere Religion, nur sind sie meistens falsch, wie die Religion, zu der sie gehören. Am verbreitetsten ist die Legende, der junge fortschrittliche Mensch werde von dem alten gewöhnlichen unterdrückt. Aber das stimmt nicht. Der alte gewöhnliche Mensch ist der Unterdrückte. Ihm hat man nach und nach all seine alten, gewohnten Rechte genommen.“ Demnächst werde ihm auch noch das Recht zu schlafen genommen, vermutete Chesterton, weil ein paar Erleuchtete meinen, gewisse Atemübungen seien ein guter Schlafersatz. Man lasse sich nicht vom launigen Stil des Engländers täuschen, dahinter verbergen sich klare Erkenntnis und ebensolche Urteile. Zu den Feinden des normalen Menschen zählt er besonders die „Nützlichkeitsfanatiker“, die seit der Aufklärung das Sagen in der Gesellschaft hätten. Schon die Theorie Adam Smith's findet Chesterton abwegig, die davon ausgehe, „dass die Menschen durch ihre Selbstsucht glücklich werden könnten, mit anderen Worten, Gott lenke alles zum Guten, wenn es den Menschen nur gelinge, böse genug zu sein“. Frei kaufen und verkaufen – darauf käme es am Ende an im Kapitalismus.

    Es sind kleine Widerhaken, die Gilbert Chesterton unserem Geist einsetzt, manchmal braucht es etwas, bis sie sich bemerkbar machen. Dabei geht er, der 1922 aus einer unitarischen Familie zum Katholizismus konvertierte, immer vom christlichen Bekenntnis der römischen Kirche aus, für ihn die beste Versicherung gegen Übertreibungen aller Art. Die größte Ketzerei – und das ist typisch Chesterton'sche Paradoxie – ist für ihn die Orthodoxie. Das heißt, eigentlich nicht für ihn (denn er war treu-katholisch), sondern für die vielen damals wie heute, die es schicker finden, sich nicht ein- und unterzuordnen. Denn: „Der Häretiker liebt seine eigene Wahrheit mehr als die Wahrheit selbst. Er zieht die Halbwahrheit, die er selbst gefunden hat, der ganzen Wahrheit vor, die die Menschheit gefunden hat. Er schätzt es nicht, dass sein eigenes, kostbares kleines Paradox mit zwanzig anderen Gemeinplätzen zusammen in das große Bündel menschlicher Weisheit geschnürt wird.“ („Über das Lesen“, 1908) Entlarvend – und so wahr!

    Denn am Ende gehe es darum, auf welche Weise man konsequent sei: „Der Mensch hat nur die Wahl, sich von zu Ende gedachten Gedanken beeinflussen zu lassen oder von nicht zu Ende gedachten. Das Letztere nennt man heutzutage Kultur und Aufklärung. (...) Der Mensch prüft immer die Dinge mit irgendetwas. Die Frage ist nur, ob er seine Prüfung überprüft hat.“ Chesterton, der vielseitige Kenntnisse, aber keinen Universitätsabschluss hatte, plädiert für etwas sehr Altmodisches und sehr Katholisches: für ein gebildetes Gewissen! Dazu will er beitragen, niemals aber jemanden zwingen, seine, die christliche Deutung der Dinge anzunehmen. Der Autor war zu seiner Zeit berühmt für die öffentlichen Debatten, die er mit agnostischen oder atheistischen Geistesgrößen wie George B. Shaw, H. G. Wells oder Bertrand Russell führte und in denen er klare Positionierung mit persönlicher Fairness und viel Humor verband. Er sagt: „Es ist kein Mangel an Intelligenz, zu denken, das alle Erfahrung ein Traum ist. Es ist nicht unintelligent, sie für eine Täuschung zu halten, wie es alle Buddhisten tun, oder gar für das Ergebnis eines schöpferischen Willens, wie die Christen. Man sagt immer, man solle die Menschen nicht so scharf nach ihren Religionen trennen. Ein unmittelbarer und notwendiger Fortschritt würde schon darin liegen, die Menschen klarer und schärfer nach ihrer jeweiligen Philosophie einzustufen.“ Mit dieser vernunftgestützten Argumentation wurde der gesellige, mitunter leicht vertrottelt auftretende Brite auch von seinen weltanschaulichen Gegnern ernstgenommen; mit Shaw, einem häufigen intellektuellen Sparringspartner, verband ihn echte Freundschaft.

    Hinter seiner äußerlichen Bonhomie verbarg sich ein tiefes Wissen um das Wesen des Menschen. Der letzte Text in der ergiebigen neuen Essay-Sammlung trägt den schönen Titel: „Wenn ich nur eine einzige Predigt halten könnte“ (1929). Dann, schreibt Chesterton, „müsste es eine Predigt gegen den Stolz sein. Je mehr ich das Leben kennenlerne und besonders das moderne praktische Dasein, desto mehr überzeugt mich die religiöse These, dass alles Böse mit dem Hochmut anfing“. Das werde theoretisch immer verworfen, gelte aber praktisch überall. Die Menschen würden gar nicht merken, wie sehr Eitelkeit und Selbstsucht ihr Handeln bestimmten. Sodann singt Chesterton ein Loblied christlicher Demut als Mittel dagegen, wieder ein total konträr zum Zeitgeist stehender Ansatz, wie er für ihn typisch ist. Um dann zu schließen: „Mit anderen Worten, wenn ich nur eine Predigt halten könnte, so würde diese die Gemeinde gründlich verärgern, weil ich ihre Aufmerksamkeit auf die ständige Forderung der Kirche lenken würde. Wenn ich nur eine Predigt halten könnte, dann wäre ich sicher, dass man mich nicht bitten würde, eine zweite zu halten.“

    Gilbert Keith Chesterton: Wenn ich nur eine einzige Predigt halten könnte. Essays, Vorwort von Matthias Matussek. Kösel-Verlag, München 2016, 111 Seiten, ISBN 978-3-466-371153-2, EUR 17,99