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    „Ohne Freude kann man Gott nicht dienen“

    Papst Franziskus kritisiert Geschwätz in Kirchenkreisen und ermutigt Jugendliche, das Gespräch in der Familie zu suchen. Von Andrea Schultz

    Papst Franziskus in Dhaka
    Papst Franziskus traf sich mit Priestern und Ordensleuten in der Kirche Santo Rosario in Dhaka am 2. Dezember 2017. Foto: KNA

    Der letzte Tag der Pastoralreise des Heiligen Vaters nach Myanmar und Bangladesch stand im Zeichen der Begegnung mit Priestern und Gottgeweihten sowie mit jungen Menschen. Zuvor aber hatte Papst Franziskus am Samstagmorgen dem Mutter-Teresa-Haus in Tejgaon einen privaten Besuch abgestattet. Die heilige Mutter Teresa hatte diese Ordensniederlassung immer wieder besucht.

    Um 10.45 Uhr Ortszeit fing eine herzliche Begegnung des Papstes mit Priestern, Gottgeweihten und Novizen in der Kirche vom Heiligen Rosenkranz an. Wieder einmal stellte Franziskus seine Begabung unter Beweis, die Gunst seiner Zuhörer zu gewinnen. Mit einem verschmitzten Lächeln begann der Papst seine Rede: „Ich hatte für Euch eine achtseitige Rede vorbereitet“ – was für ein Lachen sorgte. „Wir kommen aber hierher, um dem Papst zuzuhören, nicht um uns zu langweilen. Deshalb“, – fuhr er fort – „übergebe ich die Rede dem Kardinal, damit er sie ins Bangladeschi übersetzen lässt. Und ich werde Euch sagen, was mir nun in den Sinn kommt.“ So redete der Heilige Vater auf Spanisch spontan – die Rede wurde konsekutiv ins Englische übersetzt.

    Ausgehend von einer Stelle aus dem Buch Jesaja: „An jenem Tag wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“, sprach Franziskus von der Berufung, vom „Kleinen und Großen eines Lebens aus dem Glauben, eines Lebens im Dienst an Gott“. Damit der von Gott empfangene Same wachsen könne, sei erforderlich, dieses „Pflänzchen“, die empfangene Berufung, „mit Zärtlichkeit“ zu hegen und zu pflegen. Das Unkraut, welches das gute Pflänzchen zu ersticken droht, sei vielfältig. Um zu erkennen, was die Berufung bedrohe, sei ein „betendes Herz“ notwendig. „Beten heißt, Gott darum zu bitten, dass er uns die Zärtlichkeit verleiht, die wir an die anderen weitergeben sollen.“

    Auch auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen – so der Papst weiter –, möchte er über eine Gefahr sprechen, die eine Gemeinschaft zerstören könne: über den Klatsch und Tratsch. „Bangladesch ist ein Vorbild für Harmonie im interreligiösen Dialog. Auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft, in den Gemeinden soll Bangladesch ebenso ein Vorbild für Harmonie sein. Es gibt viele Feinde gegen diese Harmonie. Ich möchte einen erwähnen: das Geschwätz. Bereits vor zweitausend Jahren schrieb der Apostel Jakobus in seinem Brief: Die Zunge zerstört die Gemeinschaft.“ Franziskus bezeichnete das Geschwätz als „eine Art Terrorismus“, weil der Klatsch „eine Bombe ist, die zerstört“. Der Heilige Vater ermunterte, „von Angesicht zu Angesicht“ mit demjenigen zu sprechen, den es zu korrigieren gilt. „Wenn dies aus Klugheitsgründen nicht möglich ist, dann sprich zu dem, der Abhilfe schaffen kann – und zu niemandem sonst.“

    Unter den Zuhörern, in denen sich auffällig viele junge Ordensfrauen, Priester und Priesteramtskandidaten befanden, erntete der Papst erneut lautes Gelächter, als er vom „traurigen und verbitterten Gesicht“ mancher Priester oder Ordensleute sprach: „Ich würde ihn fragen: Hast Du heute zum Frühstück Essig getrunken?“. Zwar müsse die Freude nicht immer von einem Lachen begleitet werden, aber sie verleihe immer einen tiefen Frieden, die in den Augen gerade vieler älterer Priester und vor allem Ordensfrauen zu sehen sei. Der Papst schloss seine Rede mit der Aufforderung, die Priester und Gottgeweihten sollten sich selbst fragen, ob sie für ihr „Pflänzchen“ und das der anderen sorgten, schlecht über andere sprächen und „die Gabe der Freude“ besäßen. Denn: „Ohne Freude kann man Gott nicht dienen.“

    In Myanmar hatte der Papst seinen Besuch in Rangun mit einem Treffen mit Jugendlichen beendet. Auch seine letzte Begegnung in Bangladesch war am Samstagnachmittag Ortszeit ein Treffen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der katholischen Hochschule „Notre-Dame“ in der Hauptstadt Dhaka. An der Universität, die sich unabhängig vom Staat durch Studiengebühren finanziert, sind jährlich mehr als 3 000 Studenten eingeschrieben. Zwar machen Katholiken nur weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung aus. Aber kirchliche Bildungseinrichtungen erfreuen sich hohen Zuspruchs: Laut der nationalen Bischofskonferenz besuchen sie mehr als 40 000 junge Leute verschiedenen Glaubens.

    An dem Treffen nahmen tausende junge Menschen teil, von denen viele bunte Gewänder trugen. Bei seinem Besuch segnete der Papst außerdem den Grundstein zur Errichtung eines neuen Gebäudes. Sah der Heilige Vater bei der vormittäglichen Begegnung teilweise etwas müde aus, so wirkte er mitten unter den jungen Menschen voller Energie, wie er selbst feststellte: „Ich fühle mich immer jünger werden, jedes Mal, wenn ich euch treffe.“

    Der Papst ermutigte seine Zuhörer, unter denen sich nicht nur Katholiken, sondern auch Muslime und Angehörige anderer Religionen befanden, „mit dieser Begeisterung weiterzumachen“. Allerdings sollten die jungen Menschen „sicherstellen, dass ihr den rechten Weg wählt“. Der Heilige Vater benutze ein seinen Zuhörern vertrautes Bild: „Es ist, als hätte Gott uns eine Software eingesetzt, die uns hilft, sein göttliches Programm zu erkennen und in Freiheit darauf zu antworten. Aber wie jede Software, so braucht auch diese immer wieder ein Update. Haltet euer Programm auf dem Laufenden, indem ihr dem Herrn Gehör schenkt und die Herausforderung annehmt, seinen Willen zu tun.“

    Durch seine Ansprache zog sich außerdem ein anderes Bild wie ein roter Faden: die Reise des Lebens. Diese Lebensreise dürfe allerdings nicht ein „Herumbummeln ohne Ziel“ darstellen. Um die rechte Richtung herauszufinden sei nötig die Weisheit, die aus dem Glauben komme – „und das ist nicht die falsche Weisheit dieser Welt“. Franziskus führte weiter aus: „Wir erlangen diese Weisheit, wenn wir beginnen, die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen, den anderen mit den Ohren Gottes zuzuhören, mit dem Herzen Gottes zu lieben und die Dinge zu bewerten nach den Maßstäben Gottes.“

    Wie so oft bei Begegnungen mit jungen Menschen warnte der Heilige Vater auch in Bangladesch vor falschen Glücksversprechungen: „Eine Kultur, die falsche Versprechungen macht, macht nicht frei, sie führt nur zu einem Egoismus, der das Herz mit Dunkelheit und Bitterkeit erfüllt.“ Demgegenüber betonte der Papst, dass die Weisheit Gottes dazu verhilft zu lernen, „wie wir mit Offenheit und Akzeptanz denen begegnen, die anders handeln und denken als wir“. Denn sie helfe, „über unsere eigenen persönlichen Bequemlichkeiten und falschen Sicherheiten hinauszuschauen, die uns blind machen für die großen Ideale, die das Leben schöner und lebenswerter machen.“

    In seiner Ansprache mahnte Franziskus außerdem zur Achtung des kulturellen Erbes sowie der älteren Menschen: Sie „helfen uns, die Kontinuität der Generationen zu schätzen. Sie tragen in sich die Erinnerung und die Weisheit der Erfahrung, die uns davor bewahren, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Die Alten haben das Charisma, ,Entfernungen zu überbrücken‘, weil sie sicherstellen, dass die wichtigsten Werte an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben werden. Durch ihre Worte, ihre Liebe, ihre Zuneigung und ihr Dasein verstehen wir, dass die Geschichte nicht mit uns begonnen hat, sondern dass wir Teil eines langen ,Reisens‘ sind und dass die Wirklichkeit größer ist als wir.“

    Der Heilige Vater schloss seine Ansprache in der Notre-Dame-Universität in Dhaka mit einer ganz konkreten Aufforderung an seine jungen Zuhörer: „Sprecht mit euren Eltern und Großeltern, verbringt nicht den ganzen Tag mit dem Handy, damit ihr nicht die Welt um euch herum aus dem Blick verliert!“

    Nach dem Treffen in der katholischen Universität fuhr Papst Franziskus zum Internationales Flughafen von Dhaka, wo er sich von seinen Gastgebern verabschiedete, und den elfstündigen Flug nach Rom antrat.

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