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    Österreichs Bischöfe bitten Missbrauchs-Opfer um Verzeihung

    Wien/Mariazell (DT) Eine neue Rahmenordnung zu „Maßnahmen, Regelungen und Orientierungshilfen gegen Missbrauch und Gewalt“ hat sich die Österreichische Bischofskonferenz in dieser Woche gegeben. Das Papier wurde von einer Projektgruppe unter der Leitung des Wiener Generalvikars Franz Schuster erarbeitet und steht unter dem aus dem Johannes-Evangelium entnommenen Motto „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Mit diesem Dokument soll nach den Einleitungsworten des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, klargestellt werden, „dass die Kirche jegliche Form von Missbrauch und Gewalt verurteilt und entschieden bekämpft“. Missbrauch sei in schweren und erwiesenen Fällen „ein Grund für die Beendigung des kirchlichen Dienstes“.

    Wien/Mariazell (DT) Eine neue Rahmenordnung zu „Maßnahmen, Regelungen und Orientierungshilfen gegen Missbrauch und Gewalt“ hat sich die Österreichische Bischofskonferenz in dieser Woche gegeben. Das Papier wurde von einer Projektgruppe unter der Leitung des Wiener Generalvikars Franz Schuster erarbeitet und steht unter dem aus dem Johannes-Evangelium entnommenen Motto „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Mit diesem Dokument soll nach den Einleitungsworten des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, klargestellt werden, „dass die Kirche jegliche Form von Missbrauch und Gewalt verurteilt und entschieden bekämpft“. Missbrauch sei in schweren und erwiesenen Fällen „ein Grund für die Beendigung des kirchlichen Dienstes“.

    Unter Berufung darauf, dass viele Missbrauchstaten von Verheirateten begangen werden, zitiert die Rahmenordnung die Meinung von Experten, „dass es zwischen zölibatärer Lebensform und sexuellem Missbrauch keinen Zusammenhang gibt“. Zum Thema Homosexualität heißt es in der von den Bischöfen gebilligten Rahmenordnung: „Dafür, ob jemand zu einem Missbrauchstäter wird, ist nicht die homo- oder heterosexuelle Orientierung ausschlaggebend, sondern oft eine gestörte psychosexuelle Entwicklung und sehr häufig die Tatsache, dass jemand als Kind selbst körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht wurde.“ Diese Erklärungen würden aber die persönliche Verantwortung nicht schmälern. Es sei „falsch und ungerecht, homosexuell orientierten Menschen eine größere Neigung zu sexueller Gewalt zu unterstellen“. Wörtlich heißt es weiter: „Eine Gleichsetzung homosexuell empfindender Menschen mit ,Knabenschändern‘ ist ausdrücklich abzulehnen. Sie darf in der kirchlichen Praxis keinen Platz haben.“

    Täter wurden oft mehr geschützt als Opfer

    Auffallend scharf distanzieren sich die Bischöfe von „autoritären“ und „traditionellen“ Erziehungsvorstellungen in Familie und Schule: „Traditionelle Vorstellungen zu Erziehung, den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen arbeiten Tätern in besonderem Maße zu.“ Täter aus dem kirchlichen Bereich würden „bisweilen religiöse Metaphern“ verwenden, um Abhängigkeiten zu festigen. Als besonders schlimm wertet es die Rahmenordnung, „wenn das Sakrament der Versöhnung missbraucht wird und das Opfer die erlittenen Taten als ,Vergehen‘ dem Täter beichten muss“.

    In einer gemeinsamen Erklärung der Österreichischen Bischofskonferenz, der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften und der Vereinigung der Frauenorden Österreichs wird eingeräumt, dass „in der Vergangenheit die Täter oft mehr geschützt wurden als die Opfer“. Ein konsequentes Handeln bei Verdachtsfällen und Vorwürfen sei unerlässlich, die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen selbstverständlich.

    „Pädophile Missbrauchstäter werden keinesfalls weiter in der Pastoral eingesetzt, wo der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gegeben ist.“ An anderen Stellen räumt die neue Rahmenordnung aber Spielraum ein: „Über mögliche Einsätze in anderen Bereichen wird eine Entscheidung im Einzelfall getroffen.“ Relevant dafür seien „die Art des Vergehens, die Schuldeinsicht und Wiedergutmachung des Täters, die Wiederholungsgefahr und die größtmögliche Sicherheit für die Menschen“. Die Sorge um die Opfer stehe an erster Stelle.

    Wörtlich heißt es in der Erklärung, die Bestandteil der Rahmenordnung ist: „Im Namen der Kirche bitten wir alle Menschen um Verzeihung, die einem Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter ausgesetzt waren. Wir bitten aber auch um Verzeihung, wo seitens der Verantwortlichen angesichts aufgedeckten Missbrauchs oder schwerwiegender Hinweise nichts oder zu wenig geschehen ist.“

    Bei Priesterseminaristen, Novizen und hauptamtlichen Mitarbeitern in der Pastoral „ist eine psychologische Beurteilung grundsätzlich empfohlen“, heißt es in der neuen Rahmenordnung. Untersagt werden kirchlichen Mitarbeitern im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ausdrücklich „jegliche körperliche Züchtigung, wie Schläge oder andere Formen physischer Gewalt; jede Form von sexueller Beziehung zu Kindern oder Jugendlichen; missbräuchlich zu handeln, Tätigkeiten dieser Art zu organisieren oder Aktivitäten zu fördern, sie dem Risiko gewalttätiger Handlungen auszusetzen; gewalttätige oder ausbeuterische Beziehungen zu Kindern oder Jugendlichen; physisch oder sexuell provozierende Sprache, Gebärden und Handlungen“. Ebenso wird untersagt, „mit einem Kind oder Jugendlichen alleine zu übernachten und sie allein zu sich nach Hause einzuladen“, ihnen beim Waschen oder Anziehen zu helfen, wenn sie dies selbst können, Kinder zu beschämen und zu demütigen, ebenso wie andere durch die Bevorzugung eines Kindes zu diskriminieren und „Fotos, Videos usw., die das Kind oder den Jugendlichen in seiner Würde verletzen, herzustellen bzw. anzuschauen“.

    Nicht nur jedem begründeten Verdacht, sondern auch Gerüchten muss laut der am Montag in Kraft gesetzten Rahmenordnung nachgegangen werden, doch gelte bis zum Erweis des Gegenteils in jedem Fall die Unschuldsvermutung. Statt den „vermeintlichen Täter“ mit Vermutungen zu konfrontieren, rät die Rahmenordnung, sich bei Verdachtsfällen direkt an die diözesanen Ombudsstellen zu wenden: „Weder die Erziehungsberechtigten noch der mögliche Täter sollen frühzeitig mit einem Verdacht konfrontiert werden. Andernfalls kann es passieren, dass der Druck auf das Opfer, nichts zu sagen, verstärkt und der Kontakt zu Bezugspersonen abgebrochen wird.“

    Die diözesanen Ombudsstellen müssen jedem Verdacht nachgehen, auch wenn bereits eine Verjährung eingetreten ist. Mutmaßliche Täter im kirchlichen Dienst werden künftig dienstfrei gestellt, sobald der Bischof oder Generalvikar durch seine diözesane Kommission „über einen erhärteten Verdachtsfall informiert wurde“. Dem Täter werde die Selbstanzeige empfohlen und es werde auch „seitens der Kirche die Anzeige erstattet, sofern dies noch nicht geschehen ist“. Allerdings wird auch betont, dass für den Fall, dass sich ein Verdacht als unbegründet erweisen sollte, Schritte eingeleitet würden, „um den guten Ruf des Verdächtigten wieder herzustellen“.

    Die Bischöfe verpflichten sich in der Rahmenordnung, nur in Zusammenarbeit mit den von ihnen eingesetzten Gremien aktiv zu werden, mit den staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten, Beschuldigten die Selbstanzeige zu empfehlen und Täter zu einer psychiatrischen und therapeutischen Hilfe zu ermutigen. In jeder Diözese soll im konkreten Anlassfall ein Krisenstab aktiv werden, der aus dem Generalvikar, einem Mitarbeiter der diözesanen Ombudsstelle und je einem Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit und der Rechtsabteilung besteht. Die Diözesen und Ordensgemeinschaften verpflichten sich „beim Wechsel eines Mitarbeiters zwischen kirchlichen Institutionen zu gegenseitiger offener Information bei Missbrauchstätern, sofern arbeitsrechtliche Bestimmungen nicht dagegen sprechen“. Für die Ordensoberen ist es laut neuer Rahmenordnung „selbstverständlich, bei Verdachtsfällen und Vorwürfen von Missbrauch und Gewalt in ihrem Bereich mit dem Diözesanbischof und dem Generalvikar zusammenzuarbeiten“. Auch würden sich die Orden der diözesanen Ombudsstellen bedienen.

    Richtlinien gelten auch für Ordensleute und Religionslehrer

    Ausdrücklich hält die Rahmenordnung fest, dass sich die Ordensgemeinschaften „in einer Selbstverpflichtung, wie alle anderen Einrichtungen in der katholischen Kirche Österreichs“ an die hier definierten Vorgangsweisen binden. Die Bestimmungen gelten aber auch für die katholischen Privatschulen, für die Religionslehrer an öffentlichen wie privaten Schulen und alle anderen Mitarbeiter an katholischen Schulen. Die Schulämter seien bei Verdachtsfällen verpflichtet, den Ordinarius und die diözesane Ombudsstelle zu informieren.

    Für die Mitarbeiter dieser Ombudsstellen gelte „eine strenge Verschwiegenheitspflicht“. So solle für die Opfer „ein geschützter und diskreter Rahmen bestehen“. Zwar empfehle die Ombudsstelle in der Regel, eine Anzeige zu erstatten, doch sollen „nicht gegen den Willen eines möglichen Opfers staatliche Behörden informiert werden“. Wenn jedoch eine Gefahr für weitere Personen besteht, „wird der Sachverhalt zur Anzeige gebracht, nachdem das Opfer vorab darüber informiert wurde“.

    Die diözesanen Ombudsstellen können die Kosten einer notwendigen Therapie für die Opfer von Gewalt und Missbrauch übernehmen und bieten eine Beratung der Opfer zu Fragen ihrer finanziellen Ansprüche gegen die Täter an. Darüber hinaus hat die Österreichische Bischofskonferenz eine „Stiftung Opferschutz“ errichtet, „die von kirchlichen Rechtsträgern dotiert wird“. So soll in geprüften Fällen „auch mit Schmerzensgeld- oder Schadensersatzzahlungen an die Opfer in Vorlage getreten werden“. Diese Zahlungen sollen jedoch dann „beim Täter oder einer verantwortlichen Institution regressiert“ werden.

    Wenn die Voruntersuchung einen strafbaren sexuellen Missbrauch eines Klerikers an einem Minderjährigen glaubhaft scheinen lässt, muss der Fall stets an die Glaubenskongregation in Rom weitergeleitet werden. Diese bestimmt den weiteren innerkirchlichen Verfahrensweg. Bei festgestellter und dokumentierter Schuld eines Klerikers kann der Papst „eine Entlassung von Amts wegen aussprechen, sofern der Betroffene nicht bereits selbst um Laisierung nachgesucht hat“. Neben der Entlassung aus dem Klerikerstand sind auch mindere Maßnahmen genannt, etwa die Entfernung aus dem Seelsorgedienst.

    Von Stephan Baier