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    Nur wer weiß, wer er ist, bringt Segen

    Rimini (DT) Manchmal werden auf dem „Meeting für die Freundschaft unter den Völkern“ der Bewegung „Comunione e Liberazione“ in Rimini auch politische Entscheidungen öffentlich gemacht. Der italienische Außenminister Angelino Alfano, mit dem sich nun schon die Hälfte der Ministerriege seines Landes bei dem 38. katholischen Kulturfest an der Adriaküste hat blicken lassen, tat das am vergangenen Donnerstag, als er auf einer Podiumsveranstaltung mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg ankündigte, dass am kommenden 5. September ein Stützpunkt des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses in Neapel unter Leitung eines italienischen Generals eröffnet werde, um die Sicherheit im Mittelmeer zu erhöhen. Für ein Katholikentreffen ein vielleicht ungewöhnliches Detail. Aber für das Meeting durchaus typisch.

    Da die Messehalle, in der der Jerusalemer Franziskaner-Bischof Pierbattista Pizzaballa sprach, völlig überfüllt war, sch... Foto: Meeting

    Rimini (DT) Manchmal werden auf dem „Meeting für die Freundschaft unter den Völkern“ der Bewegung „Comunione e Liberazione“ in Rimini auch politische Entscheidungen öffentlich gemacht. Der italienische Außenminister Angelino Alfano, mit dem sich nun schon die Hälfte der Ministerriege seines Landes bei dem 38. katholischen Kulturfest an der Adriaküste hat blicken lassen, tat das am vergangenen Donnerstag, als er auf einer Podiumsveranstaltung mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg ankündigte, dass am kommenden 5. September ein Stützpunkt des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses in Neapel unter Leitung eines italienischen Generals eröffnet werde, um die Sicherheit im Mittelmeer zu erhöhen. Für ein Katholikentreffen ein vielleicht ungewöhnliches Detail. Aber für das Meeting durchaus typisch.

    Ein Hauptvortrag von Bischof Pierbattista Pizzaballa

    Stoltenberg, der im Gegensatz zu vielen anderen Politikern und Wirtschaftsführern des diesjährigen Programms zum ersten Mal zu dem Treffen nach Rimini gekommen war, gratulierte dann gleich auch den Veranstaltern zu dem Bemühen, Personen aus den verschiedensten Feldern des öffentlichen Lebens zusammenzubringen, die sich durch einen „Geist des Dialogs und des Optimismus“ auszeichnen würden. Und optimistisch zeigte sich der Generalsekretär auch angesichts der gegenwärtigen Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus: „Unsere Gesellschaften sind dem Terrorismus der ETA, der IRA und der Roten Brigaden entgegengetreten. Es schien eine unmögliche Herausforderung zu sein, aber wir haben es geschafft. Wenn wir stark, geeint und zäh sind, gelingt uns das wieder.“

    Das Thema des diesjährigen Meetings betraf aber die Weitergabe des von den Vätergenerationen erhaltenen Erbes, vor allem des christlichen Glaubens. Und so war es zuvor ein alter Freund des Meetings gewesen, der in einer der großen Messehallen Riminis das Grundsatzreferat zum diesjährigen Leitsatz des Treffens gehalten hatte: „Verdiene erneut das, was Du von Deinen Vätern erbst, um es zu besitzen“. Pierbattista Pizzaballa, langjähriger Kustos und damit Vorsitzender des Franziskaner-Hilfswerks im Heiligen Land und seit über einem Jahr Apostolischer Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, ist in den vergangenen Jahren immer wieder auf dem Meeting gewesen, jetzt hörte ihm eine mehrere tausend Köpfe zählende Menge angespannt zu. Pizzaballa ging von der Definition der gegenwärtigen Epoche als einer „Zeit nach der Wahrheit“ aus, die auch die Kirche erfasst habe, weil es die Weitergabe des Glaubens in den Familien nicht mehr gebe. Um diesen Wandel zu heilen, der, wie der Franziskaner-Bischof hervorhob, nicht nur Europa, sondern auch den Mittleren Osten als Protagonisten erlebe, stellte er einige grundlegende Punkte heraus: „Der erste ist der, sich in einem christlichen Geist die Tradition wieder anzueignen. Das, was wir von unseren Vätern empfangen haben, ist nichts anderes als die Wahrheit über den Menschen und die Geschichte. Und um dieses Erbe zu besitzen, ist es notwendig, dass es in einer neuen Sprache verstanden und dann mitgeteilt wird.“

    Pizzaballa verwies auf zwei Gleichnisse des Evangeliums, das vom Schatz im Acker und das von der kostbaren Perle. Sie würden den tiefen Sinn dessen zum Ausdruck bringen, was es heiße, ein empfangenes Erbe zu besitzen und es nicht nur als juridische Übereignung zu verstehen, sondern es sich als Person zu eigen zu machen. Die beiden Gleichnisse machten deutlich, dass ein Erbe zu besitzen notwendigerweise bedeute, seine ganze Person ins Spiel zu bringen und auch das Risiko einzugehen, möglicherweise alles andere zu verlieren. Indem man so handle, empfange man nicht nur das Lob des Herrn der Geschichte, sondern trete ein in seine Freude und damit in sein Leben.

    Heute, sagte Pizzaballa weiter, weise man das oft zurück, was man von den Vätern empfangen habe, indem man es als „schwere Bürde“ betrachte. Gegen das heutige „Delirium der Gleichzeitigkeit, das von uns wolle, dass wir unsere eigenen Erzeuger sind, müssen wir die Erinnerung an eine von den Vätern empfangene Verheißung wachhalten, denn eine Gesellschaft, die ihre Väter vergisst, ist eine Gesellschaft von Waisen, nicht von Kindern.“ Doch was sei diese Verheißung, dieses Erbe, fragte der Bischof. Das was zähle, sei „die Weitergabe des Wunsches, der Sehnsucht von einer Generation zur anderen. Kein Gedächtnis im Sinne einer Nostalgie, sondern ein Gedächtnis, um die Sehnsucht wach zu halten“. So könnten die Christen zu Protagonisten der Erschaffung einer neuen Welt werden, indem sie die Talente einsetzen, die sie empfangen haben, ohne sich verloren zu fühlen, wenn die alte Welt sich verzehrt. Als großes Beispiel nannte Pizzaballa den heiligen Benedikt, der sich zu Beginn des sechsten Jahrhunderts, in der Zeit eines sich auflösenden Imperiums, zu einem Leben als Einsiedler zurückzog und dort eine Bewegung hervorbrachte, die mit ihrem Zeugnis die antike Welt neu geschaffen hat. „Jeder schaute auf Benedikt und seine Mönche“, sagte der Franziskaner, „und sah in ihnen einen Wunsch sich widerspiegeln, eine Sehnsucht nach Liebe und Schönheit, die jeder in seinem Herzen trägt, die aber erst durch die Begegnung mit Zeugen dieser Schönheit und Liebe wieder ausgegraben werden kann.“

    Mindestens so wichtig wie die Vorträge in den Messehallen sind vielen Besuchern des Treffens die Ausstellungen. Eine von ihnen widmete sich der bolschewistischen Revolution in Russland von 1917. Ihr ging es darum, mit manchen Mythen aufzuräumen, wie sie vor allem die kommunistische Propaganda später verbreitet hat. In Bildtafeln und Aussagen von Gelehrten der damaligen Zeit wie Michail Afanassjewitsch Bulgakow, Alexander Blok oder Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew wurde das geistige Klima nachgezeichnet, das vor allem junge Menschen damals prägte, besonders jene, die in den Jahren bis zum Ausbruch der Revolution Sankt Petersburg und andere Städte mit terroristischen Anschlägen erschütterten. „Der Terrorismus am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war in Russland sehr verbreitet“, erläutert Adriano Dell'Asta, Professor für russische Literatur an der Katholischen Universität von Mailand und einer der Betreuer der Ausstellung. „Dieser Terrorismus war nihilistisch. Das ging so weit, dass sich einige Gruppen als ,Terroristen ohne Motive‘ bezeichneten.“ Die Täter von damals – bei den Terroranschlägen hätten zwischen 1900 und 1917 elftausend Menschen ihr Leben verloren – seien zum Teil sehr jung gewesen, zwischen 15 und 19 Jahren, so Dell'Asta. Damit schlägt die Ausstellung den Bogen zur heutigen Zeit. Nicht die kommunistische Ideologie eines Lenin, wie heute nicht der Islam, habe den Nährboden für den Terror gebildet, sondern der Nihilismus und die geistige Leere.

    Die Ausstellung zitiert etwa Berdjajew: „Die zur Staatskirche verkommene Kirche hatte das Volk verlassen und auch das Volk hatte die Kirche verlassen. Die Leere und der Nihilismus nährten das ideologische Gift, das die Wirklichkeit zerstört, um Gott zu zerstören.“ Oder Worte von Alexander Blok: „Ohne angemessene Gründe zum Leben schien für die Jugend der einzige Weg der des Aufstands und der Gewalt zu sein.“ Angesichts der jugendlichen Attentäter zuletzt von Barcelona erhielt diese Ausstellung nun zusätzliche Aktualität.

    Der vollständige Name des Katholikentreffens lautet „Meeting für die Freundschaft unter den Völkern“ und die Begegnung der Kulturen und Religionen wurde auch in diesem Jahr wieder großgeschrieben. Langjährige Gäste wie der britische Rabbi David Rosen, der das Meeting vor zwanzig Jahren kennengelernt hatte, saßen auf dem Podium, gemeinsam mit Mohammad Sammak, einem Sunniten aus dem Libanon, der dort das Komitee für den christlich-islamischen Dialog leitet, und Erzbischof Silvano Maria Tomasi, ehemals Beobachter des Heiligen Stuhls beim Büro der Vereinten Nationen in Genf und heute delegierter Sekretär des vatikanischen Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen.

    Der Jude, der Christ und ein Vatikandiplomat

    Rosen sprach über die Jahrhunderte des friedlichen Zusammenlebens von Christen, Juden und Muslimen in Andalusien während des Mittelalters und Ähnliches berichtete Sammak aus der Geschichte des Mittleren Ostens. Für Tomasi ist der interreligiöse Dialog heute keine Option mehr, sondern eine dringende Notwendigkeit.

    Heute Mittag erhält das Meeting nochmals hohen Besuch: Soeben zurückkehrt aus Russland bestreitet der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin gemeinsam mit dem Leiter der Bewegung „Comunione e Liberazione“ und Nachfolger von Gründer Don Luigi Giussani, dem Spanier Julián Carrón, ein Podium, auf dem es um „die Umarmung des Menschen von heute durch die Kirche“ gehen wird. Am Nachmittag dann der Apostolische Nuntius aus Damaskus, der von Papst Franziskus in den Kardinalsstand erhobene Erzbischof Mario Zenari, über „Offene Hospitäler – ein Zeugnis aus Syrien“.