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    „Noch nicht vollständig in einer Sektenmentalität versunken“

    Pater Engelbert Recktenwald FSSP wurde 1985 von Erzbischof Lefebvre zum Priester geweiht. 1988 verließ er am Tag der unerlaubten Bischofsweihen die Piusbruderschaft und wurde Mitbegründer der Petrusbruderschaft. Sie wurde im selben Jahr als Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechtes errichtet und nimmt sich in besonderer Weise der dem außerordentlichen römischen Ritus verbundenen Gläubigen an. Regina Einig sprach mit ihm über die Entwicklung seit der Aufhebung der Exkommunikation der Traditionalistenbischöfe vor einem Jahr.

    Der deutsche Distriktobere der Piusbruderschaft hat sich in dieser Woche bei Papst Benedikt XVI. für die Aufhebung der Exkommunikation vor einem Jahr bedankt. Die Entscheidung sei ein „mutiger“ und „richtungsweisender“ Schritt gewesen. Von den französischen Piusbrüdern hörte man bisher nichts dergleichen. Gibt es in der Haltung gegenüber dem Nachfolger Petri eine Polarisierung innerhalb der Bruderschaft?

    Richtungskämpfe in einer Gemeinschaft sind etwas Normales, darüber hinaus war die Haltung der Piusbruderschaft zum Papst schon immer ambivalent: Einerseits sah man in ihm die rechtmäßige Autorität des Heiligen Stuhls, andererseits den Exponenten glaubenszerstörerischer Kräfte. Wegen der ersten Seite lehnte man den Sedisvakantismus ab, wegen der zweiten die praktische Unterordnung unter seine Autorität. Dieser Spagat wurde dann noch als gesunde Mitte zwischen den beiden Extremen des Sedisvakantismus und des Modernismus ausgegeben. Wenn sich durch die Aufhebung der Exkommunikation die Waage mehr zu ersten Seite neigt, ist das nur zu begrüßen. Die schöne Geste von Pater Schmidberger hält in mir die Hoffnung wach, dass es doch noch zu einer Einigung kommt. Sie ist sicherlich ehrlich gemeint und mehr als bloße Taktik. Wie allerdings die Kräfteverhältnisse in der Piusbruderschaft sind zwischen denen, die eine mögliche Einigung mitmachen, und jenen, die sie kategorisch ausschließen, kann ich nicht beurteilen.

    Inwieweit spielen nationale Unterschiede und Eigenheiten dabei eine Rolle?

    Sicherlich ist zum Beispiel der französische Katholizismus von Haus aus politischer, woraus sich erklären lässt, dass für Erzbischof Lefebvre die Frage der Religionsfreiheit eine so große Rolle spielte. Aber meines Erachtens wird dieser Aspekt oft überbewertet, etwa von jenen Kritikern, die glauben, in der Action française den Schlüssel zum Verständnis der traditionalistischen Bewegung gefunden zu haben. Im Kern geht es um theologische Fragen, und hier spielt die Nationalität kaum eine Rolle. Das sieht man beispielsweise an den vier Bischöfen der Piusbruderschaft, die aus vier verschiedenen Ländern kommen.

    Der Vatikan-Dialog mit der Bruderschaft könne zu einer Einigung führen, da die Piusbrüder erstmals „in Ruhe die Bedenken gegen gewisse Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils vortragen“ könnten, so Schmidberger. Gab es nicht 1988 schon Gelegenheit dazu?

    Die Piusbruderschaft hatte schon in den achtziger Jahren die Möglichkeit erhalten, sogenannte dubia, also ihre Bedenken in schriftlicher Form einzureichen, und sie hat es auch getan und darauf auch Antworten erhalten. Aber was Pater Schmidberger mit der Ruhe meint, in der erstmals die Diskussion stattfinden könne, ist vermutlich der Umstand, dass dies nun ohne Entscheidungsdruck geschieht. Damals hing die Frage der Bischofsweihen davon ab, jetzt aber hat die Piusbruderschaft nichts zu verlieren, und man kann sich Zeit lassen, wie sie oft betont. Ich halte es zwar für theologisch falsch, die Unterordnung unter die päpstliche Autorität vom Verlauf solcher Gespräche abhängig zu machen und nicht von der Tatsache, dass diese Autorität anerkannterweise einfach existiert, aber psychologisch ist das gut nachvollziehbar: In Ruhe und innerer Freiheit kann ich darüber nur diskutieren, wenn nicht ständig ein Damoklesschwert über mir hängt für den Fall, dass die Diskussion nicht den gewünschten Verlauf nimmt.

    Haben Sie im vergangenen Jahr Veränderungen in der öffentlichen Selbstdarstellung der Piusbrüder festgestellt?

    Ja, mir scheint, soweit ich das im deutschsprachigen Raum mitbekommen habe, dass man in der Kritik am Papst zurückhaltender geworden ist, das Positive bereitwilliger anerkennt und die Gemeinsamkeiten mehr herausstreicht. Durch den Konflikt um die Priesterweihen im Sommer wurde das in der medialen Öffentlichkeit leider überdeckt.

    Vor allem aus Frankreich sind immer wieder harsche Töne von Piusbrüdern mit Blick auf Priester und Gläubige der Ecclesia-Dei-Gemeinschaften zu hören. Inwieweit fällt die Entscheidung einiger Piusbrüder von 1988, das Angebot des Heiligen Stuhls zu akzeptieren, dabei heute noch ins Gewicht?

    Durch die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften wurde das Monopol der Piusbruderschaft auf die überlieferte Liturgie durchbrochen, und so war man schon 1988 schnell bei der Hand, Gründe zu finden, um die Gläubigen vor der Teilnahme daran zu warnen, zum Beispiel mit dem Argument, dass bei uns die überlieferte Liturgie in einem modernistischen, glaubensgefährdenden Umfeld gefeiert werde. Dadurch haben wir nolens volens zu einer gewissen Radikalisierung der Piusbruderschaft beigetragen, eigentlich eine verrückte Situation. Auf der anderen Seite wurde die generelle Freigabe der überlieferten Liturgie 2007 von der Piusbruderschaft ausdrücklich begrüßt, ja sogar herbeigewünscht. Das zeigt, dass noch kirchliches Denken vorhanden und man noch nicht vollständig in einer Sektenmentalität versunken ist.

    Der Heilige Vater strebt eine Rückkehr der Piusbruderschaft in die katholische Kirche an. Die Verhandlungen in Rom können allerdings noch Jahre dauern. Was können versöhnungswillige Gläubige schon während der Gespräche tun, um den Heiligen Vater darin zu unterstützen?

    Auf jeden Fall beten! Streiten vermeiden, Empfindlichkeiten ablegen. „Sollten wir nicht wie rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus der Enge herauszuführen uns mühen?“, schreibt der Papst in seinem Brief vom 10. März. Ich würde es begrüßen, wenn der Papst in seinem Bemühen noch mehr Unterstützung von bischöflicher Seite erfahren würde. In seinem Spiegel-Essay zum Thema hatte Martin Mosebach zutreffend geschrieben: „Die Piusbruderschaft wurde perfekt abgeschottet; an den Diskussionen der diskussionsfreudigen nachkonziliaren Kirche durfte sie nicht mehr teilnehmen (...) Die Bruderschaft baute Wagenburgen, aber um diese Wagenburgen gähnte die Leere – niemand kümmerte sich um sie. Jeder Soziologe weiß, wie es sehr bald um die geistige Verfassung kleiner, von der Reibung an der Realität abgeschnittener Oppositionsgruppen bestellt ist. Dass die Gruppe gefährdet war, hätte für einen verantwortungsvollen Priester genügt, sich um sie zu kümmern.“

    Als Hindernisse für die Aussöhnung nennen die Piusbrüder oft einzelne Konzilsdokumente (Religionsfreiheit) und die nachkonziliare Liturgiereform. Trifft diese Einschätzung der Bruderschaft nach Ihrer Erfahrung zu?

    Das letztgenannte Hindernis ist durch die Freigabe der überlieferten Liturgie weggefallen. Was die umstrittenen Dokumente angeht, hängt es von der Piusbruderschaft ab, wie weit sie eine Interpretation im Licht der Tradition zulässt und akzeptiert. Soweit mir bekannt ist, wurden alle Versuche solcher Interpretationen, die bisher vorgelegt wurden, zum Beispiel durch Pere Basil aus Le Barroux, von der Piusbruderschaft abgelehnt. Das ist eine Frage des Sensus Ecclesiae, und in seinem Mangel scheint mir das Haupthindernis auf Seiten der Piusbruderschaft zu liegen. Deren These vom unüberwindlichen Traditionsbruch in den umstrittenen Punkten findet sie durch die nachkonziliare Entwicklung bestätigt, die tatsächlich glaubenszerstörerisch war und sich dabei auch noch auf das Konzil berief. Solchen Konzilsmissbrauchern hat der Papst in seinem oben erwähnten Brief ins Stammbuch geschrieben: „Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das Zweite Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen.“

    Auch Bischof Williamson hat sich in diesen Tagen wieder zu Wort gemeldet, obwohl er nach dem Wirbel um sein Interview von den Oberen abgezogen worden ist. Hängt der Erfolg der Gespräche mit Rom auch davon ab, ob die Piusbruderschaft Disziplinschwierigkeiten und Mangel an Gehorsam in den eigenen Reihen in den Griff bekommen?

    Genau! Mir ist es unbegreiflich, wie so etwas in der Piusbruderschaft jetzt noch möglich ist. Waren die Maßnahmen gegen Williamson nur halbherzig gemeint, oder kann er sich auf eine genügend starke Gruppe in der Piusbruderschaft stützen, um sich solche Äußerungen leisten zu können? Ich weiß es nicht, aber es wäre tragisch, wenn daran die Einigung scheitern würde. Niemand will die Spaltung der Piusbruderschaft, aber im Konfliktfall wäre die Spaltung und die Reinigung von diesen Elementen immer noch der bessere Weg als dass es diesen Kräften gelingen würde, die ganze Piusbruderschaft von Rom getrennt zu halten und auf den Weg zu einer Sekte zu schicken.

    Haben Sie heute noch Kontakt zu Priestern der Piusbruderschaft?

    Nein, nur ganz selten und punktuell.

    Haben Sie Ihre Entscheidung von 1988 jemals bereut?

    Nein, keine Sekunde, obwohl es der schwierigere Weg war, weil man die „Vorteile“ einer kirchlichen Unabhängigkeit eingebüßt hat, ohne in jenen Diözesen, die uns nicht wollten, die „Vorteile“ der kirchlichen Anerkennung zu haben. Diese Schwierigkeiten wurden von der Piusbruderschaft ja manchmal als Argument für die Richtigkeit ihres Weges angeführt. Aber das ist allzu menschliches Denken. Die Bereitschaft zum Opfer gehört zur kirchlichen Gesinnung dazu. „Ubi Petrus, ibi Ecclesia“ (Wo Petrus ist, dort ist die Kirche, A.d.R.) – an dieser Wahrheit ändert eine Kirchenkrise nichts und keine Piusbruderschaft.