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    „Mittler des Lebens“

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Mose mit den Gesetzestafeln. Kopie eines Rembrandt-Gemäldes von Harmensz van Rijn (1659) im Erfurter Augustinerkloster. Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Beim Lesen des Alten Testaments tritt eine Gestalt besonders hervor: Mose – und zwar gerade als Mann des Gebets. Mose, der große Prophet und Anführer in der Zeit des Auszugs, hat seine Aufgabe als Mittler zwischen Gott und Israel ausgeübt, indem er sich zum Träger des göttlichen Wortes und der göttlichen Gebote an das Volk machte, indem er es zur Freiheit des gelobten Lands führte, indem er die Israeliten während des langen Aufenthalts in der Wüste lehrte, im Gehorsam und im Vertrauen zu Gott zu leben, aber auch – und ich würde sagen vor allem – indem er betete. Er betet für den Pharao, als Gott durch die Plagen versucht, das Herz der Ägypter zu erweichen (vgl. Ex 8–10); er bittet den Herrn um die Heilung seiner Schwester Mirjam, die vom Aussatz befallen ist (vgl. Num 12, 9–13), er legt Fürsprache für das Volk ein, das sich, verängstigt durch den Bericht der Kundschafter, aufgelehnt hat (vgl. Num 14, 1–19), er betet, als ein Feuer das Lager zu vernichten droht (vgl. Num 11, 1–2) und als viele Menschen durch Giftschlangen getötet werden (vgl. Num 21, 4–9); er wendet sich an den Herrn und begehrt auf, als die Last seines Auftrags zu schwer wird (vgl. Num 11, 10–15); er sieht Gott und spricht von Angesicht zu Angesicht mit ihm, wie Freunde miteinander reden (vgl. Ex 24, 9–17; 33, 7–23; 34, 1–10.28–35).

    Der Mensch lebt auch vom Gesetz

    Auch als das Volk am Sinai Aaron bittet, das Goldene Kalb zu machen, betet Mose und übt auf beispielhafte Weise seine Aufgabe als Fürsprecher aus. Die Episode wird im 32. Kapitel des Buches Exodus erzählt und hat eine Parallele im neunten Kapitel des Buches Deuteronomium. Mit dieser Episode und vor allem mit dem Gebet des Mose, das wir in der Exoduserzählung finden, möchte ich mich in der heutigen Katechese beschäftigen. Das Volk Israel befand sich zu Füßen des Sinai, während Mose auf dem Berg das Geschenk der Gesetzestafeln erwartete und vierzig Tage und vierzig Nächte fastete (vgl. Ex 24, 18; Dt 9, 9). Die Zahl vierzig hat einen symbolischen Wert und bedeutet die Gesamtheit der Erfahrung, während durch das Fasten angezeigt wird, dass das Leben von Gott kommt, dass es durch Ihn erhalten wird. So beinhaltet der Vorgang des Essens die Aufnahme von Nahrung, die uns erhält; das Fasten, der Verzicht auf das Essen, erhält in diesem Fall eine religiöse Bedeutung: es ist eine Art und Weise anzuzeigen, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund des Herrn kommt (vgl. Dt 8, 3). Durch das Fasten zeigt Mose, dass er auf das Geschenk des göttlichen Gesetzes als Quelle des Lebens wartet: Es offenbart den Willen Gottes und speist das Herz des Menschen, indem es ihn in einen Bund mit dem Allerhöchsten eintreten lässt, der die Quelle des Lebens, der das Leben selbst ist.

    Doch während der Herr Mose auf dem Berg das Gesetz gibt, wird es vom Volk zu Füßen des Berges übertreten. Unfähig, die Wartezeit und die Abwesenheit des Vermittlers auszuhalten, bitten die Israeliten Aaron: „Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist“ (Ex 32, 1). Müde eines Weges mit einem unsichtbaren Gott bittet das Volk, nun, da auch Mose, der Vermittler, verschwunden ist, um eine greifbare, berührbare Präsenz des Herrn und findet in dem Kalb aus geschmolzenem Metall, das Aaron gegossen hat, einen Gott, der zugänglich, lenkbar, für den Menschen erreichbar geworden ist. Es handelt sich hier um eine ständige Versuchung auf dem Weg des Glaubens: dem göttlichen Geheimnis auszuweichen, indem man einen verständlichen Gott schafft, der den eigenen Entwürfen, den eigenen Plänen entspricht. Das Geschehen am Sinai zeigt die ganze Torheit und illusorische Selbstgefälligkeit dieses Anspruchs, denn wie es in Psalm 106 ironisch heißt: „Die Herrlichkeit Gottes tauschten sie ein gegen das Bild eines Stieres, der Gras frisst“ (Ps 106, 20). Daher reagiert der Herr und befiehlt Mose, vom Berg herabzusteigen, wobei er ihm verrät, was das Volk getan hat und mit folgenden Worten endet: „Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen“ (Ex 32, 10).

    Wie bei Abraham in Bezug auf Sodom und Gomorra offenbart Gott auch jetzt Mose, was er zu tun beabsichtigt, als ob er gewissermaßen nicht ohne seine Zustimmung handeln wolle (vgl. Am 3, 7). Er sagt: „lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt“. In Wirklichkeit wird dies „lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt“ gerade deswegen gesagt, damit Mose eingreift und Ihn bittet, das nicht zu tun, und somit offenbart, dass Gott immer nach dem Heil verlangt. Wie bei den beiden Städten zu Zeiten des Abraham zeigen die Bestrafung und die Zerstörung, in der der Zorn Gottes als Ablehnung des Bösen zum Ausdruck kommt, die Schwere der begangenen Sünde an; gleichzeitig soll die Bitte des Fürsprechers den Willen zur Vergebung des Herrn zum Ausdruck bringen. Das ist das Heil Gottes, das Barmherzigkeit beinhaltet, das aber gleichzeitig auch die Wahrheit der Sünde, des Bösen, das es gibt, anzeigt, sodass der Sünder, wenn er das Böse erkannt hat und es ablehnt, sich vergeben und von Gott verwandeln lassen kann.

    Das Fürsprachegebet macht so in der verdorbenen Wirklichkeit des sündigen Menschen die göttliche Barmherzigkeit wirksam, die in der Bitte des Betenden zum Ausdruck kommt und durch ihn dort gegenwärtig wird, wo es des Heils bedarf. Die Bitte des Mose stützt sich ganz auf die Treue und die Gnade des Herrn. Er bezieht sich zunächst auf die Geschichte der Erlösung, die Gott mit dem Auszug Israels aus Ägypten begonnen hat, um dann an die alte Verheißung zu erinnern, die den Vätern gegeben worden war. Der Herr hat Heil gewirkt, indem er sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft befreit hat; warum also, so fragt Mose, „sollen ... die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen?“ (Ex 32, 12).

    Das begonnene Heilswerk muss vollendet werden; wenn Gott sein Volk umkommen lassen würde, könnte das als Zeichen göttlicher Unfähigkeit interpretiert werden, den Heilsplan zu vollenden. Gott kann das nicht zulassen: Er ist der gute Herr, der rettet, der Garant des Lebens, er ist der Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung, der Befreiung von der Sünde, die tötet. Und so appelliert Mose an Gott, an das Innere Gottes gegen das äußere Urteil. Wenn Seine Erwählten umkommen – auch wenn sie schuldig sind – so argumentiert Mose dem Herrn gegenüber dann könnte Er als unfähig erscheinen, die Sünde zu besiegen. Und das kann man nicht akzeptieren. Mose hat den Gott des Heils konkret erfahren, er ist als Vermittler der göttlichen Befreiung gesandt worden, und nun bringt er durch sein Gebet eine zweifache Beunruhigung zum Ausdruck: Er ist besorgt um das Schicksal seines Volkes, aber auch um die Ehre, die dem Herrn gebührt, um die Wahrheit Seines Namens. Der Fürsprecher möchte, dass das Volk Israel gerettet wird, da es die Herde ist, die ihm anvertraut wurde, aber auch, damit in jenem Heil die Wirklichkeit Gottes zum Ausdruck komme. Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern und die Liebe zu Gott durchdringen einander im Fürsprachegebet, sie sind nicht voneinander zu trennen. Mose, der Fürsprecher, ist ein Mann, der zwischen diesen beiden Formen der Liebe steht, die im Gebet zu einem einzigen Verlangen nach dem Guten werden.

    Dann beruft sich Mose auf die Treue Gottes und erinnert ihn an seine Versprechen: „Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen“ (Ex 32, 13). Mose ruft die ursprüngliche Gründungsgeschichte in Erinnerung, die Väter des Volkes und ihre ganz unverdiente Erwählung, in der allein Gott die Initiative ergriffen hatte. Nicht aufgrund ihrer Verdienste hatten sie die Verheißung empfangen, sondern aufgrund der freien Entscheidung Gottes und seiner Liebe (vgl. Dt 10, 15).

    Und nun bittet Mose, dass der Herr seine Geschichte der Erwählung und des Heils in der Treue fortsetzt und seinem Volk vergibt. Der Fürsprecher bringt keine Entschuldigungen für die Sünde seines Volkes vor, er zählt weder dessen, noch seine eigenen mutmaßlichen Verdienste auf, sondern er beruft sich auf das gnädige Handeln Gottes: ein freier Gott, ganz und gar Liebe, der nicht nachlässt, nach denen zu suchen, die sich entfernt haben, der sich selbst immer treu bleibt und dem Sünder die Möglichkeit anbietet, zu Ihm zurückzukehren und durch die Vergebung gerecht und der Treue fähig zu werden.

    Mose bittet Gott, sich stärker auch als die Sünde und der Tod zu erweisen, und durch sein Gebet ruft er diese göttliche Offenbarung hervor. Als Mittler des Lebens zeigt sich der Fürsprecher solidarisch mit dem Volk; allein nach dem Heil verlangend, nach dem Gott selbst verlangt, verzichtet er auf die Perspektive, ein neues, dem Herrn wohlgefälliges Volk zu werden. Der Satz, den Gott an ihn gerichtet hatte: „Dich aber will ich zu einem großen Volk machen“, wird von dem „Freund“ Gottes nicht einmal in Betracht gezogen, der stattdessen bereit ist, nicht nur die Schuld seines Volkes auf sich zu nehmen, sondern alle Folgen. Als er nach der Zerstörung des Goldenen Kalbs auf den Berg zurückkehrt, um von Neuem für das Heil Israels zu bitten, wird er zum Herrn sagen: „Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast“ (V. 32). Mit dem Gebet, den Wunsch Gottes verlangend, tritt der Fürsprecher immer tiefer in die Erkenntnis des Herrn und seiner Barmherzigkeit ein und wird einer Liebe fähig, die bis zur vollkommenen Selbsthingabe reicht.

    In Mose, der Gott auf dem Gipfel des Berges von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, sich zum Fürsprecher seines Volkes macht und sich selbst anbietet – „streich mich“ – haben die Kirchenväter eine Vorwegnahme Christi gesehen, der auf der Höhe des Kreuzes wirklich vor Gott steht, nicht nur als Freund, sondern als Sohn. Und er bietet sich nicht nur selbst an – „streich mich“ –, sondern mit seinem durchbohrten Herzen lässt er sich „streichen“, wird er, wie der heilige Paulus selbst sagt, Sünde, nimmt er unsere Sünden auf sich, um uns zu erlösen; seine Fürsprache ist nicht nur Solidarität, sondern Identifikation mit uns: Er trägt uns alle in seinem Leib. Und so ist sein ganzes Dasein als Mensch und Sohn ein Schrei zum Herzen Gottes, es ist Vergebung, aber eine Vergebung, die verwandelt und erneuert.

    Das Geschenk des Neuen Bundes: Gott als Mensch

    Ich denke, dass wir darüber nachdenken müssen: Christus steht vor dem Angesicht Gottes und bittet für mich. Sein Gebet am Kreuz ist gleichzeitig für alle Menschen, ist gleichzeitig für mich: Er betet für mich, er hat für mich gelitten und leidet für mich, er hat sich mit mir identifiziert, indem er unseren Leib und die menschliche Seele angenommen hat. Und er lädt uns dazu ein, in diese seine Identität einzutreten, indem wir uns zu einem Leib und einem Geist mit Ihm machen, da Er uns von der Höhe des Kreuzes aus nicht neue Gesetze, Tafeln aus Stein gebracht hat, sondern sich selbst, seinen Leib und sein Blut, als neuen Bund. So macht er uns zu Seinen Blutsverwandten, zu einem Leib mit Ihm, nimmt er uns in Sich auf. Er lädt uns ein, uns darauf einzulassen, mit Ihm vereint zu sein in unserem Wunsch, ein Leib, ein Geist mit Ihm zu sein. Bitten wir den Herrn, dass diese Identifizierung uns verwandele und erneuere, denn die Vergebung ist Erneuerung, ist Verwandlung.

    Ich möchte diese Katechese mit den Worten des Apostels Paulus an die Christen von Rom abschließen: „Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? (...) Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte (...) noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8, 33–35.38.39).

    Die Pilger deutscher Sprache

    begrüßte der Papst mit den Worten:

    Von Herzen grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Der vertraute Umgang des Mose mit dem liebenden und treuen Gott soll auch uns ein Vorbild sein. Dabei nimmt Christus uns sozusagen in sich auf, und wir können auch als Freunde, als Söhne, als Töchter, als Kinder mit Gott sprechen und mit ihm ringen und so erneuert werden. Gottes Geist begleite euch bei all eurem Tun!

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller