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    „Miteinander lernen“

    Berlin (DT) Eine Wohnung hat Heiner Koch (61), der designierte Erzbischof von Berlin, zwar noch nicht in der Hauptstadt, aber immerhin ein Übergangsbüro. Nicht weit entfernt von der Hedwigskathedrale, am Hausvogteiplatz ist es gelegen. Der ideale Ort, um sich den Journalisten vorzustellen: Wer ist der zukünftige Berliner Hirte? Was denkt, was plant er? Viele wollen es wissen. Eilt dem gebürtigen Düsseldorfer, der vom emeritierten Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, 2006 zum Weihbischof geweiht wurde und im Bistum Dresden-Meißen die vergangenen zwei Jahre als Hirte gewirkt hat, doch der Ruf voraus, ein leidenschaftlicher Seelsorger und begabter Organisator zu sein.

    Erzbischof Heiner Koch will Polarisierungen vermeiden. Foto: dpa

    Berlin (DT) Eine Wohnung hat Heiner Koch (61), der designierte Erzbischof von Berlin, zwar noch nicht in der Hauptstadt, aber immerhin ein Übergangsbüro. Nicht weit entfernt von der Hedwigskathedrale, am Hausvogteiplatz ist es gelegen. Der ideale Ort, um sich den Journalisten vorzustellen: Wer ist der zukünftige Berliner Hirte? Was denkt, was plant er? Viele wollen es wissen. Eilt dem gebürtigen Düsseldorfer, der vom emeritierten Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, 2006 zum Weihbischof geweiht wurde und im Bistum Dresden-Meißen die vergangenen zwei Jahre als Hirte gewirkt hat, doch der Ruf voraus, ein leidenschaftlicher Seelsorger und begabter Organisator zu sein.

    In Dresden erlebte Koch die Konfrontation mit der real-existierenden Säkularisierung des Ostens, dem atheistischen Erbe der DDR, von dem er sich aber nicht schocken ließ. Bester Beweis: die frisch eingeweihte Propsteikirche Sankt Trinitatis in Leipzig, deren Erstehungsprozess Koch „gute Erfahrungen mit vielfältigen politischen Kontakten“ bescherte, wie er in Berlin mit heiterer Stimme berichtet.

    Etwas von diesen Erfahrungen will Koch auch in Berlin einbringen und den in Dresden praktizierten „Erkundungsprozess“ fortsetzen, wie er den Journalisten, denen er zuvor freundlich und einzeln die Hand geschüttelt hat, erklärt. Was man auch an seiner klaren Zielgruppenaufteilung erkennt. Es gebe im Bistum Berlin, das auch Teile von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern umfasst, wie Koch unterstreicht, nicht nur den Kreis der praktizierenden Katholiken – auch die „Getauften mit lockerer Beziehung zum Glauben“ hat er fest im Blick. Deren langsame Entfremdung aufzuhalten, sieht Koch als wichtige Aufgabe an. Wie natürlich auch den freundlichen Umgang mit den Protestanten. Schon in Dresden hat Koch die Ökumene als „Bereicherung“ erfahren, wie er hervorhebt, was nicht bedeute, die konfessionellen Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten zu verbergen.

    Angesprochen auf die positive Haltung des evangelischen Landesbischofs in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, zur „Ehe für alle“, macht Koch deutlich, dass unterschiedliche Auffassungen stets die Chancen böten, die eigene Anschauung zu profilieren, aber auch „miteinander zu lernen“. Koch weiß, dass die Gesellschaft die katholische Ehe-Definition (lebenslange Treue, Beziehung zwischen Mann und Frau, Offenheit für Kinder, Sakrament als Ausdruck der Gottesnähe) mehrheitlich nicht teilt („Wir haben für unterschiedliche Wirklichkeiten gleiche Begriffe“), es gehe deshalb darum, „unsere Überzeugung in das Forum hineinzugeben“ – in aller „Klarheit und Bescheidenheit“.

    Dabei weist Erzbischof Koch, der innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz die Kommission für Ehe und Familie leitet, auch auf das geplante post-synodale Hirtenwort der deutschen Bischöfe zum Thema Ehe und Familie im kommenden Jahr hin. Wenn man sehen werde, was Papst Franziskus ans Herz legen wird, „werden wir dann versuchen, das auf unsere Situation noch mal zu übersetzen“.

    Auch für die Gläubigen anderer Religionen will Koch, der bereits in Köln für den interreligiösen Dialog verantwortlich war, aufmerksam und sensibel sein, was in Berlin, wo zwölf Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind, aber auch das jüdische Leben wieder im Wachsen begriffen ist, naheliegend ist. Doch auch gegenüber den eingefleischten Agnostikern und Atheisten, sozial Schwachen und Flüchtlingen zeigt Koch, der bereits mit seinem direkten Berliner Vorgänger, Kardinal Rainer Maria Woelki, aber noch nicht mit seinem Ziehvater Meisner über das zukünftige Tätigkeitsfeld gesprochen hat, keine Berührungsängste. Weiß er doch: „Gott ist den Menschen überall nahe“ und manchmal könne man bei der gemeinsamen Suche erfahren, dass „Gott uns schon viel früher gesucht“ habe.

    Alles dufte also? Keine Probleme von der Spree bis zur Ostsee? Zumindest bei zwei Themen hat Koch schon jetzt, wenige Tage nach seiner Ernennung und drei Monate vor seiner offiziellen Amtseinführung, einen ersten Geschmack davon bekommen, wie vielschichtig und schrill die Berliner Tonlage zuweilen sein kann und wie schnell aus Freunden Feinde werden können – sogar im katholischen Milieu. Viele Mails und zum Teil „drohend scharfe Briefe“, berichtet Heiner Koch, habe er zur geplanten, aber bereits kontrovers diskutierten Renovierung der Hedwigskathedrale erhalten und auch der Strukturprozess mit dem Titel „Wo Glauben Raum gewinnt“, bei dem es um die Zusammenlegung von Pfarreien und sozialen kirchlichen Einrichtungen geht, bewege die Gläubigen des Bistums. Koch sieht beide Streitpunkte mit seelsorgerlichem Pragmatismus. Es bestehe „dringender Handlungsbedarf“ in Sachen Renovierung, der Auswahlwettbewerb sei jedoch abgeschlossen. Jetzt gelte es, ein „Fiasko“ zu verhindern, sprich, der Bau, welcher der Gemeinschaft vor Gott dienen solle, dürfe nicht die Gemeinschaft zerstören. Diplomatische Klugheit, die auch bei Kochs Einschätzung der Strukturreform aufblitzt. „Es hilft nichts, wenn wir sagen können: Die Strukturen sind neu, die Menschen draußen.“ Es komme darauf an, die regionalen Unterschiede des Bistums zu berücksichtigen und im Blick zu haben, dass es nicht nur um Pfarreien gehe.

    Auf keinen Fall – darauf legt Heiner Koch, der sich auf Journalisten-Nachfrage als Opern-Fan outet und sogar bereit ist, anstelle seines Heimatclubs „Fortuna Düsseldorf“ zukünftig Spiele von „Hertha BSC“ zu besuchen – dürfe die Kirche „ein besserer Schrebergarten“ sein. Als Vorbild für seine katholische Mission in Berlin nennt Koch den legendären Geistlichen Carl Sonnenschein (1876–1929), der in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts tatkräftig das Evangelium in Berlin verkündete und bei den Gläubigen wegen seines sozialen Engagements (gerade auch in punkto Bildung) geschätzt wurde. Wie Koch war Sonnenschein ein gebürtiger Düsseldorfer.