• aktualisiert:

    Mit der Kraft gelebter Liebe

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Freude am Glauben steckt an: Teilnehmerin des Weltfamilientags in Mailand. Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    „Die Familie, die Arbeit und das Fest“ – unter diesem Motto stand das VII. Weltfamilientreffen, das in den vergangenen Tagen in Mailand stattgefunden hat. Ich bin immer noch ganz erfüllt von diesem unvergesslichen und wunderbaren Ereignis, das Mailand in eine Familienstadt verwandelt hat: Familien aus aller Welt, vereint durch die Freude des Glaubens an Jesus Christus. Ich bin Gott zutiefst dankbar, der mir erlaubt hat, diese Begegnung „mit“ den Familien und „für“ die Familie zu feiern. Bei allen, die mir in diesen Tagen zugehört haben, habe ich die aufrichtige Bereitschaft gefunden, das „Evangelium der Familie“ anzunehmen und Zeugnis dafür abzulegen. Ja, denn ohne die Familie gibt es keine Zukunft für die Menschheit; vor allem die jungen Menschen müssen in jener von Gott selbst für den Mann und die Frau gewollten Gemeinschaft des Lebens und der Liebe geboren werden und aufwachsen, um Werte zu lernen, die dem Dasein einen Sinn geben.

    Die Begegnung mit den vielen Familien aus verschiedenen Kontinenten hat mir die glückliche Gelegenheit gegeben, zum ersten Mal als Nachfolger Petri die Erzdiözese Mailand zu besuchen. Kardinal Angelo Scola, die Priester und alle Gläubigen sowie der Bürgermeister und die anderen Obrigkeiten haben mich sehr herzlich empfangen, wofür ich zutiefst dankbar bin. So konnte ich aus der Nähe den Glauben der Gemeinde von Mailand erfahren, die reich an Geschichte, an Kultur, an Menschlichkeit und tätiger Nächstenliebe ist. Auf dem Domplatz, dem Symbol und Herzen der Stadt, fand die erste Begegnung dieses intensiven dreitägigen Pastoralbesuches statt. Ich denke noch an die innige Verbundenheit der vielen Mailänder und der Teilnehmer am VII. Weltfamilientag, die mir im Laufe meines gesamten Besuchs begegnet ist. Eine große Menge festlich gestimmter Familien, die sich mit dem Gefühl tiefen Mitempfindens vor allem der liebevollen und solidarischen Anteilnahme angeschlossen hat, die ich von Anfang an allen aussprechen wollte, die der Hilfe und des Trostes bedürfen und von verschiedenen Sorgen gequält werden – vor allem den Familien, die unter der Wirtschaftskrise besonders leiden sowie den von den Erdbeben betroffenen Menschen. Bei dieser ersten Begegnung mit der Stadt wollte ich vor allem zu den Herzen der Mailänder Gläubigen sprechen und sie auffordern, den Glauben in der persönlichen wie in der gemeinschaftlichen, in der privaten wie in der öffentlichen Atmosphäre zu leben, um so ein stabiles und echtes „Wohlergehen“ zu ermöglichen, ausgehend von der Familie, die als wichtigstes Gut der Menschheit wiederentdeckt werden muss. Von der Spitze des Domes aus schien die Statue der Muttergottes mit ihren weit geöffneten Armen alle Familien von Mailand und der ganzen Welt mit mütterlicher Zärtlichkeit umfassen zu wollen!

    Mailand hat mir dann an einem der eindrucksvollsten und bedeutendsten Orte der Stadt einen besonders ausgesuchten Empfang bereitet: in der Scala, wo unter dem Impuls großer spiritueller und ideeller Werte wichtige Seiten der Geschichte des Landes geschrieben worden sind. In diesem Haus der Musik haben die Noten der Neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens jener Universalität und Brüderlichkeit eine Stimme verliehen, welche die Kirche durch die Verkündigung des Evangeliums unermüdlich aufzeigt. Und gerade auf den Gegensatz zwischen diesem Ideal und den Dramen der Geschichte sowie auf die Notwendigkeit eines nahen Gottes, der an unserem Leid Anteil hat, habe ich zum Schluss des Konzertes verwiesen und es allen Brüdern und Schwestern gewidmet, die durch das Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen sind. Ich habe darauf hingewiesen, dass Gott uns in Jesus von Nazaret nahe kommt und unser Leid mit uns trägt. Am Ende dieses intensiven und geistlichen Moments wollte ich auf die Familien des dritten Jahrtausends verweisen und in Erinnerung rufen, dass in der Familie die erste Erfahrung gemacht wird, dass der Mensch nicht geschaffen ist, um in sich selbst verschlossen zu leben, sondern in Beziehung zu den anderen; und in der Familie beginnt sich das Licht des Friedens im Herzen zu entzünden, auf dass es diese unsere Welt erleuchte.

    Am folgenden Tag habe ich im dicht mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen gefüllten Dom vor vielen Kardinälen und Bischöfen, die aus zahlreichen Ländern der Welt nach Mailand gekommen waren, das Morgengebet nach dem ambrosianischen Ritus gefeiert. Dort habe ich nochmals den Wert des Zölibats und der geweihten Jungfräulichkeit herausstellen wollen, die dem großen heiligen Ambrosius so sehr am Herzen lagen. Zölibat und Jungfräulichkeit in der Kirche sind ein leuchtendes Zeichen der Liebe zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern, die von einer immer enger werdenden Beziehung mit Christus im Gebet ausgeht und in der vollkommenen Selbsthingabe zum Ausdruck kommt.

    Ein von großer Begeisterung erfüllter Moment war das Treffen im Meazza-Stadion, wo ich die Verbundenheit einer fröhlichen Schar von Jungen und Mädchen erfahren konnte, die in diesem Jahr das Sakrament der Firmung empfangen haben oder bald empfangen werden. Die sorgfältige Vorbereitung dieser Veranstaltung, mit ihren aussagestarken Texten und Gebeten sowie ihrer Choreographie, haben die Begegnung noch eindringlicher gestaltet. An die Jungen und Mädchen der Diözese habe ich den Aufruf gerichtet, ein freies und bewusstes „Ja“ zum Evangelium Jesu zu sagen und die Gaben des Heiligen Geistes anzunehmen, die es erlauben, sich zu Christen heranzubilden, nach dem Evangelium zu leben und aktive Mitglieder der Gemeinde zu sein.

    Ich habe sie ermutigt, sich vor allem beim Lernen und im großherzigen Dienst für den Nächsten zu engagieren. Die Begegnung mit den Vertretern der Behörden, der Unternehmer und der Arbeiter, der Welt der Kultur und der Erziehung der Gesellschaft Mailands und der Lombardei, hat mir gestattet, darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, dass die Gesetzgebung und die staatlichen Einrichtungen im Dienste der Person in ihren vielfältigen Aspekten stehen und für ihren Schutz verantwortlich sind, angefangen beim Recht auf Leben, dessen absichtliche Beendigung niemals erlaubt werden darf, und der Anerkennung der eigenen Identität der Familie, die auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gründet. Nach dieser letzten Begegnung, die der Diözese und der Stadt gewidmet war, habe ich mich in das große Areal des Parks von Bresso begeben, wo ich am eindrucksvollen „Fest mit Glaubenszeugnissen“ teilgenommen habe, das unter dem Motto stand: „One world, family, love“. Hier hatte ich die Freude, Tausenden von Menschen zu begegnen, einem bunten Regenbogen aus Familien, die aus Italien und aus der ganzen Welt kamen und schon vom frühen Nachmittag an in einer wirklich familiären, festlichen und herzlichen Atmosphäre versammelt waren. Indem ich auf die Fragen einiger Familien geantwortet habe, Fragen, die aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen hervorgegangen waren, wollte ich ein Zeichen des offenen Dialogs geben, der zwischen den Familien und der Kirche, zwischen der Welt und der Kirche geführt wird. Ich war sehr berührt von den ergreifenden Zeugnissen der Eheleute und der Kinder aus verschiedenen Kontinenten über die heißen Themen unserer Zeit: die Wirtschaftskrise, die Schwierigkeit, die Arbeitszeit mit der Zeit für die Familie zu vereinbaren, die Zunahme von Trennungen und Ehescheidungen, sowie auch die existenziellen Fragen, die Erwachsene, Jugendliche und Kinder betreffen. Hier möchte ich in Erinnerung rufen, was ich zur Verteidigung der Zeit für die Familie gesagt habe, die von einer Art „Vormacht“ der Arbeitsverpflichtungen bedroht wird: der Sonntag ist der Tag des Herrn und des Menschen, ein Tag, an dem alle frei sein können müssen, frei für die Familie und frei für Gott. Indem wir den Sonntag schützen, schützen wir die Freiheit des Menschen!

    An der heiligen Messe am Sonntag, dem 3. Juni, mit der das VII. Weltfamilientreffen zu Ende ging, hat eine riesige Versammlung betender Menschen teilgenommen, die das Gelände des Flughafens von Bresso vollständig gefüllt haben, das gewissermaßen zu einer großen Kathedrale unter offenem Himmel wurde, auch dank der Reproduktionen der wundervollen farbigen Glasfenster des Domes, die über der Bühne zu sehen waren. An diese immense Menge von Gläubigen, die aus verschiedenen Ländern kamen und andächtig an der sorgfältig vorbereiteten Liturgie teilnahmen, habe ich den Aufruf gerichtet, kirchliche Gemeinden aufzubauen, die immer mehr den Charakter von Familien haben, die fähig sind, die Schönheit der Dreifaltigkeit widerzuspiegeln und nicht nur durch das Wort zu evangelisieren, sondern gleichsam durch „Ausstrahlung“, mit der Kraft gelebter Liebe, weil die Liebe die einzige Kraft ist, die die Welt verwandeln kann. Zudem habe ich auf die Bedeutung von Familie, Arbeit und Fest verwiesen. Es sind drei Gaben Gottes, drei Dimensionen unseres Lebens, die zu einem harmonischen Gleichgewicht finden müssen, um eine Gesellschaft aufzubauen, die menschliche Züge trägt.

    Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für diese wunderbaren Tage in Mailand. Ich danke Kardinal Ennio Antonelli und dem Päpstlichen Rat für die Familie sowie allen Obrigkeiten für ihr Kommen und ihre Mitarbeit an diesem Ereignis; Danke auch dem Ministerpräsidenten der italienischen Republik für seine Teilnahme an der Sonntagsmesse. Außerdem möchte ich erneut den verschiedenen Einrichtungen ein herzliches „Dankeschön“ aussprechen, die großherzig mit dem Heiligen Stuhl und der Erzdiözese Mailand zusammengearbeitet haben, um diese Begegnung zu organisieren, die großen pastoralen und kirchlichen Erfolg hatte sowie auch international einen weiten Widerhall gefunden hat. Sie hat schließlich mehr als eine Million Menschen nach Mailand gerufen, die mehrere Tage lang auf friedliche Weise die Straßen der Stadt in Besitz genommen und die Schönheit der Familie, der Hoffnung für die Menschheit, bezeugt haben.

    Das Welttreffen in Mailand hat sich so als aussagestarke „Epiphanie“ der Familie erwiesen, die sich in der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen gezeigt hat, aber auch in der Einzigartigkeit ihrer wesentlichen Identität: einer Liebesgemeinschaft, die auf der Ehe gründet und dazu berufen ist, Heiligtum des Lebens, Hauskirche und Keimzelle unserer Gesellschaft zu sein. Von Mailand aus ist eine Botschaft der Hoffnung, die auf gelebter Erfahrung beruht, an die ganze Welt gerichtet worden: es ist möglich und eine Freude – wenn auch anstrengend – die treue Liebe zu leben, die Liebe, die „für immer“ und offen für das Leben ist; es ist möglich, als Familie an der Sendung der Kirche und am Aufbau der Gesellschaft teilzuhaben. Dank Gottes Hilfe und des besonderen Schutzes der Allerseligsten Jungfrau Maria, der Königin der Familie, möge die in Mailand erlebte Erfahrung dem Weg der Kirche reiche Fürchte bringen und Vorzeichen zunehmender Aufmerksamkeit für die Anliegen der Familie sein, die ein Anliegen des Menschen und der Zivilisation ist. Danke.

    Die Gäste aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit den Worten:

    Mit Freude grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Alle Familien möchte ich dem besonderen Schutz der seligen Jungfrau Maria, der Königin der Familien, anvertrauen. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Aufenthalt in der Heiligen Stadt.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller