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    Mit allen Sinnen Gottes Geheimnis wahrnehmen

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Eine Schlüsselrolle für die würdige Feier der Liturgie haben gut ausgebildete Kirchenmusiker mit Sinn für das heilige Ge... Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    ich freue mich, Euch allen zu begegnen, die Ihr aus verschiedenen Ländern hier in Rom zusammengekommen seid, um an der Tagung „Musik und Kirche: Kult und Kultur fünfzig Jahre nach ,Musicam sacram‘“ teilzunehmen, die der Päpstliche Rat für die Kultur und die Kongregation für das Katholische Bildungswesen in Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Institut für Kirchenmusik und dem Päpstlichen Liturgischen Institut Sant'Anselmo organisiert haben. Ich begrüße Euch herzlich, angefangen bei Kardinal Gianfranco Ravasi, dem ich für seine Einführung danke. Ich wünsche mir, dass sich die in diesen Tagen erlebte Erfahrung der Begegnung und des Dialogs im gemeinsamen Nachdenken über die Kirchenmusik und vor allem über ihre kulturellen und künstlerischen Aspekte als fruchtbar für die kirchlichen Gemeinschaften erweisen möge.

    Ein halbes Jahrhundert nach der Instruktion „Musicam sacram“ wollte die Tagung unter einem interdisziplinären und ökumenischen Gesichtspunkt die derzeitige Beziehung zwischen Kirchenmusik und zeitgenössischer Kultur, zwischen dem von der christlichen Gemeinschaft übernommenen und verwendeten musikalischen Repertoire und den vorherrschenden musikalischen Tendenzen vertiefen. Sehr wichtig war auch das Nachdenken über die ästhetische und musikalische Ausbildung sowohl der Priester und der Ordensleute als auch der im pastoralen Leben und noch konkreter in den „Scholae cantorum“ engagierten Laien. Das erste Dokument, das das Zweite Vatikanische Konzil erlassen hat, war die Konstitution über die Liturgie „Sacrosanctum concilium“. Die Konzilsväter waren sich der Schwierigkeiten der Gläubigen deutlich bewusst, an einer Liturgie teilzunehmen, deren Sprache, Worte und Zeichen sie nicht mehr vollkommen verstanden. Um die von der Konstitution aufgezeigten Grundzüge zu konkretisieren, wurden Instruktionen erlassen, zu denen auch die Instruktion über die Kirchenmusik gehört. Wenngleich keine neuen lehramtlichen Dokumente über das Thema erstellt wurden, hat es seitdem verschiedene wichtige päpstliche Beiträge gegeben, die der Reflexion und dem pastoralen Engagement eine Ausrichtung gegeben haben. Die Einleitung der besagten Instruktion ist immer noch von großer Aktualität: „Ihre vornehmere Form nimmt eine liturgische Handlung an, wenn man sie singend vollzieht, die liturgischen Diener jeder Stufe ihr Dienstamt ausüben und das Volk sich an ihr beteiligt. In dieser Form wird nämlich das Beten inniger zum Ausdruck gebracht, das Mysterium der heiligen Liturgie und ihr hierarchisches und gemeinschaftliches Wesen besser verdeutlicht, durch den Einklang der Stimmen die Einheit der Herzen vertieft, durch den Glanz des heiligen Geschehens der Geist leichter zu Höherem erhoben, und die ganze Feier wird klarer zum Vorausbild der himmlischen Liturgie der heiligen Stadt Jerusalem“ (Nr. 5).

    Mehrfach hebt das Dokument den Anweisungen des Konzils folgend hervor, dass die Teilnahme der ganzen Gemeinschaft der Gläubigen, die als „tätig, bewusst und voll“ beschrieben wird, wichtig ist und unterstreicht außerdem in aller Deutlichkeit, dass „die wahre Feierlichkeit einer liturgischen Handlung nicht so sehr von der Pracht des Gesanges und einem aufwendigen Zeremoniell abhängt, als vielmehr von der Würde und Frömmigkeit der Feier“ (Nr. 11). Es handelt sich also vor allem darum, intensiv am Geheimnis Gottes teilzuhaben, an der „Theophanie“, die sich in jeder Eucharistiefeier vollzieht, in der der Herr inmitten seines Volkes gegenwärtig wird, das aufgerufen ist, wirklich am Heil teilzuhaben, das Christus, der gestorben und auferstanden ist, verwirklicht. Die aktive und bewusste Teilnahme besteht also darin, tief in dieses Geheimnis eindringen zu können, es zu betrachten, anzubeten und anzunehmen, seine Bedeutung wahrzunehmen, vor allem dank der gläubigen Stille und der „Musikalität der Sprache (…), in der der Herr zu uns spricht“ (Predigt in Santa Marta, 12. Dezember 2013). In dieser Perspektive bewegt sich die Reflexion über die Erneuerung der Kirchenmusik und ihren wertvollen Beitrag. Diesbezüglich zeigt sich eine zweifache Mission, die zu verfolgen die Kirche berufen ist, vor allem durch alle, die auf verschiedene Weise in diesem Bereich tätig sind.

    Es handelt sich auf der einen Seite darum, den reichen und vielfältigen aus der Vergangenheit überlieferten Besitz zu bewahren und aufzuwerten, indem man ihn mit Ausgewogenheit in der Gegenwart zur Anwendung bringt und die Gefahr einer nostalgischen oder „archäologischen“ Sicht vermeidet. Auf der anderen Seite ist es notwendig, dafür zu sorgen, dass die Kirchenmusik und der Kirchengesang ganz in die künstlerische und musikalische Sprache der Gegenwart „inkulturiert“ sind; sie müssen es also verstehen, das Wort Gottes in Gesängen, Klängen und Harmonien zu verkörpern und es in sie umzusetzen, die die Herzen unserer Zeitgenossen in Schwingung versetzen können, indem sie eine angemessene gefühlsmäßige Atmosphäre schaffen, die für den Glauben bereit macht und die Annahme des Geheimnisses, das gefeiert wird, sowie die volle Teilnahme an ihm hervorruft.

    Natürlich hat die Begegnung mit der Moderne und die Einführung der gesprochenen Sprachen in der Liturgie viele Probleme hervorgerufen: sprachliche Probleme, Probleme der Form und Probleme des musikalischen Stils. Manchmal haben eine gewisse Mittelmäßigkeit, Oberflächlichkeit und Banalität auf Kosten der Schönheit und Intensität der Liturgiefeier vorgeherrscht. Daher können die verschiedenen Protagonisten in diesem Bereich, Musiker und Komponisten, Dirigenten und Choristen der „Scholae cantorum“, Gestalter der Liturgie, einen wertvollen Beitrag vor allem zur qualitativen Erneuerung der Kirchenmusik und des Kirchengesangs leisten. Um diesen Weg zu fördern, muss im Dialog mit den musikalischen Strömungen unserer Zeit, mit den Instanzen der verschiedenen Kulturbereiche und in einer ökumenischen Haltung eine angemessene musikalische Ausbildung gefördert werden, auch bei denen, die sich darauf vorbereiten, Priester zu werden.

    Liebe Brüder und Schwestern, ich danke Euch nochmals für Euren Einsatz im Bereich der Kirchenmusik. Möge die Jungfrau Maria Euch begleiten, die im Magnifikat die barmherzige Heiligkeit Gottes besungen hat. Ich ermutige Euch, dieses wichtige Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: der liturgischen Versammlung und dem Volk Gottes zu helfen, mit allen körperlichen und geistlichen Sinnen das Geheimnis Gottes wahrzunehmen und an ihm teilzuhaben. Die Kirchenmusik und der Kirchengesang haben die Aufgabe, uns das Gefühl für die Herrlichkeit Gottes zu schenken, für seine Schönheit und für seine Heiligkeit, die uns wie eine „leuchtende Wolke“ umfasst.

    Ich bitte euch, für mich zu beten, und erteile Euch von Herzen den apostolischen Segen.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller