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    Menschen im Widerspruch

    Es ist kein Zufall, dass das klerikale Milieu auch seine Spuren in der Welt des Kriminalromans hinterlassen hat. Pater Brown, dem G. K. Chesterton immerhin 49 Kriminalgeschichten gewidmet hat und der die Inspiration zu seinem deutschen Fernseh-Kollegen Pfarrer Braun war, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Doch bietet abseits der Literatur ein Blick ins wirkliche Leben gelegentlich eine mindestens so spannende Lektüre. Das trifft jedenfalls für den von den zwei Historikern Michael Matheus und Stefan Heid herausgegebenen Sammelband über den Campo Santo Teutonico und den Vatikan in den unruhigen Jahren von 1933 bis 1955 zu. Hintergrund ist die Flucht ins – sicher geglaubte – italienische Exil von gut 18 000 Juden und 2 000 weiteren Verfolgten aus dem nationalsozialistischen Machtbereich. Davon betroffen war auch der Campo Santo beim Petersdom, jenes aus einer Hospiz- und Beerdigungsbruderschaft herrührende, in karolingischen Zeiten gegründete Priesterkolleg für den deutschen Sprachraum, dessen eigentümlicher Rechtsstatus zu Verwicklungen geradezu einlädt, jedenfalls, wenn die Zeiten dunkel sind. Die den Staat der Vatikanstadt begründenden Verträge mit Italien von 1929 machten den Gottesacker samt den angrenzenden Gebäuden zu einem extraterritorialen Teil des Heiligen Stuhles, denn es handelt sich um italienisches Staatsgebiet, das aber nur über vatikanisches Staatsgebiet zugänglich ist.

    Das Priesterkolleg Campo Santo Teutonico in unmittelbarer Nähe der vatikanischen Audienzhalle. Foto: IN

    Es ist kein Zufall, dass das klerikale Milieu auch seine Spuren in der Welt des Kriminalromans hinterlassen hat. Pater Brown, dem G. K. Chesterton immerhin 49 Kriminalgeschichten gewidmet hat und der die Inspiration zu seinem deutschen Fernseh-Kollegen Pfarrer Braun war, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Doch bietet abseits der Literatur ein Blick ins wirkliche Leben gelegentlich eine mindestens so spannende Lektüre. Das trifft jedenfalls für den von den zwei Historikern Michael Matheus und Stefan Heid herausgegebenen Sammelband über den Campo Santo Teutonico und den Vatikan in den unruhigen Jahren von 1933 bis 1955 zu. Hintergrund ist die Flucht ins – sicher geglaubte – italienische Exil von gut 18 000 Juden und 2 000 weiteren Verfolgten aus dem nationalsozialistischen Machtbereich. Davon betroffen war auch der Campo Santo beim Petersdom, jenes aus einer Hospiz- und Beerdigungsbruderschaft herrührende, in karolingischen Zeiten gegründete Priesterkolleg für den deutschen Sprachraum, dessen eigentümlicher Rechtsstatus zu Verwicklungen geradezu einlädt, jedenfalls, wenn die Zeiten dunkel sind. Die den Staat der Vatikanstadt begründenden Verträge mit Italien von 1929 machten den Gottesacker samt den angrenzenden Gebäuden zu einem extraterritorialen Teil des Heiligen Stuhles, denn es handelt sich um italienisches Staatsgebiet, das aber nur über vatikanisches Staatsgebiet zugänglich ist.

    Das ist der Hintergrund dafür, dass man auch heute bei einigermaßen seriösem Aussehen von den Schweizergardisten zur Besichtigung des pittoresken Friedhofs durchgelassen wird, wenn man ihnen bei den beiden Eingängen links vom Petersdom das Codewort Campo Santo zuruft. Der Sammelband, Ertrag einer Tagung des gleichfalls im Campo Santo ansässigen Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, beleuchtet umfassend, wie Campo Santo und der Vatikan allgemein bei der Aufnahme der aus rassischen oder politischen Gründen Verfolgten in jenen Jahren mitwirkten und politisch agierten.

    In einem ersten Teil werden mehrere dieser Flüchtlinge vorgestellt, weiter die wichtigsten handelnden deutschen Persönlichkeiten – die aufeinander folgenden deutschen Botschafter Diego von Bergen und Ernst von Weizsäcker sowie der frühere Zentrumsführer Prälat Ludwig Kaas – um sodann die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten deutschsprachiger wissenschaftlicher Arbeit in Rom, nicht nur in den Kriegsjahren, zu stellen. Wissenschaftshistorisch sehr wertvoll, exemplarisch etwa im Beitrag von Dominik Burkard über den Historiker Karl August Fink, sind die zahlreichen Angaben zur Netzwerk-Bildung deutschsprachiger und befreundeter Forscher in jenen Jahren, die auch über die politische Haltung Auskunft geben und die Katalysatoren-Wirkung des Campo Santo betonen.

    Wahrlich kriminalromanmäßig spannend lesen sich die Kurzbiografien prominenter kirchlicher Schutzbefohlener jener Zeit, von denen Hubert Jedin und Hermine Speier besonders hervorzuheben sind. Jedin, der später als Bonner Ordinarius zu einem der „der weltweit bedeutendsten katholischen Kirchenhistoriker“ werden sollte, wie Günther Wassilowsky schreibt, war als Sohn einer Jüdin nach den unseligen nationalsozialistischen Rassengesetzen zum „katholischen Nichtarier“ geworden. Er kannte Rom und den Campo Santo von früheren Forschungsaufenthalten, war zudem als Priester und bereits renommierter Konzilshistoriker in einer anderen Situation als die meisten anderen Exilanten, als er 1939 wieder in die Ewige Stadt kam, die er bis 1946 nicht mehr verlassen sollte. Er bekam – auch im Priesterkolleg beim Campo Santo – zu spüren, dass er nun ein Flüchtling war: „Unter den Kollegsmitgliedern waren nicht nur eingefleischte Nationalkonservative, zu denen der Schlesier Hubert Jedin selbst zählte. Dass es am Campo Santo darüber hinaus auch leise Befürworter und sogar offene Sympathisanten des Nationalsozialismus gab, das kann man in Jedins ,Lebensbericht‘ zwischen den Zeilen durchaus herauslesen.“

    Jedin erfuhr aber auch viel Wohlwollen, zum Beispiel vom vatikanischen Kardinalbibliothekar Giovanni Mercati und paradoxerweise auch von der gleichgeschalteten deutschen Vatikan-Botschaft: Ihr ging es um eine Mehrung der deutschen Präsenz in Bibliothek und Archiv des Vatikan, als Gegengewicht gegen den Franzosen-Kreis um Kardinal Eugene Tisserant, dem späteren Nachfolger Mercatis. Da sah man dann auch großzügig über Jedins mütterliche Abstammung hinweg. Trotzdem konnte er, der im Laufe der Zeit zum „Allvater“ und heimlichen Rektor des Hauses avancierte, während der deutschen Besatzung Roms 1943/44 den Vatikan nicht verlassen: „Die Gefährdung (...) war Jedin endgültig am 19. September 1943 bewusst geworden, als offensichtlich die Gestapo über einen Schweizer Gardisten mitteilen ließ, man wünsche ihn zu sprechen.“ Er wäre nicht zurückgekehrt, sagte er später, hätte er dem Folge geleistet. Hermine Speier, die aus wohlhabender jüdischer Familie stammende Archäologin und Schülerin von Ludwig Curtius, ist ein zweites Beispiel für die lebensrettende Rolle, die der Vatikan in jener Zeit spielen konnte. Sie war ihrem Lehrer, der 1928 zum Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts gewählt worden war, nach Rom als Archivarin gefolgt – um die Stadt bis zum Ende ihres bewussten Lebens nicht mehr zu verlassen. „1934 aus bekannten Gründen dieser Stelle enthoben, wurde mir die gleiche Aufgabe von dem Generaldirektor der Vatikanischen Museen, Bartolomeo Nogara, anvertraut“, schreibt Speier später kühl über die Folgen des nazistischen Gesetzes „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ für ihre Person. Ihr Biograf Paul Zanker vermutet im übrigen, „dass Pius XI. selbst, ihr, der Jüdin, als erster und für lange Zeit einziger Frau eine Beschäftigung in den Vatikanischen Museen (...) ermöglichte. Sie hat dann vom 15. September 1934 bis zu ihrer Pensionierung 1966 insgesamt 32 Jahre – unterbrochen nur in der Zeit ihres Verstecks während der deutschen Besatzung – in den Vatikanischen Museen gearbeitet.“

    Ordensschwestern verbargen sie in einer ländlichen Dependance nahe Rom bis zur Einnahme der Stadt durch die Alliierten im Juni 1944. Sie, die in jungen Jahren mit dem George-Kreis in Berührung gekommen war und aus innerer Überzeugung 1939 konvertierte, wurde 1943 Mitglied der Erzbruderschaft, die der Rechtsträger des Campo Santo ist, so dass sie auf dem berühmten Friedhof dort auch ihre letzte Ruhestätte finden konnte. Wie auch Jedin war Speier nach Kriegsende durchaus bereit, ehemaligen Mitgliedern der NSDAP mit „Persilscheinen“ zu Hilfe zu kommen, „wobei die Dreistigkeit mancher, die nun einmal mitgemacht hatten, gegenüber der Jüdin, die sie in Lebensgefahr gebracht hatten, den Nachgeborenen noch heute mit Erstaunen und Scham erfüllen kann“.

    Zwiespältig ist die Rolle der beiden Botschafter Deutschlands beim Heiligen Stuhl zu bewerten, die in jenen Jahren Dienst taten. Diego von Bergen, der 1919 als Gesandter, ab 1920 und bis 1943 als Botschafter amtierte, kommt im Urteil seines Nachfolgers schlecht weg – als einer, „der es verstanden hatte, in den vielen schwierigen Jahren der Ära Hitler durch taktvolles Stillsitzen seine Position zu halten“. Also schrieb Ernst von Weizsäcker in seinen 1950 erschienenen Erinnerungen. Gregor Wand, der ihn im Sammelband behandelt, stellt ihm ein etwas besseres Zeugnis aus. Doch ist zunächst festzuhalten, dass Bergen seine gewachsene Erfahrung im Umgang mit Kurie und Kirche nach 1933 bereitwillig den Nationalsozialisten zur Verfügung stellte (wie freilich sein Nachfolger und wie so viele andere Beamte auch). Bergen ging irrigerweise davon aus, „dass nach Durchführung der für das Lebensinteresse des NS-Staates notwendigen Trennung zwischen Staat und Kirche in der Reichsführung ein Konsens für einen Ausgleich bestände“ und versuchte, in diesem Sinne zu agieren. Es entging ihm völlig, dass er für die allein maßgebliche Reichskanzlei lediglich ein Statist, eine Art höfliches Aushängeschild war. Wand attestiert ihm, dass er in seiner Berichterstattung jegliche Andeutung vermied, die in Berlin zusätzliche antikirchliche Maßnahmen hätte auslösen können. Bis zu seinem Abschied habe er geglaubt, „er werde wegen seines langjährigen Vertrauensverhältnisses zum Papst in Rom belassen, um nach Kriegsende die schwierigsten Fragen zu klären, während Hitler bereits offen über die Abschaffung des Konkordats, der Reichsbotschaft beim Heiligen Stuhl und eine grundsätzliche Abrechnung mit den ,Pfaffen‘ schwadronierte“. Als so blauäugig wird man seinen Nachfolger Weizsäcker kaum bezeichnen können. Anselm Doering-Manteuffel kommt zu dieser Einschätzung: „Weizsäcker war ein hoher Staatsbeamter, der klare ethische Maßstäbe hatte, aber weder die Kraft aufbrachte, noch über den persönlichen Mut verfügte, entschieden zu diesen Maßstäben zu stehen. Daran scheiterte er, wie er selbst empfand, als Staatssekretär und als Botschafter. Dies aber führte dazu, dass im letzten Nürnberger Nachfolgeprozess, dem ,Wilhelmstraßen-Prozess‘, von seiner Verteidigung ein falsches, geradezu gegenteiliges Bild seines Handelns entworfen wurde.“

    Seit 1941, dem Überfall auf die Sowjetunion, habe der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt aktiv versucht, auf den römischen Posten zu kommen, wobei ihm zustatten kam, dass der langjährige Amtsinhaber Bergen schwer erkrankt war. Weizsäckers Verhältnis zu Minister Ribbentrop war schlechter geworden, zudem habe er Kenntnis von Massenmorden an Juden in den eroberten Gebieten bekommen. Robert Kempner fragte ihn bei dem erwähnten Prozess, warum er nun nicht demissioniert habe und konfrontierte ihn mit einer eigenen Aussage: „Ich sitze lieber unter einem Birnbaum mit mir allein, als dass ich den Todesgang von tausend Leuten nach Auschwitz mitzeichne“. Nach hitzigem Hin und Her erwiderte Weizsäcker trotzig: „Ich bin lieber vor diesem Gericht, als dass ich mich zurückgezogen hätte“. Der Gedanke eines Abschieds vom Dienst aus moralischen Gründen war ihm also nicht gekommen.

    Dazu trat das naheliegende Argument, er habe auf dem Vatikan-Posten eigene Friedensinitiativen entwickeln wollen. Mit solchen Illusionen hatte sich schon Botschafter von Bergen zu betäuben versucht. In der Folge lavierte Weizsäcker, gab zum Beispiel der jüdischen Bevölkerung Roms Hinweise auf eine bevorstehende Deportation im Oktober 1943, stellte auch Schutzbriefe für religiöse Häuser aus, von denen er wusste, dass dort Juden unterkamen, bemühte sich aber – erfolgreich – darum, dass der Heiligen Stuhl nicht gegen die Deportation protestierte und brach die Beziehung zu seinem alten Freund Ulrich von Hassell ab, der ihn in Widerstandskreise ziehen wollte. Als Berliner Staatssekretär hatte er keinen Einspruch erhoben, als ihm die Deportierung von 6 000 französischen Juden nach Auschwitz auf dem Aktenweg angezeigt wurde. Das „Schweigen des Papstes“ – als verzweifelter Versuch, eine weitere Eskalation zu vermeiden – versuchte er nun als Erfolg seiner Bemühungen nach Berlin zu verkaufen. Bemerkenswert, dass sein Sohn Richard, worauf Karl-Joseph Hummel hinweist, 2003 erklärte, sein Vater habe über Kardinalstaatssekretär Maglione den Papst nachdrücklich dazu aufgefordert, laut seinen Protest zu erheben – eine ganz falsche Fährte! Nach dem Krieg sollte Ernst von Weizsäcker leugnen, das Wannsee-Protokoll vom Januar 1942 gekannt zu haben, das die Entscheidung zur „Endlösung der Judenfrage“ enthielt. Es ist bekannt, dass er eine Kopie des Protokolls paraphiert hat. Der gleiche Weizsäcker scheute sich jedoch in Rom nicht, die von seinem Vorgänger eingestellten Kontakte zu dem „Nichtarier“ Jedin wieder aufzunehmen, dem er sich in der gemeinsamen nationalkonservativen Gesinnung verbunden wusste. Jedin sollte nach dem Krieg, wie Hummel aufzeigt, zu einem der wichtigsten Unterstützer des ehemaligen Botschafters werden.

    Der Mensch in seinem Widerspruch erscheint öfters in diesem wertvollen Sammelband, mal trägt er die Dienstbekleidung eines Diplomaten oder Offiziers, mal die eines Priesters. Es ist der Görres-Gesellschaft, die mit diesem Band das 125-jährige Bestehen ihres römischen Instituts feiert, hoch anzurechnen, dass sie sich den Fragen stellt, vor denen in einer fordernden und überfordernden Zeit nicht alle bestehen konnten.

    Michael Matheus/Stefan Heid (Hrsg.): Orte der Zuflucht und personeller Netzwerke. Der Campo Santo Teutonico und der Vatikan 1933–1955. Herder, Freiburg/Brsg., 2015, 592 Seiten,

    ISBN 978-3-451-30930-4, EUR 58,–