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    Mehr als eine private Beziehung

    „Diese Zeit, in der im Hinblick auf Ehe und Familie alles in Frage gestellt wird, bietet eine vorzügliche Gelegenheit, um neu zu entdecken, worin die wahre Bedeutung des ,Familie-Seins‘ besteht, was zu verändern und was ihr unantastbarer Kern ist.“ Mit diesem erfrischenden Optimismus zweier Familienwissenschaftlerinnen aus Barcelona, der allen Teilnehmern der ordentlichen Bischofssynode zu wünschen ist, endet der von Stefan Mückl sorgfältig edierte Band 24 der Reihe „Soziale Orientierung“ zum Thema „Ehe und Familie. Die anthropologische Frage und die Evangelisierung der Familie“. Er vereint neun Beiträge, die – im besten Sinne Orientierung bietend – von philosophischen und theologischen Erörterungen zu Geschlechtlichkeit, Ehe und Familie über kirchenrechtliche Erwägungen zu Ehenichtigkeitsprozessen bis zu praktischen Überlegungen zur Ehevorbereitung und Ehebegleitung reichen. Kardinal Caffarra aus Bologna analysiert Glaube und Kultur im Hinblick auf die Ehe. Er sieht ein zentrales Problem in der „Ent-Biologisierung“ der Ehe, die durch den „Tsunami“ der Gender-Theorie verstärkt wurde. Dadurch wurde auch das Sakrament der Ehe ihrer Materie beraubt. Die Ehe werde auf eine private Beziehung ohne öffentliche Relevanz reduziert. Kritisch fragt Caffarra die eigene Kirche, warum sie das Lehramt des heiligen Papstes Johannes Pauls II. über Sexualität und menschliche Liebe ignoriert habe. In ihren neuen Anstrengungen zur Evangelisierung von Ehe und Familie habe sie zwei Positionen zu vermeiden: die „Katakomben-Option“, die gegenüber der Postmoderne in die Katakomben zurückkehren oder gleich dort bleiben möchte, und die „Gutmenschen-Option“, die meint, die Entwicklung zur totalen Infrage-Stellung von Ehe und Familie und zur Gender-Theorie sei unumkehrbar. Die Kirche habe vielmehr deutlich zu machen, dass die Ehe in die Natur der menschlichen Person eingeschrieben ist. Sie habe die Koinzidenz von Naturehe und sakramentaler Ehe wiederzuentdecken und die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. fruchtbar zu machen.

    Das gemeinsame Zeugnis christlicher Eheleute stärkt die Einheit – sowohl des Paares als auch der Kirche. Foto: Symboldpa

    „Diese Zeit, in der im Hinblick auf Ehe und Familie alles in Frage gestellt wird, bietet eine vorzügliche Gelegenheit, um neu zu entdecken, worin die wahre Bedeutung des ,Familie-Seins‘ besteht, was zu verändern und was ihr unantastbarer Kern ist.“ Mit diesem erfrischenden Optimismus zweier Familienwissenschaftlerinnen aus Barcelona, der allen Teilnehmern der ordentlichen Bischofssynode zu wünschen ist, endet der von Stefan Mückl sorgfältig edierte Band 24 der Reihe „Soziale Orientierung“ zum Thema „Ehe und Familie. Die anthropologische Frage und die Evangelisierung der Familie“. Er vereint neun Beiträge, die – im besten Sinne Orientierung bietend – von philosophischen und theologischen Erörterungen zu Geschlechtlichkeit, Ehe und Familie über kirchenrechtliche Erwägungen zu Ehenichtigkeitsprozessen bis zu praktischen Überlegungen zur Ehevorbereitung und Ehebegleitung reichen. Kardinal Caffarra aus Bologna analysiert Glaube und Kultur im Hinblick auf die Ehe. Er sieht ein zentrales Problem in der „Ent-Biologisierung“ der Ehe, die durch den „Tsunami“ der Gender-Theorie verstärkt wurde. Dadurch wurde auch das Sakrament der Ehe ihrer Materie beraubt. Die Ehe werde auf eine private Beziehung ohne öffentliche Relevanz reduziert. Kritisch fragt Caffarra die eigene Kirche, warum sie das Lehramt des heiligen Papstes Johannes Pauls II. über Sexualität und menschliche Liebe ignoriert habe. In ihren neuen Anstrengungen zur Evangelisierung von Ehe und Familie habe sie zwei Positionen zu vermeiden: die „Katakomben-Option“, die gegenüber der Postmoderne in die Katakomben zurückkehren oder gleich dort bleiben möchte, und die „Gutmenschen-Option“, die meint, die Entwicklung zur totalen Infrage-Stellung von Ehe und Familie und zur Gender-Theorie sei unumkehrbar. Die Kirche habe vielmehr deutlich zu machen, dass die Ehe in die Natur der menschlichen Person eingeschrieben ist. Sie habe die Koinzidenz von Naturehe und sakramentaler Ehe wiederzuentdecken und die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. fruchtbar zu machen.

    Antonio Malo, Philosoph an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom (PUSC), schreibt der Gender-Theorie zunächst durchaus ein Verdienst zu. Sie habe die naturalistische Einseitigkeit, die Sexualität als etwas rein Vorgegebenes konzipierte und die Bedeutung der Gesellschaft und der menschlichen Freiheit übersah, korrigiert. Die „Ungereimtheit“ der Gender-Theorie aber bestünde darin, den Zusammenhang zu leugnen, der zwischen der Sexualität und ihrer den Willen übersteigenden Zweckbestimmung, nämlich erotisches Verlangen, Selbsthingabe und Fortpflanzung, auf der einen Seite und der Körperlichkeit auf der anderen Seite besteht. Die Gender-Theorie konzipiere Sexualität als ein entkörperlichtes freies Ermessen. Geschlechtlichkeit aber ist nicht das Ergebnis einer subjektiven Auswahlentscheidung. Das defizitäre Verständnis der Familie als bloße Gemeinschaft von Individuen, das viele Rechtsordnungen des Westens kennzeichne, kritisierte sowohl der Philosoph Paul O?Callaghan als auch der Kanonist Hektor Franceschi von der PUSC. Diese individualistische Sicht übersehe die relationale Natur der menschlichen Existenz. Franceschi fordert darüber hinaus als Jurist die Wiederentdeckung der jeder Ehe und jeder familiären Beziehung innewohnenden Dimension der Gerechtigkeit.

    Carla Rossi-Espagnet, Professorin für Dogmatik an der PUSC erläutert grundsätzliche Positionen des kirchlichen Lehramtes zur Ehe. Sie ist sich der Notwendigkeit bewusst, den Charakter des ordentlichen päpstlichen Lehramtes darzustellen, dem religiöser Gehorsam zu leisten ist, weil dieses Lehramt nach der Veröffentlichung von Humanae Vitae 1968 zunehmend infrage gestellt worden sei. Dies habe „große Orientierungslosigkeit und beträchtliche Schäden“ zur Folge gehabt. Johannes Paul II., der „Papst der Familie“, wie ihn Papst Franziskus anlässlich seiner Heiligsprechung nannte, habe die Präsenz von Familien in der Kirche auf vielfache Weise gefördert. Rossi-Espagnet diskutiert die Spannungen zwischen Liebe und Wahrheit sowie zwischen Barmherzigkeit und Treue. Es sei „nicht barmherzig, die Untreue zu tolerieren, als ob sie unbedeutend und kein Bruch des Bundes wäre“. Sie präsentiert die vielen Aussagen von Papst Franziskus zur Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe und zum Zusammenhang von Ehe und Weitergabe des Lebens.

    Joaquin Llobell, ebenfalls Kanonist an der PUSC, beschäftigt sich mit den kirchlichen Ehenichtigkeitsprozessen, bei denen es nicht darum geht, das Scheitern einer Ehe festzustellen, sondern darum zu erkennen, ob die Ehe nichtig, das heißt von Anfang an ungültig ist. Er setzt sich auch mit den Vorschlägen für eine Beschleunigung dieser Prozesse auseinander, die in den Lineamenta für die ordentliche Bischofssynode vom 9. Dezember 2014 enthalten waren und die zum Teil inzwischen von Papst Franziskus mit dem Motu Proprio vom 8. September 2015 in Kraft gesetzt wurden. Zwei der damaligen Vorschläge hält er für akzeptabel: erstens die Abschaffung einer zweiten Instanz, wobei aber immer die Möglichkeit einer Berufung der Ehegatten oder des Ehebandverteidigers gegen ein als ungerecht empfundenes Urteil bestehen bleiben soll, und zweitens ein verkürztes Verfahren in Fällen offensichtlicher Nichtigkeit der Ehe. Für problematisch hält Llobell den dritten Vorschlag, die Ehenichtigkeit auf dem Verwaltungsweg unter der Verantwortung des Diözesanbischofs festzustellen, weil dies den Eindruck erweckt, die kirchliche Autorität verfüge über einen für das Verwaltungshandelns typischen Ermessensspielraum, um gescheiterte Ehen für nichtig zu erklären. Gern hätte man von Llobell noch etwas gehört zur Frage des Glaubens, die in einem Ehenichtigkeitsprozess künftig eine Rolle spielen soll. Wer soll diesen Glauben nachträglich wie feststellen? Ein heftig kritisiertes, weil schwer überprüfbares Kriterium, das aber für den Autor zum Zeitpunkt seines Beitrages noch kein Thema war.

    Drei Beiträge befassen sich mit der Ehevorbereitung und der Ehebegleitung und bieten eine Reihe hilfreicher praktischer Ratschläge. José Maria Galvan, Moraltheologe an der PUSC, zeigt, dass es für die ehewilligen Paare aufgrund der gegenwärtigen kulturellen Prägungen nicht leicht ist, den Schritt von der gefühlsmäßigen Liebe „zu zweit“ zur wirklichen ehelichen Liebe zu machen, die den anderen um seiner selbst willen als Person annimmt und sich hingibt. Das Ziel der Ehevorbereitung müsse sein, dass jeder der Ehepartner sich selbst an der personalen Vervollkommnung des anderen orientiert, die die drei Güter der Ehe voraussetzt: die eheliche Einheit, die Unauflöslichkeit und die Fortpflanzung. Paolo Bianchi, Offizial am Regionalen Kirchengericht der Lombardei, erörtert das Brautexamen als pastorales Instrument, das helfen könne, nichtige Eheschließungen zu vermeiden, wenn es nur ernst genommen würde. Er macht zahlreiche konkrete Vorschläge für die in einem solchen Brautexamen zu stellenden Fragen, die sich auf die Gründe für eine kirchliche Eheschließung, die Freiheit des Ehekonsenses, die eheliche Treue, die Unauflöslichkeit der Ehe, die Ehezwecke, den Ehewillen des Partners und die Gemeinschaft des ehelichen Lebens beziehen. Die beiden Familienwissenschaftlerinnen Montserrat Gas und Pilar Lacorte gehen abschließend im Bewusstsein um die Krise der Ehe auf die Ehebegleitung und die Hilfe in Ehekrisen ein. Trotz aller Krisensymptome bleibe der Wunsch nach einer Familie in der jungen Generation ungebrochen. Die kulturellen Wurzeln der Scheidung lägen in den westlichen Gesellschaften in der Annahme begründet, dass eine die ganze Existenz der Person umfassende Bindung unmöglich sei. Krisen seien nicht zwingend ein Scheitern oder etwas Pathologisches. Sie seien gewiss eine Bedrohung und ein Problem, aber auch eine Herausforderung und eine Chance zu einer Besserung und Erneuerung. Die Autorinnen kritisieren, dass es in der Ausbildung von Therapeuten oder Mediatoren meist nur darum geht, das Zerbrechen von Beziehungen mit so wenig Verletzungen wie möglich zu gestalten oder einen „Nichtangriffspakt“ zu schließen. Es werde ausgeblendet, dass die beste Lösung von Konflikten in der Wiederherstellung der familiären Einheit besteht.

    Stefan Mückl: Hrsg., Ehe und Familie. Die „anthropologische Frage“ und die Evangelisierung der Familie. Soziale Orientierung Bd. 24, Berlin, Verlag Duncker und Humblot 2015, EUR 59,90