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    Medizin gegen die Eigenliebe

    Wenn wir gefragt würden, was sich in der Kirche ändern müsste, sollte, könnte, würde uns sicher das ein oder andere einfallen. Was aber würden wir antworten, wenn wir geradeheraus gefragt würden: Wozu brauchen Sie eigentlich die Kirche?

    'L'extase de sainte Catherine de Sienne' (Ecstasy of Saint Catherine of Siena) Peinture de Pompeo Girolamo Batoni (1708-1787) Lucca, Pinacoteca Nazionale ©Luisa ricciarini/leemage
    „Die Ekstase der Caterina von Siena“ von Pompeo Girolamo Batoni (1708–1787), zu sehen in der Pinacoteca Nazionale in Luc... Foto: dpa

    Wenn wir gefragt würden, was sich in der Kirche ändern müsste, sollte, könnte, würde uns sicher das ein oder andere einfallen. Was aber würden wir antworten, wenn wir geradeheraus gefragt würden: Wozu brauchen Sie eigentlich die Kirche?

    In ihrem Hauptwerk, dem „Dialog von der göttlichen Vorsehung“*, begonnen zwei Jahre vor ihrem Tod, inmitten größter Sorge und Kummer über die Lage der Kirche, stellt Caterina an Gott-Vater die Frage, was er denn mit der Kirche vorhabe – der Kirche, die in den Augen vieler „an Auszehrung leidet“. Und Gott erklärt Caterina, wozu Er die Kirche braucht: Sie sei untrennbar vom Heilsplan der Erlösung.

    Die Unterredung zwischen dem fragenden Menschen und Gott, der Antwort gibt, setzt am Fundament an: Der Mensch ist „aus Liebe und für die Liebe erschaffen“ (D. 51). Diese Berufung zu verwirklichen, Gott zu lieben und all das, was Gott liebt, wäre höchste Seligkeit für den Menschen. Doch trat in diesem Bereich eine tiefe Verkehrung ein: Statt Gott zu lieben, wandte sich das Geschöpf sich selbst zu; der Mensch verfiel der „verkehrten Eigenliebe“. Hier wurzeln in der Sicht Caterinas alle Sünden und Fehlhaltungen schlechthin, von der groben Gier nach irdischen Gütern bis zum gekränkten Stolz oder der subtilen Rebellion gegen Gott. „Eigenliebe“ macht das Herz unfrei, aggressiv oder auch feige und überempfindlich – wie es nach Caterinas Beobachtung etwa bei Seelsorgern vorkommt, die wegen „eines einzigen bösen Wortes oder Blickes“ gleich die Flinte ins Korn werfen (D. 129). Nur wer frei ist von dieser „Eigenliebe“, hat den klaren Blick der Unterscheidung und ist stark in der Nächstenliebe.

    Sich aus dieser Verfallenheit zu befreien, war dem Menschen aus eigenen Kräften unmöglich. Der Weg der Liebe musste ihm neu erschlossen werden; und dafür reichten weder Gebot noch Belehrung, vielmehr musste dem Menschen eine solche Liebe erwiesen werden, dass er die Kraft zur antwortenden Liebe finden könnte. Eben dieser Erweis von Liebe wurde im Leben und Sterben des menschgewordenen Gottessohnes erbracht. Caterina verdeutlicht das Erlösungsgeschehen mit einem anrührenden Gleichnis: Der Arzt Jesus Christus verhielt sich wie eine Amme, welche selbst das Medikament nimmt, das der allzu geschwächte Säugling nicht vertragen kann, um ihm mit der Muttermilch die zuträgliche Dosis einzuflößen. Die bittere Medizin war Christi vollkommener Gehorsam bis zum Tod, der keinem Menschen möglich gewesen war. Durch die Taufe erhält der Gläubige daran Anteil (D. 14): „Heilung und das Leben der Gnade“.

    Man kommt in Kontakt mit dem Erlöser durch die Verkündigung und die Sakramente der Kirche. Sie sind sozusagen ihr glühender Kern, „sie alle haben ihre Kraft aus dem Blut des Lammes“. Das „Blut“, das heißt die Erlösungsgnade, zu hüten und auszuteilen, ist die Kirche da – was Caterina in zahlreichen Bildern, etwa dem des „Weinkellers“, zum Ausdruck bringt. In der Dimension, in der die Kirche die Sakramente spendet – von Caterina „corpo mistico“ genannt, im Unterschied zur Gesamtheit der Glieder der Kirche, dem „corpo universale“ –, „ist sie nichts anderes als Christus selbst“, die Ausdehnung seiner erlösenden Liebe auf alle Zeiten, aus seinem Herzen geboren.

    Die Liebe des Heilands ist größer als sein Leiden

    Das Geschehnis der Herzensöffnung (Joh 19,34), das seit der Patristik auf den Ursprung der Sakramente gedeutet wird, hat Caterina tief bewegt. Wie sie selbst berichtet, habe sie den Herrn gefragt, warum er zugelassen habe, dass sein Herz noch nach dem Verscheiden aufgestochen wurde. Er habe geantwortet, dass seine Liebe weit größer sei als sein zeitlich begrenztes Leiden; Zeichen dafür sei das hervorströmende Blut, nachdem das Leiden bereits überstanden war. Diese Liebe ist gegenwärtig und wirksam in den Sakramenten – namentlich der Taufe und der Buße, welche durch Reinigung die Taufgnade wieder aufleben lässt, und ganz besonders der Eucharistie. Darum kann Caterina die Kirche wie auch das Herz des Erlösers mit demselben bildhaften Ausdruck „Gasthaus“ oder „Laden“ (bottiga) nennen, wo die Pilger Stärkung erhalten auf ihrem Weg.

    Entsprechend ist ein umfangreicher Abschnitt des Dialogus (110–116) der Eucharistie gewidmet – jenem Sakrament, das unübersehbar den Mittelpunkt von Caterinas äußerem wie innerem Leben bildete (vgl. Legenda minor II, 12; Supplementum II, 6). Wieder lehrt Gott-Vater Caterina, dieses Sakrament gleiche der Sonne und dem Feuer. „Feuer“ steht für die göttliche Liebe, die sich im menschgewordenen Sohn mit dem „Blut“, der Lebenshingabe, vereint; beide sind untrennbar. „In diesem süßen Sakrament wird euch im weißen Brot die ganze göttliche Wesenheit mitgeteilt“; mit „Leib, Blut, Seele und des ewigen Gottes Gottheit“ wird Christus empfangen. Dabei sieht Caterina ebenso die gesamte Dreifaltigkeit beteiligt: Der Vater ist der „Tisch“, der als „Speise“ den Sohn darbietet; und der Heilige Geist „bedient“ bei diesem Mahl (D. 78), das bereits das Hochzeitsmahl des Himmels voraus verkosten lässt (D. 112). Vorausgesetzt, das Sakrament wird „in Sehnsucht und Glauben“ empfangen.

    Ein weiteres Gleichnis erläutert, dass Empfangen keineswegs als rein passiver Vorgang aufzufassen ist: Die Sehnsucht jedes einzelnen Menschen gleicht einer Wachskerze, bei manchen ist sie groß, bei anderen klein. Alle empfangen dasselbe Feuer, doch nicht mit derselben Wirkung. Auch genügt das Wachs allein nicht; die Kerze braucht auch einen Docht. Der Docht steht für den Glauben und das Leben in der Taufgnade. Wer sich im Zustand schwerer Sünde befindet, dessen Kerze ist gleichsam „ins Wasser gefallen“, so dass der durchnässte Docht bei der Berührung mit dem Feuer nur zischt; er muss zuerst in Reue und Bekenntnis getrocknet werden, bevor er das Licht aufnehmen kann (D. 110).

    Die Begegnung mit Christus im Sakrament geschieht in Glaube und Liebe, das wird ausdrücklich betont, nicht in sinnenhaften Erfahrungen: „Dieses Sakrament wird mit dem Auge des Geistes gesehen, sofern der heilige Glaube die Pupille dieses Auges ist … es wird berührt mit der Hand der Liebe … es wird gekostet durch den Geschmack des heiligen Verlangens…“ (D. 111). Auf diese Weise empfangen, ist die Kommunion personale Begegnung und Vereinigung – „wie der Fisch im Wasser und das Wasser im Fisch“ –, und „eine Speise gegen das Vergessen“ der Liebe Christi.

    Wenn Christus der einzige Mittler ist – die Brücke, die vom Himmel auf die Erde reicht (D. 21 ff.) – und der Ort der Vermittlung die Kirche und ihre Sakramente, dann ergeben sich zwei Folgerungen. Erstens: Sich von der sichtbaren Kirche zu trennen, selbst wenn ihre Glieder verkommen wären, heißt, sich vom „Blut“, der Erlösungsgnade trennen (vgl. Br. 171). Zweitens: Die „Braut Kirche“ muss dem Bräutigam in innerer Haltung und Verhalten ähnlich werden. Das betrifft zuerst diejenigen, welche die Verantwortung der Ausspendung haben, Papst, Bischöfe, Priester als „ministri del sangue“. Es geht aber ebenso alle Gläubigen an, welche die Sakramente empfangen.

    Das Versagen ihrer Diener schadet der Kirche nicht

    Der gesamte Abschnitt über die Eucharistie mündet in eine Klage Gottes: Caterina solle angesichts dieses Sakramentes verstehen, „zu welcher Würde dessen Diener“ berufen seien, und in welch erschreckender Diskrepanz dazu sie leben (Dial. 113). Sie sollten ihre Mitmenschen stützen, durch Verkündigung, Lebensbeispiel und Gebet, sollten „das zweite Ich“ Christi in dieser Welt sein. Stattdessen seien sie gleichgültig gegenüber dem Seelenheil anderer, „tun, als ob sie nichts sähen“ (D. 122), oder geben großes Ärgernis durch Unzucht, Habgier und Stolz. Zugleich aber untersagt die Gottesrede mit großer Strenge das empörte Urteilen über diese Priester oder ihre Verachtung. Kein Versagen ihrer Glieder kann der Kirche ihren Schatz nehmen: die „Frucht“ der Erlösungsgnade bleibt in ihr. Doch die Schönheit der „Blüten“, die Anziehungskraft der Kirche, wird durch das Verhalten derer, „die der Kirche das Blut aussaugen“, das heißt: von ihr leben, aber nicht für sie, schwer geschädigt (D. 12).

    Die „Braut Kirche“ braucht ihrerseits Menschen, die sie „stützen“ und ihre Sendung tragen. Alle Glieder der Kirche, das ist Caterinas tiefste Überzeugung, schulden einander nicht nur gute Werke, sondern das Gut-Sein. Die Berufung zur Heiligkeit ist keine Privatangelegenheit; vielmehr hat aufgrund der inneren Verbundenheit der Glieder selbst das verborgenste Tun des Einzelnen Auswirkungen auf den gesamten Leib (D. 6f.). Darum sind alle, die das Sakrament empfangen, aufgerufen, sich für das Heil der Mitmenschen einzusetzen, „die empfangene Frucht mit dem Preis der Liebe in wahrer Demut und dem Licht des heiligsten Glaubens zu bezahlen“ (Br. 371). Erkennt jemand den schmählichen Zustand, so sind weder blankes Entsetzen, noch Verachtung oder gar Zynismus die gottgewollte Reaktion, sondern „heiliges Mitleid“, das freilich nicht tatenlos bleibt: Wenn jemandem von einem hohen Herrn ein kostbares Geschenk gesandt würde, dann würde er es sicher annehmen, auch wenn der Bote in schmutzigen Lumpen daherkäme. Und wenn er den Herrn liebt, wird er sich darum bemühen, dass der Bote sich ordentlich kleidet (D. 15; 120)!

    Denn wer „bis zum Herzen Christi gelangt ist“, das im Sakrament der Eucharistie offensteht, der bekommt selbst ein „neues Herz“ – wie Caterina es in ihren Gebeten für den Papst erbat. Das Kennzeichen des neuen Herzens ist der „Hunger nach dem Heil“ der Mitmenschen, der Hunger und der Durst Christi, in mutigem Einsatz und tapferem Ertragen. Hierin eine echte Tochter des heiligen Dominikus, sieht Caterina die Auswirkungen in Verkündigung und fürbittendem Gebet: „Der Mund spricht von dem, wovon das Herz erfüllt ist“ – zu den Menschen über Gott, zu Gott zugunsten der Menschen. Darin besteht in dieser Welt die Vollendung der christlichen Liebe: „Christus gießt sein Blut fortwährend aus für uns, am Tisch des Altares … Wir, die wir an diesem Tisch essen und der genossenen Speise ähnlich werden, beginnen zu handeln wie Er.“

    *Soeben ist die erste vollständige deutsche Übersetzung erschienen: Caterina von Siena. Gespräch mit Gott über seine Vorsehung, übers. von Claudia Reimüller, hg. von Werner Schmid, Kleinhain 2017. Der hier veröffentlichte Text ist die Kurzfassung eines Vortrags, den die Autorin, Professorin für Theologie der Spiritualität in Wien, Mitte März im Passauer „Spectrum Kirche“ gehalten hat.