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    Maria, Mutter der Hoffnung

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Mutter aller Menschen: Ein chinesischer Pilger überreicht Papst Franziskus eine Fatima-Madonna. Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    In unserer Katechesereihe über die christliche Hoffnung blicken wir heute auf Maria, die Mutter der Hoffnung. Maria hat mehr als eine Nacht auf ihrem Weg als Mutter durchschritten. Schon von ihrem ersten Erscheinen in der Geschichte der Evangelien an zeichnet sich ihre Gestalt wie die Figur eines Dramas ab. Es war nicht einfach, mit einem „Ja“ auf die Einladung des Engels zu antworten: Doch sie, eine Frau in der Blüte der Jugend, antwortet mutig, obwohl sie nichts von dem Schicksal weiß, das sie erwartet. Maria erscheint uns in jenem Moment wie eine der vielen Mütter unserer Welt, die mutig bis zum Äußersten sind, wenn es darum geht, in ihrem Schoß die Geschichte eines neuen Menschen anzunehmen, der geboren wird.

    Jenes „Ja“ ist der erste Schritt einer langen Reihe von Gesten des Gehorsams – eine lange Reihe! – die ihren Weg als Mutter begleiten. So erscheint Maria in den Evangelien als eine stille Frau, die oft nicht alles versteht, was um sie herum vorgeht, die jedoch jedes Wort und jedes Ereignis in ihrem Herzen abwägt.

    In dieser Bereitschaft zeigt sich ein wunderschöner Ausschnitt der Denkart Marias: Sie ist keine Frau, die angesichts der Ungewissheiten des Lebens verzagt, vor allem wenn nichts so zu laufen scheint, wie es soll. Sie ist auch keine Frau, die ungestüm protestiert, die sich gegen das Schicksal des Lebens ereifert, das uns oftmals ein feindseliges Gesicht zeigt. Sie ist vielmehr eine Frau, die zuhört. Vergesst nicht, dass immer eine wichtige Beziehung zwischen der Hoffnung und dem Zuhören besteht, und Maria ist eine Frau, die zuhört. Maria nimmt das Dasein so an, wie es uns gegeben wird, mit seinen glücklichen Tagen, aber auch mit seinen Tragödien, von denen wir uns wünschten, dass wir ihnen nie begegnet wären. Bis zur tiefsten Nacht Marias, als ihr Sohn mit Nägeln ans Holz des Kreuzes geschlagen wird.

    Bis zu jenem Tag war Maria praktisch aus der Handlung der Evangelien verschwunden: In den heiligen Schriften wird ihre Gegenwart langsam unsichtbar, sie bleibt stumm angesichts des Geheimnisses eines Sohnes, der dem Vater gehorcht. Doch gerade im entscheidenden Augenblick erscheint Maria wieder: als sich ein guter Teil der Freunde aus Angst zerstreut hat. Mütter sind keine Verräter, und keiner von uns kann sagen, welches in jenem Moment, zu Füßen des Kreuzes, das grausamere Leid war: das eines unschuldigen Mannes, der am Galgen des Kreuzes stirbt, oder die Agonie einer Mutter, die die letzten Augenblicke im Leben ihres Sohnes begleitet. Die Evangelien sind wortkarg und äußerst zurückhaltend. Sie vermerken mit einem einfachen Verb die Anwesenheit der Mutter: sie „stand“ beim Kreuz (Joh 19,25), sie stand. Sie sagen nichts über ihre Reaktion: ob sie geweint hat, ob sie nicht geweint hat… nichts; mit keinem Federstrich wird ihr Schmerz beschrieben: mit diesen Einzelheiten sollte sich dann die Einbildungskraft der Dichter und Maler befassen, um uns Bilder zu schenken, die in die Kunst- und Literaturgeschichte eingegangen sind. Doch die Evangelien sagen nur: sie „stand“. Sie stand dort, im schlimmsten, im grausamsten Augenblick, und litt mit ihrem Sohn. „Sie stand“.

    Maria „stand“, sie war einfach dort. Da ist sie erneut, die junge Frau aus Nazaret, jetzt mit im Laufe der Jahre ergrauten Haaren, und hat immer noch mit einem Gott zu tun, der nur zu umarmen ist, und mit einem Leben, das an die Schwelle der dunkelsten Finsternis gelangt ist. Maria „stand“ in dunkelster Finsternis, aber sie „stand“. Sie ist nicht fortgegangen. Maria ist da, treu gegenwärtig, jedes Mal, wenn an einem dunstigen und nebligen Ort eine brennende Kerze gehalten werden muss. Nicht einmal sie kennt die Bestimmung der Auferstehung, die ihr Sohn in jenem Moment für alle Menschen, für uns alle öffnet: Sie ist dort aus Treue gegenüber dem Plan Gottes, zu dessen Dienerin sie sich am ersten Tag ihrer Berufung erklärt hat, aber auch aufgrund ihres mütterlichen Instinkts, der einfach jedes Mal Leid verursacht, wenn ein Kind leidet. Die Leiden der Mütter: wir alle haben starke Frauen kennen gelernt, die vielen Leiden ihrer Kinder begegnet sind!

    Wir werden ihr am ersten Tag der Kirche wieder begegnen, ihr, der „Mutter der Hoffnung“, inmitten jener Gemeinschaft von Jüngern, die so schwach waren: einer hatte geleugnet, viele waren geflohen, alle hatten Angst gehabt (vgl. Apg 1, 14). Doch sie stand einfach da, auf ganz normale Weise, als ob das etwas ganz Natürliches wäre: in der frühen Kirche, die vom Licht der Auferstehung umstrahlt war, aber auch das Zittern der ersten Schritte spürte, die sie in der Welt gehen musste.

    Aus diesem Grund lieben wir sie alle als Mutter. Wir sind keine Waisen: Wir haben eine Mutter im Himmel, die die heilige Mutter Gottes ist. Weil sie uns die Tugend des Wartens lehrt, auch wenn alles sinnlos erscheint: sie, die im Geheimnis Gottes immer vertraut, auch wenn Er sich aufgrund des Bösen in der Welt zurückzuziehen scheint. Möge Maria, die Mutter, die Jesus uns allen geschenkt hat, in den schwierigen Momenten immer unsere Schritte stützen und unserem Herzen immer sagen: „Steh auf! Blick nach vorne, blick auf den Horizont“, denn sie ist die Mutter der Hoffnung. Danke.

    Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Gäste aus dem deutschen Sprachraum:

    Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache, besonders an die verschiedenen Schülergruppen. Nutzen wir diesen Monat Mai, um Maria, unserer Mutter, öfter im Gebet zu begegnen. Sie führt uns zu ihrem Sohn Jesus Christus und ist uns mit ihrem mütterlichen Schutz nahe. Ich lade euch ein, mit mir gemeinsam für meine Pilgerreise nach Fatima zu beten.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller