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    Manager auf heißem Stuhl

    Bischof Nunzio Galantino, der neue „Zentralbank-Chef“ des Papstes – Serie über die Kurie (Teil 2). Von Guido Horst

    Nunzio Galantino
    Gibt den von Papst Franziskus angestoßenen Reformen im vatikanischen Bankwesen ein Gesicht: Nunzio Galantino. Foto: KNA

    Vielleicht ist die Ernennung des bisherigen Generalsekretärs der Italienischen Bischofskonferenz zum Präsidenten der Verwaltung der vatikanischen Güter APSA ein Versuch von Papst Franziskus, die festgefahrene Reform der Vatikanfinanzen wieder in Fahrt zu bringen. Jedenfalls ist Bischof Nunzio Galantino, den Franziskus im Dezember 2013 von dessen Bischofssitz im kalabrischen Cassano all'Ionio an die Spitze des Sekretariats der weit über zweihundert Mitglieder starken Bischofskonferenz Italiens befördert hat, ein authentischer Vertreter des Bergoglio-Styles. Galantino, der im Verlauf seiner philosophischen und theologischen Studien zwei Doktortitel erworben hat, legt auf die Anrede „Exzellenz“ keinen Wert, wohnt im Priesterseminar (wie Franziskus in Santa Marta), weil ihm die bischöfliche Residenz „zu groß und leer“ ist. Er fährt keinen Dienstwagen, hat keine Sekretäre und geht selber ans Telefon. Hart geht er mit der „Selbstbezüglichkeit“ mancher Kleriker ins Gericht, die ihm wie „Replikanten ohne Seele“ vorkommen. Und wenn es um die Aufnahme der Flüchtlinge und die Offenheit gegenüber Migranten geht, ist er eine treue Stimme seines Herrn, des Papstes.

    Langjähriger Vorsitzender der Bischofskonferenz war Kardinal Angelo Bagnasco aus Genua, ein eher intellektueller Typ, als Dozent für Metaphysik im philosophischen und theologischen Denken geschult, zudem mit liturgischen Ambitionen, und somit kein alter ego des Papstes. 2016 wurde Bagnasco zum Präsidenten des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) gewählt und bleibt noch bis 2021 in diesem Amt. Aber den Vorsitz der Bischofskonferenz gab er im Mai 2017 an den Erzbischof von Perugia ab, Gualtiero Bassetti, den Franziskus drei Jahre zuvor in den Kardinalsstand berufen hatte. Dieser ist nun die eigentliche – und Franziskus-konforme – Stimme der Italienischen Bischofskonferenz und Galantino hätte in die zweite Reihe zurücktreten können, wenn ihn der Papst nicht Ende Juni auf den Bürostuhl des diskret wirkenden, aber sehr einflussreichen APSA-Präsidenten berufen hätte. Ob sich der Vertrauensmann des Papstes weiter mit der Flüchtlingspolitik des Lega-Chefs und nunmehrigen Innenministers Matteo Salvini anlegen oder die Fremdenfeindlichkeit der rechtspopulistischen Bewegungen attackieren wird, bleibt abzuwarten. Der bisherige APSA-Präsident, Kardinal Domenico Calcagno, hat sich jedenfalls nie öffentlich zu Fragen der italienischen Innenpolitik geäußert. Sicher ist aber, dass Galantino nun auf einem der heißesten Stühle sitzt, die der Vatikan zu vergeben hat, und dort eher Managerqualitäten als rhetorische Kampagnen gefragt sind.

    Die APSA – eine Abkürzung von „Administratio Patrimonii Sedis Apostolicae“ – ist die eigentliche Bank des Vatikans. Sie verwaltet die Güter und den Immobilienbesitz des Heiligen Stuhls. Bei Vatikanbank denkt man zunächst an den IOR, das „Istituto della opere religiose“. Dieses ist aber eher eine kleine Sparkasse. Der Jahresbericht für das Jahr 2014 weist an Kundeneinlagen nur 3,2 Milliarden Euro aus. Im Vergleich dazu: Die Kreissparkasse Köln hatte im Geschäftsjahr 2016 Kundenverbindlichkeiten in Höhe von 17, 7 Milliarden Euro.

    Im Zuge der geplanten Finanzreform, die Franziskus gleich zu Beginn seines Pontifikats angepackt hatte, gründete der Papst das Wirtschaftssekretariat unter Leitung des australischen Kardinals George Pell und übertrug diesem neuen Dikasterium mit einem eigenen Motu proprio vom 9. Juli 2014 auch die Verwaltung des Vermögens und der Immobilien des Heiligen Stuhls – eine Aufgabe, die bis dahin die ordentliche Abteilung der APSA wahrgenommen hatte. Nur die Geschäfte der außerordentlichen Abteilung der Apostolischen Güterverwaltung, die Sorge um das Wertpapiervermögen, verblieben bei der Behörde Kardinal Calcagnos.

    In der Folge entbrannte ein Machtkampf zwischen dem Wirtschaftssekretariat Pells und der Güterverwaltung Calcagnos, den schließlich der APSA-Chef für sich entscheiden konnte. Schritt für Schritt wurde die Übertragung der Kompetenzen auf das Wirtschaftssekretariat rückgängig gemacht, am Ende, so kommentierte es ein Vatikanprälat scherzhaft, galt von den drei Paragrafen des Motu proprio vom Juni 2014 nur noch ein halber. Die Methode von Kardinal Calcagno: Er ging häufig zum Mittagessen nach Santa Marta, speiste dort regelmäßig mit dem Papst und konnte am Ende den Erhalt der APSA in der alten Form erreichen.

    Der Konstruktionsfehler bei der Übertragung der Güterverwaltung des Heiligen Stuhls an das Wirtschaftssekretariat war der, dass das Dikasterium Kardinal Pells am Anfang zugleich Kontrollfunktionen als auch Aufgaben der Vermögensverwaltung wahrnehmen sollte und sich schließlich auf die Kontrolle und Wirtschaftsprüfung beschränken musste. Zudem büßte das Wirtschaftssekretariat seine alte Spitze ein: Kardinal Pell verabschiedete sich im Sommer 2017 nach Australien, wo ihn ein langjähriges Verfahren wegen Vertuschung sexuellen Missbrauchs erwartete, seinen engsten Mitarbeiter, den Wirtschaftsprüfer Libero Miloine, setzte der Vatikan ebenfalls im Sommer 2107 vor die Tür, und den zweiten Mann des Wirtschaftssekretariats, den ehemaligen Papstsekretär Alfred Xuereb, ernannte Franziskus im Februar 2018 zum Nuntius in Südkorea und der Mongolei.

    Nun sitzt Bischof Galantino auf dem Stuhl Calcagnos und muss für die APSA das noch bewerkstelligen, was eigentlich Ziel der Finanzreform des Vatikans sein sollte: mehr Transparenz, die Einhaltung internationaler Standards und vor allem eine Veränderung der Mentalität des verantwortlichen Personals. Eigentlich ist der ehemalige Sekretär der Italienischen Bischofskonferenz jetzt so etwas wie der Zentralbank-Chef des Vatikans. Nur dass die APSA immer noch so wirtschaftet wie in den alten Zeiten. Ob Galantino wie seine Vorgänger auch Kardinal wird, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass er an entscheidender Stelle der Reform der Vatikanfinanzen ein glaubwürdiges Gesicht zu geben weiß.

    Bearbeitet von Guido Horst

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