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    Majestätisch erhöht

    Zur Geschichte der päpstlichen Fronleichnamsprozessionen. Von Ulrich Nersinger

    Papst Benedikt führt Prozession an
    Unter Benedikt XVI. fanden in Rom zuletzt Fronleichnamsprozessionen statt, die der Papst begleitete. Papst Franziskus ve... Foto: dpa

    Pontifikatsmedaillen der Päpste, kostbare Kupferstiche und imposante Gemälde geben noch heute Zeugnis von den Fronleichnamsprozessionen in der Ewigen Stadt, dem Bekenntnis der katholischen Kirche zur Realpräsenz des Herrn im Altarssakrament.

    Das Fest „Fronleichnam – Herrenleib“ (lat. „Corpus Domini“) geht auf die Visionen der Augustiner-Chorfrau Juliana von Lüttich (1192–1258) zurück. Die fromme Ordensschwester hatte beim Beten den Mond betrachtet und auf ihm einen kleinen schwarzen Flecken entdeckt. Christus bedeutete ihr im Traum, dass der Mond für die Kirche stehe, der Flecken aber für das Fehlen eines Festes zur Verehrung der heiligen Hostie. 1264 schrieb Papst Urban IV. (1261–1264) – als Erzdiakon von Lüttich war er mit der Untersuchung der Visionen der Chorfrau betraut worden – das Fest für die Weltkirche vor. Sein Tod verhinderte jedoch die Durchführung dieser Anordnung. Papst Johannes XXII. (1316–1334) verschaffte ihr dann allgemeine Geltung, indem er sie im Jahre 1317 in den „Klementinen“, einer Sammlung kirchlicher Gesetze, veröffentlichte.

    Verbunden wurde das Fest mit einer Prozession, bei der man das Sanctissimum mitführte. Eine der ersten Fronleichnamsprozessionen dürfte um das Jahr 1278 in Köln stattgefunden haben. Der Verlauf der Sakramentsumgänge wurde jedoch erst im Caeremoniale Episcoporum von 1600 und im Rituale Romanum von 1614 geregelt; im Gegensatz zu der diesseits der Alpen gebräuchlichen Form bestand er aus einem mit Gesängen begleiteten ununterbrochenen Umgang, an dessen Schluss der Segen mit dem Sanctissimum erteilt wurde. In Rom war es Papst Nikolaus V. (1447–1455) gewesen, der bei der Fronleichnamsprozession des Jahres 1447 das Altarsakrament als erster Papst eigenhändig getragen hatte, „von Sankt Peter bis hin zur Porta Castello“, wie ein zeitgenössischer Bericht anmerkte.

    Johannes Burkhard, der Zeremonienmeister Alexanders VI. (1492–1503), schuf auf Wunsch des Borgia-Papstes ein beeindruckendes Zeremoniell für die Sakramentsprozessionen in Rom. Alexander VI. war – trotz seines umstrittenen Lebenswandels – ein Papst gewesen, der sich aufrichtig bemüht hatte, seine religiösen Pflichten aufs beste zu erfüllen. Er legte Wert auf eine würdige Liturgie, von der er sich und seine Umgebung nicht dispensierte. So ist aus zeitgenössischen Quellen zu erfahren, das er die Fronleichnamsprozession nicht einmal bei strömendem Regen ausfallen ließ. Die Teilnahme an den Liturgien des Päpstlichen Hofes wurde von Alexander VI. „gebieterisch gefordert, jede Entschuldigung für ein Fernbleiben höchst kritisch überprüft“ (Susanne Schüller-Piroli).

    Zum Fronleichnamsfest des Jahres 1496 verhängte der Papst über die Prälaten-Kleriker der Apostolischen Kammer, die nicht an der Prozession teilgenommen hatten, die für die damalige Zeit recht hohe Strafe von zwölf Dukaten pro Kopf. Sixtus V. (1585–1590) regelte mit einer Bulle vom 23. Februar 1586 die päpstlichen Liturgien neu; er bestimmte, dass die Prozession zum Fronleichnamsfest von der Sixtinischen Kapelle zur Vatikanischen Basilika zu erfolgen habe. Eine entscheidende Neuerung bei der Fronleichnamsfest wurde im ersten Pontifikatsjahr Alexanders VII. (1655 –1667), eingeführt.

    Die Tagebuchaufzeichnungen des Päpstlichen Zeremonienmeisters Giacinto Gigli berichten hierzu: „Am 27. Mai war das Fronleichnamsfest und man veranstaltete die außerordentlich feierliche Prozession, bei der der Papst gewöhnlich in der Sedia, majestätisch erhöht, auf den Schultern der Kammerdiener getragen wird, in der Hand das Allerheiligste Sakrament. Papst Alexander ließ sich nicht sitzend in der Sedia tragen, sondern kniend und entblößten Hauptes, in der Hand das Allerheiligste, barfuß und in tiefste Andacht versunken, ohne die Augen oder irgendein Glied zu bewegen, sodass er eher einer unbeweglichen Figur als einem Menschen glich, was alle anderen ebenfalls zu größter Andacht und Zerknirschung hinriss, da es ihnen schien, als sähen sie eine himmlische Vision.“

    Sforza Pallavicino geht in seinem „Leben Alexanders VII.“ näher auf einen der Gründe für diese Neuerung ein: „Die Art, auf welche sich der Papst beim Fronleichnamsfeste dem Volk zeigte, berührte dieses ganz einzigartig: da er infolge des bösen Leidens, das ihm nach einer Operation geblieben war, die lange Funktion nicht zu Fuß mitmachen konnte, wollte er die Hostie nicht sitzend tragen und nicht bedeckten Hauptes, wie es die Gepflogenheit seiner Vorgänger war, sondern er ließ sich knieend tragen und entblößten Hauptes; man sah, wie von seiner Stirn der Schweiß perlte, wozu er wegen der Dünne seiner Haut sehr starke Anlage hatte, und den er nun, da er seine Hände nicht frei hatte, nicht abtrocknen konnte.“

    In einer Beschreibung der Vorrichtung, auf der der Papst und das Sanctissimum getragen wurden, heißt es: „Das Traggestell war von der Art eines Betstuhles, ganz vergoldet, mit anmutigen Holzschnitzereien und Seraphsköpfen verziert und wurde mittels zweier mit rotem Samt überzogenen Stangen von den päpstlichen Palafrenieren getragen. Zu Füßen war ein Schemel in der Art eines Faldistoriums, mit goldgesticktem, mit goldenen Quasten und Fransen versehenen Kissen, auf welches der Papst die Arme stützte.

    In der Mitte des Gestells war ein Zapfen mit vergoldetem Holzfuß für die durchlochte Kugel zur Aufnahme der Monstranz, die der knieende Papst in Händen halten musste. Um seine Füße herum war eine Stütze aus Rosshaar, mit rotem Samt überzogen, um die Füße am Rutschen zu hindern und um dem Körper Halt zu gewähren, ein Zingulum, eine Binde, damit nicht die ganze Last auf den Knien ruhte.“

    Das so beschriebene Traggestell, Talamo genannt, blieb über 150 Jahre in Gebrauch, bis zu seiner Erneuerung im Jahre 1816. Von da an saß der Papst in einem kleinen Lehnstuhl vor einem Tisch; aber rückwärts auf dem Talamo, erhöht, fast so, als wären es die Füße des knieenden Papstes, hob eine Stütze leicht den Mantel des Heiligen Vaters. Die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession der Päpste war für die Botschafter fremder Höfe von enormer Bedeutung – besonders, was die protokollarische Einordnung der Gesandten in den Zug betraf. Zu einem schwerwiegenden Zwischenfall kam es bei der Fronleichnamsprozession des Jahres 1696, der in einem Eklat endete. Der Gesandte Österreichs, Graf Georg Adam Martinez, ein Enkel des durch den Prager Fenstersturz weltberühmt gewordenen böhmischen Statthalters, beanspruchte, unmittelbar vor den Kardinaldiakonen einherzuschreiten. Es entstand eine heftige Debatte, die in eine Rangelei und Rauferei überzugehen drohte, so dass die Prozession nicht mehr fortgesetzt werden konnte.

    Die Fronleichnamsprozession der Päpste wurde mit der Zeit zu einem Schauspiel, das sich niemand in der Ewigen Stadt entgehen lassen wollte. Viele der „Zaungäste“ kamen mit Kutschen, um so bequem und von einem „Logenplatz“ aus der Zeremonie beizuwohnen. Deren große Zahl sorgte für ein hohes Maß an Unordnung, zumal die Besitzer oder Insassen ihren Kutschern befahlen, je nach dem Stand der Sonne, den Platz zu wechseln. Das dadurch entstehende Chaos führte immer wieder zu Unfällen, bei denen Verletzte, ja sogar Tote zu beklagen waren. Ein ungewöhnlich strenges Edikt aus dem Jahre 1794 bestimmte, dass es keinem Kutscher erlaubt sei, sich mit seinem Wagen von seinem Platz fortzubewegen, bevor die Prozession ihr Ende gefunden habe. Zuwiderhandlungen konnten mit Gefängnisstrafen von bis zu sieben Jahren geahndet werden, und diejenigen, die den Kutschern Befehl gaben, sich dennoch zu entfernen, hatten im ungünstigsten Fall mit einer vierjährigen Verbannung zu rechnen.

    Seit dem Jahre 1870 gab es dann keine Papstprozessionen mehr zu Fronleichnam; das Ende des Kirchenstaates verhinderte ein öffentliches Auftreten des Papstes in seiner Bischofsstadt. Im Vatikan selber geriet die Benutzung des Talamo jedoch nicht gänzlich außer Gebrauch; am 9. Juni 1904, beim Internationalen Eucharistischen Kongress, bediente sich Papst Pius X. seiner innerhalb der Petersbasilika. Am 25. Juli 1929 durfte Rom erstmals wieder eine päpstliche Sakramentsprozession erleben. Sie fand als Dank für die nur wenige Monate zuvor vollzogene Versöhnung Italiens mit dem Heiligen Stuhl und der Gründung des Vatikanstaates auf dem Petersplatz statt. Ein Seminarist des Germanicums in Rom, Augustinus Frotz, gehörte zu jenen, die ausgewählt worden waren, sich an diesem denkwürdigen Tag mit den päpstlichen Sesselträgern beim Tragen des Talamo abzuwechseln. In seinen persönlichen Erinnerungen schrieb der spätere Kölner Weihbischof: „Hierin lag die Symbolik, die der Papst deutlich machen wollte: Christus ist der Herr der Welt. Er ist der König des Universums. Er ist der Weg zum Heil, die Wahrheit zur Befreiung, das Leben in Fülle. Alle müssen ihm folgen, ihm glauben und dadurch das Leben gewinnen. Und die er ruft, die sollen mit ihm gehen, ihn in die Welt tragen.“

    Der Brauch, dass der Papst auf dem Talamo das Fest Corpus Domini feierte, machte jedoch oft auch die Teilnahme des Papstes unmöglich, denn bei dessen Gebrechlichkeit oder Krankheit stellte das Verweilen auf der Tragevorrichtung eine zu große Zumutung und Gefahr dar. Schon vor dem II. Vatikanischen Konzil war die prachtvolle Fronleichnamsprozession des Papstes außer Gebrauch gekommen. Papst Pius XII. (1939–1958) musste in seinen letzten Jahren aus Gesundheitsgründen auf sie verzichten; der heilige Johannes XXIII. (1958–1962) nahm zwar einmal an der Prozession teil, ohne jedoch selber das Allerheiligste zu tragen. Erst unter dem Pontifikat des heiligen Johannes Pauls II. (1978–2005) erfuhr sie 1982 eine Wiederbelebung. Es wurde üblich, dass der Papst zunächst die Messe auf dem Vorplatz der Lateranbasilika feierte und dann zu Fuß, mit dem Sanctissimum in der Hand, die Via Merulana hinauf nach S. Maria Maggiore zog, wo er den Gläubigen den feierlichen Schlusssegen erteilte. Von Alter und Krankheit geschwächt, verzichtete er Jahre später auf den beschwerlichen Fußweg. Er wurde auf einem offenen Wagen, vor dem Altarssakrament knieend, von seiner Bischofskirche zu der römischen Marienbasilika gefahren – eine Praxis, die dann Benedikt XVI. (2005–2013) übernahm. Papst Franziskus verzichtete seit seinem Amtsantritt 2013 auf die Mitfahrt. In diesem Jahr wird er erstmals dem Fronleichnamsfest und seiner Prozession außerhalb Roms in der suburbikarischen Diözese Ostia vorstehen.

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