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    „Männer vermissen das Energische bei der heutigen Verkündigung“

    Männer machen sich in der Kirche zunehmend rar. Den Gottesdienst besuchen zunehmend Frauen. Auch die meisten Ehrenamtlichen sind weiblich. Pastoralreferent Alexander Obst will wieder mehr Männer in die Gemeinden bringen. Mit dem Beauftragten für die Männerseelsorge des Erzbistums Berlin sprach Christoph Mayerl.

    Sie fahren mit Männern immer wieder für ein Wochenende raus. Was geschieht da?

    Unser erstes Wochenende fand im Oktober letzten Jahres statt, mit dem Thema „Beruf, Berufung, Atemholen“. Da ging es darum, darüber nachzudenken, was eigentlich einmal die Wünsche für das eigene Leben sind und was die heutige Situation damit noch zu tun hat. Welchen Stellenwert hat der Beruf im Leben? Gibt es noch andere Dinge, die mir wichtig sind? Unter dem Stichwort Hamsterrad haben wir uns den Trott angeschaut, in dem man so drinsteckt. Was macht mir in meinem Beruf noch Spaß, was macht mich unzufrieden? Die Männer sollten das erst einmal für sich herausfinden und dann den anderen davon erzählen. Es geht bei uns nicht ums Diskutieren, sondern darum, zu merken, dass es da noch jemand anderen gibt, dem es genauso geht.

    Welche Männer melden sich bei Ihnen an?

    Die meisten sind in der Mitte ihres Lebens, 35 bis 55 Jahre alt und haben Kinder. Viele hatten Brüche erlebt, sei es eine schwere Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes oder Probleme in der Partnerschaft. Solche Männer sind das. Ende Juni geht es wieder los. „Spannung und Entspannung – die Kunst des Bogenschießens als spirituelle Erfahrung“. Schießen in der Seelsorge, das ist neu. Einer der Männer hatte beim letzten Ausflug erzählt, dass er in seiner Freizeit englische Langbögen baut. Da sind wir natürlich alle hellhörig geworden. Jeder wird einen Bogen bauen und damit dann auch schießen. Dabei geht es eher um den meditativen Charakter beim Bogenschießen, nicht unbedingt ums Treffen. Zen wird es aber nicht, es geht eher darum, Erfahrungen mit sich selbst zu machen, die man auch vom Alltag kennt: ungeduldig werden, wenn etwas nicht klappt, unzufrieden sein, wenn man etwas nicht schafft, sich entspannen, wenn man sich auf etwas ganz konzentrieren kann.

    Sind die Männer, die da mitmachen, schon religiös?

    Ja, das sind sie. Aber sie suchen nach einer ihnen gemäßen Form von Spiritualität, auch im Gebet.

    Was können Sie da anbieten?

    Spiritualität heißt vor allem, am Gottesbild zu arbeiten. Gott als Vater wird anders verstanden und zum eigenen Vaterbild in Beziehung gesetzt. Viele habe eine kirchliche Sozialisation in ihrer Jugend erlebt und haben dann mit Karriere und Familie gar keine Zeit mehr gehabt, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen oder sich in der Gemeinde zu engagieren. In dieser mittleren Lebensphase kommt das Bedürfnis dann wieder hoch, eine Beziehung zu Gott aufzubauen.

    Reicht es da nicht, in den Gottesdienst zu gehen? Warum brauchen die Männer ein eigenes Angebot?

    Wenn keine Frauen dabei sind, müssen sich die Männer zum einen nicht produzieren. Ich muss niemand mehr als Gockel beeindrucken, es wird ehrlicher. Der Gottesdienst ist zudem eine sehr geistige Form von Spiritualität. Bei Männern dagegen muss das körperliche Element viel stärker miteinbezogen werden. Während ich etwas tue oder auch während der Meditation nehme ich meinen Körper ganz bewusst wahr. Dadurch erfahre ich die eigene Kraft, und das kann ein Zugang zur eigenen Spiritualität sein. Das Körperliche darf bei Männern nicht vernachlässigt werden.

    Macht es Sinn, wenn man sich fragt, ob das Christentum eine männliche Religion ist?

    Auf den ersten Blick ist es das sicherlich. Vieles ist ja recht patriarchalisch geprägt. Wir sagen „Vater unser“ und nicht „Mutter unser“, Jesus war ein Mann und in den Führungspositionen der Kirche finden sich nur Männer und so fort. Die Männer empfinden aber die männlichen Vorbilder der Kirche oft nicht so als tatsächliche Männer, also vom Geschlecht her gesehen. Wie soll ich das sagen? Das Körperliche fehlt. Wenn sie sich Heiligenfiguren ansehen, dann wird der Akzent sehr aufs Geistliche gelegt und damit kommen sehr viele weibliche Elemente mit hinein.

    Was sind denn die männlichen Elemente?

    Das Kraftvolle, das Aggressive, das Vitale, das wird oft zurückgedrängt. Diese Eigenschaften wieder in die religiöse Persönlichkeit der männlichen Gläubigen zu integrieren, das muss die Aufgabe der Männerseelsorge sein. Die Männer sollen akzeptieren, dass Gott sie als Mann geschaffen hat und dass sie diese Eigenschaften auch in ihrer Beziehung zu Gott einbringen können.

    Gibt es christliche Blaupausen fürs Männerbild?

    Eine ganz tolle Figur, mit der ich in diesem Jahr viel arbeite, ist für mich König David. Er vereint zum Teil gegensätzliche Eigenschaften: Die Gewalt und der Wille zur Macht auf der einen Seite und dann der sensible, musisch begabte, tief fromme Mann. Ein großartiges Vorbild für die Geschlechtsgenossen heute. Da würde ich Männer gerne hinführen, dass sie sich in ihrer Widersprüchlichkeit als Ganzes annehmen und sich als Mann Gottes fühlen.

    Das geschieht im Augenblick zu wenig?

    Ja. Wenn man sich die Kirche anguckt, kommen ja heute immer weniger Männer vor. Ob das jetzt im Gottesdienst ist oder im Pastoral. Im Pfarrgemeinderat, wo es um die Seelsorge geht, da sitzen vorwiegend Frauen. Wer kümmert sich denn im gemeindekatechetischen Sinn um die Weitergabe des Glaubens? Beim Erstkommunionsunterricht etwa, das sind hauptsächlich Frauen. Das ist eigentlich schade. Männer hätten da auch viel zu geben.

    Warum ziehen sich denn die Männer zurück?

    Frauen sind, wenn es um die Kenntnis vom eigenen Innenleben geht, den Männern bestimmt um ein paar Jahrzehnte voraus. Da ist viel geschehen, und das ist gut. Dadurch steigt wohl auch die Bereitschaft, sich in der Gemeinde zu engagieren. Männern fällt der Zugang zu diesen Bereichen dagegen schwer. Sie sind in den vergangenen 150 Jahren durch die Arbeitsteilung in der industrialisierten Gesellschaft zum Ernährer und Versorger geworden. Was mit Erziehung und Pädagogik zu tun hatte, ist immer mehr den Frauen zugefallen und nicht den Männern. Diese gesellschaftlichen Veränderungen strahlten auch auf die Kirche aus. Nach dem Zweiten Vatikanum hat man sich verständigt, dass die Glaubensweitergabe eine Sache der ganzen Gemeinde ist. Da haben die Frauen gesagt: Das können wir, das machen wir. Und die Männer haben sich gesagt: Wir können das Geld verwalten. Jetzt weichen die gesellschaftlichen Rollenbilder wieder auf, und auch in der Kirche ändert sich vielleicht wieder etwas.

    Eine Umfrage der Universität Bayreuth hat ergeben, dass Männer Gebete und den allzeit „lieben“ Gott als „was für Frauen und Kinder“ empfinden. Wie kommt das?

    Sicher hat es in der jüngeren Vergangenheit eine Umformung des Gottesbildes gegeben. Es wurde verstärkt seine barmherzige, seine liebende, seine empathische Seite betont. Das war richtig und gut. Die andere Seite des Gottesbildes, die biblisch genauso belegt ist, nämlich der kraftvolle, der zürnende, der richtende, der streitende Gott, er ist in den Hintergrund getreten. Vielleicht, weil man dachte, dass das zu viel Angst erzeugt.

    Ich spüre aber, dass den Männern nun oft etwas fehlt. Denn wenn Gott ganz anders ist als man sich selbst empfindet, bekommt man schnell den Verdacht, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt. Aber Männer sind ebenso Abbilder Gottes, und so müssen diese Seiten, die wir an uns spüren, auch bei Gott vorhanden sein. Das Strenge, das Kraftvolle, das Energische, das Aufbrausende, das vermissen Männer bei der heutigen Verkündigung.

    Seit wann kümmert sich die Kirche denn speziell um die männlichen Schäfchen?

    Das gibt es schon lange, zwei bekannte Namen sind etwa Don Bosco oder Adolph Kolping. Beide haben sich schon zu ihrer Zeit gezielt den Männern zugewandt. Das war institutionell innerhalb der Kirche aber noch nicht organisiert. Das begann erst 1938 in Fulda. Aus diesem Grund ist dort nach wie vor die kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den Diözesen angesiedelt.

    Was wollen Sie und die Kollegen in Fulda denn erreichen?

    Mein Anliegen ist es dafür zu sorgen, dass sich Männer in der Kirche auch religiös wieder mehr beheimatet fühlen. Nicht gegen die Frauen, sondern mit ihnen. Damit die Männer aber zunächst einmal zu sich finden können, ist vorerst eine getrennte Männerseelsorge nötig. Es gibt viel nach- und aufzuholen.