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    Machtlos, traditionsreich und intellektuell

    Als neues, christliches Rom hatte Kaiser Konstantin das alte Byzanz adaptiert und ausgebaut. Es sollte einen bewussten Kontrast bilden zum heidnischen, polytheistischen, alten Rom. Verkehrte Welt: Wer heute durch das „alte“ Rom geht, kann den Blick nicht schweifen lassen, ohne christliche Kirchen und Kunstschätze aus zwei Jahrtausenden zu sehen. Wer aber im „neuen Rom“, in der Stadt Kaiser Konstantins, nach den toten und lebendigen Steinen des reichen christlichen Erbes Ausschau hält, muss sich auf die Suche begeben. Der Sitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel liegt hinter hohen Mauern, an einer kleinen Straße im verwinkelten Stadtteil Fener der riesigen Millionenmetropole Istanbul. Unauffälliger, demütiger geht es kaum noch. Hier residiert der Nachfolger des Petrus-Bruders Andreas; der Primas der Orthodoxie feiert in der kleinen Georgs-Kirche die Liturgie, empfängt in den netten, prunkfreien Räumen daneben seine Gäste. Auch den Papst, der ihm zum Andreas-Fest im November 2006 einen weltweit beachteten Besuch abstattete, auch Minister und Regierungschefs, die der schrumpfenden christlichen Minderheit symbolisch ihre Solidarität zeigen wollen.

    Als neues, christliches Rom hatte Kaiser Konstantin das alte Byzanz adaptiert und ausgebaut. Es sollte einen bewussten Kontrast bilden zum heidnischen, polytheistischen, alten Rom. Verkehrte Welt: Wer heute durch das „alte“ Rom geht, kann den Blick nicht schweifen lassen, ohne christliche Kirchen und Kunstschätze aus zwei Jahrtausenden zu sehen. Wer aber im „neuen Rom“, in der Stadt Kaiser Konstantins, nach den toten und lebendigen Steinen des reichen christlichen Erbes Ausschau hält, muss sich auf die Suche begeben. Der Sitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel liegt hinter hohen Mauern, an einer kleinen Straße im verwinkelten Stadtteil Fener der riesigen Millionenmetropole Istanbul. Unauffälliger, demütiger geht es kaum noch. Hier residiert der Nachfolger des Petrus-Bruders Andreas; der Primas der Orthodoxie feiert in der kleinen Georgs-Kirche die Liturgie, empfängt in den netten, prunkfreien Räumen daneben seine Gäste. Auch den Papst, der ihm zum Andreas-Fest im November 2006 einen weltweit beachteten Besuch abstattete, auch Minister und Regierungschefs, die der schrumpfenden christlichen Minderheit symbolisch ihre Solidarität zeigen wollen.

    Heute geht es um nicht weniger als um das Überleben seiner Kirche am Bischofssitz des Apostels Andreas. Weniger als 3 000 Gläubige zählt die Griechisch-Orthodoxe Kirche heute in der Türkei. Besuchern gibt Patriarch Bartholomaios freimütig Auskunft: Er habe keine Möglichkeit, die eigenen Priester auszubilden, weil das Priesterseminar auf Chalki (Heybeli) seit 1971 behördlich geschlossen ist. Seine Mitarbeiter kommen mit Touristenvisa aus Griechenland oder Amerika, bekommen weder Arbeits- noch dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Nicht nur die Eigentums- und Rechtsfragen belasten den Patriarchen, sondern auch seine eigene Nachfolge. Nach dem türkischen Recht kommt nur ein türkischer Staatsbürger dafür in Frage, doch weil er den Priesternachwuchs nicht in der Türkei ausbilden lassen kann, weil die orthodoxe Gemeinde in der Türkei klein ist und weiter schrumpft, gibt es kaum eine Auswahl. Bartholomaios hofft, dass Ankara noch einmal zu einer Lösung bereit ist, wie sie 1948 bei der Wahl des Patriarchen gefunden wurde. Der amerikanische Präsident Harry Truman setzte damals seine guten Kontakte zur Türkei ein und erreichte, dass Ankara dem amerikanischen Staatsbürger Athenagoras im Moment seiner Wahl die türkische Staatsbürgerschaft verlieh.

    Der Überlebenskampf seiner Kirche ist wohl auch das Motiv dafür, dass Bartholomaios so vehement für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union eintritt. Der EU-Beitritt gäbe allen Unionsbürgern – und damit den Scharen orthodoxer Priester aus Griechenland – Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeit in Istanbul. Die mit der EU-Mitgliedschaft verbundene Niederlassungsfreiheit und die für die Mitgliedschaft notwendige Anpassung des türkischen Rechts an den Rechtsrahmen und die Grundrechtecharta der Europäischen Union könnte die Orthodoxie in der Türkei möglicherweise retten. Doch davon kann vorerst keine Rede sein. „Wir machen Militärdienst, zahlen Steuern, gehen zur Wahl, aber gleiche Rechte haben wir nicht. Wir sind Bürger zweiter Klasse“, klagte Patriarch Bartholomaios in einem Gespräch mit dieser Zeitung vor drei Jahren. Daran hat sich trotz der um mehr Religionsfreiheit bemühten Regierung Erdogan wenig geändert, denn die kemalistische Opposition und das Verfassungsgericht blockierten bisher jeden Fortschritt.

    Und so muss Bartholomaios, der an diesem Wochenende seinen 70. Geburtstag feiert, weil er am 29. Februar 1940 auf der Ägäisinsel Gökceda (griechisch Imbros) geboren wurde, weiter fürchten, dass mit ihm eine lange, eine glanzvolle wie auch stürmische Geschichte zu Ende gehen könnte. 1991 wurde der vielsprachige und hochgebildete Priester zum 270. Nachfolger des Apostels Andreas gewählt. Eindrucksvoll setzt er den ökumenischen Kurs seiner Vorgänger Athenagoras und Demetrios fort, besuchte vielfach den Vatikan und empfing seinerseits den Papst im Phanar. Dass Benedikt XVI. in Bartholomaios I. einen kongenialen Partner in der Ökumene gefunden hatte, war bei ihrem Treffen in Istanbul Ende 2006 nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. In der „Gemeinsamen Deklaration“, die beide damals unterzeichneten, ist von der „Perspektive vollendeter Gemeinschaft“ die Rede.

    Ganz im Kontrast zu vielen orthodoxen Metropoliten in Griechenland, Serbien oder Russland hat Bartholomaios nichts Herrschaftliches oder Distanziertes an sich, ist auch frei von jedem nationalistischen Ressentiment: Ein frommer Diener Gottes, der mit offenem Blick auf die Menschen dieser Zeit zuzugehen versteht, für den die Kraft der Argumente mehr zählt als jede Amtsautorität. Zu viel hatten er und seine Gemeinde unter dem türkischen Nationalismus und unter der Willkür des Staates zu leiden als dass er – anders als so mancher seiner griechischen, serbischen oder russischen Mitbrüder – dem Nationalismus frönen oder in der Nähe zum Staat seine Zukunft suchen könnte. Der Primat, den Bartholomaios in der orthodoxen Welt beansprucht, setzt ihn aber immer wieder innerorthodoxen Konflikten aus: etwa in der Streitfrage um die Unabhängigkeit (Autokephalie) der estnischen Orthodoxie vom Moskauer Patriarchat oder der mazedonischen Orthodoxie von jenem in Belgrad.

    Gegenüber den regimenahen und staatstragenden Patriarchaten von Moskau und Belgrad erweist sich der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel als traditionsreich, aber machtlos. Nicht nur im tausendjährigen Byzantinischen Imperium, der christlichen Fortsetzung des Imperium Romanum, war der Patriarch von Konstantinopel eine machtvolle Persönlichkeit. Auch im Osmanischen Reich kam ihm eine tragende Rolle zu: Der Sultan, der sich zugleich als Kalif und damit als Führer der islamischen Welt verstand, sah im Patriarchen von Konstantinopel den Sprecher und Repräsentanten der zahlreichen im Reich lebenden Christen (mit Ausnahme der Armenier, die ihren eigenen Patriarchen hatten). Mit dem Ende des Osmanischen Reichs, der laizistischen Kulturrevolution Kemal Atatürks und dem fatalen Bevölkerungstausch, der in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem kleinasiatischen Christentum fast das Genick brach, hat der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel alle Macht – und rechtlich sogar seinen Titel – verloren. Ihm bleibt die Autorität seiner Persönlichkeit und das Gewicht seiner Argumente. Doch gerade in dieser Hinsicht ist der integere Intellektuelle Bartholomaios ein Glücksfall für seine Kirche.

    Von Stephan Baier