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    Literarische Fäden zum Heiligen Rock

    Aus Anlass der diesjährigen Heilig-Rock-Wallfahrt legt der Paulinus-Verlag einen kleinen Sammelband mit theologischen Überlegungen vor: Autoren sind mehrere Professoren der Trierer katholisch-theologischen Fakultät, ferner der Wallfahrtsleiter Georg Bätzing und der Denkmalpfleger Franz Ronig. Herausgeber ist der Trierer Liturgiewissenschaftler Klaus Peter Dannecker.

    Aus Anlass der diesjährigen Heilig-Rock-Wallfahrt legt der Paulinus-Verlag einen kleinen Sammelband mit theologischen Überlegungen vor: Autoren sind mehrere Professoren der Trierer katholisch-theologischen Fakultät, ferner der Wallfahrtsleiter Georg Bätzing und der Denkmalpfleger Franz Ronig. Herausgeber ist der Trierer Liturgiewissenschaftler Klaus Peter Dannecker.

    Wallfahrtsleiter Georg Bätzing skizziert in seinem Beitrag Programm, Ziele und Hoffnungen, die mit der diesjährigen Heilig-Rock-Wallfahrt seitens der Veranstalter verbunden sind.

    Der Dogmatiker Rudolf Voderholzer stellt Überlegungen an über „Reliquienverehrung und zeitgemäßen Glauben“. Überzeugend stellt er dar, dass eine solche Verehrung dem Wesen des Menschen als geist-leibliche Einheit entspricht. Die Zusammenhänge zwischen Sakramenten und Sakramentalien werden klar erläutert und ein Vergleich zwischen der Reliquien- und der Bilderverehrung angestellt. Fragwürdig ist dagegen der Rückgriff auf Leonardo Boffs Theorie der „Alltagssakramente“. Die an den Schluss gestellte Interpretation eines Pressefotos jugendlicher Fußballfreunde unter der Überschrift „Schenk mir Dein Trikot“ als Beweis für die Zeitgemäßheit des Reliquienglaubens streift zumal im Kontext einer Heilig-Rock-Wallfahrt an Geschmacklosigkeit.

    Die Alttestamentlerin Renate Brandscheidt behandelt das Thema „Israels Wallfahrt zum Zion im Zeugnis der Wallfahrtspsalmen (Psalm 120–134)“: Ihre Vorstellung und Interpretation der entsprechenden Psalmen gehört zu den lesenswertesten Stücken des Bandes.

    Ein schwaches Bild dagegen geben die übermäßig breit geratenen „Pastoraltheologischen Überlegungen“ Martin Lörschs ab. Es gelingt dem Verfasser letztlich nicht wirklich, den gedanklichen Bogen von Emnid-Umfrage und Sinus-Milieu-Studie zur Heilig-Rock-Wallfahrt zu spannen.

    Ähnlich unbefriedigend und gedanklich und sprachlich unklar ist der Beitrag des Religionspädagogen Joachim Theis über die Heilig-Rock-Wallfahrt als „ästhetische Erfahrung“ und „religiöse Performance“. Hinter Begriffen wie „ästhetisch-performatives Lerngeschehen“ verbergen sich letztlich Banalitäten (das Essen von „Pilgersnacks“ und der Geruch von Weihrauch etwa). Und die Bezeichnung der Wallfahrer als „jene teilnehmenden Akteure, die durch ihr Handeln den besonderen Zeit-Raum mit Bedeutung füllen“ erregt beim Leser eine gewisse Heiterkeit, gerade weil sie ernst gemeint ist.

    Die 2011 verstorbene schweizerische Benediktinerpoetin Silja Walter (Schwester Hedwig) hatte anlässlich der letzten Heilig-Rock-Wallfahrt 1996 im Auftrag des Bistums Trier eine Hymne verfasst („Gott von Gott tritt stille/ in die Zeitenfülle“), die auch vertont wurde und in den Trierer Lokalteil des „Gotteslobs“ Eingang fand. Andreas Heinz erläutert in seinem Beitrag die Entstehungsgeschichte dieses drei Strophen umfassenden Textes und legt zugleich eine sorgfältige und gelungene Interpretation dieser gedankenschweren Dichtung vor.

    Herausgeber Klaus Peter Dannecker stellt eine Reliefdarstellung der Kreuzabnahme aus dem Dom zu Parma vor, die auch zeigt, wie die Soldaten unter dem Kreuz den Leibrock Christi untereinander verlosen. Er knüpft daran sehr lesenswerte „Überlegungen zu einer Spiritualität des gefeierten Wortes Gottes“, die in mehreren schlüssigen Thesen münden.

    Der emeritierte kirchliche Denkmalpfleger Franz Ronig gibt in seinem abschließenden Beitrag – betitelt mit „eine kurze Repetition bekannter Fakten“ – einen knappen, aber inhaltlich dichten Überblick über die Geschichte des Heiligen Rocks im Dom zu Trier und seine Verehrung. Darin erfährt man auch weniger bekannte Details wie die Verehrung des Heiligen Rocks durch den Patriarchen von Leningrad und Ladoga am 29. Oktober 1971, die nur durch die damals anstehenden textilen Untersuchungsarbeiten ermöglicht wurde.

    Insgesamt betrachtet stellt der vorgestellte Band eine gelungene Begleitpublikation zur diesjährigen Heilig-Rock-Wallfahrt dar, abgesehen von der inhaltlichen Dürftigkeit des religionspädagogischen und des pastoraltheologischen Beitrages. Ein gewisses Manko stellt gerade bei diesem Thema dar, dass sich unter den Autoren kein Neutestamentler befindet: Schließlich handelt es sich um die in Johannes 19, 23f. erwähnte „tunica inconsutilis desuper contexta per totum“ („Leibrock ohne Naht, von oben bis unten in einem Stück gewebt“).

    Weder die patristische Perspektive noch Überlegungen eines Kenners der mittelalterlichen Theologie finden in dem vorliegenden Band Berücksichtigung. Sowohl die Väter wie auch das Mittelalter haben wichtige Überlegungen über den unzerteilten Leibrock und seine Symbolik angestellt. Diese Aspekte sind zwar in dem monumentalen Sammelband„Der Heilige Rock zu Trier“, der anlässlich der letzten Wallfahrt 1996 im selben Verlag erschien, berücksichtigt, hätten aber sechzehn Jahre später durchaus noch einmal aus gegebenem Anlass repetiert werden können.

    Klaus Peter Dannecker (Hg.), Das Gewand Christi. Mit Gott als Mensch unterwegs. Theologische Überlegungen zur Heilig-Rock-Wallfahrt 2012, Paulinus-Verlag, Trier 2012, 180 Seiten, Broschur mit Abb., ISBN 978-3-7902-0232-8,

    EUR 9,90