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    „Liebesfähigkeit wird trainiert“

    In ein Priesterseminar sollen nur emotional reife Kandidaten aufgenommen werden. Reichen dennoch Vorlesungen und Beten aus, um die jungen Männer in ihrer Sexualität so zu festigen, dass sie den Herausforderungen eines zölibatären Lebens gerecht werden können?

    In ein Priesterseminar sollen nur emotional reife Kandidaten aufgenommen werden. Reichen dennoch Vorlesungen und Beten aus, um die jungen Männer in ihrer Sexualität so zu festigen, dass sie den Herausforderungen eines zölibatären Lebens gerecht werden können?

    Bei der Aufnahme ins Priesterseminar zählen die menschliche Reife und die Klarheit über die eigene sexuelle Orientierung zu den wesentlichen Zulassungskriterien. In der insgesamt siebenjährigen Ausbildungszeit vom Propädeutikum bis zur Priesterweihe bietet die Seminarerziehung eine breite Palette von Möglichkeiten an, die Identität eines reifen und selbstbewussten Mannseins auszuprägen.

    „Der Umgang mit

    Männerkonkurrenz

    und das Erlernen von

    Konfliktbewältigung“

    In einem Männerhaus spielen der Umgang mit Männerkonkurrenz und das Erlernen von Konfliktbewältigung, der Erwerb von Leitungskompetenz durch Übernahme von Verantwortungsbereichen und individuelle Konfrontation (durch Erzieher und Mitbrüder) mit persönlichen Schwächen und vielfältigen Lernfeldern eine wichtige Rolle.

    In den Bereichen Sprecherziehung und Stimmbildung fördern wir die Wahrnehmung und den Umgang mit dem eigenen Körper bewusst durch weibliche Ausbildungskräfte. In sozialen und pastoralen Praktika werden die Beziehungs- und Liebesfähigkeit trainiert, um menschliche Nähe aushalten und in angemessener Weise geben zu können. Schließlich sorgen die Einübung einer ganzheitlichen Hingabe an Jesus Christus im praktischen Glaubensleben und die Orientierung an seinen Weltgestaltungsperspektiven für die nötige Weite eines Lebenskonzeptes, für das es sich lohnt, Leib und Seele ungeteilt herzuschenken.

    Der Spiritual im Priesterseminar, der geistliche Begleiter also, spielt sicher eine wichtige Rolle in der Priesterausbildung. Was die Kandidaten ihm anvertrauen, bleibt ja unter Verschluss. Doch müssten nicht auch Psychologen und Therapeuten mit eingebunden werden?

    Mit dieser Frage laufen Sie bei mir offene Türen ein. Ich bin sehr dankbar, dass unsere Alumnen in der Studienphase in Würzburg vom Grundstudium an eine seminarinterne pastoralpsychologische Ausbildung erhalten und durch einen erfahrenen Psychotherapeuten durch ihre Seminarzeit begleitet werden. Der Erwerb solcher pastoralpsychologischer Kompetenzen wird den künftigen Seelsorgern ein wichtiges Instrumentarium zur frühzeitigen Erkennung und Weiterleitung psychischer Erkrankungen sein. In einigen Ländern ist ein psychologischer Eignungstest (Screening) bereits integraler Bestandteil des Aufnahmeverfahrens. Analog zum ärztlichen Gutachten, das die körperliche Gesundheit bescheinigt, wird hier das seelische Wohlbefinden attestiert. Dies ist für Bamberger Kandidaten bisher nicht üblich, wäre aber durchaus wünschenswert, um mögliche Störungen möglichst schon im Anfangsstadium festzustellen und gegebenenfalls therapieren zu können. Leitendes Interesse sollte aber nicht eine Defizitorientierung sein, sondern die gezielte Weiterentwicklung persönlichkeitstypischer Merkmale. Sehr erfreulich ist, dass sich die „Kongregation für das Katholische Bildungswesen“ in Rom mit ihren „Leitlinien für die Anwendung der Psychologie bei der Aufnahme und Ausbildung von Priesterkandidaten“ in auffallend fortschrittlicher und ausgesprochen psychologiefreundlicher Weise dieser Frage stellt und den Wert der Psychologie in der Priesterausbildung von höchster Stelle praktisch unbestritten ist.

    Nach wie vor gilt der Hochwürden, herausgehoben aus der Masse der Gläubigen, als etwas Besonderes. Trägt dieses überhöhte Priesterbild nicht dazu bei, einen labilen Priester in die Versuchung zu führen, Sexualität als ein Mittel zur Durchsetzung von Macht einzusetzen?

    Nein, dass Sexualität unter Klerikern als Machtmittel missbraucht wird, dürfte eher die Ausnahme sein. Hier sei angemerkt – gegen den „Spiegel“ und manche einschlägige Illustrierten –, dass es wissenschaftlich keinerlei Beleg dafür gibt, dass Fälle von Pädophilie unter Zölibatären häufiger vorkämen, als in sonstigen außerkirchlichen und gesellschaftlichen Personenkreisen und Milieus.

    „Ein überhöhtes

    Priesterbild kann leicht zu Frustrationen führen“

    Ich glaube eher, dass ein überhöhtes Priesterbild leicht zu Frustrationen führen kann, wenn Priester hinter den nahezu unerreichbaren Idealvorstellungen von Gemeinden und/oder den Anforderungen der täglichen Arbeitslasten zurückbleiben. Sexuelle Fehlformen wären hier aber gerade nicht ein Zeichen von Macht, sondern ganz im Gegenteil: Zeichen der Schwäche und Ventile der Erschöpfung und Ohnmacht. An die Adresse der Gläubigen in den Pfarrgemeinden gerichtet, halte ich es für wichtig, dass Priester in ihrer menschlichen und physischen Begrenztheit und eingeschränkten Belastungsfähigkeit akzeptiert werden. Für Priester ist es hilfreich, dass ihnen Freiräume zur Pflege echten Menschseins gewährt und dass sie in Krisenzeiten im sozialen Netz einer Pfarrei aufgefangen werden.

    Von Marion Krüger-Hundrup