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    „Leider fehlen häufig die Väter“

    Präsens Bernhard Schröder leitet das Collegium Bernardinum in Attendorn: Dort wohnen und lernen Jungen, die unterschiedliche Schulformen besuchen. In puncto Lernförderung erzielt das Internat beachtliche Erfolge. Das Gespräch führte Regina Einig.

    Das Collegium Bernardinum kümmert sich besonders um die Lernförderung der Schüler. Was hindert die Schüler heute eigentlich am Lernen?

    Die Gründe, über die Eltern bei mir in Aufnahmegesprächen immer klagen sind: übersteigerter Medienkonsum, dazu gehören der Computer, Computerspiele und unkontrolliertes Fernsehen, ein Übermaß an Freizeitbedürfnis, keine Kontrolle und Anleitung seitens der Eltern durch deren Berufstätigkeit, falsche Freunde, mangelnde Lernbereitschaft und fehlender Leistungswille oder die Null-Bock-Haltung ganz allgemein.

    Von Pädagogen wird regelmäßig davor gewarnt, dass Jungen gegenüber den Mädchen ins Hintertreffen geraten. Ist da etwas dran?

    In vielen Bereichen sind Mädchen einfach lerneifriger, motivierter und strukturierter beim Lernen. Im sprachlichen Bereich haben Mädchen oft die besseren Begabungen: Insgesamt sind Mädchen in bestimmten Altersphasen ehrgeiziger und zielstrebiger als Jungen.

    Wird es Jungen heute schwerer gemacht, so etwas wie männliche Identität zu entfalten? In den Schule dominieren doch die Frauen...

    In der Tat ist die Zahl der weiblichen Lehrkräfte oft ungleich höher als der männlichen, gerade auch in Grundschulen, aber nicht nur dort. Die meisten weiterführenden Schulen bemühen sich bewusst um einen möglichen Ausgleich. Deshalb sollte der Ort der Identitätsfindung möglichst auch die Familie im weitesten Sinne sein. Doch leider fehlen häufig die Väter.

    Wo finden Jungen heute männliche Vorbilder?

    Vorbilder finden Jungen heute vorwiegend im Sport, der Musik und im Film. Natürlich fungieren auch Gestalten, die sich sozial engagieren und uneigennützig für andere da sind, als solche.

    Welche Vorteile hat es aus Ihrer Sicht, Jungen und Mädchen in getrennten Schulen/Internaten zu unterrichten?

    Die Koedukation in Schulen finde ich in Ordnung. Im Internatsleben sieht dies – je nach Beschaffenheit der Einrichtung – anders aus. Es ist zunächst einmal eine Frage und auch ein Problem der Aufsicht. Die Schüler sind nicht unnötig abgelenkt. Man kann sie geschlechtsspezifisch führen und erziehen, und eine Selbstfindung ist eher möglich. Das Eingehen auf geschlechtsspezifische Interessen ist viel problemloser.

    Wie aufgeschlossen sind Eltern grundsätzlich für die religiöse Erziehung ihrer Kinder, wenn sie zu Ihnen kommen? Nehmen sie sie als „notwendiges Übel“ in Kauf, oder betrachten sie sie als eine Chance für ihr Kind?

    Es gibt sowohl die eine als auch die andere Haltung. Ich erlebe immer wieder Eltern, die bewusst nach einem katholischen Internat Ausschau halten, weil ihnen die katholische Erziehung wichtig und wertvoll ist. Und natürlich gibt es auch Eltern, bei denen die religiöse Erziehung nicht so im Vordergrund steht, die anderseits beim Anmelden für das Internat dazu Ja sagen, weil sie den speziellen Wert der religiösen Erziehung erkennen und schätzen und diese auch für ihr Kind wollen, auch wenn sie selbst distanziert sind.

    Ist es für Sie leichter, Kindern und Jugendlichen die Tür zur Kirche zu öffnen, als für die Familien und/oder Pfarreien?

    Dies meine ich auf jeden Fall, denn – so ist es auch in allen anderen pädagogischen Bereichen – in der Gemeinschaft ist vieles leichter und selbstverständlicher als etwa in der Familie, wo Kinder sich sehr häufig in diesem Sektor als Außenseiter fühlen müssen. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf“, das heißt eine große tragende und prägende Gemeinschaft – und dies gilt auch besonders für die religiöse Erziehung. Da der praktizierende Glaube organisch und selbstverständlich zum Internatsleben dazugehört, ist er für den Einzelnen leichter mitvollziehbar und praktizierbar. Da haben es heute die Familien und Gemeinden ungleich schwerer.

    Was bedeutet zeitgemäße religiöse Erziehung heute?

    Wir versuchen das zu tun, was alle Mütter und Väter bei der Taufe versprechen, nämlich ihr Kind im Glauben zu erziehen. Christliche Erziehung heißt zunächst einmal zu vermitteln, dass Glaube und Leben nicht zwei ganz unterschiedliche Größen sind, die nebeneinander herlaufen und höchstens zu bestimmten Anlässen (etwa Weihnachten, Erstkommunion, Firmung o. ä.) miteinander in Berührung kommen. Glaube und Leben sind eine Einheit. Und das bedeutet, dass etwa Gebet und Gottesdienst zum Leben und zum Alltag dazugehören und nicht wie ein Lorbeerbaum nur gewissen Anlässen angehören, die herausragen. Christliche Internatserziehung versucht, in altersgemäßen und zeitgerechten Formen junge Menschen zum Glauben zu ermutigen und im Glauben zu begleiten. Das kann natürlich niemals heißen, dass von den Jungen „religiöse Klimmzüge“ erwartet werden, die sie doch nicht schaffen können oder die sie mit äußersten Anstrengungen zu schaffen vermögen, um dann außerhalb des Internates möglichst schnell davon wegzukommen. Religiöse Erziehung im Internat fängt mit dem Bemühen an, im Haus ein christliches Klima gedeihen zu lassen: Achtung vor dem anderen und seinem Eigentum, Kameradschaftlichkeit, Hilfsbereitschaft, Offenheit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit.

    Des Weiteren gilt es, den christlichen, näher hin den katholischen Glauben und seine Praxis mehr und mehr kennenzulernen und sich damit auseinanderzusetzen: Etwa die Bedeutung der Kernaussagen des Glaubens, Wesen und Gestaltung der Eucharistiefeier, eucharistische Anbetung, Sakramente, Formen des Gebetes, das Zeugnis von Heiligen und anderen prägenden Menschen der Geschichte, Sinn von kirchlichem Brauchtum, Auseinandersetzung mit anderen Religionen und Weltanschauungen, wichtige Stationen im Kirchenjahr. Dazu soll vor allem die Katechese dienen, ergänzend dazu verstehen sich die Glaubensgespräche. Die Antwort auf das Geschenk des Glaubens ist das Gebet, das in der Hausgemeinschaft, auf Gruppenebene oder in freiwilliger Form verrichtet wird. Auch im Bereich der Erlebniswelt können religiöse Erfahrung und Glauben vermittelt werden: etwa durch den Besuch eines Klosters, das Gespräch mit einem Missionar, der auf Heimaturlaub ist, die Begegnung mit christlicher Kunst aus Vergangenheit und Gegenwart, eine Wallfahrt als Aufbruch zu einem gemeinsamen Ziel, die Durchführung einer begeisternden Aktion. Einmal jährlich fahren wir mit jeder Gruppe zu einem Klosterwochenende in die Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald; der Kontakt zu dem Kloster und den Mönchen hat bei uns eine mehr als zehn Jahre dauernde Tradition. Da unser Hauspatron, der heilige Bernhard von Clairvaux, der wohl bedeutendste Zisterzienserabt war, ist die Verbindung zu den heutigen Zisterziensern für uns sehr wichtig.

    Ungezählte Einzelgespräche über Glaubens- und Sinnfragen mit dem Erzieher oder dem Präses helfen manchem, seine eigene Richtung zu finden. In der Adventszeit haben die beliebten „Rorate-Messen“ ihren festen Platz. Bußgottesdienste sollen den Schülern helfen, über sich, das eigene Tun, das Verhältnis zu Gott und den Nächsten nachzudenken und zur Neubesinnung anstoßen. Angebote zum Sakrament der Buße bei auswärtigen Priestern sollen die Schüler in deutlicher Weise die vergebende Liebe Gottes erfahren lassen.

    Es gehört zum Stil des Hauses, dass die allermeisten Jungen sehr gerne und mit großem Engagement Aufgaben im Gottesdienst übernehmen als Messdiener, Lektoren, Scholasänger, Küster und Organist gemäß dem Grundsatz: Wer mitmacht, erfährt Kirche.

    Ein bekannter deutscher Schulleiter (B. Bueb) hat das Lob der Disziplin geschrieben. Ist mehr Disziplin tatsächlich der Schlüssel zur Lösung von Erziehungsproblemen heute?

    Natürlich bedarf es für alle Anstrengungen auch der Disziplin. Aber Disziplin alleine bringt noch nicht weiter. Die Regeln und die gesetzten Grenzen müssen stets transparent gemacht und begründet werden, damit der Schüler erkennen kann, wozu diese da sind. Insofern kann Disziplin eine notwendige Hilfe sein, Ziele, etwa schulische, zu erreichen. Aber die liebevolle Begleitung und Führung muss stets der Kern allen pädagogischen Handelns sein.

    Wie beurteilen Sie die Regierungspläne zu mehr Ganztagsbetreuung? Welche Schüler könnten davon profitieren?

    Für viele Eltern sind die Ganztagsschulen sicherlich eine gute Hilfe. Ich habe aber Bedenken, wenn diese verpflichtend eingeführt werden. Für sehr viele Schüler bedeutet dies eine Einbuße an Freizeit, an sportlichen Aktivitäten und Engagement in Vereinen, Verbänden und der kirchlichen Jugendarbeit. Interessant ist, dass nicht wenige Eltern ihr Kind bei uns vorstellen, weil die Hausaufgabenbetreuung in der bisher besuchten Ganztagsschule nicht ausreichend ist. Eltern erleben dies sehr oft nur als Beaufsichtigung und nicht als effiziente Förderung.