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    Leid kann die Aussaat neuen Lebens sein

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Der Ausschnitt einer undatierten Reproduktion zeigt ein Faksimile des Briefes von Vincent van Gogh an seinen Bruder mit ... Foto: dpa

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Bei den vorhergehenden Katechesen haben wir einige Psalmen betrachtet, in denen Klage und Vertrauen zum Ausdruck kommen. Heute möchte ich gerne mit Euch über einen Psalm nachdenken, der eine freudige Note hat, ein Gebet, das jubelnd die Wunder Gottes besingt. Es handelt sich um Psalm 126 – 125 nach der griechisch-lateinischen Zählweise –, der das Große preist, das der Herr an seinem Volk gewirkt hat und weiter an jedem Gläubigen wirkt.

    Im Namen ganz Israels beginnt der Psalmist sein Gebet, indem er an die wunderbare Erfahrung der Errettung erinnert:

    „Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel“ (V 1-2a).

    Der Psalm spricht vom „Wenden des Loses“, das heißt der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands, in seinem ganzen vorherigen, positiven Charakter. Es wird also von einer Situation des Leidens und der Not ausgegangen, auf die Gott antwortet, indem er Errettung bewirkt und den Betenden wieder in den vormaligen, beziehungsweise in einen bereicherten und zum Besseren verwandelten Zustand versetzt. Das geschieht Hiob, als der Herr ihm alles zurückgibt, was er verloren hat, es verdoppelt und ihn noch mehr segnet als früher (vgl. Hiob 42,10-13), und das erfährt das Volk Israel, als es aus dem babylonischen Exil in die Heimat zurückkehrt. Und gerade im Bezug auf das Ende der Gefangenschaft in einem fremden Land wird dieser Psalm interpretiert: der Ausdruck „das Los Zions wenden“ wird von der Tradition als „die Gefangenen Zions zurückkehren lassen“ gelesen und verstanden. Tatsächlich ist die Rückkehr aus dem Exil ein Beispiel für jedes erlösende göttliche Eingreifen, da der Fall Jerusalems und die Babylonische Gefangenschaft eine furchtbare Erfahrung für das erwählte Volk waren, nicht nur auf politischer und gesellschaftlicher, sondern auch und vor allem auf religiöser und geistlicher Ebene. Der Verlust des Landes, das Ende der Königsherrschaft Davids und die Zerstörung des Tempels erscheinen wie ein Widerruf der göttlichen Verheißungen und das unter den Heiden zerstreute Bundesvolk stellt sich schmerzliche Fragen über einen Gott, der es verlassen zu haben scheint. Das Ende der Gefangenschaft und die Rückkehr in die Heimat werden daher als eine wunderbare Rückkehr zum Glauben, zum Vertrauen, zur Gemeinschaft mit dem Herrn erfahren; das „Los wird gewendet“, was auch die Umkehr des Herzens, Vergebung, wiedergefundene Freundschaft mit Gott, das Bewusstsein Seiner Barmherzigkeit und die erneuerte Möglichkeit, Ihn zu loben, bedeutet (vgl. Jer 29,12-14; 30,18-20; 33,6-11; Ez 39,25-29). Es handelt sich um eine Erfahrung überfließender Freude, des Lachens und der Jubelrufe, so schön, dass sich alle „wie Träumende“ fühlen. Das göttliche Eingreifen nimmt häufig unerwartete Formen an und übersteigt das Vorstellungsvermögen des Menschen; daher das Staunen und die Freude, die in diesem Lobpreis zum Ausdruck kommen: „Der Herr hat... Großes getan“. Das sagen die anderen Länder und das verkündet Israel:

    „Da sagte man unter den andern Völkern: ,Der Herr hat an ihnen Großes getan. Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich“ (V 2b-3).

    Gott wirkt Wunder in der Geschichte der Menschen. Durch sein Heilswirken offenbart er sich allen als mächtiger und barmherziger Herr, Zufluchtsort der Bedrückten, der den Schrei der Armen nicht vergisst (vgl. Ps 9,10.13), der Gerechtigkeit und Recht liebt und von dessen Liebe die Erde erfüllt ist (vgl. Ps 33,5). Angesichts der Befreiung des Volkes Israel erkennen daher alle Völker die großen und wunderbaren Dinge, die Gott für sein Volk vollbringt und feiern den Herrn als Erlöser. Israel stimmt der Verkündigung der anderen Länder zu und nimmt sie in der Wiederholung auf, jedoch als Hauptfigur, als direkter Empfänger des göttlichen Handelns: „Großes hat der Herr an uns getan“; „an uns“ oder genauer noch „mit uns“ – auf hebräisch „immanu“ –, wodurch jene bevorzugte Beziehung bestätigt wird, die der Herr zu seinen Erwählten unterhält und die im Namen „Immanuel“, „Gott mit uns“, mit dem Jesus bezeichnet wird, seinen Höhepunkt und seine volle Ausdrucksform findet (vgl. Mt 1,23).

    Liebe Brüder und Schwestern, in unserem Gebet sollten wir öfter darauf schauen, wie uns der Herr in den Wechselfällen unseres Lebens beschützt, geführt und geholfen hat, und ihn für das, was er für uns getan hat und tut, lobpreisen. Wir sollten mehr auf das Gute achten, das der Herr uns schenkt. Wir sehen immer die Probleme, die Schwierigkeiten, und wollen gewissermaßen nicht wahrhaben, dass es schöne Dinge gibt, die vom Herrn kommen. Dieses Schauen, das Dankbarkeit wird, ist sehr wichtig für uns und schafft eine Erinnerung an das Gute, die uns auch in den dunklen Stunden hilft. Gott vollbringt Großes, und wer das erfährt – indem er mit aufmerksamem Herzen auf die Güte des Herrn achtet –, ist von Freude erfüllt. Mit dieser freudigen Note endet der erste Teil des Psalms. Gerettet sein und aus dem Exil in die Heimat zurückkehren ist wie eine Rückkehr zum Leben: die Befreiung macht offen für das Lachen, doch auch für die Erwartung einer Erfüllung, die noch zu wünschen und zu erbitten bleibt. Das ist der zweite Teil unseres Psalms, der folgendermaßen lautet:

    „Wende doch, Herr, unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Sie gehen hin unter Tränen und tragen den Samen zur Aussaat. Sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garben ein“ (V. 4-6).

    Wenn der Psalmist zu Beginn seines Gebets die Freude eines nunmehr vom Herrn gewendeten Loses feiert, bittet er nun darum, als sei es etwas, das noch zu verwirklichen wäre. Wenn man diesen Psalm auf die Rückkehr aus dem Exil bezieht, könnte dieser offensichtliche Widerspruch durch die historische Erfahrung erklärt werden, die Israel gemacht hat: eine schwierige, nur teilweise Rückkehr in die Heimat, die den Beter dazu veranlasst, auf ein weiteres göttliches Eingreifen zu drängen, um zur vollen Wiederherstellung des Volkes zu führen.

    Doch der Psalm geht über das rein geschichtliche Datum hinaus, um sich weiter gefassten Dimensionen theologischer Art zu öffnen. Die tröstliche Erfahrung der Befreiung aus Babylon ist noch unvollständig, „schon“ erfolgt, aber „noch nicht“ durch endgültige Fülle gekennzeichnet. Während das Gebet freudig das empfangene Heil preist, öffnet es sich so der Erwartung voller Verwirklichung. Daher verwendet der Psalm besondere Bilder, die in ihrer Komplexität auf die geheimnisvolle Wirklichkeit der Erlösung verweisen, in der sich sowohl empfangene als auch noch zu erwartende Gabe, Leben und Tod, träumerische Freude und schmerzliche Tränen miteinander verbinden. Das erste Bild bezieht sich auf die trockenen Wildbäche der Wüste Negev, die sich bei Regen mit reißendem Wasser füllen, das dem ausgedörrten Boden neues Leben gibt und ihn wieder aufblühen lässt. Der Psalmist bittet also darum, dass das Wenden des Loses des Volkes und die Rückkehr aus dem Exil wie jenes Wasser seien: mitreißend und unaufhaltsam, fähig, die Wüste in eine unendliche, von grünem Gras und Blumen bedeckte Weite zu verwandeln.

    Das zweite Bild verlagert sich von den kargen und felsigen Hügeln des Negev zu den Feldern, die von den Bauern bestellt werden, um Nahrung zu gewinnen. Um vom Heil zu sprechen, wird hier an die Erfahrung erinnert, die im Bereich der Landwirtschaft jedes Jahr aufs Neue gemacht wird: der schwere und mühevolle Moment der Aussaat und dann die ungestüme Freude der Ernte. Die Aussaat wird von Tränen begleitet, weil man etwas sät, was noch zu Brot verarbeitet werden könnte, und sich einer Erwartung voller Unsicherheit aussetzt: der Bauer arbeitet, bereitet den Boden vor, sät aus, doch – wie das Gleichnis vom Sämann gut zum Ausdruck bringt – er weiß nicht, wohin dieser Same fällt, ob die Vögel ihn essen werden, ob er sich verbreiten, Wurzel fassen, Ähren hervorbringen wird (vgl. Mt 13,3-9; Mk 4,2-9; Lk 8,4-8). Die Aussaat ist eine Geste des Vertrauens und der Hoffnung; es bedarf des menschlichen Fleißes, doch dann muss er sich in ein ohnmächtiges Warten fügen, wohl wissend, dass viele Faktoren für den guten Ausgang der Ernte entscheidend sein werden und dass immer die Gefahr eines Misserfolgs droht. Und doch wiederholt der Bauer Jahr für Jahr seine Handlung und sät aus. Und wenn die Samen zu Ähren werden und die Felder sich mit Korn füllen, dann sehen wir die Freude dessen, der sich einem außergewöhnlichen Wunder gegenübersieht. Jesus kannte diese Erfahrung gut und hat mit den Seinen darüber gesprochen: „Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie“ (Mk 4,26-27). Es ist das verborgene Geheimnis des Lebens, es sind die wunderbaren „großen Dinge“ des Heils, die der Herr in der Geschichte der Menschen wirkt und deren Geheimnis die Menschen nicht kennen.

    Wenn sich das göttliche Eingreifen in Fülle offenbart, nimmt es ungestüme Ausmaße an, wie die Wildbäche des Negev und wie das Korn auf den Feldern, wobei letzteres auch die typische Unverhältnismäßigkeit der Dinge Gottes in Erinnerung ruft: die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Mühe der Aussaat und der unendlichen Freude der Ernte, zwischen der Angst des Wartens und dem erfreulichen Anblick der übervollen Kornspeicher, zwischen den kleinen Samen, die auf den Boden geworfen wurden und den großen von der Sonne vergoldeten Garben. Bei der Ernte ist alles verwandelt, das Weinen hat ein Ende, an seine Stelle treten jubelnde Freudenrufe.

    Auf alles das bezieht sich der Psalmist, um vom Heil, von der Befreiung, dem Wenden des Loses, der Rückkehr aus dem Exil zu sprechen. Die Babylonische Gefangenschaft ist wie jede andere Situation des Leidens und der Krise mit ihrem schmerzlichen Dunkel aus Zweifeln und scheinbarer Ferne Gottes in Wirklichkeit wie eine Aussaat, sagt unser Psalm. Im Geheimnis Christi, im Licht des Neuen Testaments, wird die Botschaft noch expliziter und deutlicher: der Gläubige, der durch jenes Dunkel geht, ist wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, um reiche Frucht zu bringen (vgl. Joh 12,24); oder, um ein anderes Bild aufzunehmen, das Jesus gerne verwendet, er ist wie die Frau, die unter Geburtsschmerzen leidet, um sich schließlich darüber zu freuen, ein neues Leben zur Welt gebracht zu haben (vgl. Joh 16,21).

    Liebe Brüder und Schwestern, dieser Psalm lehrt uns, dass wir in unserem Gebet stets offen für die Hoffnung und fest im Glauben an Gott bleiben müssen. Auch wenn unsere Geschichte häufig von Schmerz, Ungewissheit, von Momenten der Krise gezeichnet ist, ist sie eine Heilsgeschichte und ein „Wenden des Loses“. In Jesus endet unser Exil, und jede Träne wird getrocknet im Geheimnis seines Kreuzes, des Todes, der in Leben verwandelt wird, wie das Weizenkorn, das in der Erde bricht und zur Ähre wird. Auch für uns ist diese Entdeckung Jesu Christi die große Freude des „Jas“ Gottes, der Wendung unseres Loses. Doch wie diejenigen, die, nachdem sie voller Freude aus Babylon zurückgekehrt waren, eine ausgelaugte, verwüstete Erde vorfanden, vor der Schwierigkeit des Säens standen und weinend gelitten haben, da sie nicht wussten, ob es am Ende wirklich eine Ernte geben würde, so finden auch wir nach der großen Entdeckung Jesu Christi – unser Leben, die Wahrheit, der Weg –, wenn wir den Bereich des Glaubens betreten, in der „Erde des Glaubens“ häufig eine dunkles, hartes, schwieriges Leben, eine Aussaat unter Tränen, doch in der Gewissheit, dass das Licht Christi uns am Ende wirklich die große Ernte schenken wird. Und wir müssen das auch in den dunklen Nächten lernen; wir dürfen nicht vergessen, dass das Licht da ist, dass Gott schon mitten in unserem Leben ist und dass wir mit dem großem Vertrauen aussäen können, dass das „Ja“ Gottes stärker ist als wir alle. Es ist wichtig, diese Erinnerung an die Gegenwart Gottes in unserem Leben nicht zu verlieren, diese tiefe Freude, dass Gott in unser Leben getreten ist und uns befreit hat: es ist die Dankbarkeit für die Entdeckung Jesu Christi, der zu uns gekommen ist. Und diese Dankbarkeit verwandelt sich in Hoffnung, sie ist der Stern der Hoffnung, die uns das Vertrauen schenkt, sie ist das Licht, da gerade die Schmerzen der Aussaat der Beginn des neuen Lebens sind, der großen und endgültigen Freude Gottes.

    Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit den Worten:

    Ganz herzlich grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher, besonders die Neupriester und Gäste des „Collegium Germanicum et Hungaricum“. Der Rosenkranzmonat Oktober lädt uns ein, an der Hand der seligen Jungfrau Maria Christus entgegenzugehen, der uns Erlösung und Heil schenkt. Zusammen mit Maria dürfen auch wir Gott voll Freude preisen: „Der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig“ (Lk 1,49). Gott begleite Euch alle!

    Ich bedauere zutiefst die Vorfälle von Gewalt, die am vergangenen Sonntag in Kairo verübt wurden. Ich schließe mich dem Schmerz der Familien der Opfer sowie der ganzen ägyptischen Bevölkerung an, die von Versuchen zerrissen wird, das friedliche Zusammenleben zwischen ihren Gemeinschaften zu untergraben, dessen Bewahrung – vor allem in diesem Moment des Übergangs – hingegen so wichtig wäre. Ich fordere die Gläubigen dazu auf, dafür zu beten, dass diese Gesellschaft sich eines wirklichen Friedens erfreuen kann, der auf der Gerechtigkeit, der Achtung der Freiheit und der Würde jedes Bürgers beruht. Überdies unterstütze ich die Bemühungen der zivilen und religiösen Obrigkeiten in Ägypten zugunsten einer Gesellschaft, in der zum Wohl der nationalen Einheit die Menschenrechte aller und vor allem die der Minderheiten respektiert werden.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller