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    Kühle Köpfe beugen sich dem Mysterium

    Zum Thomas-Kommentar des Johannes-Prologs. Von Manfred Gerwing

    Die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift als Teil der Seligkeit zu betrachten ist Thomas von Aquin ebenso leicht gefal... Foto: IN

    Das Denken des Thomas von Aquin gerät in Vergessenheit. Sein Name taucht in philosophisch-theologischen Fachseminaren noch auf, aber systematisch gelesen, geschweige denn studiert, wird er nur noch wenig. Dabei könnte, wie das Zweite Vatikanischen Konzil betont, sein Denken gerade heute Orientierung bieten: im binnenchristlichen Rahmen wie im Dialog mit der Welt und den Weltreligionen, vor allem aber auch in den komplexen Fragen nach der Zuordnung von Weltlichem und Göttlichem, von Erst- und Zweitursache, von Sakralität und Profanität. Immerhin besteht Thomas darauf und leitet dazu an, die Wirklichkeit möglichst unvoreingenommen in den Blick zu nehmen, die Wahrheit der Dinge zu bedenken, mit anderen in den Dialog zu treten und sich nach Möglichkeit nichts vormachen zu lassen.

    Thomas geht es um den christlichen Glauben und damit um jene Wirklichkeit, auf die sich dieser Glaube bezieht: auf den sich in Jesus Christus offenbarenden Gott. „Ich bin mir bewusst, es Gott schuldig zu sein, dies als die vornehmste Pflicht meines Lebens zu sehen, dass all mein Sinnen und Reden Kunde gebe von ihm“, wie Thomas mit Hilarius von Poitiers als seine Lebensaufgabe in der Summe wider die Heiden formuliert.

    Selbstloses Ringen um das Ganze der Heiligen Schrift

    Die ökumenische und damit binnenchristliche Bedeutung des Thomas wird angedeutet durch die von Josef Pieper geprägte Bezeichnung des Thomas als des „letzten großen Lehrers der noch ungeteilten Christenheit“. Der katholische Philosoph aus Münster ist es auch, dessen Thomas-Übersetzungen in dieser neuen Reihe herangezogen und veröffentlicht werden. Jetzt allerdings, wie es sich gehört, zweisprachig, lateinisch-deutsch.

    Piepers Textauswahl unterscheidet sich dabei signifikant von den bisherigen und bekannten Selektionen. Sie rekurriert auf das Wesentliche, auf das Zeugnis der Heiligen Schrift. Wie die Herausgeber der neuen Reihe, Hanns-Gregor Nissing und Berthold Wald, in ihrer luziden Einführung betonen, interessierte sich Thomas vor allem für das Innerste der Bibel, für das Wort Gottes. Die moderne Thomas-Forschung gibt inzwischen Josef Pieper Recht. Sie weiß: Selbst die Summa theologiae stellt das grandiose Zeugnis seiner selbstlosen Bemühungen um das Ganze der Heiligen Schrift dar. Die theologische Summe ist als Summe über die Heilige Schrift zu lesen.

    Die vorliegende Übersetzung (1–159) rekurriert auf die 1935 zuerst im Jakob Hegner-Verlag, Leipzig, sodann zwanzig Jahre später neu im Kösel–Verlag, München, bearbeitete Verdeutschung des von Thomas stammenden Kommentars zum Prolog des Johannes-Evangeliums durch Josef Pieper. Der Kommentar selbst stellt einen der umfangreichsten Schriftkommentare des Thomas dar. Er bildet zweifellos eine der großartigsten Formulierungen der Logos-Lehre, „die sich in der abendländischen Theologie überhaupt“ findet.

    Der Kommentar des Johannesprologs ist ein Werk der Reife. Thomas steht an der Vollendung seiner Lehrentwicklung, in seinem letzten Lebensjahrfünft. Geschrieben wurde das Werk wahrscheinlich zwischen 1270 und 1272 während seiner zweiten Pariser Lehrtätigkeit. Der literarischen Gattung nach handelt es sich um eine reportatio, das heißt um die Mitschrift einer Vorlesung durch einen Schüler oder einen Sekretär. Riginald von Piperno, der Freund und Gefährte des Thomas, wird in den wichtigsten Handschriften genannt. Ob Thomas selbst noch den Text vollständig durchgesehen und korrigiert hat, ist unwahrscheinlich. Eine eigenhändige Überarbeitung des Textes durch den Autor wird indes im Blick auf die ersten fünf, sechs Kapitel angenommen. Nicht unwichtig zu wissen, woran Thomas in dieser Zeit außerdem noch arbeitete: an den Aristoteles-Kommentaren und am dritten, dem christologischen Teil der Summa theologiae.

    Der vorliegende Kommentar besteht in der Marietti-Ausgabe (1951) aus exakt 222 Abschnitten. Sie beziehen sich auf die ersten elf Lesungen des ersten Kapitels. Die Fehlerhaftigkeit dieser Ausgabe ist wiederholt festgestellt worden. Sie bleibt aber zusammen mit den von E. Alarcon besorgten Korrekturen bis zur kritischen Ausgabe der Editio Leonina der in der Forschung zitierfähige Text. „Für die vorliegende Ausgabe wurde der lateinische Text überdies mit bibliographischen Nachweisen der Kirchenväterzitate“ (LXII) und mit einem Verzeichnis der von Thomas zitierten Autoren und Werke ergänzt.

    Beeindruckend auch die sorgfältige Einführung von Nissing, der den übersetzten Text kontextualisiert, ihn in den Zusammenhang von Leben und Werk des Thomas von Aquin einordnet, seine Entstehung erläutert und zentrale theologische und philosophische Begriffe und Argumente erörtert. Bei Thomas fällt zunächst die kühle Rationalität der Gedankenführung auf. Sie korrespondiert mit der Tiefe des Geheimnisses, um das es hier geht: „und das Wort ist Fleisch geworden“. Dieses Geheimnis wird gewahrt durch eine geradezu überraschende Pluralität von Deutungen, die Thomas fast jedem Satz zugesteht, Deutungen, die allesamt zwar gut begründet, miteinander aber keineswegs immer vereinbar sind. Die Rationalität beugt sich gerade so dem sich offenbarenden Mysterium. Die Auslegung bleibt hinter der Wucht und Größe des ewigen Wortes, das Fleisch wurde, zurück, verdichtet sich aber immer wieder zu kunstvoll-poetischer Qualität.

    Person oder nur göttliche Wesenheit?

    Dogmengeschichtlich ist der Schlusspunkt einer Lehrentwicklung zu beachten, die sich in den verschiedenen Phasen der Scholastik generell zeigt und sich im Werk des Thomas von Aquin speziell wiederfindet. Er manifestiert sich im Blick auf den Kerngedanken des Kommentars zum Johannes-Prolog: Es geht um die Lehre vom göttlichen Logos und dessen Personsein. Ist das „Wort“ als eines der vielen Attribute Gottes oder als Person zu verstehen?

    Trinitätstheologisch formuliert: Ist der Name „Wort“ in der Wirklichkeit, die wir „Gott“ nennen, ein Name für eine Person oder für eine göttliche Wesenheit? Ist er personaliter oder essentialiter zu verstehen?

    Wusste Thomas in seinem frühen Sentenzenkommentar noch keinen sachlichen Grund anzugeben, warum „Wort“ nur auf die zweite göttliche Person zu beziehen sei, präsentiert er jetzt nachdrücklich und entschieden eine mehrstufige Argumentationskette dafür, warum „Wort“ nur im Blick auf die zweite göttliche Person, den ewigen Sohn des Vaters, geltend zu machen ist.

    Angekündigt werden bis zum Jahr 2020 weitere einführende Schriften des Thomas in der Übersetzung von Josef Pieper: Der Eucharistietraktat der Summa theologiae (Band 2), das Credo und damit die Auslegung des Glaubensbekenntnisses durch Thomas (Band 3) sowie – unter der Überschrift Das Vater unser – die Exposition des Herrengebets (Band 4) und schließlich die Auslegung der Zehn Gebote und der Kommentar des Thomas zum Doppelgebot der Liebe (Band 5). Möge die konkrete Umsetzung des Gesamtprojekts ebenso exzellent gelingen wie die vorliegende Edition.

    Thomas von Aquin: Das Wort.

    Kommentar zum Prolog des

    Johannes–Evangeliums. Übersetzt von Josef Pieper. Pneuma-Verlag,

    München, 2017, 244 Seiten,

    ISBN 978-3-942013-35-2, EUR 19,95

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